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Viermal die Sechs


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Bahn Extra - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 14.10.2022

BahnEpoche

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Bildquelle: Bahn Extra, Ausgabe 6/2022

Oft ging unsere Traditionslok mit anderen Lokomotiven auf Tour. Großes Interesse war dabei jedes Mal garantiert, wie bei der Sonderfahrt mit 52 6666 und 38 1182 im Mai 1986 nach Templin, hier beim Fotohalt in Bergsdorf

Viele der später so genannten Traditionslokomotiven der Deutschen Reichsbahn waren im Süden der DDR beheimatet. Dort gab es auch über Jahre die großen Fahrzeugausstellungen. Doch Eisenbahnfreunde fanden sich ebenso in den nördlichen Bezirken. Ihren Aktivitäten ist es zu verdanken, dass seit 1983 die 52 6666-3 des Bw Berlin-Schöneweide mit zum Park der betriebsfähigen Museumslokomotiven zählte. Sie war eine Traditionslok der DR. Sprich, sie wurde von der Reichsbahn unterhalten und eingesetzt – museal wie im Regelbetrieb.

Der Lebenslauf der 52 6666

Die Lok mit der leicht zu merkenden Nummer entstammte dem Baulos der 52 6665 bis 52 6676 und entstand 1943 bei den Škoda-Werken in Pilsen. Die Kriegslok aus dem vierten Kriegsjahr wurde von der Reichsbahndirektion Dresden direkt übernommen und dem Bahnbetriebswerk Nossen zugeordnet, wo man mit den 52ern Lokomotiven der Baureihe 50 freisetzte. ...

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... Offenbar als Lokhilfe gelangte die 52 6666 nach Chemnitz-Hilbersdorf. Das war aus der Sekundär-Literatur oder dem Betriebsbuch heraus unbekannt. Am 16. April 1945 erlitt die Maschine einen Fliegerdurchschuss, stand fast einen Monat zur Reparatur und erlebte auf diese Weise das Kriegsende.

Die Transportverwaltung der Deutschen Reichsbahn in der sowjetisch besetzten Zone konzentrierte ab 1947 Baureihen gemäß der Gattungsbereinigung in ein bis zwei Direktionen. Die RBD Berlin wurde so zu einem Standort für die 52, auch für 52 „viermal die sechs“.Wie ihre Schwesterloks fuhr sie Güterzüge in und um Berlin.Vom Bw Jüterbog aus führte der Weg zudem bis nach Elsterwerda. In Berlin waren es zumeist Touren zwischen den einzelnen Rangierbahnhöfen, zum Beispiel nach Seddin, Pankow, Wuhlheide oder Wustermark. Große Aufgaben kamen auf die Lok in ihren letzten „echten“ Betriebsjahren nicht mehr zu.

Der schwierige Weg zur Traditionslok

Zu der Frage, warum genau diese Lokomotive der Baureihe 52 erhalten wurde, gibt es verschiedene Geschichten. Jeder eingefleischte 52er-Fan kann sofort andere Exemplare aufzählen, die es eher verdient hätten, aufbewahrt zu werden. Ohnehin tat man sich bei der DR mit der Geschichte einer Kriegsdampflokomotive schwer. Wenn schon eine 52 als Museumsstück vorgesehen war, dann musste sie zumindest eine politisch unbedenkliche Herkunft aufweisen – also aus einem „sozialistischen“ oder „befreundeten“ Werk kommen. Damit schieden schon mal all jene Maschinen aus, die bei einem Unternehmen gebaut worden waren, das außerhalb des Ostblocks lag, wie Henschel & Sohn in Kassel. Auch die Ferti- gung bei einem „faschistischen Kriegsgerätehersteller“ wie der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik (DWM) in Posen kam nicht infrage. Eher entsprach diesen Auswahlkriterien die Wiege der 52 6666 – Škoda in Plze?, dem einstigen Pilsen. Das Werk in der Tschechoslowakei hatte sich zwar zu Kriegszeiten in einem okkupierten Land befunden, andererseits war die ?SSR jetzt einer der befreundeten Staaten.

