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Vincent Horn, Cornelia Schweppe: Gewaltpotentiale und Gewaltschutz in Privathaushalten mit 24-Stunden-Pflegekräften


ZfSp Zeitschrift für Sozialpädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 04.12.2019

Der Beitrag fokussiert einen bislang kaum thematisierten Aspekt in der häuslichen Altenpflege: Gewalt und Schutz vor Gewalt in der Pflege und Betreuung in Pflegearrangements mit 24-Stunden-Pflegekräften. Solche Arrangements zeichnen sich durch die Anstellung einer Pflegekraft aus, die im selben Haushalt wie die pflegebedürftige Person wohnt und somit quasi rund-um-die-Uhr zur Verfügung steht. Anhand einer Sekundäranalyse von Daten aus dem Forschungsprojekt „Emergence and significance of transnational care arrangements (ESTRANCA)“, werden potentielle Risiko- und Schutzfaktoren identifiziert. Der Beitrag ...

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... zeigt, dass Fragen zu Gewalt und Gewaltschutz in Pflegearrangements mit 24-Stunden-Pflegekräften im Kontext von komplexen, miteinander in Beziehung stehenden Faktoren, Strukturen und Prozessen zu analysieren sind. Eindeutige Antworten darauf, ob diese Pflegearrangements das Risiko von Gewalt gegen ältere Menschen erhöhen oder verringern, können nicht gegeben werden. Neben der Tabuisierung von Gewalt in der häuslichen Altenpflege insgesamt, erschwert die weitverbreitete Praxis der irregulären Beschäftigung der 24-Stundenkräfte jedoch, dass Gewalt in diesen Pflegearrangements zu einem öffentlichen Thema wird.

Schlüsselwörter: Gewalt, Gewaltschutz, Altenpflege, Privathaushalte, 24-Stunden-Pflegekräfte, Osteuropa

This contribution focusses a rarely addressed issue in research on home-based care in old age: violence and protection against violence in around-the-clock care arrangements in Germany. Based on a secondary analysis of data gained in the research project “Emergence and significance of transnational care arrangements (ESTRANCA)”, potential risk and protective factors are identified. The contribution shows that questions about violence and protection against violence in these arrangements have to be analysed in the context of complex, interrelated factors, structures and processes. No clear answers can be given whether these arrangements increase or decrease the risk of violence and neglect of older dependent people. Besides the ongoing tabooing of violence in home-based care in old age in general, the theming of violence in these particular arrangements is hampered by the common practice of employing around-the-clock migrant carers irregularly.

Keywords: Violence, protection against violence, home-based care in old age, live-in migrant carers, Eastern Europe

Einleitung

Pflegearrangements, in welchen ältere Menschen (auch) von Haushalts- und PflegearbeiterInnen aus mittel- und osteuropäischen Ländern begleitet, betreut und gepflegt werden, sind mittlerweile in vielen deutschen Privathaushalten zu finden. Sie sind zu einer bedeutenden Säule des deutschen Pflegesystems geworden (vgl. Arend/Klie 2017; Neuhaus/Isfort/Weidner 2009). Kennzeichnend für diese Pflegearrangements ist, dass die Haushalts- und PflegearbeiterInnen im selben Haushalt wie die pflegebedürftige Person wohnen und somit quasi rund-um-die-Uhr zur Verfügung stehen. Um diesen Umstand hervorzuheben, wird fortan der Begriff der 24-Stunden-Pflegekraft gebraucht.

Trotz einer mittlerweile ausdifferenzierten Forschungslage im internationalen Kontext zur Pflege von alten Menschen durch 24-Stunden-Pflegekräfte, finden sich kaum Bezüge zum Thema Gewalt bzw. Gewaltschutz in diesen Pflegearrangements. Eine der wenigen Ausnahmen ist die qualitative Studie von Liat Ayalon (2009; 2011) zu Gewalt und Vernachlässigung in israelischen Privathaushalten mit ausländischen 24-Stunden-Pflegekräften. Die mangelnde Zuwendung zu diesem Thema überrascht vor dem Hintergrund des hohen Gewaltpotentials in der häuslichen Altenpflege. Studien in Deutschland weisen darauf hin, dass Gewalt gegenüber älteren pflegebedürftigen Menschen im häuslichen Bereich keineswegs Einzelfälle betrifft, sondern ein weit verbreitetes Phänomen darstellt (vgl. z. B. Görgen et al 2012; Eggert/Schnapp/ Sulmann 2018; Graß et al. 2007). Aber auch in der Forschung zur Gewalt in der häuslichen Pflege in Deutschland finden sich keine Bezüge zu diesen Pflegearrangements.

