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Vertikal 3


Piaffe - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 17.04.2019

Im März 2019, rechtzeitig zur Equitana, der Weltmesse des Pferdesports, erschien nun „Vertikal 3“, das letzte Buch der Trilogie von Manuel Jorge de Oliveira. Es vermittelt die Inhalte des dritten und damit letzten Jahres der Escola de Equitação, die in den Oliveira Stables Reitern und Pferden den Weg zur wahren Balance vermittelt.


Das Geheimnis und die Auswirkungen der Geraderichtung

In allen wichtigen Werken der Reiterei wird von der Geraderichtung gesprochen, trotzdem bleibt sie für den Großteil der Reiter zeitlebens ein Geheimnis. Was bedeutet Geraderichtung? Und wieso ist sie wirklich essentiell, wenn ...

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Bildquelle: Piaffe, Ausgabe 1/2019

Manuel Jorge de Oliveira mit dem Hannoveraner Risky Business. Ein Pferd, das dem Meister immer wieder Denkaufgaben gibt. Ein großer Teil des Buches ist ihm gewidmet, in dem es vor allem um die Geraderichtung geht.
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... man mit einem Pferd die höheren Stufen der Reitkunst erreichen oder auch wenn man es einfach nur gesunderhaltend reiten will?

Fotos: Paulina Vogelgsang (7), Sandra Fencl (1)


„The most difficult thing in riding is to put the horse symmetric.“


Was bedeutet gerade? Aus den vorigen Ausführungen ergibt sich, wie sich die Schiefe äußert: Im Normalfall sind Hinterhand und Vorhand nicht auf einer Linie. Um das Pferd gerade zu machen, müssen also Vor-und Hinterhand auf eine Linie gebracht werden. Hier stellt sich nur die Frage, wie die richtige Herangehensweise ist. Ist es besser die Hinterhand oder die Vorhand zu korrigieren? Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand, wenn man betrachtet, wie ein Pferd seinen Körper in der Bewegung einsetzt. Die Hinterhand fungiert als „Motor“, der das System antreibt. Jedenfalls sollte das so sein. Die Vorhand dient mehr der Definition der Bewegungsrichtung. Der „Motor“, oder die Hinterhand, kann das System Pferd aber nur antreiben, wenn das, was angetrieben werden soll, auch vor ihr liegt. Sonst geht ein Großteil der Energie verloren. Es muss also die Vorhand vor die Hinterhand gesetzt werden, auch wenn uns das komisch vorkommt. Dies ist aber das wahre gerade Pferd.

Praxis

Wie nehme ich nun die Vorhand vor die Hinterhand? Im Beispiel oben, wenn man sich also auf der Linie zwischen zwei Punkten befindet, egal ob im Voroder Rückwärts, müssen wir die Vorhand nehmen und vor die Hinterhand setzen. Stellen Sie sich vor, Sie würden einen Wasserkasten oder einen anderen schweren Gegenstand von links nach rechts heben wollen (da wir ja ein Pferd genommen haben, das auf der linken Schulter liegt). Genauso agieren Sie auch mit dem Pferd. Zuerst müssen Sie es vorne anheben, denn je mehr Gewicht generell auf der Vorhand liegt, desto mehr Gewicht liegt natürlich auch auf der eh schon schwereren linken Schulter. Dann nehmen Sie den linken Zügel leicht an, um das Gewicht auf der linken Schulter zu kontrollieren (Sie dürfen sogar das linke Auge leicht schimmern sehen) und öffnen dann mit Kontakt zum Pferdemaul den rechten Zügel zur Seite. Achten Sie hierbei darauf, dass der Kopf des Pferdes sich nicht nach rechts stellt, das verhindern Sie mit Ihrem linken Zügel. Ihr rechter Schenkel darf dabei leicht verwahrend die Hinterhand stabilisieren. Bei sehr schiefen Pferden können Sie noch Ihren eigenen Körper zur Hilfe nehmen und die linke Schulter etwas vor, die rechte etwas zurücknehmen, Ihr Brustbein muss dabei aber über dem Mähnenkamm bleiben. Auf diese Art und Weise werden Sie die Vorhand vor die Hinterhand setzen und Ihr Pferd wird gerade vor-oder zurück gehen. Gleichzeitig stärken Sie eben die schwache Seite und bei korrekter Arbeit reduziert sich die Schiefe mit der Zeit zusehends. Natürlich in Kombination mit der Arbeit in den Seitengängen, Übergängen und Mobilisationen. Bevor Sie sich auf die Geraderichtung stürzen, muss Ihr Pferd natürlich mobil und geschmeidig sein, wie in den Büchern Vertikal 1 und 2 beschrieben. Die gerade beschriebene Schiefenkorrektur funktioniert natürlich nicht nur im Schritt auf einer Linie zwischen zwei Punkten. Nein, sie ist allgegenwärtig. Egal ob Sie ganze Bahn, Diagonalen, Zirkel oder Volten reiten.

