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VERSTÄNDNIS UND LEICHTIGKEIT DURCH FREIARBEIT


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 29/2018 vom 08.06.2018

Für viele ist die Arbeit an der Hand ein echter Perspektivwechsel: Plötzlich erfasst man das Pferd als Ganzes und kann ihm aus einer völlig anderen Position Hilfestellungen geben. Das macht diese Form des Trainings zu einem besonders sinnvollen und effektiven Tool für den Reiter. Christina Breuer erklärt, warum sie Pferde auf die klassische Arbeit an der Hand am liebsten über Freiarbeit vorbereitet.


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Oberste Priorität hat, dass das Pferd versteht, was der Mensch möchte.


(Foto: Joyful Arts Photography)

Die klassische Arbeit an der Hand ist meiner Meinung nach eine sinnvolle und besonders effektive Arbeit. ...

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Die klassische Arbeit an der Hand ist meiner Meinung nach eine sinnvolle und besonders effektive Arbeit. Nicht nur das Pferd wird durch die runde Halsung und vermehrte Versammlung dazu angeregt, die richtigen Muskeln zu benutzen, sondern auch der Reiter muss sich körperlich und koordinativ auf eine neue Aufgabe einstellen. Bevor ich mit der klassischen Arbeit an der Hand beginne, müssen die Grundlagen (Anhalten, Antraben, Rückwärtsgehen) sorgfältig erarbeitet werden. Das Pferd sollte auf feinste Hilfen reagieren. Außerdem ist es sehr wichtig, das Pferd mit der Gerte vertraut zu machen.
Ich erlebe immer wieder – auch in meinen Kursen –, dass der Reiter aufgrund von mangelnder Vorarbeit den Zügel zu stark einsetzt, um an sein Ziel zu gelangen.
Im Training mit dem Pferd ist es grundsätzlich sinnvoll, die Übungen in kleinste Einzelteile zu zerlegen und dann Prioritäten zu setzen, die nacheinander abgearbeitet werden. Als Vorarbeit ist die Freiarbeit besonders geeignet, da das Pferd hier im Endergebnis auf die Stimme, auf den Körper, auf die Gerte, aber eben nicht auf Zug oder Druck am Kopf reagiert. Das hat zur Folge, dass bei der Handarbeit der Zügel nicht zum Halten und/oder Gegenhalten benutzt wird, sondern für eine feine Einwirkung, um Stellung, Biegung und Beizäumung zu bestimmen.

Grundsätzlich ist sowohl das Pferd als auch der Reiter als Individuum zu betrachten. Es ist immer ein Zusammenspiel aus Talent, Fleiß und Häufigkeit des Trainings – sowohl des Pferdes als auch des Ausbilders. Grundsätzlich ist es eher sinnvoll, das Training kurz, aber effektiv zu halten und positiv abzuschließen. Außerdem sollten immer wieder Pausentage eingelegt werden.
Haben Pferd und Reiter Schwierigkeiten zum Beispiel mit Gehorsam und Koordination, so ist die Arbeit am Halfter zunächst sinnvoller, weil sowohl Beizäumung des Pferdes als auch die korrekte Zügelführung zu vernachlässigen sind. So kann sich der Reiter zunächst auf den Gehorsam und die richtige Ausführung der Übung konzentrieren.

Wie bereite ich das Pferd optimal vor?

Bei der klassischen Arbeit an der Hand geht der Mensch teils vorwärts mit dem Blick geradeaus, teils rückwärts mit dem Blick zum Pferd. Das sind die beiden Grundpositionen, die Pferd und Mensch gemeinsam erlernen müssen. Das Pferd sollte an der Wand oder Bande gehen, damit es zu Beginn durch diese begrenzt ist. Ein Stallhalfter/ Knotenhalfter, ein nicht zu langer Strick sowie eine Gerte gehören zu den Ausrüstungsgegenständen. Der Mensch nimmt eine Position auf der Höhe des Pferdekopfes ein. Zunächst ist der Blick des Menschen nach vorn gerichtet. An der langen Seite auf gerader Strecke wird nun Halten, Rückwärtsgehen, Angehen und Antraben geübt. Das Pferd muss auf feinste Stimmhilfen sofort reagieren. Der Strick sollte durchhängen und nur zur Korrektur genutzt werden. Auch wenn der Mensch mit dem Gesicht zum Pferd steht und sich selbst rückwärtsbewegt, müssen die feinen Hilfen und Reaktionen erhalten bleiben.

Wie korrigiere ich mein Pferd?