Diesem Desiderat wendet sich der Beitrag zu, indem er nach möglichen Risiko- und Schutzfaktoren für Gewalt in Pflegearrangements mit 24-Stunden-Pflegekräften fragt. Die im Folgenden dargestellten empirischen Ergebnisse basieren auf dem Forschungsprojekt „Emergence and significance of transnational care arrangements“ (ESTRANCA), einem deutsch-niederländischen Kooperationsprojekt.1 Ziel von ESTRANCA war ein tieferes Verständnis der unterschiedlichen Entwicklung und Bedeutung von Pflegearrangements mit einer 24-Stunden-Pflegekraft in Deutschland und den Niederlanden. Neben einer Analyse der alltäglichen Praktiken, Rollenerwartungen und Beziehungen in diesen Pflegearrangements, waren Fragen nach dem Einfluss des sie jeweils umgebenden Pflegesystems zentral. Der Fokus des Forschungsprojektes lag mithin nicht auf Fragen zur Gewalt und des Gewaltschutzes. Allerdings traten im Auswertungsprozess immer wieder Aspekte hervor, die mit Gewalt und Gewaltschutz im Zusammenhang standen. Diese haben wir darauf hin im Rahmen einer Sekundäranalyse weiter analysiert. Die Ergebnisse werden in diesem Aufsatz vorgestellt.

1 Das Forschungsprojekt wurde in Kooperation zwischen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Vincent Horn, Cornelia Schweppe) und der Radboud Universität (Niederlande) (Anita Böcker, Maria Bruquettas) durchgeführt und aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Netherlands Organization for Scientific Research (NWO) im Rahmen des open research area (ORA) Programms finanziert (2016-2019).

24-Stunden-Pflegekräfte im deutschen Pflegesystem

Der Hintergrund von Pflegearrangements in Privathaushalten mit einer 24-Stunden-Pflegekraft lässt sich in der deutlichen Priorität der häuslichen vor der stationären Pflege im deutschen Altenpflegesystem sehen. Die häusliche Pflege, die in der Regel mit einer deutlichen Beteiligung von und hohen Verantwortungsübertragung an Familienangehörige geschieht, wird als „gute“ und „bessere“ Pflegeinstanz angesehen. Das Primat der häuslichen Pflege wird in § 3 und 4 SGB XI sozialrechtlich grundgelegt.

Das Verbleiben in der vertrauten Umgebung und idealisierte Vorstellungen über die Familie spielen dabei eine zentrale Rolle. Der Familie werden enge, affektive und umsorgende Betreuungsmöglichkeiten zugesprochen, die den individuellen Bedürfnissen der zu pflegenden Person entsprächen und zu ihrem Wohlbefinden beitrügen. Gefördert und forciert wird das Ideal der familiären Pflege durch finanzielle Anreize in der Pflegeversicherung (Pflegegeld) sowie durch einen moralisierenden Diskurs über die Verantwortung der Familie gegenüber ihren pflegebedürftigen Angehörigen (vgl. Horn et al. 2019). Teil dieses Diskurses ist der Vorwurf des Abschiebens, wenn Familienangehörige sich für die stationäre Pflege entscheiden (müssen). Hohe private Kosten und mangelnde Pflegequalität in stationären Pflegeeinrichtungen tragen ebenso dazu bei, dass laut Meinungsumfragen die Präferenz für häusliche Pflege tief in den Einstellungen von Menschen in Deutschland verankert ist (vgl. Böcker/Horn/Schweppe 2017). Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass die häusliche Pflege zunehmend mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist. Veränderte Familienstrukturen (z. B. Erwerbstätigkeit von Frauen, Abwesenheit oder geographische Distanz von Familienangehörigen) sowie länger werdende Pflegezeiten und sich wandelnde Pflegeanforderungen, z. B. aufgrund von Demenz, sind zentrale Gründe. Eine große Anzahl von Studien zeigt die hohen psychischen, sozialen, körperlichen sowie finanziellen Belastungen von pflegenden Angehörigen (vgl. Bestmann/Wüstholz/ Verheyen 2014; Pinquart 2016). Ambulante Pflegedienste können diese Belastungen nur begrenzt abfedern. Durch die Finanzierungsmodi der Pflegeversicherung können sie oft nur punktuell bei behandlungspflegerischen oder haushaltsbezogenen Unterstützungen eingesetzt werden.

In diesem Spannungsfeld zwischen familialer Verantwortungsübertragung bei gleichzeitig hohen Belastungen kommen die 24-Stunden-Pflegekräfte aus dem Ausland gerade wie gerufen. Das folgende Zitat aus einem Artikel des deutschen Nachrichtenportals NRZ bring dies gut auf den Punkt: „Wenn keiner mehr weiter weiß, fällt garantiert dieser Satz: ‚Dann holt euch doch ne Polin!‘ Die Polin ist der wichtigste Notstopfen der Nation“ (Maibaum 2017).

Dass die 24-Stunden-Pflegekräfte aus dem Ausland rekrutiert werden, begründet sich schnell; bezahlbare Alternativen in Deutschland stehen nicht zur Verfügung. Begünstigt wird die grenzüberschreitende Mobilität der 24-Stunden-Pflegekräfte durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU, welche im Rahmen der EU-Osterweiterung sukzessive auf die neuen Beitrittsländer ausgedehnt wurde. Der Rückgriff auf 24-Stunden-Pflegekräfte aus dem Ausland lässt sich als eine Antwort auf die erhebliche Pflegeproblematik in Deutschland verstehen. Ihre Beschäftigung stellt vor diesem Hintergrund nicht nur eine finanzierbare, sondern gleichsam auch eine der sozialen Norm der häuslichen Pflege im Alter entsprechende Praxis dar (vgl. Weicht 2010).

