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„VIER BEINE TRAGEN MEINE SEELE“


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 110/2018 vom 22.10.2018

So heißt das Buch, dasISABELL WERTHgemeinsam mit der JournalistinEVI SIMEONIvon der FAZ verfasst hat. Eine Biographie, in der es viel Neues zu erfahren gibt. Sehr offen spricht Isabell Werth über ihr Leben – nicht nur über die sonnigen Seiten. Hier ein exklusiver Auszug und ein Gespräch mit den beiden Autorinnen


Artikelbild für den Artikel "„VIER BEINE TRAGEN MEINE SEELE“" aus der Ausgabe 110/2018 von St.GEORG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: St.GEORG, Ausgabe 110/2018

Isabell Werth mit ihrem „Herzenspferd“ Bella Rose. Woran die Stute, die sensationell zurückkam und Weltmeisterin wurde, laboriert hat, schreibt Werth in ihrem Buch.


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Foto: www.toffi-images.de

Der Hannoveraner Gigolo war das Pferd, mit dem Isabell Werths Karriere begann. Mit dem Fuchs gewann sie 1996 in Atlanta Gold bei den Olympischen Spielen. 1999 kam es zu einer folgenschweren Fehleinschätzung auf dem Abreiteplatz beim CHIO Aachen.

DAS BUCH

Der Leser, selbst der gut informierte, erfährt in dieser Biographie viel Neues. Warum? Weil Isabell Werth ihr Leben auf den Tisch legt. Man hat nicht den Eindruck, dass sie etwas zurückhielte. Im Gegenteil. Doping, Rollkur und Piaffen sind genauso Gegenstand des Diskurses zwischen der Journalistin Simeoni und der Reiterin Werth wie äußerst persönliche Abhandlungen beispielsweise über „den Doktor“ Dr. Uwe Schulten-Baumer. Spannend und unterhaltsam!Jan Tönjes

Isabell Werth, Evi SimeoniVier Beine tragen meine Seele 336 Seiten, 22 Euro, Piper Verlag, München, ISBN: 978-3-492-05908-4

KAPITEL 2 – GIGOLO

„Die Frage, ob ich die Verletzung hätte verhindern können, zumindest das ganze Ausmaß, quälte mich. Wieder und wieder sah ich die Bilder vom Turnier in Aachen an mir vorüberziehen, an diesem fatalen Samstag im Juni 1999, als ich Gigolo fertig machte für den Grand Prix Special. Ich fühlte beim Aufwärmen genau, dass etwas nicht stimmte, und sagte zum Doktor, der am Rand des Platzes stand: Irgendwie ist da etwas nicht in Ordnung. Aber der Doktor wollte das nicht gelten lassen. Was du immer hast, beschwerte er sich, das liegt nur an deiner unruhigen Hand, reite halt mal richtig. Also riss ich mich zusammen und ritt in die Arena, drehte vor Beginn der Prüfung die übliche Runde ums Viereck und hatte noch einmal das Gefühl, als ob Gigolo sich irgendwie vertreten hätte. Aber ich folgte meinem Gefühl nicht und hörte lieber auf den Doktor, so wie ich es gewohnt war. Im Laufe der Prüfung verschlechterte sich Gigolos Zustand noch mehr. Wir hatten uns geirrt. Oder aber: Vor lauter Ehrgeiz verschlossen wir unsere Augen vor der Wahrheit. Ich habe allzu bereitwillig die Marschroute des Doktors befolgt. Ich werde mir ewig vorwerfen, dass ich ihm in diesem Moment nicht widersprochen und mich durchgesetzt habe. Ich habe zu verantworten, dass sich die sich anbahnende Verletzung verschlimmert hat und die Folgen dramatisch wurden.“

Gigolo ging durch diese schwere Prüfung mit einer Verletzung, Leute mit scharfem Blick sahen, dass er lahmte. Die Richter setzten ihn, wohl ihren alten Gewohnheiten folgend, noch auf Platz fünf, obwohl sie eigentlich die Glocke hätten läuten müssen, die solch einen Auftritt vorzeitig beendet.(…)

„Ein absolutes Scheißgefühl war das. Eine einzige Katastrophe.“

Nach der Prüfung diagnostizierte der Tierarzt eine „beginnende Lahmheit“ im rechten Vorderbein. Das Bein war geschwollen und schmerzempfindlich. Gigolo, Isabells treuer Gefährte, hatte eine Fesselträgerverletzung.

