Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 3 Min.

Verwirrungsoffensive der Allianz


ÖKO-TEST Ratgeber Sonderheft Rente, Geld, Versicherungen - epaper ⋅ Ausgabe 90/2011 vom 07.10.2011

Vor allem die Allianz, die just zu Jahresbeginn eine „Transparenzoffensive“ gestartet hat, treibt das Verwirrspiel in den Angebotsunterlagen auf die Spitze. „Wir streben eine klare und leicht verständliche Information zu unseren Produkten an“, verkündete Maximilian Zimmerer, Vorstandsvorsitzender der Allianz Leben bei Vorstellung der Initiative am 19. Januar in Berlin. Die Vertragsunterlagen zeigen jedoch: Bis dieses Ziel erreicht wird, ist es offenbar noch ein sehr weiter Weg. So erhält der Riester-Interessent vier verschiedene Dokumente: einen „persönlichen Vorschlag“, das gesetzlich vorgeschriebene Informationsblatt, spezielle „Versicherungsinformationen“ und einen Antrag, den er unterschreiben soll. Das garantierte Kapital zu Rentenbeginn wird dabei sowohl im Antrag als auch im „persönlichen Vorschlag“ zu niedrig ausgewiesen. Ergänzend gibt es unterschiedliche Modellrechnungen, in denen die Allianz mal mit, mal ohne Zulagen rechnet. In den „Versicherungsinformationen“ findet sich bei der Allianz Riester-Rente Klassik zum Beispiel eine „gesetzlich vorgeschriebene Modellrechnung“. Dabei rechnet der Marktführer unserem 50-jährigen Riester-Sparer vor, wie viel Kapital zu Rentenbeginn bei Zinssätzen von 2,76, 3,76 und 4,76 Prozent angespart sein wird. Die Zulagen fließen in diese Modellrechnung aber nicht ein. Deshalb wird das Gesamtkapital mit Werten von 33.937,77 Euro bis 40.376,38 Euro auch weit niedriger ausgewiesen als im „persönlichen Vorschlag“. Dort gibt die Allianz an, wie sich die Gesamtleistung entwickeln kann, wenn die Überschüsse „den derzeit gültigen entsprechen“ oder wenn sie einen Prozentpunkt niedriger bzw. höher ausfallen. Dieser Tabelle kann der Kunde dann entnehmen, dass sein Gesamtkapital im ungünstigen Fall 39.157 Euro, im günstigen jedoch 47.339,84 Euro betragen kann.

Kniffeliger als jede Denksportaufgabe wird es für unseren 50-jährigen Musterkunden, wenn er den Unterlagen entnehmen will, wie viel Kapital er bei einem Anbieterwechsel nach zehn Sparjahren mitnehmen kann. Im persönlichen Vorschlag wird ihm dafür ein Betrag von 22.650,41 Euro ausgewiesen. Das sei der „Rückkaufswert einschließlich der Beteiligung am Überschuss“. Der wird aber auch in den Versicherungsinformationen nochmals genannt. Seltsamerweise macht er hier nur noch 21.173,64 Euro aus – und das obwohl die Allianz im Musterfall zu diesem Termin auf den sonst üblichen Stornoabschlag verzichtet. Der Laie staunt und auch der Fachmann wundert sich. „Aktuariell sind diese Zahlen nicht nachzuvollziehen“, sagt Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein.

Bei einem derartigen Zahlensalat verwundert es nicht, dass bislang noch niemand auf einen sozialpolitischen Skandal in den Verträgen der Allianz aufmerksam geworden ist. Auch ÖKO-TEST hätte ihn beinahe übersehen. Ausgangspunkt ist die aktuelle Gesamtverzinsung, also das, was der Versicherer aktuell seinen Riester-Kunden gutschreibt. Laut Pressemitteilung vom Januar sind das 2011 für einen Vertrag mit 30-jähriger Laufzeit rund 4,8 Prozent. Im Vertragsangebot für unseren 35-jährigen Sparer mit zwei Kindern, der etwa 32 Jahre lang sparen will, wird dafür aber nur ein Wert von 4,74 Prozent genannt. Unserem 50-jährigen Sparer wird dagegen eine Verzinsung vor Kosten von 4,88 Prozent in Aussicht gestellt. Woher dieser Unterschied rührt, verrät die Allianz auch auf Nachfrage nicht. Doch sie bestätigt unseren Verdacht, dass sie bei der Überschusszuteilung höchst seltsame Unterschiede zwischen ihren Kunden macht. In ihren „versicherungsmathematischen Hinweisen E 812“ gibt sie an, dass der Sparer an den Zusatzüberschüssen nur dann beteiligt wird, wenn „die versicherte Leistung einen bestimmten Betrag überschreitet“. Wie hoch dieser Betrag sein muss, steht in den Angebotsunterlagen nicht. Das verrät nur der Geschäftsbericht 2010. Dort ist auf Seite 67 im Kleingedruckten zu lesen, dass nur solche Verträge am Zusatzüberschussanteil beteiligt werden, die zu Rentenbeginn „ein zur Verrentung zur Verfügung stehendes Garantiekapital von 40.000 Euro aufweisen“. Das klingt zunächst harmlos, bedeutet jedoch: Gering- oder Normalverdiener sowie Familien mit Kindern bekommen bei der Riester-Rente der Allianz weniger Überschuss als Besserverdiener. Denn die volle Beteiligung an den Zusatzgewinnen gibt es nur, wenn von Anfang an mindestens 40.000 Euro Garantiekapital im Vertrag stehen. Alle anderen erhalten diese Zuschüsse erst, wenn dieser Wert während der Vertragslaufzeit erreicht wird – oder gar nicht. Während ein gut verdienender Single also gleich ab Vertragsbeginn von den Zusatzgewinnen profitiert, geht unser 35-jähriger Sparer mit zwei Kindern und 30.000 Euro Jahreseinkommen bis kurz vor Rentenbeginn leer aus.

