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Verstehen die sich noch?


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 13/2019 vom 30.10.2019

30 Jahre nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze sind Ost- und Westdeutschland in vielen Dingen viel ähnlicher als damals. Warum haben beide Seiten trotzdem ein großes Problem miteinander?


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Hier waren Ost und West geteilt: die East Side Gallery am heute längsten Teilstück der Berliner Mauer


Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz

E s braucht nur ein paar Farben, um ein Problem deutlich zu zeigen. Farben, wie die auf einer aktuellen Grafik des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Wissenschaftler haben alle Regionen der Bundesrepublik nach verschiedenen Kriterien untersucht. Auf dieser Basis ...

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E s braucht nur ein paar Farben, um ein Problem deutlich zu zeigen. Farben, wie die auf einer aktuellen Grafik des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Wissenschaftler haben alle Regionen der Bundesrepublik nach verschiedenen Kriterien untersucht. Auf dieser Basis haben sie sechs sogenannte Cluster definiert: von der reichen Großstadt über ländliche Regionen mit Problemen bis hin zu Gegenden, die sie „abgehängt“ nennen. Je dunkler die Farbe in der Grafik, desto besser geht es einer Region. Der Osten der Karte ist fast komplett hellgrün. Das bedeutet: abgehängt.

Zwar gibt es auch im Westen schwache Regionen und einen Unterschied zwischen Nord und Süd. Aber nirgends ist er so groß wie zwischen West und Ost. „Landleben im Osten – kein Arzt, kein Bus, kein Netz“ schrieb die Berliner Zeitung Tagesspiegel.

Es gibt in diesem Jahr viele Studien, Umfragen und Reportagen über die Lebensbedingungen in beiden Teilen des Landes. Dafür gibt es zwei Gründe. Einerseits ist 2019 das Jahr des großen Jubiläums: Vor 30 Jahren, am 9. November 1989, öffnete die Deutsche Demokratische Republik (DDR) die Grenzen (siehe Seite 20). Die wochenlangen Proteste von Hunderttausenden DDR-Bürgern hatten Erfolg – ohne Gewalt. Ein Jahr nach der friedlichen Revolution wurde die DDR Teil der Bundesrepublik.

Wahljahr. In Brandenburg und Sachsen haben die Bürger am 1. September gewählt. In beiden Bundesländern hat rund jeder Vierte die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) gewählt – eine Partei, in der manche Mitglieder offen rassistisch sind und Kontakte zu Rechtsextremen haben. Am 27. Oktober wird in Thüringen gewählt. Glaubt man den Prognosen, kann die AfD auch dort große Gewinne erwarten. Dieser Rechtsruck, der in einigen ostdeutschen Regionen viel stärker ist als im Westen, ist für viele ein Grund zu großer Sorge.

Deshalb blicken zurzeit viele Menschen – davon viele aus dem Westen – auf den Osten. Medien schicken Reporter, Wissenschaftler fragen Menschen nach ihren Gefühlen und ihrer politischen Meinung. Sie alle wollen wissen, was die Deutschen 30 Jahre nach der Wende miteinander verbindet – und vor allem: warum die Menschen im Westen und Osten noch immer so vieles trennt.

Es ist zu einfach, von „dem Osten“ zu sprechen. Es gibt dort boomende Städte wie Dresden und Leipzig, in denen die Arbeitslosigkeit niedrig ist und die Lebensqualität hoch. Gegenden mit sehr wenigen Einwohnern, zum Beispiel das Erzgebirge im Südosten Sachsens, kann man wirklich abgehängt nennen. Und trotzdem: Die große Ungleichheit zeigt sich entlang der Grenze von damals.

Die größten Unterschiede werden in den Zahlen zur ökonomischen Situation deutlich. Die Menschen im Osten verdienen im Durchschnitt weniger. Ihre Renten sind niedriger, sie sind öfter arbeitslos und besitzen sehr viel weniger als die Westdeutschen. Viele deutsche und internationale Firmen haben Fabriken im Osten. Aber kein DAX-Konzern hat dort seine Zentrale. Im DAX ist auch kein ostdeutsches Unternehmen zu finden.