(…) In den bisher neun Jahren seiner einzigartigen Laufbahn war Gigolo nicht nur stets motiviert gewesen, sondern auch beinhart. In Aachen erlitt er seine erste schwere Verletzung.

Die Koinzidenz drängt sich auf: Es war Gigolo, der im Jahr 1989, am Tag ihres ersten Zusammentreffens, den Doktor und seine junge Nachbarin zu einem unschlagbaren Team zusammenschweißte. Und Gigolo war es auch, an dem sich in der Spätphase der Zerfall dieser Beziehung am deutlichsten zeigte. Der anschließende Streit im Stall war für Anwesende nicht zu überhören.

„Es ist mir sehr wichtig, zu betonen, dass ich die Verantwortung nicht auf den Doktor abwälzen will. Ich war es, die auf dem Pferd saß, und die hätte handeln müssen. Ich war jetzt fast dreißig Jahre alt. Das mit der blinden Ehrfurcht war passé.“

KAPITEL 3 – DER DOKTOR

Dr. Uwe Schulten-Baumer war der Mann, der aus dem Mädchen aus der Nachbarschaft die erfolgreichste Dressurreiterin aller Zeiten formte.

(…) Der Bauernhof der Familie Scheepers, wo Isabell im Dezember 1986 mit siebzehn Jahren Silvester feierte, steht auch in Rheinberg, im Krähenkamp, ganz in der Nähe der weißen Villa im Stil der Siebzigerjahre, wo der Doktor mit seiner Familie residierte.

„Da hat die folgenschwere Party stattgefunden. Hier fing alles an.“

Der Doktor war ebenfalls da. Er nutzte die Gelegenheit und sprach sie an. Sagte zu ihr, er sei ein bisschen in Not, seine Bereiterin liege im Krankenhaus, und nun würden die Tiere zu wenig bewegt, er brauche Hilfe. Schon am nächsten Tag ging sie hin. Und als die Berei- terin wieder gesund war, fragte er Isabell, ob sie trotzdem wiederkommen wolle, und sie hatte nur auf solch eine Frage gewartet und sagte sofort Ja.

Das ambivalente Verhältnis zwischen „dem Doktor“ und Isabell Werth ist ein Thema des Buchs.


Foto: Werner Ernst

Auch Weltmeisterinnen haben einmal auf etwas „Kleinem“ angefangen.


Foto: privat

„Es war, als ginge eine Tür für mich auf zu einer Welt, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Ehrfürchtig, schwer beeindruckt, hörte ich ihm zu und machte große Augen. Ich sah in ihm einen Guru – und glaubte, jetzt dem Guru über die Schulter schauen zu können.“

(…) Uwe Schulten-Baumer war ein Selfmademan. Ein Bauernsohn, geboren am 14. Januar 1926 in Kettwig. Pferde begeisterten ihn schon von klein auf. Als Kind putzte, fütterte und tränkte er in einem Reitstall in der Nähe aushilfsweise die Pferde, als Gegenleistung erhielt er seine ersten Reitstunden. Seinen Militärdienst leistete er bei der Marine ab. Er absolvierte eine Kadettenschule und konnte an den Wochenenden die Pferde der Kommandantur reiten. Ein halbes Jahr lang musste er im Zweiten Weltkrieg dienen und fuhr auf dem Kreuzer »Nürnberg« auf der Ostsee. Nach dem Krieg absolvierte er eine kaufmännische Lehre, holte das Abitur nach, studierte Volkswirtschaft in Würzburg und Bonn und promovierte mit der Arbeit »Verlauf der Kostenkurve der Zementindustrie «. Er fand eine Anstellung beim Roheisenverband, wurde dort Vorstandsmitglied und schließlich Geschäftsführer.