Auch sonst gab die Frage nach der Museumslok Anlass zu Diskussionen. Für die museale Nutzung sprach die Schnapszahl 52 6666 – wer wollte nicht mit einer solchen Lokomotive unterwegs sein? Dagegen sprach wiederum, dass die Lok in ihrem Heimat-Bw Schöneweide nicht gerade beliebt war. Sie zählte zu den „wilden“ Maschinen, gehörte zu keinem Stammpersonal einer Brigade. Und es hieß, sie sei ein schlechter Dampfmacher.

Zumindest dieses letzte Argument versetzte uns, die wir später mit der Traditionslok regelmäßig unterwegs waren, in Staunen. Falls derVorwurf wirklich stimmte – wie vorzüglich müssen da erst die anderen 52er der Originalversion Dampf gekocht haben!? Denn die 6666 war gut! Und da sie selten im Einsatz gestanden hatte, war auch ihr technischer Zustand bezogen auf das Fahr- und Triebwerk gut.

Im Bw Schöneweide hieß es, die 6666 mache schlecht Dampf. Das erlebten wir aber anders

Allen Zweifeln und Zweiflern zum Trotz: Letztlich machte die DR Lok 52 6666-3 zur Traditionslok, die für Sonderzüge zur Verfügung stand. 1981 kam die Maschine mit einer Hauptuntersuchung aus dem Reichsbahnausbesserungswerk (Raw) „Helmut Scholz“ Meiningen nach der Schadgruppe L7 nach Berlin zurück. Ihre erste Sonderzugfahrt führte die Lok am 18. September 1982 zusammen mit 74 1230 östlich von Berlin über Müncheberg – Werbig nach Wriezen und zurück nach Berlin-Lichtenberg.

Diese Strecke war seit Jahren bekannt und wurde gern vom DMV, dem Deutschen Modelleisenbahn-Verband der DDR, zusammen mit der DR ausgewählt. Oft bewies der DMV dabei ein gutes Händchen, Lokomotiven vor ihrem Ende oder Verkauf noch einmal einem breiten Publikum zu zeigen. Bei 52 6666 und 74 1230 verhielt es sich anders; diesmal zeigte man zwei Loks, die nun wieder unter Dampf standen.

Zurück im Bw Schöneweide, verkam 52 6666 recht schnell. Keiner kümmerte sich um sie. Noch galt es für das Bw, vor allem Heizlokomotiven für die Weichenheizungen in Berlin-Pankow, Wuhlheide oder auch Schöneweide vorzuhalten. Oft stand 52 6666 an der „Schwarzen Brücke“ im Rangier- bahnhof Berlin-Pankow, unweit des Bw Pankow am S-Bahn-Haltepunkt Pankow-Heinersdorf. Bei den geringen Laufleistungen änderte sich nach 1982 nicht allzu viel. Als künftige Museumslok stand sie öfter abgestellt oder musste, weil sie bestens gepflegt war, als „saubere Heizlok“ bei Festveranstaltungen neben dem Dienstgebäude in Schöneweide herhalten.

Ein Pflegekollektiv des DMV

Eine Traditionslok hatte die DR damit für Berlin ausgesucht. Aber gab es auch Betreuer für die Maschine? Der DMV war eine Heimstätte vieler Eisenbahnfreunde und Freunde des Schienenverkehrs. Und in der Tat, dort fanden sich in den Berliner Gruppierungen einige Interessenten zusammen, Reichsbahner zumeist, die sich für die Dampftraktion begeisterten – unter anderem auch ich. Plötzlich nahm die Initiative richtig Fahrt auf. Viele Jugendliche erschienen, die betonten, dass sie eine Dampflok betreuen wollten. Sie betonten es so sehr, dass wir hellhörig wurden. Später stellten wir fest, dass das eine oder andere gänzlich neue Mitglied ein IM, ein inoffizieller – freiwilliger – Mitarbeiter der Staatssicherheit war. Sogar offizielle Mitarbeiter der Stasi hatten sich unter die Interessenten gemischt.