Timo Meynhardt ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der privaten Handelshochschule Leipzig. Er schätzt die Wirtschaftskraft des Ostens auf 70 bis 80 Prozent im Vergleich zum Westen. Der 47-Jährige sagt aber auch: „Ich finde die Unterschiede gar nicht so schlimm, insbesondere in einer Zeit, wo das Höher, Schneller, Weiter stärker hinterfragt wird.“ Der Rückstand auf den Westen kann seiner Meinung nach auch auf lange Sicht nicht eingeholt werden. Deshalb sollten sich die Ostdeutschen lieber auf ihre eigenen Stärken konzen trieren.

Meynhardt spricht von „Eigenheiten“ der Ostdeutschen – und er weiß, wovon er spricht. Er ist in Rudolstadt (Thüringen) geboren. Als die Mauer fiel, war er 17. Nach dem Abitur wurden auch für ihn die neuen Freiheiten zu einer großen Chance. Meynhardt hat in Jena, Oxford und Peking Psychologie studiert und nach dem Diplom bei einer Unternehmensberatung angefangen.

„Na, du hast es ja geschafft“, sagten sie ihm zu Hause in Thüringen – als Kompliment war das nicht wirklich gemeint. Wer Karriere macht, wird im Osten eher skeptisch betrachtet, findet Meynhardt – auch noch 30 Jahre nach der Wende. Vielen Ostdeutschen fehlt seiner Meinung nach der Impuls, „auch mal eiskalt nach der Macht zu greifen, wenn es nötig ist“. Ostdeutsche, meint er, sind eher pragmatisch und zurückhaltend. „Das ist ja eigentlich ganz sympathisch.“

Längerfristig, hofft Meynhardt, könnten diese Charakteristika von Vorteil sein. Denn seiner Meinung nach ist Kooperation die Herausforderung der Zeit, nicht Konkurrenz. Im Moment spricht der Wirtschaftspsychologe aber davon, dass viele Ostdeutsche sich durch ihre Zurückhaltung auch selbst behindern. Das hat Konsequenzen: In Führungspositionen sind viel weniger Ost- als Westdeutsche – auch im Osten. Daran ändert auch die bekannteste Ostdeutsche des Landes nichts: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Fotos: René Burri/Magnumn Photos/Agentur Focus; Alan Harris/unsplash

Alltag 1961 in Westdeutschland und heute in Berlin: Der Westen war schnell wirtschaftlich viel stärker als der Osten – und ist das bis heute.


An seiner Hochschule ist Meynhardt der einzige Professor, der im Osten geboren wurde. Im ganzen Land gibt es keine Hochschule, die von einem Ostdeutschen geleitet wird. Auch in den Chefetagen der großen Firmen sind Ostdeutsche stark unterrepräsentiert. Nach einer Zählung des Manager Magazins sitzen nur vier Ostdeutsche im Vorstand eines DAX-Konzerns – von fast 200 Vorständen.

Deutschland hat rund 82 Millionen Einwohner. 12,6 Millionen davon leben in Ostdeutschland (ohne Berlin). Zwischen 1991 und 2017 zogen fast 3,7 Millionen Menschen vom Osten in den Westen, aber nur rund 2,5 Millionen vom Westen in den Osten. Inzwischen ist diese Entwicklung gestoppt: 2017 sind zum ersten Mal mehr Menschen aus dem Westen in den Osten gezogen als vom Osten in den Westen. Die meisten wählen Ballungsgebiete um Leipzig, Potsdam und Görlitz.

Viele sind im Osten geboren und wollen

nach einer Zeit im Westen wieder zurück.

