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Víkingur Ólafsson: Der andere Bach


Rondo - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 07.09.2018

Der isländische Pianist wendet sich nach Ausflügen zu Philip Glass nunmehr Bach zu – viel mitternachtssonniger als gewohnt.


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Bildquelle: Rondo, Ausgabe 4/2018

So retro, dass es schon wieder modern ist: Für seinen Bach orientiert sich Víkingur Ólafsson nicht am Cembalo, sondern den Bearbeitungen der Klaviervirtuosen


Warum sieht Víkingur Ólafssonnicht wie ein Klassik-Künstler aus? – Klar, die Haare! Der in die Stirn fallende Scheitel, dazu die Nerd-Brille, das sind eindeutig Popund Jazz-Referenzen. Der Mann ähnelt eher dem frühen Bill Evans. Durchaus ansprechend, untypisch. Klassische Pianisten, wenn man sich so umschaut, tragen andere ...

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Warum sieht Víkingur Ólafssonnicht wie ein Klassik-Künstler aus? – Klar, die Haare! Der in die Stirn fallende Scheitel, dazu die Nerd-Brille, das sind eindeutig Popund Jazz-Referenzen. Der Mann ähnelt eher dem frühen Bill Evans. Durchaus ansprechend, untypisch. Klassische Pianisten, wenn man sich so umschaut, tragen andere Haartrachten. Entweder gar keine Frisur (wie Evgeny Kissin und András Schiff). Oder Reste eines ehemaligen Haarschnitts (wie Grigory Sokolov). Víkingur Ólafsson hat die Klassik auf dem Seitenscheite-eg überholt.

„Es ist einfach das, was einem Friseure in Reykjavik so anbieten“, relativiert Ólafsson die Haarfrage. Vom modernen Repertoire, mit dem der Isländer vor drei Jahren für einige Furore sorgte, versucht er inzwischen auch wieder leicht wegzukommen. Damals war es Philip Glass, auf den man ihn aus Anlass des 80. Geburtstages des Minimal music-Meisters (und Filmmusik-Millionärs) losgelassen hatte. „Coole Farben“ assoziiere er mit Phil Glas, mit dem er damals auch persönlich zusammen arbeiten konnte. Schon Glass sprach damals „vor allem über Schubert“ – über Vergangenheit statt Zukunft. Auch bei früheren Alben Víkingurs beim kleinen Label – mit Brahms/Chopin und einer Aufnahme der „Winterreise“ – war vor allem die Optik modern. Die inhaltlichen Vorlieben dagegen: traditionell. Víkingur ist ein Künstler, der aus einem Land mit einer „sehr knappen Geschichte in Bezug auf westliche Musik“ kommt.


„Dinu Lipatti hat mein Leben verändert, und ich halte ihn für den vielleicht größten Pianisten von allen.“
Víkingur Ólafsson


Übrigens: Víkingur! Nicht etwa Mr. Ólafsson. „Ich würde auch den Präsidenten meines Landes nicht mit dem Nachnamen, sondern mit dem Vornamen ansprechen“, so Víkingur Ólafsson in aller Bescheidenheit. Die Bräuche sind so in Island. „Ólafsson“ bedeutet in seinem Fall, dass er ein Sohn Olafs ist. Das Namenssystem Islands funktioniert patronymisch. „Mein Sohn wird mit Nachnamen Vikingsson, meine Tochter Vikingsdóttir heißen“, so Víkingur Ólafsson.

In seiner Heimat ist der Mann längst eine feste Größe. Vier Mal wurde er zum „Musiker des Jahres“ gewählt. Er gewann den „Optimismu-reis“ seines Landes. Man fragt sich: Wie pessimistisch muss ein Land drauf sein, um einen Preis für Optimismus auszuloben?! „Ganz genau!“, sagt Víkingur. „Der Preis wird im Januar, der dunkelsten Zeit in Island, vergeben. Dann sind alle bei uns jedes Jahr recht deprimiert, wir können – mangels Licht – jede Aufheiterung gebrauchen.“ Gute Bedingungen für Musiker, die in Island alle eng zusammenhängen und -arbeiten. Nicht nur von zeitgenössischen Komponisten wie Snorri Sigfús Birgisson, Haukur Tómasson und Þórður Magnússon hat Víkingur schon Werke uraufgeführt. Auch mit Pop-Ikone Björk hatte er selbstverständlich schon gemeinsame Auftritte (nachzusehen auf YouTube).

