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Víkingur Ólafsson Aus der Zeit gefallen


Rondo - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 27.03.2020

Klaviernerd in überkorrekten SakkKlaviernerd Sakkos: Der Isländer Ólafsson hat so Erfolg. Und widmet sich jetzt Rameau wie Debussy.


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Im Rausch der Farben: Unter Víkingur Ólafssons Händen verbrüdern sich am modernen Flügel die Klangwelten Jean- Philippe Rameaus und Claude Debussys


Foto: Stefan Hoederath/DG

Nein, diesmal ist es kein Klavier in einer isländischen Fischfabrik und auch keine Menschen werden wie vom Messias durch ein Dorf in eine leere Halle gelockt, in der Víkingur Ólafsson am Klavier sitzt und jeweils Bach spielt. Aber im wie stets sehr besonderen Video zu seinem dritten Album für sein Hauslabel ist dessen gegenwärtiger Erfolgskünstler aus Island ebenfalls in einem nordischen Ambiente platziert, diesmal in einem holzgetäfelten Wohnzimmer mit Sixties-Möbeln (nicht irgendeines: das Wohnzimmer von Islands berühmtem Schriftsteller und Nobelpreisträger Halldór Laxness in seinem Haus Gljúfrasteinn). Und er spielt Jean Philippe Rameau - in eigener Bearbeitung: „The Arts and the Hours“. Das ist die Adaption eines Divertissements über Homden Einzug der Musen aus dessen letzter Oper „Les Borádes“. Transkribiert wieder für modernes Klavier. Und zu sehen sind dabei drei Menschen, drei Sammler, und ihre Kollektionen - Spielzeug-Roboter, Bücher, Flipperautomaten.

Denn nicht nur Rameau stellt der sowohl beim OPUS Klassik wie eine Woche später beim Grammophone Award 2019 ausgezeichnete Víkingur Ólafsson in den Fokus der jüngsten Silberscheibe, sondern dazu auch einen ideellen Nachfahren, ebenfalls französischer Komponist: Claude Debussy. „Ich höre da so viele Gemeinsamkeiten, vor allem wenn ich beide auf einem modernen Flügel spiele, da ist eine ähnliche Freiheit, eine Neugier auf unerhörte Harmonien, eine Klarheit und Lust auf Schönheit. Da ist kein Zwang. Denn Debussy liebte Barockmusik, Rameau ganz besonders. Ich habe das auch schon in Konzerten ausprobiert und war wirklich ob dieser Nähe berührt.“

Nach den eindrucksvollen Alben mit Klavierwerken von Philip Glass und Johann Sebastian Bach setzt Víkingur Ólafsson nun also zwei Größen der französischen Musik symbolisch und klanglich an eine Klaviertastatur. Denn Debussy hatte eine besondere Beziehung zum „Newton der Harmonie“, wie man schon an dessen „Hommage à Rameau“ aus dem ersten „Images“-Band bemerkt: „Er, der jüngere, war ein Revolutionär, der sich offen über die Tradition hinwegsetzte, und der ältere ein Musiker, der das Kräftespiel der funktionalen Harmonik definierte. Beide besaßen eine seltene Form von unnachgiebiger geistiger Unabhängigkeit - eine Form, die Paradigmen verschiebt.“ Und sie liebten die Farben. Deshalb, auch Optik ist Víkingur Ólafsson wichtig, gibt es dazu ein Cover, bei dem er Fingerfarben in dicken Streifen auf die Glasscheibe schmiert, hinter der er den Betrachter ansieht. Ein bisschen Distanz, das steht ihm gut.

Kreativ mäandernd in die Karriere

Der isländische Pianist, er ist eines der unerwarteten Klassik-Phänomene der letzten Zeit. Auch wenn ihn seine Plattenfirma allzu sehr in ihre skandinavisch dominierte, optisch vorzugsweise mit einem kalten Farbenspektrum arbeitende New-Classics-Ecke stellt. Der 35-Jährige, der mal älter, mal jünger wirkt, ist eigentlich ganz altmodisch. Ein blasser, durchaus sympathischer, leicht nerdiger Typ, den (wie beispielsweise auch Igor Levit) jetzt die Hipster ins Herz geschlossen haben.

Weiß man wieso? Vielleicht, weil er sein erstes Album beim Gelblabel Philip Glass gewidmet hat. Und der gerade mal wieder ein Retro- Revival erlebt? Als eine Art Easy-Listening für Neo-Minmalistic-Aficionados. Doch auch das war Ólafssons Entscheidung, weil er da durchaus eine Verwandtschaft zum von ihm favorisierten Bach entdeckt hatte. Und weil er gern Dinge aufbricht, kein Pathos mag. So wie er das mit dem Bach-Video in der Fischfabrik schaffte. Denn diese Kombination wird bleiben. Klanglich wie optisch.

