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VIEL MEHR ALS ICH!


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familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 02.12.2021

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Fies: Immer kriegt der

Es gibt etwas, was ich meinen Eltern noch heute gerne vorwerfe. Es war an irgendeinem Feiertag vor vielen Jahren.

Meine drei Geschwister und ich packten unsere Geschenke aus. Was meine große Schwester bekommen hat, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich genau, was meine jüngere Schwester im Geschenkpapier fand: eine Webcam. Mein kleiner Bruder bekam Inliners.

Und ich? Eine elektrische Zahnbürste Nie zuvor und nie wieder danach habe ich mich so benachteiligt gefühlt. Eine elektrische Zahnbürste! Als Geschenk! Das Schlimmste daran aber war, dass meine Geschwister tolle Sachen bekamen, während ich enttäuscht diesen dämlichen Gebrauchsgegenstand in den Händen hielt, der niemandem Spaß macht.

Die immer gleiche Frage: Wer wird bevorzugt?

Wer wie ich in einer großen Familie aufgewachsen ist, kennt das Gefühl von Neid und Eifersucht unter Geschwistern – dazu braucht es nicht einmal ein blödes Geschenk. Denn Neid ent­ steht durch Vergleich, und Geschwister vergleichen sich ständig miteinander. Dabei wollen alle eigentlich nur dasselbe: den Platz im Herzen der Eltern.

Da wird jedes Wort, jede Zuwendung, jedes Verbot, jedes Geschenk auf die Goldwaage gelegt. Sie buhlen um die Anerkennung in der Familie: Wer kann was besser? Wer ist schöner, schlauer, gewitzter? Wer wird öfter gelobt? Wer bekommt die meisten Geburtstagsgeschenke? Wer hat das schönere Fahrrad?

„Es gibt nichts, was ein Geschwister dem anderen nicht neiden kann“, sagt die Psychologin Dr. Katharina Ley aus Bern, die mehrere Bücher zu diesem Thema verfasst hat. „Es ist ein Neid, der automatisch unter Geschwistern entsteht. Jedes Kind ist sich selbst am nächsten und versucht, ein rechtes Stück vom Kuchen zu erhalten – und eben am liebsten ein größeres als die anderen.“

Prof. Hartmut Kasten, einer der bekanntesten Geschwisterforscher in Deutschland, schlägt in die gleiche Kerbe und sagt: „Rivalität unter Geschwistern ist ein ganz normales Gefühl. Kinder wollen sich immer mit Gleichaltrigen vergleichen, das gehört zum Entwicklungsprozess dazu.“

Und wer ist uns näher als unsere Geschwister? Wir sind gleich und doch verschieden, wir haben dieselben Eltern, aber nicht dieselben Voraussetzungen, wir wachsen gemeinsam auf, aber jeder wird allein groß. Geschwister sind uns so nah – und das macht die Beziehung zu ihnen manchmal so wahnsinnig kompliziert.

Meine große Schwester ist acht Jahre älter als ich, mein kleiner Bruder acht Jahre jünger. Neidisch waren sie weder auf mich noch ich auf sie. Worauf sollte ich auch neidisch sein? Als meine Schwes ter das Autofahren lernte, kam ich gerade erst aufs Gymnasium, als mein kleiner Bruder seine erste eigene Wohnung einrichtete, war ich fast 30.

EIFERSUCHT

Wenn noch ein Baby kommt

• Alle Kinder brauchen Ihre volle Aufmerksamkeit, vor allem, wenn ein neues Ereignis das Leben ändert.

• Behalten Sie Rituale bei (Zubettbringen, Vorlesen, regelmäßige Mahlzeiten).

• Betonen Sie die Vorzüge des Großseins: Es ist doch super, dass kein Schnuller mehr gebraucht wird …

• Es tut gut, wenn sich Mama intensiv mit den Großen beschäftigt, sie beim Stillen dabei sein dürfen etc.