Dass diese Rückkehrer zu wichtigen Vermittlern werden können, merkt Meynhardt auch an sich selbst. Seit 2015 arbeitet er in Leipzig, nach Stationen an den Universitäten im Schweizer Sankt Gallen und in Lüneburg (Niedersachsen). Dass er im Osten geboren ist, war weder in der Schweiz noch in Niedersachsen ein großes Thema. „In Leipzig hat mich das Thema mit Wucht wieder eingeholt“, sagt er. Plötzlich wurde der Professor als Experte von Medien interviewt – und begann, sich auch selbst zu Wort zu melden.

Er erinnert immer wieder an die jahrhundertelange Geschichte Mitteldeutschlands als Kulturraum, wirbt für den „östlichen Blick“. Und er sieht den Osten als Zukunftslabor, dessen Probleme und Lösungsansätze auch für andere, westdeutsche Regionen relevant werden. Wer mit Timo Meynhardt spricht, merkt: Er erwartet von sich dasselbe wie von seinen Landsleuten, und er orientiert sich daran.

Der Kulturpark Plänterwald war der einzige Freizeitpark der Deutschen Demokratischen Republik. Nach deren Ende hieß er Spreepark, bis er 2001 geschlossen werden musste. 2021 könnte er wieder in kleiner Form geöffnet werden.


Fotos: Daniel Biskup/laif; Vitor Fontes/unsplash

In Klub der Werktätigen, hier in Chemnitz 1993, trafen sich Menschen vor allem, um fernzusehen.


1989: Berlin im Glück

Am 9. November 1989 sitzt Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), auf einem roten Sessel im Pressezentrum des Zentralkomitees der Staatspartei SED in Ostberlin. Eine Stunde lang antwortet er auf Fragen von Journalisten aus der ganzen Welt. Kurz vor dem Ende hat ein italienischer Journalist noch eine Frage. Schabowski nimmt einen Zettel aus der Jacke. Nur kurz hat er den Text davor gelesen, eigentlich soll er die Medien erst am nächsten Morgen darüber informieren. Es soll in Zukunft einfacher werden, aus der DDR auszureisen, sagt er.

Das ist bis jetzt nämlich noch verboten. Deshalb sind viele Tausend DDR-Bürger zuletzt über die damalige Tschechoslowakei in die Bundesrepublik Deutschland geflohen. Sie wollen sich nicht mehr in ihrem Land einsperren lassen. Außerdem wollen sie politische Reformen. Die Regierung muss deshalb etwas tun. Jetzt sollen DDR-Bürger Reisen beantragen können. Die Anträge sollen schnell geprüft werden.

Es ist 18.53 Uhr, als Schabowski den Zettel nimmt und die Sätze vorliest. Im Fernsehen der DDR ist die Pressekonferenz live zu sehen. Ein Journalist will wissen, ab wann die neue Regelung gelten soll. Schabowski zuckt mit den Schultern. Dann sagt er die Worte, nach denen die Welt eine andere ist: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Ein Fehler. Erst ab dem nächsten Morgen, vier Uhr, sollte die Regel eigentlich gelten. An der Grenze ist noch niemand informiert.

Aber immer mehr Ostberliner kommen sofort zu den Übergängen. Sie schreien, dass sie raus wollen: „Tor auf! Tor auf!“ Die DDR kann diesen Dominoeffekt nicht mehr stoppen. Eigentlich sollen die DDR-Bürger ein Visum holen und erst dann ausreisen. Aber die Offiziellen kapitulieren – noch in der Nacht öffnen sie die Grenze. Die Mauer ist offen, nach 28 Jahren Trennung.

Menschen aus Ost und West tanzen: auf der Berliner Mauer, unter dem Brandenburger Tor, dann auf dem Ku’damm, einer großen Straße in Westberlin. Die meisten sagen, dass sie nur mal schauen wollen, wie es im anderen Teil der Stadt aussieht. Die meisten weinen, Fremde aus Ost und West nehmen sich in die Arme. „Wir Deutschen sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt“, sagt der Westberliner Bürgermeister Walter Momper. Nichts wird in der DDR mehr sein wie es war, sagt Willy Brandt, der frühere Bundeskanzler und noch frühere Westberliner Bürgermeister. Er hatte all die Jahre lang gegen die deutsche Teilung gekämpft. „Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen“, sagt er. Er wird recht haben.