Nichtsdestotrotz wollten wir, eine Gruppe von Berliner Eisenbahn-Enthusiasten, uns um die Traditionslok 52 6666-3 kümmern. Im Herbst 1985 war es so weit, dass eine Partnerschaft mit dem Bw Schöneweide arrangiert werden konnte. Wie das gelang, blieb uns zunächst ein Rätsel. Der damalige Schöneweider Chef Egon Haase war alles andere als ein Freund der Dampfrösser und ihrer Fans. Aber er beugte sich, stellte Lokführer und Schlosser als unsere Begleiter vor. Den Grund für das überraschende Entgegenkommen erfuhren wir Jahre danach: Auch diese Betreuer hatten Aufgaben als IM.

Fürs erste war aber ein Pflegekollektiv des DMV für Lok „viermal die sechs“ geschaffen. Aus der Jugendgruppe wurde die Arbeitsgruppe „Dampflokomotiven“. In dieser fanden sich einige Eisenbahner, die in ihrer Freizeit schon oft als Heizer fuhren, ja sogar längere Zeit in anderen Bahnbetriebswerken als Heizer aushalfen. Die Kenntnisse waren da. Die weiteren Mitglieder aus anderen Bereichen sollten in wöchentlichen Einsätzen die Unterhaltung der Dampflokomotiven erlernen.Von der Kesselwäsche bis zur Reparatur.

Hier verlacht, da bester Kunde

Unser Steckenpferd machte uns bei den Kollegen schnell zum Gesprächsstoff. Viele Lokführer und Schlosser, alte wie junge, lachten über die „Verrückten“. „König Dampf“, meinten sie, solle endlich ausgedient haben. Beim Leiter Tb (Triebfahrzeugbetrieb) waren wir dagegen bester Kunde, gefragt wie nie. Am Wochenende seien noch

Daten zur Lok

Auszug aus dem Betriebsbuch der 52 6666

52 6666, ab 1970 52 6666-3, ab 1992 088 525-1 Fabriknummer 1492 Gebaut von A.G., vormals Škodawerke in Pilsen Tag der Anlieferung: 27.10.1943 Tag der Endabnahme: 27.10.1943 Endabnahme im Raw Chemnitz am 27.10.1943, Probefahrt von Chemnitz nach Narsdorf

Beheimatungen Bw Nossen 28.10.1943 – 28.12.1944 Bw Ch.-Hilbersdorf 14.01.1945 – 06.04.1947*Bw Berlin-Lichtenberg 20.05.1947 – 30.06.1954 **Bw Bln-Rummelsbur 01.07.1954 – 22.09.1956 Bw Bln-Schöneweide 23.09.1957 – 05.06.1959 Bw Jüterbog 06.06.1959 – 28.10.1971 ***Bw Bln-Schöneweide 29.10.1971 – 29.06.1994 z ****

* keine Beheimatungen im Betriebsbuch nachgewiesen. Dargestellt sind für diese Zeit folgende Aufenthalte im RAW Zwickau:

RAW Zwickau L0 29.12.1944 – 13.01.1945, RAW Zwickau L2 03.04.1946 – 10.05.1946, RAW Zwickau L3 07.04.1947 – 19.05.1947. Im Leistungsnachweis ist das Bw Chemnitz-Hilbersdorf als Heimat-Bw 1945 – 1947 eingetragen.