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Ganz anders sieht die Sache mit meiner kleinen Schwester aus: Sie ist nur 13 Monate jünger als ich und war meine ganze Kindheit und Jugend über an meiner Seite. Ständig konnte ich sehen, was sie von meinen Eltern bekam, welche Privilegien und Freiheiten sie hatte, wie viele Freunde sie besuchten, zu wie vielen Geburtstagspartys sie eingeladen war. Und immer, wenn sie mehr Aufmerksamkeit bekam, wenn sie länger aufbleiben durfte, wenn sie die besseren Noten schrieb, hat mich das gewurmt. Prof. Kasten gibt mir recht: „Diese Konstellation ist die brisanteste. Geschwister mit dem gleichen Geschlecht in ähnlichem Alter vergleichen sich permanent miteinander. So entsteht zwangsläufig mehr Neid – aber auch mehr Nähe.“

„Manchmal sage ich, dass ich am liebsten ein Einzelkind wäre. Aber wo bleibt denn dann der ganze Spaß? Man hat keine Geschwister, die einem auf die Nerven gehen und mit denen man immer spielen kann.“

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Das ist zunächst auch nicht schlimm, denn ein gewisses Konkurrenzdenken ist natürlich und gehört zum Großwerden dazu. „Neidund Rivalitätsgefühle sind normal und wichtig für den Aufbau der eigenen Identität, für die Abgrenzung, für die Selbstbehauptung“, sagt Katharina Ley.

Neid sei ein Ansporn, ein Indikator dafür, um herauszufinden, was wir wirklich wollen. Zum Problem werde Neid, wenn er das Kind so stark verunsichert, dass es sich seines Platzes in der Familie nicht mehr sicher ist.

Jetzt sind die Eltern gefragt: Sie müssen dafür sorgen, dass Kinder lernen, mit ihren Neidgefühlen umzugehen.

Tipps für Eltern

• Verbalisieren: Neidgefühle entstehen schon ab etwa drei Jahren. Helfen Sie Ihren Kindern, diese Gefühle zu verstehen und zu benennen, sie sollten lernen, dass positive wie negative Emotionen zum Leben dazugehören – und dass es nur wichtig ist, wie man damit umgeht.

• Sich nicht ausspielen lassen: Oft möchten Kinder ihre Eltern zu einer parteiischen Antwort zwingen. Lassen Sie sich darauf nicht ein, und lassen Sie sich von Sprüchen wie „Du hast den anderen lieber als mich“ nicht erpressen. Am wichtigsten ist es, dass Sie immer dazu stehen, dass eine ungleiche Behandlung nichts über die Größe der Liebe zum Kind aussagt, sondern in diesem Moment angemessen ist.

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• Einzigartigkeit wahrnehmen: In einer Familie ist es gar nicht möglich, dass jeder exakt dieselbe Behandlung bekommt, so sehr sich die Eltern auch eine „gerechte“ Behandlung vorgenommen haben. Alle Mitglieder sind verschieden und haben unterschiedliche Bedürfnisse. Daher ist es nur gerecht, wenn jeder genau das bekommt, was er braucht. Und das sollten Eltern auch genau so vermitteln: Machen Sie Ihren Kindern klar, dass es zum Beispiel völlig in Ordnung ist, wenn ein krankes Kind länger fernsehen darf. Diese Behandlung gilt natürlich auch für das Geschwisterkind, wenn es das nächs te Mal mit einer Erkältung im Bett liegt.

„Ich durfte erst mit zwölf Jahren allein shoppen gehen, meine kleine Schwester darf das schon mit zehn. Meine Eltern sind viel nachsichtiger mit ihr – und sie muss sich gar nichts erkämpfen. Das nervt unheimlich!“

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• Selbstwert aufbauen: Negative Vergleiche stellt vor allem der an, der ein niedriges Selbstwertgefühl besitzt. Wer genug Selbstvertrauen hat, muss gar nicht neidisch sein, sondern kann seine negativen Gefühle in positive Bahnen lenken.

Dann kann aus Eifersucht Bewunderung werden. Unterstützen Sie die Stärken Ihrer Kinder und betonen Sie ihre Einzigartigkeit, zum Beispiel, indem Sie so ehrlich wie möglich sind: „Ja, deine Schwester spielt besser Klavier als du, das liegt daran, dass sie sehr viel übt. Aber dafür bist du der bessere Fußballspieler.“

• Statussymbole: Ein häufiger Grund für Neid ist der Besitz. Hat ein Kind wertvollere oder bessere Dinge als das andere, löst dies oft Eifersucht aus. Unterstützen Sie dieses Verhalten nicht und kaufen Sie nichts, nur weil es ein anderes Kind besitzt. Viel wichtiger ist es, Kindern zu helfen, einen eigenen Geschmack zu entwickeln. Vor allem, wenn die Sprösslinge Kinder aus anderen Familien beneiden, können Eltern ihr Weltbild geraderücken, indem sie sie für soziale Unterschiede sensibilisieren, zum Beispiel mit einer Spende für einen wohltätigen Verein.

Ich habe übrigens die Zahnbürste dann doch benutzt – und sie lebte sehr viel länger als die Webcam meiner Schwester.

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