Zum Klavierspielen kam er durch seine Mutter. Wäre das nicht ein Grund, um nicht Pianist zu werden?! „Gute Frage!“, repliziert er.

„Meine Mutter hat großen Eindruck auf mich gemacht, aber nach einem Jahr stellten wir fest, dass es vielleicht doch besser sei, wenn sie mich nicht länger unterrichte. Es wurde zu persönlich.“ Inzwischen, nachdem er an der Juilliard School sein Studium abgeschlossen hatte, ist er mit einer Pianistin verheiratet. „Die Phase des Kritisierens ist bei uns vorbei! Es kommt nicht auf Fehler an, von denen ohnehin mehr Aufhebens gemacht wird als selbst Franz Liszt für gut befunden hätte“, so Víkingur. „Man muss das größere Bild im Blick haben.“

So alt, und doch so neu

Sein neues Bach-Album sieht aus, als wäre es mit Blick darauf zusammengestellt worden, möglichst wenig an Glenn Gould zu erinnern. Täuscht aber. „Richtig ist, dass ich von einem der zentralen Stücke, der Aria variata BWV 989, erst später gemerkt habe, dass Gould es doch aufgenommen hat. Ich mochte die Aufnahme nicht. Kennengelernt habe ich das Werk durch Emil Gilels.“ Auch August Stradal, ein direkter Liszt-Schüler, habe es gespielt. „Ich wollte Bachs Werke aus allen Phasen aus ihrem jeweiligen Kontext herauslösen und habe monatelang über die Reihenfolge auf der CD nachgedacht.“

Herausgekommen ist tatsächlich eines der ungewöhnlichsten Alben mit Werken desjenigen Komponisten, der doch für alle Pianisten heute Pflichtprogramm ist. Verbunden sei er persönlich eher mit früheren Bach-Spielern wie Edwin Fischer und der frühen Rosalyn Tureck (die auch Goulds Vorbild war). „Und natürlich mit Dinu Lipatti, der mein Leben verändert hat und den ich für den vielleicht größten Pianisten von allen halte.“

Víkingurs eigener Bach besticht durch Klarheit, kristalline Durchsichtigkeit und Konstruktivität. Hier ist – trotz romantischer Bearbeiter wie Sergei Rachmaninow (Gavotte aus der Violin-Partita Nr. 3), Busoni („Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“), Kempff („Nun freut Euch liebe Christen gmein“) und Siloti (Präludium Nr. 10 h-Moll, BWV 855a) – aller romantische Dampf verflogen. Gelegentlich hat der Pianist selbst arrangierend Hand angelegt (Aria aus „Widerstehe doch der Sünde“, BWV 54). Im Mittelpunkt aber steht besagte Aria variata BWV 989. Schon die Auswahl verrät Arbeit – und macht umso mehr Lust. Auch die Phil Glas-ur klingt dabei noch ein wenig nach. Das Ergebnis ist mitternachtssonnig kühl: der andere Bach.

Neu erschienen: „Bach“ , Präludien und Fugen, Orgelsonaten, Choralvorspiele u. a.,DG/Universal
Abonnenten-CD: Track 6

Vintage 2.0

Tatsächlich, die Bach-CD von Víkingur Ólafsson bietet kein Glenn Gould-, sondern ein Emil Gilels-Programm! Der große Russe setzte die „Aria variata ‚im italienischen Stil’“ gern aufs Programm (wie nur wenige seiner Kollegen) und favorisierte Bach-Bearbeitungen von Alexander Siloti, Tausig und Busoni. Die übrigen, miszellenartigen Sätze hat Víkingur so aneinandergereiht, als gelte es eine ‚pianistische Reise’ anzutreten – ähnlich wie jüngst Simon Rattle Hayd-ätze zu einer „Orchestral Journey“ kombinierte (LSO). Víkingur trifft den Sinn barocker Flickenteppiche damit womöglich besser als ein gestrenger Formdiskurs. Diagnose: Vintage 2.0!


Foto: Ari Magg/DG