Damit die feinen Reaktionen des Pferdes dauerhaft erhalten bleiben, empfehle ich, auf eine bestimmte Reihenfolge der Hilfen zu achten. Ziel ist es, den Strick so wenig wie möglich zu benutzen. Auch die Gerte sollte, wenn möglich, nicht zur Korrektur, sondern zum Touchieren eingesetzt werden. Bleibt noch unser Körper: Dieser sollte durch Bewegungen und Gesten in Kombination mit unserer Stimme das Pferd leiten. Daraus entsteht eine festgelegte Kette von Hilfen:
1. Stimme
2. Körper
3. Gerte
4. Strick

Will ich mein Pferd nun anhalten, sage ich ihm mein „Haltewort“ („Ho“, „Steh“, „Brr“ etc.) und nehme meinen Oberkörper etwas zurück. Reagiert das Pferd nicht, so benutze ich zuerst meinen eigenen Körper zur Korrektur (die Hand etwas vor die Brust oder den Ellenbogen gegen die Schulter).
Danach nehme ich die Gerte vor das Pferd und verstärke (z. B. durch leichtes Wedeln) nach Bedarf. Reagiert das Pferd immer noch nicht, setze ich nun am Ende „Hilfenkette“ auch den Strick ein. Der Strick sollte allerdings für die Korrektur nicht auf Zug geraten, sondern dem Pferd durch Impulse verständlich machen, dass es stehen bleiben beziehungsweise rückwärtsgehen soll. Zug oder Druck erzeugt eher ein „Dagegengehen“ des Pferdes; schnellere impulsartige Bewegungen/Korrekturen erhalten die Reaktion fein und verhindern ein Abstumpfen des Pferdes.
Wichtig ist es gerade für das Anhalten, Rückwärtsgehen, Angehen und Antraben, Wörter oder Laute zu finden, die immer gleich benutzt werden, um das Pferd so zu konditionieren. Diese sich ständig wiederholenden Laute/ Wörter können dann später auch für die klassische Arbeit an der Hand, Dressurarbeit oder das Halsringreiten hilfreich sein.
Auch wenn sich der Mensch mit dem Blick in Richtung des Pferdes rückwärtsbewegt (der Mensch geht also rückwärts, das Pferd vorwärts!), soll das Pferd darauf genauso selbstverständlich reagieren.
Das Pferd steht zunächst wieder seitlich zur Wand, um eine Begrenzung zu haben. Hier ist es besonders wichtig, dass der Mensch nicht direkt vor dem Pferd läuft, sondern auf dem zweiten Hufschlag und auf Höhe des Kopfes. So ist es auch später bei der klassischen Arbeit an der Hand üblich (z. B. Halten, Schritt-Trab-Übergänge, halbe Tritte, Piaffe). Diese Position verleitet viele Pferde schnell dazu, zwischen Bande und Mensch hindurchzulaufen. Hier muss besonders darauf geachtet werden, dass Pferd und Mensch die beschriebene Position exakt einhalten.
Auch in dieser Position ist die Reihenfolge der Korrekturen dieselbe (Kette der Hilfen 1–4, s. o.).

Wenn der Energiefluss stimmt, gewinnt das Pferd an Ausdruck.


(Foto: Joyful Arts Photography)

Wie geht es weiter?

Ich nutze die klassische Arbeit an der Hand vor allem für die Vorbereitung, für das Erlernen der Seitengänge und der Piaffe. Speziell jungen Pferden hilft es sehr, Renvers, Travers, Schulterherein und die Traversalen zunächst von unten zu erarbeiten und dann erst unter dem Reiter zu probieren. So erlangt das Pferd bereits ein Körpergefühl und ein Verständnis für die Lektionen und weiß dann später unter dem Sattel schon, was von ihm verlangt wird.

In der Langsamkeit liegt die Kraft

Für die Erarbeitung einer neuen Lektion hat oberste Priorität, dass das Pferd versteht, was wir von ihm möchten. Alles andere ist vorerst zu vernachlässigen. Meist liegt im langsamen, schrittweisen Vorgehen der Schlüssel zum Verständnis. Versteht mein Pferd zum Beispiel die Traversale nicht, so sollte nicht mit viel Ziehen und Zerren versucht werden, weiter den Takt zu halten. Stattdessen macht es Sinn, in Zeitlupe, Schritt für Schritt, dem Pferd zu zeigen, welche Bewegungen es ausführen soll. Dabei empfehle ich gerade während der Erarbeitung der Traversale, immer wieder anzuhalten, das Pferd in Bewegungsrichtung zu stellen und zu biegen, um die Flexibilität im Kopf-Hals-Bereich und eine lockere Kiefermuskulatur zu fördern. Auch immer wiederkehrende Abkauübungen in Bewegungsrichtung können helfen. Durch immer wiederkehrendes Anhalten kann verhindert werden, dass das Pferd vermehrt „gegen die Hand drückt“.