Katja Riedel

Foto: Filipe Varela/Unsplash

Stimmen wie die des Wirtschaftspsychologen sind wichtig in der öffentlichen Debatte. Denn das Thema wird in Forschung und Medien auch 30 Jahre nach der Wende von Westdeutschen dominiert.

„Der Westen wird von den meisten als Norm gesehen, an die sich der Osten anpassen muss“, sagt Sabrina Zajak vom Deutschen Zentrum für Integrationsund Migrationsforschung (Dezim). „Das ist die dominierende Perspektive.“ Der Blick vieler Westdeutscher auf den Osten konzentriert sich dabei oft auf Probleme: Die Wiedervereinigung war so teuer, warum jammern die Ossis so viel? Warum wählen so viele von denen rechts?

Viele haben genug davon. „Die Ostdeutschen wollen nicht mehr erklärt und analysiert werden“, sagte die Publizistin Jana Hensel im September 2018 dem Fernsehsender ZDF. Die Dominanz der westdeutschen Perspektive ist ihrer Meinung nach eines der größten Probleme der inneren Spaltung. Hensel, geboren 1976 in Borna (Sachsen), ist eine der bekanntesten ostdeutschen Stimmen. In Büchern, Interviews und vielen Texten für die – westdeutsche – Wochenzeitung Die Zeit erklärt sie immer wieder, durch welche Brüche und Verluste viele Ostdeutsche nach der Wende gegangen sind.

Die Berliner Straße des 17. Juni erinnert an Arbeiterproteste in der Deutschen Demokratischen Republik von 1953.


1990 machte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) den Menschen in der DDR Hoffnungen auf „blühende Landschaften“. Damit war es bald vorbei. Der Wechsel von der Plan- auf die Marktwirtschaft kam schnell und brutal. Viele Firmen wurden geschlossen. Andere bekamen neue Besitzer – fast alle aus dem Westen oder dem Ausland. Bis 1993 verloren mehr als eine Million Ostdeutsche ihre Arbeit.

Für die meisten Menschen im Westen ging das Leben nach 1990 weiter wie vorher. Für viele Ostdeutsche aber war die Realität in der Bundesrepublik erst einmal eine Enttäuschung: Sie hatten auf Freiheit und ein besseres Leben gehofft – und plötzlich wurde ihnen gesagt, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Mit den Betrieben gingen in vielen Regionen die sozialen Strukturen kaputt. „Die Politik hat unterschätzt, welche zentrale Bedeutung die Arbeit für die Menschen im Osten hatte“, sagt der Historiker Frank Wolff.

Euphorie an der Grenze: Am Abend des 9. November 1989 begrüßen Westberliner an der Grenzkontrollstelle Sonnenallee Ostdeutsche, die zum ersten Mal in den Westen dürfen.


Foto: akg-images/picture-alliance

Die Enttäuschungen sind bis heute geblieben. Sie sind eine Erklärung dafür, dass sich jeder dritte Ostdeutsche als „Bürger zweiter Klasse“ sieht, wie eine im Frühjahr publizierte Untersuchung des Dezim zeigt. Darin wurde untersucht, ob Ostdeutsche und Muslime mit ähnlichen Stereotypen beurteilt werden. „Aus westdeutscher Perspektive gibt es ähnliche Stereotype“, sagt Mara Simon, eine der Projektleiterinnen. So wird Ostdeutschen und Muslimen von Westdeutschen oft vorgeworfen, sich „ständig als Opfer“ zu sehen. Die Studie zeigt aber auch, dass Muslime im Osten viel negativer beurteilt werden als im Westen.