** 1 949 zeitweise im Leistungsnachweis im Bw Berlin-Grunewald dargestellt

*** k ein Austrag durch das Bw Jüterbog,

**** k ein Austrag im Bw Berlin-Schöneweide. Lok von erneuter Aufarbeitung zurückgestellt (z)

Die Lok ist im Lokschuppen des einstigen Bw Berlin-Schöneweide hinterstellt und wird bei Veranstaltungen öffentlich präsentiert.

Zuständige Ausbesserungswerke waren Chemnitz 1943 – 1947, Stendal 1949 – 1952, Cottbus 1953, Stendal 1955, Berlin-Tempelhof 1956, Stendal 1957 – 1979, Meiningen 1981 – 1991.

Heizerdienste im Betonmischzug oder an der Weichenheizung offen… Okay, wir sagten zu und waren mit Reko-52ern und auch 52 6666 dabei. Dafür gab es gutes Geld. Der Traditionslokdienst mauserte sich. Und was die Spötter betrifft: Mancher junge Lokführer, der anfangs über uns lachte, ist heute im Nachfolge-Verein tätig ...

So gut sich das erste Jahr angelassen hatte, es endete im Dezember 1985 mit einem Kesselschaden, verursacht durch ein fremdes Personal im Bahnhof Teltow. Nun stand die Schnapszahl-52 wieder abgestellt und wartete auf Aufnahme in das Raw. Künftig sollte es dann Stammpersonale geben, altgediente Lokführer und zumeist die Heizer vom DMV.

Mit geflicktem Kessel stand 52 6666 ab Mai 1986 dem Fahrtprogramm wieder zur Verfügung. Nahezu in einem Ritt ging es vom Raw Meiningen über Berlin nach Templin. Dort wurden die runden Ziffern gegen im Westteil Berlins angefertigte Spitzzahlen getauscht. Von Templin verlief die Tour über Fürstenberg – Templin nach Löwenberg, zusammen mit der Geraer 38 1182.

Das An- und Abbauen aller Schilder und auch des Läutewerkes war sowieso ein eigenes Thema. Bei jeder Fahrt brachte es uns aufwendige Vor- und Nacharbeit ein. Aber es hatte auch seine Vorteile: Wir besaßen drei Schildersätze, die wir nach Wunsch aufset- Schade nur, dass das Sonderzugprogramm in all den Jahren übersichtlich blieb. Ab und zu wurden wir vom DMV in Berlin geordert. Öfter sorgten persönliche Beziezen konnten. Ob runde Ziffern, runde Ziffern mit EDV-Zusatzzahl oder Spitzziffern, wir waren gerüstet. Und um den Schildertausch rascher durchführen zu können, hatten wir die Schrauben festgeschweißt und befestigten nun alles mit Hutmuttern. Die stammten aus dem Bww Falkenberg, wo wir auf hilfsbereite Eisenbahner gestoßen waren. Mit der Schilder-Auswahl, weiteren kleinen und großen Umrandungen oder Blumensträußen an der Rauchkammertür überraschten wir bei den Veranstaltungen immer wieder.

Weitere bekannte Berliner Sonderzugfahrten führten wieder mit 38 1182 von Angerhungen zu anderen Arbeitsgemeinschaften dafür, dass wir mit 52 6666 ausrückten und etwa in Zwickau oder Erfurt West gastierten. Wir machten Fahrten für das Reisebüro der DDR (für Reisegruppen aus West-Berlin zum Spreewald) oder für Rentner nach Lutherstadt Wittenberg. Dazu kamen jährlich Tou- ren zum Jazzfestival im Fläming und ein paar Filmaufnahmen. Für eine Abfahrszene der Sowjetischen Armee 1945 im Bahnhof Storkow zusammen mit 52 4966 waren wir für den Film „Der Sieg“ fünfTage beschäftigt. münde nach Wriezen oder mit der Škoda-Schwesterlok 52 8021 zusammen nach Beeskow. Und es gab bereits zu früheren DR-Zeiten „Plandampf“. Zum 120-jährigen Bestehen des Rangierbahnhofs Berlin-Rummelsburg 1989 fuhren wir drei Tage Leerreise- und Postzüge durch die Stadt. An den Sonderzugfahrten im Westteil der Stadt nahm 52 6666 auch teil, jedoch ohne uns. Ebenso mussten wir bei den Solidaritätssonderzügen zum Berliner Alexanderplatz zusammen mit 74 1230 die Lok den „Passpersonalen“ des Bw Ostbahnhof übergeben. Ab Berlin Ostbahnhof fuhr man bereits auf der „Transitstrecke“. Unserem Eifer schadete das wenig. Stolz konnten wir darauf verweisen, dass mit der festen Mannschaft und vor allem der WerkstattabteilungTU im Bw Schöneweide unsere 52 stets einsatzbereit war.