Der besondere Moment, wenn die Versammlung beginnt

Durch Schnalzen, das Touchieren mit der Gerte oder eigene Bewegungen bringen wir Energie auf, die wir auf das Pferd übertragen wollen. Die Pferde müssen lernen, sowohl beim Reiten als auch an der Hand zwischen seitwärtstreibenden und vorwärtstreibenden Hilfen zu unterscheiden. Da die klassische Arbeit an der Hand fast zu 100 Prozent auf versammelnde Lektionen ausgerichtet ist, lege ich großen Wert darauf, dem Pferd zunächst beizubringen, den Energiefluss in sich aufzunehmen. Hat es das noch nicht verstanden, ist oft die erste Reaktion: Gerte = Flucht.
Durch immer wiederkehrendes Berühren, vorsichtiges Touchieren, kleine versammelnde Übungen und sehr viel Lob im richtigen Moment beginnt das Pferd zu verstehen, dass die Touchierhilfe nicht zwingend bedeutet, dass es die Energie ins reine Vorwärts umsetzt. Die Energie geht immer mehr ins Pferd hinein, gibt dem Körper mehr Ausdruck, macht das Pferd größer, in sich aktiver, am Gebiss leichter, aber nicht schneller im Tempo. Durch die Vorübungen bei der Freiarbeit hat das Pferd gelernt, mich nicht zu überholen. Es hat gelernt, dass eine Gerte oder Schnalzen Energie übertragen soll. Mit viel Geduld und dem richtigen Timing kann das Pferd die Lösung selbst finden. Es versteht bald, die Energie stärker in sich aufzunehmen und nicht nach vorn zu stürmen. Habe ich diesen Moment erreicht, weiß ich, dass das Pferd etwas Grundlegendes für die klassische Arbeit an der Hand und auch für die Versammlung in der weiteren Ausbildung verstanden hat. Diese manchmal geduldraubenden kleinen Vorübungen können den Schlüssel zum Erfolg liefern. Aus dieser Arbeit entsteht eine Versammlung, die keine Seile mehr braucht, weil sie vom Pferd verstanden wird und die Energie in den richtigen „Bahnen“ fließt. So können die Zügel wieder zur feinen Korrektur, für die Beizäumung, Stellung und Biegung genutzt werden, nicht aber zum (Gegen-)Halten.
Zur Überprüfung der korrekten Ausbildung des Pferdes versuche ich mit einem Minimum an Hilfsmitteln auszukommen und wieder zur Freiarbeit zurückzukehren. Diese freie Arbeit mit meinen Pferden dient einerseits der Vorarbeit, ist aber auch wie beschrieben dazu da, die korrekte Ausbildung zu bestätigen und zu überprüfen.
Alle Grundsteine für den späteren Erfolg – ein feines, motiviertes Pferd – liegen in der Basis der Ausbildung. Das Verständnis des Pferdes für jede einzelne Lektion zu erarbeiten ist das Wichtigste. So entsteht eine Lektion nicht durch äußere Einflüsse, die das Pferd dazu bringen, etwas zu tun, sondern von innen heraus, weil das Pferd weiß und versteht, wie es sich zu bewegen hat. Durch viel Lob und Pause entsteht somit ehrliche Motivation. Oft entwickelt sich auch ein richtiger Arbeitseifer, weil das Pferd anfängt beweisen zu wollen, was es alles weiß, was es kann, was es gelernt hat.
Für mich gibt es nichts Schöneres als eifrige Pferde, die nach einer gelungenen Lektion stolz auf sich sind und im nächsten Moment wieder loslegen möchten. Gegen Angriffe können, wollen und sollen sich unsere Pferde wehren, aber gegen Lob sind sie machtlos. So führen erst Langsamkeit, dann Verständnis und Lob zu einem harmonischen Miteinander und eifrigen Pferden.

CHRISTINA BREUER

… geb. 1992, ist Trainer C – Klassisch-Barock – und Trainer B – Leistungssport. Sie beschäftigt sich mit der vielseitigen Ausbildung von Reiter und Pferd mit dem Ziel, ein harmonisches Miteinander und eine stets positive Arbeitsatmosphäre zu erreichen.

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