Der Beruf war fordernd, er musste viele Reisen unternehmen. Aber es schien zeit seines Lebens, als wäre das alles nur Mittel zum Zweck. Damit er seiner Pferdeleidenschaft nachgehen konnte. Der „blinden Passion“, wie er das nannte. Auch seine herausragenden Fähigkeiten in der Pferdeausbildung hatte er sich selbst erarbeitet. Als minutiöser Beobachter. Und in der Auseinandersetzung mit den besten Ausbildern seiner Zeit. Fritz Tempelmann etwa oder Generalmajor Albert Stecken. Schulten-Baumer hat nie eine klassische Bereiter-Ausbildung absolviert, er blieb ein hoch spezialisierter Autodidakt, der nie aufhörte, sich weiterzubilden.

„Zum Beispiel hat er sich mit Major Stecken regelmäßig zum Essen getroffen, um über die Pferdeausbildung zu philosophieren. Es stört mich, wenn heute so leichtfertig über Dinge geurteilt wird, die solche Menschen in intensiver Diskussion und im leidenschaftlichen Austausch weiterentwickelt haben.“

Es ist überliefert, dass der Doktor selbst ein exzellenter Springreiter war, der sich mit seiner unberechenbaren Stute Senta sogar in den damals noch extrem klobigen Pacours des Concours Hippique International Officiel, kurz CHIO, in Aachen wagte. Auch von dem Springreiter-Olympiasieger Alwin Schockemöhle hat er sich inspirieren lassen. Zeitzeugen sprachen mit Respekt von seinen Auftritten im Springsattel. Später verlegte er sich auf die Dressur. Doch bald hatte er keine Zeit mehr, sich selbst im Sattel zu profilieren. Er ließ reiten. Erst seine Kinder, vor allem seinen Sohn Uwe und seine Tochter Alexa. Dann Isabell.

„Wenn er nach Hause kam, von einer Geschäftsreise in die Schweiz oder nach Brasilien, verharrte das ganze Anwesen in angespannter Stille. Alles lauschte auf das nächste Geräusch, das entstand, wenn er zum Postkasten ging ,seine Briefe herausnahm und ihn wieder schloss. Wenn er ihn zuknallte, zuckten alle im Haus und in der Reithalle zusammen. Aha. Schlechte Laune. Manchmal wurden trotzdem am Abend nach 18 Uhr noch drei Pferde geritten. Das war seine Möglichkeit, herunterzukommen und Kraft zu tanken. Sein Lebenselixier.“

Isabell Werth mit den beiden, denen sie ihren Karrierestart verdankt: Gigolo und Dr. Uwe Schulten-Baumer.


Foto: Archiv

KAPITEL 10 – DOPING

(…) Der Antidoping-Kampf ist und bleibt ein zwiespältiges Thema – die Maßnahmen werden immer weiter verschärft, weil die Doper immer trickreicher werden. Gleichzeitig überschreiten sie immer wieder die Grenzen des Zumutbaren. Um die Absurdität auf die Spitze zu treiben: Auch die Reiter gehören den Testpools der Sportverbände an, genau wie ein Sprinter oder Gewichtheber.
(…) Dass im Morgengrauen jemand an der Tür klingelt und eine Urinprobe einfordert, muss ein Leistungssportler akzeptieren. Auch wenn in seiner Disziplin das Pferd der Athlet ist. Andernfalls gefährdet er seinen Ruf – und womöglich seine Karriere.
„(…) Das ganze System widerspricht meiner Auffassung von Grundrechten, meinem Freiheits- und meinen Persönlichkeitsrecht.
(…) Auch die Kontrollen an sich empfinde ich als unwürdig. Wenn ich auf dem Reitturnier zusammen mit der Kontrolleurin auf eine Minitoilette gebeten werde, in die man zu zweit kaum hineinpasst. Ich darf mir nur mit Wasser die Hände waschen, weil sie befürchten, ich könnte eine Substanz unter den Fingernägeln haben, mit der ich später die Probe kontaminiere. Wir müssen auf die Toilette gehen, alle Kleidung hochschieben, damit sie sehen können, dass nichts unter dem Pullover versteckt ist. Dann beträgt der Abstand von der Schüssel zur Tür vielleicht fünfzig Zentimeter, die Nähe zu einer fremden Person ist nur schwer erträglich. Wenn du gerade dabei bist, ins Töpfchen zu machen, sitzt sie dir fast auf dem Schoß. Das ist entwürdigend.“