Auch auf einer gebogenen Linie müssen Sie unbedingt darauf achten, dass die Vorhand vor der Hinterhand läuft. Sonst verpufft ein Großteil der Kraft, die das Pferd aufbringt. Anstatt also automatisch auf einer gebogenen Linie nach innen zu stellen, halten Sie das Pferd erst einmal gerade und setzen Sie in allen drei Grundgangarten die Vorhand vor die Hinterhand. Erst wenn dies auf beiden Händen optimal funktioniert und Sie wirklich Kontrolle über den gesamten Pferdekörper und darüber hinaus ein Gefühl für „Gerade“ haben, dürfen Sie eine minimale Innenstellung verlangen, ohne aber das vorher Hergestellte aufzugeben. Jegliche unbedachte Stellung wirft nämlich sofort das ganze System wieder durcheinander, Sie bringen automatisch Gewicht auf eine Seite und die Geraderichtung ist dahin.

Auswirkungen

Warum ist die Geraderichtung so wichtig? Ein Punkt wurde schon angesprochen: die volle Kraftentfaltung des Pferdes. Nur wenn die Vorhand vor der Hinterhand ist, kann das Pferd seine komplette Kraft für den Reiter einsetzen, denn nur dann verpufft die Energie der Hinterhand nicht im Nirgendwo.

Auch werden schwierige Lektionen wie Serienwechsel, Pirouetten etc. plötzlich viel leichter fallen. Wenn Sie das Gewicht des Pferdes immer in der Mitte behalten, sind auch Einerwechsel bei weitem nicht so schwierig. Wenn das Pferd nämlich immer mit dem Gewicht auf einer Seite hängt, müssen Sie vor einem Wechsel das Gewicht erst wieder „hin und her heben“, spätestens bei Einerwechseln werden Sie bei einem kurzen Pferd wie dem Lusitano auf jeden Fall zu langsam sein. Wenn aber das Gewicht in der Mitte ist, müssen Sie nur die linke, die rechte, die linke, die rechte Seite abfragen und das Pferd wird wechseln. Auch die Lastaufnahme in der Pirouette wird dem Pferd viel leichter fallen, da es nicht mit dem Gewicht auf einer Seite hängt.


„We have to ride the horses by the middle of themselves.“


Vergessen Sie also die Seiten und konzentrieren Sie sich darauf, das Gewicht immer in der Mitte des Pferdes zu halten, egal was Sie tun und egal in welcher Gangart Sie sich befinden.

Wenn man einmal eine Millisekunde lang gespürt hat, wie alle Streitigkeiten und Widerstände beseitigt sind und das Pferd unter einem – wenn auch nur ganz kurz – einmal völlig symmetrisch und gerade ist, wird einem erst bewusst, welch immense Kraft einem plötzlich zur Verfügung steht. Genau dann ist der Moment, in dem wir uns völlig eins mit dem Pferd fühlen, in dem alles leicht und rund ist. Denn nur wenn das Pferd völlig gerade ist, kann es seine gesamte Kraft dem Reiter zur Verfügung stellen. Solange noch Schiefen bestehen, wird immer ein nicht unbeträchtlicher Teil der Kraft in eben dieser Schiefe verloren gehen.

Manuel Jorge de Oliveira selbst beschreibt es so: „Ich möchte hierzu von einem Pferd erzählen, das mich, was das angeht, durchaus immer wieder fordert, und bei dem mir die Wichtigkeit der Geraderichtung immer wieder bewusst wird.

Es handelt sich um Risky Business, ein Hannoveraner, im Moment 10 Jahre alt, dem ich, seitdem er im Oktober 2017 zu mir in die Oliveira Stables kam, einiges an Zeit widme. Ganz abgesehen davon, dass er zu Beginn sowieso mit allen Problemen eines Korrekturpferdes kam und schon beim reinen Versuch einer Flexion stieg, ist er ein Meister darin, seine Schiefe vehement zu verteidigen. Dies äußert sich vor allem beim Galoppwechsel. Seine Vaterlinie ist dafür bekannt, einen sehr schwierigen Galopp zu haben, zu Beginn war jeder Gedanke an einen Wechsel schon zu viel. Mittlerweile ist das geklärt, und der Wechsel an sich funktioniert. Aber schon seit einiger Zeit nun arbeite ich konsequent daran, dass er den fliegenden Galoppwechsel nicht nur springt, sondern dabei auch gerade bleibt. Ich steige also immer tiefer ein in seine Problemzonen, Steifigkeiten und Widerstände. Bei ihm äußert sich die Schiefe darin, dass er auf der rechten Schulter liegt; wenn ich also nach links wechseln möchte, fällt er mir, wenn ich nicht aufpasse, voll auf die rechte Schulter und schmeißt die Kruppe mit einer Vehemenz nach links, der nur schwer Herr zu werden ist.“


„When you ride and you’re in evolution, your life changes every minute.“


„Immer wieder, in den Momenten, in denen es mir gelingt, Risky komplett gerade zu halten, bekomme ich aber einen wunderschönen Galopp von ihm, und der Wechsel geht ganz einfach, ganz leicht. Das Pferd galoppiert dann rund, kraftvoll, und mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Es zeigt sich also, wie wichtig dieser Schritt nun ist.“