Kein Wunder daher, dass die Allianz bei unserem Test offiziell nicht mitmachen wollte und wir die Unterlagen verdeckt erheben mussten. Manche pikanten Vertragsdetails möchten die Anbieter der Öffentlichkeit offenbar lieber vorenthalten.

Kommentar

Völlig unverständlich

Artikelbild für den Artikel "Verwirrungsoffensive der Allianz" aus der Ausgabe 90/2011 von ÖKO-TEST Ratgeber Sonderheft Rente, Geld, Versicherungen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Ratgeber Sonderheft Rente, Geld, Versicherungen, Ausgabe 90/2011

Dorothea Mohn ist Referentin für Kapitalanlage/Altersvorsorge beim Verbraucherzentrale Bundesverband e. V.


„Es ist völlig unverständlich bis skandalös, wenn bei Riester-Verträgen die Überschüsse nicht gleichmäßig über alle Verträge ausgeschüttet werden, sondern die kapitalkräftigen Kunden bevorzugt werden. Die Riester-Rente wurde schließlich vor allem für Geringverdiener und Familien mit Kindern gemacht. Misslich ist aber auch, dass der Kunde überhaupt keine Chance hat, solche Schweinerein zu erkennen und dass das Gesetz Verbraucher nicht vor solchen Praktiken schützt. Das muss sich unbedingt ändern. Hier müssen klare und unmissverständliche Vorgaben für alle Anbieter her.“

Kommentar

Nicht hinnehmbar

Artikelbild für den Artikel "Verwirrungsoffensive der Allianz" aus der Ausgabe 90/2011 von ÖKO-TEST Ratgeber Sonderheft Rente, Geld, Versicherungen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Ratgeber Sonderheft Rente, Geld, Versicherungen, Ausgabe 90/2011

Gerhard Schick ist finanzpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen.


„Es kann nicht sein, dass ein Versicherungsunternehmen Familien oder Geringverdiener im Rahmen der Überschussbeteiligung schlechter stellt als einen gut verdienenden Single. Die politischen Ziele der Riester-Rente wären damit in ihr Gegenteil verkehrt, was aus Sicht der Steuerzahler nicht hinnehmbar wäre.“

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 90/2011 von Geförderte Altersvorsorge: So wird abkassiert. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Geförderte Altersvorsorge: So wird abkassiert
Titelbild der Ausgabe 90/2011 von Altersvorsorgekonto: Ein Konto für alles. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Altersvorsorgekonto: Ein Konto für alles
Titelbild der Ausgabe 90/2011 von TEST Riester-Bausparverträge: Das Zinsniveau entscheidet. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TEST Riester-Bausparverträge: Das Zinsniveau entscheidet
Titelbild der Ausgabe 90/2011 von Übersicht Immobilienrenten: Das Eigenheim als Geldquelle. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Übersicht Immobilienrenten: Das Eigenheim als Geldquelle
Titelbild der Ausgabe 90/2011 von Welches Riester-Produkt für wen: Die Qual der Wahl. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Welches Riester-Produkt für wen: Die Qual der Wahl
Titelbild der Ausgabe 90/2011 von TEST Auszahlpläne: Mehr Geld im Alter. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TEST Auszahlpläne: Mehr Geld im Alter
Vorheriger Artikel
TEST Riester-Renten: Reise ins Labyrinth
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Das böse Verwirrspiel um die Kosten
aus dieser Ausgabe