Wir bauen um!

Was uns mehr störte: 52 6666 hatte nicht mehr das Ursprungsaussehen. Die charakteristischen kantigen Windleitbleche der 52 waren mit dem Kesseltausch 1978 im Raw Meiningen verschwunden. Die leicht gerundeten, nach vorn geneigten neuen Bleche gaben der Lok ein merkwürdiges Aussehen. Vielfach versuchten die Eisenbahnfreunde des DMV, diese Bleche zu richten, sie neu zu befestigen oder schlichtweg gewaltsam durch einen Ga- belstapler zu verbiegen. Das Bild wurde nicht besser. Da neue Bleche im Bw Schöneweide nicht zu kriegen waren, versuchten wir es 1988 mit einem Tausch. Nur wenige Lokomotiven kamen infrage. Die Windleitbleche der Glauchauer 50 2146 durften nicht verändert werden, da die Lok verkauft war. Blieben die der abgestellten Halberstädter 50 3512. Ein Anruf beim Bw-Chef in Halberstadt: Der Leiter stimmte einemTausch zu. In Berlin organisierten wir einen Sitz-Gepäck-Reisezugwagen, beluden ihn mit den vorhandenen 52er-„Ohren“, ließen ihn in den D-Zug nach Halberstadt einstellen und fuhren zu viert in die Stadt am Harz. Dort holte eine Rangierlok der Baureihe 102 den Wagen ins Bw, ein Gabelstapler erledigte den Austausch. Danach ging es zurück nach Berlin … und die neuen Bleche passten! Was alles so auf dem kleinen Dienstweg klappte. Es war der direkte, offene Kontakt. Und auch im Bw Schöneweide gab es mit dem neuen Bw-Chef Hans-Jürgen Neumann und dem Hauptingenieur Krauß Eisenbahner, die zuhörten und sich einbrachten.

Der nächste Tausch betraf die Vorläufer-Achse. Passend für einen „Originalzustand“ wäre ein Vollradscheibe. Noch hatte die Lok an der Stelle Speichenräder. Doch jegliche Tauschversuche mit anderen 52ern im Bw Schöneweide scheiterten. Zu umfangreich wären die Anpassungsarbeiten aufgrund unterschiedlicher Rahmenbauarten der Hersteller geworden. Und so überlegten wir: Passt Škoda zu Škoda? Wustermark hatte Lok 52 8021, die nach ihrer Aufarbeitung im Raw einen Scheibenradsatz vorwies. Der Leiter des Bw Wustermark stimmte unserem Vorhaben sofort zu. An einem Wochenende ging es mit 52 6666 unter Dampf als Lokzug nach Wustermark und nach wenigen Stunden war der Tausch vollzogen. Aktionen, die heute unvorstellbar sind.

