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VIEL LUFT NACH OBEN!


tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 80/2021 vom 16.07.2021

TURNIERE

Artikelbild für den Artikel "VIEL LUFT NACH OBEN!" aus der Ausgabe 80/2021 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 80/2021

Es gibt diesen berühmten Song von Bryan Adams – Summer Of ’69. „I got my first real six string. Bought it at the Five and Dime. Played it ‚til my fingers bled. Was the summer of ‘69“, lauten die ersten Zeilen über einen Künstler, der seine Gitarre im Ramschladen kaufte und spielte, bis ihm die Finger bluteten. Der Sommer 1969 war in vieler Hinsicht bemerkenswert. Damals schaffte ein gewisser Rod Laver ein Kunststück, das es im Profitennis noch nicht gab und 52 Jahre Bestand haben sollte. Der Australier – genannt „The Rocket“, weil er, obwohl mit 1,73 Meter Körpergröße kleinwüchsig, so explosiv spielte – hatte die ersten drei Grand Slam-Turniere des Jahres gewonnen. Wobei: Die Reihenfolge war damals eine andere. Paris, Wimbledon und New York lagen im Sommer. Am Jahresende, dem australischen Sommer, fand Melbourne statt.

Man muss diese lange Reise in die Vergangenheit antreten, um zu ...

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... ermessen, wie erfolgreich Novak Djokovic gerade ist. Mit den Australian Open, Roland Garros und Wimbledon hat er die ersten drei Majors 2021 gewonnen. Niemand außer Laver hatte so ein Triple bisher geschafft. Kein Federer, kein Nadal, kein Sampras, kein Borg. „Ich spiele für Rekorde“, wird der 34-jährige Serbe nicht müde zu sagen. Es gibt nicht mehr viele, die er noch nicht gebrochen hat. Am Sonntag, dem 11. Juli, kurz vor 18 Uhr Ortszeit in London, hat er eine weitere Bestleistung eingestellt. Nach dem 6:7, 6:4, 6:4, 6:3-Triumph gegen Matteo Berrettini stand fest: Djokovic hat jetzt wie Federer und Nadal 20 Majorsiege auf seinem Konto. Der Unterschied: Beim Mann aus Belgrad ist noch viel Luft nach oben, während bei den Konkurrenten Nadal und Federer die Luft immer dünner wird.

Der Spanier war wegen einer Verletzung nicht im All England Club dabei. Jahrelang spricht man schon davon, wie kraftraubend sein Tennis ist, wie malade der Körper sein muss, um allerdings immer wieder vom Phänomen Nadal belehrt zu werden. Die Frage ist, wie viele Grand Slam-Coups hat der 35-jährige Mallorquiner noch in sich? Viele sind es nicht mehr, auch wenn er trotz der Halbfinal-Niederlage in diesem Jahr (gegen Djokovic) 2022 wieder als einer der Favoriten nach Paris reisen dürfte. Und Federer? Der verabschiedete sich im Viertelfinale gegen den Polen Hubert Hurkacz und man weiß nicht, ob man ihn jemals auf der großen Bühne wiedersehen wird. Federer wird im August 40 Jahre alt, ein – mit Verlaub – biblisches Alter für jemanden, der es noch in die zweite Woche eines Grand Slam-Turniers schafft. Federer hat seine komplette Saisonplanung auf Wimbledon ausgerichtet. Achtmal reüssierte er auf dem Centre Court, der, um die Formulierung eines anderen berühmten Tennisprofis zu bemühen, sein Wohnzimmer ist. Es war bitter, wie er von der Couch, um im Bild zu bleiben, vertrieben wurde. Bei der Dreisatzniederlage gegen Hurkasz endete der letzte Durchgang 0:6.

„HUHU“ KOMMT!

Bevor Hurkacz Tennisprofi wurde, hat er lange Zeit Basketball gespielt. Bei einer Größe von 1,96 Meter naheliegend. In der Schule versuchte die Familie, den Jungen bei beiden Sportarten zu unterstützen. Aber Tennis wurde immer wichtiger. Auch weil die ganze Familie mit Tennis aufwuchs. Einer seiner Onkel war sogar Davis CupSpieler. Trotzdem brauchte seine Entwicklung Zeit. Er stand lange im Schatten von anderen Gleichaltrigen. Als er mit 16 Jahren seinen Angstgegner, der ihn früher oft schlug, im Finale der nationalen Meisterschaften endlich besiegte, war der Unterlegene so sauer, dass er seine Medaille wegschmiss. Mit 19 war Hurkacz die größte Hoffnung im Land, aber der Durchbruch kam erst als „HuHu“, wie er geannt wird, nach Amerika zog und Coach Craig Boyton traf. Der erfahrene Trainer sah in den jungen Polen etwas, was viele Coaches vor ihm übersahen: den Willen und den Fleiß, besser zu werden und unter den Besten der Welt mitzumischen. Florida, wo Boyton zu Hause ist, wurde auch „HuHus“ neues Zuhause. Seit mehr als zwei Jahren funktioniert das Duo perfekt. Der oft unterschätzte Hurkacz, der, wie ein Gegner einmal bemerkte „so brav ist und keinem Schaden zufügen will“, entwickelte sich zum gefährlichen Gegner. 2021 ist bisher sein Jahr. Es startete mit dem Sieg in Delray Beach, im April folgte der Titel beim Masters1000 im Miami. Jetzt das Halbfinale von Wimbledon. Nicht schlecht für einen, der außerhalb des Tennisplatzes immer noch wie ein Schuljunge aussieht. Als er Roger Federer besiegte, wurden alle verrückt in Polen. Montag nach dem Finale war er die Nummer elf der Weltrangliste. Es wird nicht mehr lange dauern, bis er seinen berühmten Landsmann Wojtek Fibak, der 1977 auf Platz zehn stand, überflügelt. Die beste Zeit von „HuHu“ kommt noch.