Wer also ein entspanntes Gespräch über Doping führen will, sollte sich besser nicht Isabell dafür aussuchen. (…) Ihr Verhältnis zur Deutschen Reiterlichen Vereinigung allerdings ist inzwischen eher sachlicher Natur.

„Das Gefühl, beschädigt zu sein, habe ich nicht mehr. Ich habe eher den Eindruck, die Leute verstehen, dass das, was mir widerfahren ist, so etwas wie Schicksalsschläge waren. Dass ich nicht zu denen gehöre, die betrügen oder manipulieren. Ich glaube, dass ich die Menschen davon überzeugt habe, dass ich etwas kann und mein Erfolg nicht aus der Tube oder Flasche kommt. So eine lange Karriere mit so vielen Pferden kann man sich nicht ergaunern.“

KAPITEL 11 – WEIHEGOLD

Weihegold kam mit der Bereiterin Beatrice Buchwald nach Rheinberg. Nach den Verletzungen von Bella Rose und Don Johnson avancierte sie zu Isabell Werths Championatspferd.


„Bella Rose schien selbst erkannt zu haben, dass sie Ruhe halten musste. Sie bremste sich, versetzte sich in einen neuen Modus, in dem sie die Ereignisse stoisch über sich ergehen ließ. In der Wildnis würde ein Pferd, das als Fluchttier geboren ist, eine solche Beinverletzung nicht lange überleben. In der Zivilisation verwandelte sie sich in eine geduldige Patientin. Zwölf Monate lang schlich sie ausschließlich im Schritt herum. Und doch blieb sie die Königin.“


Emotionaler Abschied aus dem Sport in Stuttgart: Satchmo mit Madeleine Winter-Schulze, mit der sich auch ein Kapitel beschäftigt.


Foto: ww.toffi-images.de

Weihegold ging einen etwas anderen Weg als die meisten Pferde im Stall von Isabell Werth. Ihr widmet sich das vorletzte Kapitel.


Foto: www.toffi-images.de

„Die Stute ist ein ehrliches, unkompliziertes Pferd, das es dem Reiter sehr leicht macht. Sie ist total leistungsbereit und fokussiert auf das, was gefragt wird. Sie strengt sich immer wahnsinnig an, und das muss ich berücksichtigen.(…) Wir sind einen spannenden Weg miteinander gegangen: Ich wusste von Anfang an, dass noch deutliches Potenzial vorhanden war. Ich hatte ja nicht eine Wundertüte übernommen, sondern hatte das Pferd mit Beatrice die ganze Zeit begleitet. Ich wusste, wie das Pferd tickt und worauf man achten muss. Lektionstechnisch war alles vorhanden, aber es gab in der Feinabstimmung und in der körperlichen Darstellung noch Defizite. Ich musste von Turnier zu Turnier lernen, wie die Vorbereitung am besten zu gestalten war. Die letzten Fortschritte bezüglich Kraft und Kondition bekommen die Pferde ja über Prüfungserfahrungen, weil man da ganz anders an das Leistungsniveau herangeht und alle Möglichkeiten ausschöpft, wie man das in der Regel beim Training zu Hause nicht tut.“

An Bella Rose hat Isabell Werth immer geglaubt. Die Stute hat es ihr gedankt.


Foto: www.toffi-images.de