In mehreren Etappen versuchten wir, Lok 6666 in den Zustand als Kriegslok zurückzuversetzen

Rückblickend betrachtet, kann man einige unserer Wünsche durchaus ambitioniert nennen. Für die 1990 geplante Hauptuntersuchung hatten wir dem Leiter des Bw Schöneweide Pläne vorgelegt, die das Aussehen von 52 6666 noch mehr auf die Vergangenheit ausrichten sollten. Wir dachten an einen Frostschutz, das Versetzen der Lichtmaschine und des Dampfverteilers sowie an einen zweiten Tender. Das sollte ein Wiener Steifrahmentender sein. Ein extravagantes Vorhaben, denn solche Tender gab es bei der DR nicht mehr. Nach vielen erfolglosen Anfragen endlich ein Hoffnungsschimmer: Ein Foto zeigte einen gut erhaltenen Wasserwagen in Köthen, der aus einem Steifrahmentender hervorgegangen war. Ob man den vielleicht …?

Inzwischen war die Mauer offen, in der Euphorie so unmittelbar nach der Wende schien viel Platz für visionäre Ideen zu sein. Die DR investierte reichlich Geld in den Aufbau verschiedenster Fahrzeuge. Und wir gingen auf Tuchfühlung zu Köthen, wo der Leiter einer Abgabe des Wasserwagens zustimmte – wenn wir ihm dafür einen Tender gäben. Die für April 1990 anstehende Fahrt zum Raw Meiningen wurde somit auch zu einer Reise in SachenTendertausch. Aus der Schadreihe im Bw Schöneweide hatten wir den Tender von 52 2614 herausgeholt und vorbereitet. Stunden später fuhr 52 6666 mit diesem zweiten Tender nach Halle. Dort stand der Wasserwagen, wir tauschten ihn gegen unser Mitbringsel der 52 2614 und weiter ging‘s nach Meiningen. Nach Transportkosten fragte niemand.

Nach zwei Monaten stand 52 6666 in Meiningen mit dem neuen Kessel, entnommen von 52 5660, bereit. Das erfreute nicht alle. Manche beklagten, man hätte auch 52 5660 von Schichau erhalten können…

Auf die Schilder an der Lok verzichteten wir fortan. Wie zur Anlieferung genügte eine Schablonen-Anschrift. Die nächsten Sonderfahrten lehrten uns außerdem, dass nicht jede Anpassung an den früheren Bauzustand geglückt war. Der Kasten über der Luftpumpe erwies sich als zu groß. Auch andere dampfführendeTeile wurden zu schnell heiß. Die Verkleidungen um die Pumpen oder um den nach innen verlegten Dampfverteiler mussten wir wieder entfernen. Nur die Lichtmaschine konnte an ihrem neuen Platz vor dem Führerhaus verbleiben. Schwierig gestaltete sich weiterhin der Aufbau des zweiten Tenders im Raw Meiningen. Es fehlten Zeichnungen. Wenigstens bekamen wir die in Berlin bei Eisenbahnfreunden. Rasch im Westteil der Stadt kopiert, schickten wir sie am nächstenTag im D-Zug nach Meiningen.

Und schließlich kam der Tag, an dem wir den Tender abholen sollten. Abholen? Ein wenig Testen wäre vielleicht nicht schlecht. Wir knüpften Kontakt zu Robin Garn, dem bekannten Plandampfinitiator, teilten mit, dass wir im Februar 1991 auch in Meiningen seien, und fragten, ob nicht in der Zeit Planzüge anstünden. Alle wurden sich schnell einig, und wir erledigten drei Tage „Anpassungsarbeiten“ im Zugdienst.

Wer heute über diesen Tender meckert, der weiß nicht, wie mühevoll das Besorgen jeglicher Teile oder Fahrzeuge zu DR-Zeiten war. Natürlich war diesem Steifrahmentender ein schlechter Bogenlauf beschieden. Aber was machte das? Durch eine enge Weichen-Verbindung in Töpchin lief der Tender sogar gut; da machte uns eher derVorläufer Sorgen, der am Rahmen kratzte… Und sicherlich war auch eine Glocke nicht gänzlich typisch für eine 52er. Doch in den 1960er-Jahren wiesen viele einstige Kriegsloks diese auf. Und bei Sonderzugfahrten war es eine Besonderheit.