Wie weh das Federer tat, konnte man in seinen Augen nach dem Matchball lesen. Sollte dem Spieler, den viele für den Besten der Geschichte halten, Grand Slam- Trophäe Nummer 21 gelingen, wäre das ein Wunder. „One more year, one more year!“, skanditierten die Fans, bevor er den Platz verließ und in den Tunnel Richtung Clubhaus abtauchte. Unklar ist, ob Federer, der nach Wimbledon immer noch auf Platz neun der Weltrangliste stand, überhaupt noch mal zurückkehren wird. „Ich weiß es nicht“, sagte er am Ende seiner Reise im Tennistempel und sah aus wie einer, der es tatsächlich nicht weiß.

Für Djokovic scheint jetzt schon klar, dass er der Primus inter pares, die ewige Nummer eins der „Big 3“, ist: „Ich halte mich für den Besten und ich glaube, dass ich der Beste bin. Sonst würde ich nicht so selbstbewusst davon sprechen, Grand Slams zu gewinnen und Geschichte zu schreiben“, sagt er. Das kann man so sehen. Federer und Nadal allerdings hätten es auch in Phasen, in denen sie unschlagbar waren, nie so formuliert. Zu groß ist der Respekt vor den anderen Legenden.

Fakt ist aber: Bei den US Open wird Djokovic als Topfavorit antreten. Wer soll ihn schlagen, wenn er sein Tennis so zelebriert wie zuletzt in Paris und Wimbledon? Ja, man sieht auch bei ihm leichte Fehler hin und wieder. Aber in den entscheidenden Momenten kann er mühelos einen Gang höher schalten. Wenn er ein Break unbedingt will, bekommt er es auch.

Das weiß spätestens jetzt auch Matteo Berrettini. In der Anfangsphase traf der 25-jährige Römer keine Kugel, punktete nur mit seinem überragenden Aufschlag. Doch dann wurde es ein Match auf Augenhöhe. Berrettini ging die Rallys mit, variierte klug mit der Rückhand-Slice und ballerte mit der Vorhand, dass es auf den Linien nur so staubte. Am Ende unterlag der Italiener 6:7, 6:4, 6:4, 6:3 und die Durchgänge zwei bis vier waren vom Ergebnis deutlicher, als es die Ballwechsel auf dem Platz vermuten ließen.

Mit dem Sieg von Queen‘s war Berrettini angereist. Elf Matches in Folge hatte er auf Rasen gewonnen, bevor es gegen die Nummer eins ging. In Wimbledon schlug der Superathlet Berrettini bis zu 224 Kilometer pro Stunde auf. 117 Asse donnerte der 95 Kilogramm-Mann in sieben Partien in die gegnerische Hälfte – keiner war besser.

Entsprechend selbstbewusst trat der Mann, der mittlerweile in Monte Carlo wohnt, auf. „Alles, was ich erreiche, ist großartig, aber es ist nicht etwas, das ich nicht erwarten würde“, formulierte er etwas umständlich. Übersetzt heißt das: Ich weiß, wie gut ich mittlerweile bin.

Viel Potenzial für die Zukunft des Herrentennis

Kaum auszudenken, was in Bella Italia bei einem Sieg von Berrettini passiert wäre. Ein paar Stunden später und 15 Meilen nördlich wurde die italienische Mannschaft Fußball- Europameister. Berrettini wäre der erste italienische Wimbledonsieger gewesen. So war der Modellathlet und Frauenschwarm mit dem Drei-Wochen-Bart „nur“ der erste italienische Finalist in der Geschichte des All England Clubs.

Er muss sich noch gedulden. Genauso wie die anderen Youngsters. Denis Shapovalov zum Beispiel, der besser spielte als je zuvor und ins Halbfinale kam. Sein Landsmann Felix Auger-Aliassime, der Alexander Zverev bezwang und ins Viertelfinale einzog.

Ganz zu schweigen von denen, die schon länger anklopfen, aber in Wimbledon keine Rolle spielten wie Stefanos Tsitsipas (Erstrundenpleite gegen Frances Tiafoe) und Daniil Medvedev (Fünf-Satz-Niederlage gegen Hubert Hurkacz im Achtelfinale).

Die gute Nachricht: Die junge Generation rückt leistungsmäßig immer näher zusammen. Mit Spielern wie Jannik Sinner und Lorenzo Musetti (beide 19) muss einem um die Zukunft des Herrentennis nicht bange sein. Die Gegenwart heißt Djokovic und die Erinnerung an den „Summer Of ‘69“!