Das Einfache, das Fokussierte, aber auch das Staunen - das ist Bach, durchaus. Aber auch Rameau, gerade weil ihn Víkingur Ólafsson so spielt. Sehnig, mit Kraft wie Leichtigkeit, auf ein Ziel zentriert, ohne Hast. Als mathematischen Vorgang wie scheinbar freie Improvisation. Ein Widerspruch? Bei ihm eher eine kreative Balance. Eigentlich sollte Bach der Anfang von allem sein. Beinahe jeder angehende Pianist landet bei den Inventionen und schätzt sich glücklich. Über diese Phase war Víkingur Ólafsson als gestandener Tastenprofi zwar schon länger hinaus, doch dann kam ihm ein Major-Label dazwischen - und eben Philip Glass. Ein guter Moment für den ein wenig kreativ mäandernden, anerkannten, aber nach einem Karriereanker suchenden Klavierkünstler.

Denn Bach „das macht gerade jeder“, kommt es apodiktisch von den Pianistenlippen. „Und noch irgend so ein Bach-Album, das wollte ich schon gar nicht.“ Da klingt er fast ein wenig arrogant, dieser immer noch pennälerhaft wirkende Mann mit der Sparkassendirektorenbrille und den überkorrekten Sakkos. Der im realen Begegnungsleben viel weicher und freundlicher guckt, weniger designt daherkommt als auf seinen Plattencovers.

Glass stand und steht also für den Ólafsson- Übergang, für die neuerliche Einführung, die Ouvertüre. Passenderweise hatte dieser kürzlich seinen 80. Geburtstag. Also war das Thema für das Debüt bei einem Label als Homden mage gut platziert. Als hätte der Musikbetrieb nur darauf gewartet. Die Neubewertung des gern abfällig betrachteten Minimalisten Glass lag in der Luft, dessen, nun ja, gläsern kühle, fein strukturierte Musik, dargeboten von einem etwas streberhaft dreinblickenden Isländer - das war, als wäre er dafür gecastet worden. In den Bars wie Konzertsälen kam das an, als der neue Urban Sound sowohl für den coolen Großstädter als auch den überfütterten Klassikgänger. Das kann man nicht unbedingt als Marketingfeldzug am Reißbrett planen.

„Kairos“, sagt der gebildete Víkingur Ólafsson knapp, die rechte Zeit. „Und ich spielte und spielte, ein Konzert nach dem anderen. Eine absolut verrückte Zeit“, so die unterkühlt herunterspielende Antwort des Mannes aus dem hohen Norden. Er, der auch vorher schon eine solide Karriere und diverse Preise vorweisen konnte. Doch dieser neue Glass, der aus der Kälte kam, klirrend, aber ausgeglichen, weder gerührt noch geschüttelt, klar und wunderschön wie Eiskristalle, der rockte.

Ólafsson, in Berlin als Sohn zweier isländischer Musiker gezeugt, aber 1984 in Reykjavík geboren, in New York ausgebildet und heute wieder in Island und der deutschen Hauptstadt lebend, reiste rastlos über den Globus. Er ist als Konzertpianist ebenso aktiv wie als Kammermusiker und arbeitet regelmäßig mit renommierten Künstlern zusammen, unter anderem mit dem Dirigenten Vladimir Ashkenazy und dem Pop-Gesamtkunstwerk Björk. Darüber hinaus ist er künstlerischer Leiter des von ihm gegründete Kammermusik- Festivals „Reykjavik Midsummer Music“ und seit 2016 auch des „Vinterfest“ in Schweden.

Glass, Bach, nun die zeitüberspringenden Zwillinge Rameau/Debussy. Was wird danach kommen, was die nächste Repertoire-Entdeckung oder Combo-Idee? Víkingur Ólafsson hält sich bedeckt. „Auf jeden Fall möchte ich auch dann wieder, dass die Hörer ganz bei sich sein werden, sich konzentrieren.“

Neu erschienen: „Debussy/Rameau“, DG/ Universal

Abonnenten-CD: Track 15

Die nächsten Konzerte:

23.4. Berlin, Konzerthaus (Liederabend mit Florian Boesch)

7.5. Mülheim, Stadthalle (Rameau, Debussy, Mussorgski)

15./16.5. Berlin, Konzerthaus (Schumann, Klavierkonzert)

28.5. Berlin, Konzerthaus (Mozart, Klavierkonzert KV 415)

29.6. Ettal, Benediktinerabtei (Schumann, Klavierkonzert)

21.6. Grainau, Zugspitztalstation Eibsee (Rameau, Debussy, Mussorgski)

Bach-Forelle

Sitzt ein Mann am Flügel in einer isländischen Fischfabrik und spielt Bach. Das Prelude e-Moll, BWV 855a in der b-Moll-Transkription von Alexander Siloti. Klar doch: Die spinnen, die Isländer! Doch das ist und war kein billiger Marketing- Gag um den originellsten YouTube-Videoclip im Klassikhaifischbecken. Das war ernst gemeint, so ernst wie der Flügel, der wirklich in der echten isländischen Fischfabrik steht. Víkingur Ólafsson hat ihn entdeckt und er hat sich dort hingesetzt. Es musste so sein. Das Ergebnis oszilliert in seiner grünblauen Lakonie irgendwo zwischen dem subversiven Wahnsinn eines Lars von Trier und Aki Kaurismäkis unendlich gebrochener Traurigkeit.

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