Kurzum: Mochte unsere 52 6666 in mancher Hinsicht einen Kompromiss darstellen, uns in und um Berlin machte sie stolz.

Zwischen Wende, Neubeginn und Aus

Nochmal zurück zur politischen Wende, die in der DDR in so ziemlich allen Bereichen alles neu machte. Der DMV zum Beispiel war alsbald nach dem Herbst 1989 Geschichte. Wie nun weiter in den neuen Gesellschaftsformen der Bundesrepublik? Unsere Gruppe schloss sich dem Verein „Preußische Staatseisenbahn e.V. – Dampflokfreunde Berlin“ an. Letztlich verfolgte dieser Verein andere Ziele. Und doch organisierten die Dampflokfreunde mit dem Fahrvergastverband ProBahn Sonderzugfahrten unter anderem nach Töpchin, Neuruppin, Röbel oder Beeskow. Hinzu kamen die ersten öffentlichen Tage im Bw Schöneweide. Zu Ostern 1992 startete eine gewaltige Schuppenparade. Nach Bayern verkaufte Loks konnten mit der Zustimmung des neuen Besitzers umgeleitet und präsentiert werden. Zwei weitere Publikumstage folgten bis 1994, die die Organisatoren an ihre Grenzen brachten. Ohne das Mitwirken des Bw-Chefs Neumann wäre vieles nicht mög- lich gewesen. Er leistete auch bei verschiedenen weiteren Aktivitäten rund um Lokomotiven der Baureihe 52 Unterstützung, wie bei dem Ankauf von 52 8177 oder der neu eingerichteten wöchentlichen Plandampfaktion, bei der zumeist Reko-52er samstags nach Lübbenau („Gurkenzug“) und sonntags nach Rheinsberg dampften.

Nahezu unbemerkt kam 1994 die Abstellung für 52 6666. Seitdem steht sie im Bw Schöneweide

Leider entwickelten sich auch Querelen im Verein, die einen stetigen Mitgliederabgang bewirkten. Von den DMV-Freunden war nach 1993 kaum noch einer dabei. Einsätze für 52 6666 wurden selten, und nahezu unbemerkt kam schließlich das Datum der endgültigen Abstellung im Juni 1994.

Neu waren die Initiativen im Bw Schöneweide. Mit der Aufnahme von Schöneweider Eisenbahnern in den Verein „Dampflokfreunde Berlin“ fanden sich neue Mitglieder, die zunächst die betriebsfähige Aufarbeitung von 52 8177 forcierten. Das DB Museum übergab 1996 formell 52 6666 als Leihgabe an die Dampflokfreunde. Bei Ausstellungen zeigte man sie – mal mit Wannentender, mal mit Steifrahmentender. Nur ihren Schneepflug hat sie irgendwie eingebüßt, den sie zu DR-Zeiten quasi von der veräußerten 52 1360 bekommen hatte.

Ende der 1990er initiierte die Zentrale DB Fernverkehr das DB-Nostalgieprogramm. Neu im Bw Schöneweide war dafür 74 1230. 52 6666 hatte man nicht vorgesehen. Verschiedene Pläne kursierten, nur eine Aufarbeitung dieser 52 schied aus. Bald darauf zog Ruhe bei den DB-Aktionen ein.

Heute steht 52 6666 neben anderen im Rundschuppen des Bw Schöneweide bei den neuen Dampflokfreunden in Berlin. Ich habe mich nach Querelen und aus beruflichen Gründen aus dem Pflegekollektiv zurückgezogen, aber hin und wieder gelingt es mir, „viermal die sechs“ zu besuchen. Es ist immer eine schöne Begegnung – verbunden mit der leisen Hoffnung, dass ich sie eines Tages wieder unter Dampf sehen darf.