Sind Ostdeutsche Migranten im eigenen Land? Gibt es eine „ostdeutsche Identität“? Die Studie des Dezim hat gezeigt, wie aktuell die Debatte über diese Fragen wirklich ist. Frage an den Historiker: Trennt die Deutschen wirklich noch so viel, 30 Jahre nach dem Mauerfall? „Es verbindet uns viel mehr, als uns trennt“, sagt Frank Wolff. Aber Menschen, die in der Bundesrepublik oder der DDR aufgewachsen sind, haben eben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, erklärt er. Deshalb, findet Wolff, gibt es soziale und kulturelle Unterschiede. „Aber man sollte diese nicht essentialistisch betrachten“, sagt er. „Die Gefahr ist, dass den einzelnen Gruppen spezifische Wesenszüge zugeordnet werden.“

Auch Wolff ist ein Vermittler zwischen beiden Seiten. Als Kind lebte er in der Nähe von Dresden. Als er zwölf war, zog seine Familie in den Westen. Drei Jahre lang hatten seine Eltern für die Ausreise gekämpft. Im November 1989 durften sie endlich in den Westen – fast gleichzeitig mit der Maueröffnung. Inzwischen lebt Wolff in Berlin, im sehr bürgerlichen Westen. Die deutsche Teilung ist nicht nur Teil seiner Biografie. Sie ist auch das Zentrum seiner Forschung.

„Viele geben der Wiedervereinigung die Schuld an allen Problemen danach“, sagt der 42-Jährige. „Dabei basieren die Probleme auf der deutsch-deutschen Teilung und der maroden DDR-Ökonomie.“

Der Historiker findet es auch nicht richtig, den Erfolg der AfD vor allem mit alten Enttäuschungen zu erklären. „In der DDR und auch danach gab es die Tendenz, rechte Gewalt zu ignorieren und zu tolerieren“, sagt er. Zwar definierte sich der sozialistische Staat selbst als antifaschistisch. Aber eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fand kaum statt, der Kampf gegen neue Rechte wurde sogar blockiert.

Auch diese Erfahrung prägt nach Meinung mancher Experten viele Ostdeutsche bis heute. Zu jedem Jubiläum des Mauerfalls und der Wiedervereinigung Rektoren einer Hochschule ziehen Politiker, Wissenschaftler und Journalisten Bilanz. Ein Blick ins Archiv zeigt, dass sich die Analysen und Ergebnisse wiederholen – seit fast 30 Jahren. Aber jedes Mal wird festgestellt, dass die emotionale Distanz größer wurde. Wie lassen sich die Gräben überwinden?

Die meisten Experten sind sich einig, dass die Unterrepräsentation von Ostdeutschen in vielen gesellschaftlichen Bereichen ein großes Problem ist. Sozialwissenschaftlerin Zajak findet deshalb eine Ostquote für Führungspositionen keine schlechte Idee. Historiker Wolff ist für „empathisches Zuhören“, und mehr Selbstkritik auf beiden Seiten, ohne sich zu sehr auf die Unterschiede zu konzentrieren.

Der Wirtschaftspsychologe Timo Meynhardt appelliert vor allem an das Selbstbewusstsein seiner Landsleute. Der Westen könnte schon vieles vom Osten lernen, findet er. Zum Beispiel beim Thema Beruf und Familie. In der DDR waren Frauen und Männer juristisch gleichberechtigt – seit 1949. Fast jede Frau ging arbeiten, für jedes Kind gab es einen Platz in einer Kita. „Dass in Leipzig der Kindergarten um 6.30 Uhr öffnet und erst um 19 Uhr schließt, kann ich Freunden aus Baden- Württemberg heute noch kaum vermitteln“, sagt er.

Zum Thema Frauenbild erzählt Meynhardt noch eine Anekdote aus dem Herbst 1989. „Wissen Sie, was man sich damals bei uns über Bayern erzählt hat?“ fragt er. „Eine Nachbarin wollte in einem Möbelgeschäft in Bayern eine Küche kaufen. Der Verkäufer schickte sie wieder weg.“ An eine Frau, fand er, kann er keine Küche verkaufen. Da müsste schon ihr Mann mitkommen.

Eine Übung zu diesem Text finden Sie auf Seite 54.