Wie sehr die häusliche Pflege in Deutschland verbreitet ist, zeigt die Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes (2017), wobei diese nur jene Menschen erfasst, die Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen. Demzufolge werden in Deutschland 2,1 der insgesamt rd. 2,9 Millionen pflegebedürftigen Menschen zuhause betreut. Der Großteil von ihnen (1,64 Millionen) ist 65 Jahre oder älter und bezieht lediglich finanzielle Leistungen (Pflegegeld) aus der Pflegeversicherung. D. h. in vielen deutschen Privathaushalten werden ältere Menschen nach wie vor ohne die Unterstützung durch ambulante Pflegedienste und in der Regel durch Familienangehörige gepflegt und betreut.

Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass in 11 % dieser Privathaushalte eine im Haushalt lebende 24-Stunden-Kraft involviert ist (vgl. Hielscher/Kirchen-Peters/ Nock 2017). Dies würde bedeuten, dass es aktuell ca. 180.000 Privathaushalte in Deutschland gibt, die auf eine 24-Stunden-Pflegekraft zurückgreifen.

Die tatsächliche Zahl von 24-Stunden-Pflegekräften dürfte jedoch deutlich darüber liegen. Dies liegt zum einen darin begründet, dass die 24-Stunden-Pflegekräfte oftmals in einem Rotationssystem arbeiten. D. h. sie wechseln sich in Intervallen von ein bis drei Monaten ab. Die Zahl der 24-Stunden-Pflegekräfte liegt also deutlich über der Zahl der Privathaushalte, die auf ein solches Pflegearrangement zurückgreifen. Zum anderen lässt sich eine höhere Zahl von 24-Stunden-Pflegearbeiterinnen durch ihre oftmals irregulären Beschäftigungsverhältnisse vermuten, die diesen Pflegearrangements zugrunde liegen. Die Bereitschaft, Auskunft über ein solches Pflegearrangement zu geben, dürfte in einem solchen Fall selbst in einer anonymisierten Umfrage eingeschränkt sein.

Eine zweite Anstellungsoption erfolgt über Vermittlungsagenturen, die sich mittlerweile zahlreich etabliert haben. Einer Recherche von Stiftung Warentest (2017) zufolge sind momentan ca. 250 Vermittlungsagenturen im Bereich der sogenannten „24-Stunden-Betreuung“ in Deutschland aktiv. Der Dachverband mehrerer größerer Vermittlungsagenturen geht davon aus, dass derzeit um die 30.000 Privathaushalte KundInnen einer Vermittlungsagentur sind (vgl. Horn et al. 2019). Vermittlungsagenturen kooperieren häufig mit Unternehmen im Ausland, bei denen die 24-Stunden-Pflegekräfte offiziell angestellt sind (vgl. Krawietz 2014). Ein weit verbreitetes Modell ist, dass die 24-Stunden-Pflegekräfte über die EU-Entsenderichtlinie für Zeiträume von bis zu drei Monaten in deutsche Privathaushalte entsandt werden (vgl.

Rossow/Leiber 2017). In ihrer Analyse der Vermittlungsagenturen zeigen Leiber und KollegInnen, dass es sich hierbei um einen sehr heterogenen Markt handelt. Während einige Agenturen auf faire Arbeitsbedingungen sowie Qualität in Pflege und Beratung abheben, spielen diese Aspekte bei anderen Agenturen keine oder nur eine untergeordnete Rolle.

Die Kosten einer durch eine Vermittlungsagentur angestellten 24-Stunden-Pflegekraft variieren stark, liegen meist aber weit über den Kosten für eine irregulär Beschäftigte. Die Kostenkalkulation hängt von unterschiedlichen Faktoren ab; der Grad deutscher Sprachkenntnisse ist jedoch ein wesentlicher Faktor der Kostenkalkulation. Die mit höheren Kosten verbundene Anstellung durch eine Vermittlungsagentur schlägt sich dabei kaum auf die Höhe der Löhne der 24-Stunden-Pflegekräfte nieder. Vielmehr geht die Kostendifferenz zugunsten der Agenturen, die ihre Gewinne meist über monatliche Gebühren erwirtschaften. Familienangehörige, die diese Praxis umgehen möchten, müssen selbst zu ArbeitgeberInnen werden, indem sie die 24-Stunden-Kraft als Haushaltshilfe bei sich beschäftigen. In diesem Fall müssen Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge gemäß der deutschen Gesetzgebung abgeführt werden. Die damit verbundenen Kosten sowie der bürokratische Aufwand, den die Anmeldung der Haushaltshilfe bedeutet, machen diese Form der Anstellung jedoch wenig populär.

Mittlerweile wird das Phänomen der häuslichen Altenpflege in Deutschland durch 24-Stunden-Pflegekräfte aus dem Ausland im deutschsprachigen Forschungsraum aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Neben Studien, die sich mit den Beschäftigungsmodellen oder den Praktiken der Vermittlungsagenturen auseinandersetzen (vgl. Böning/Steffen 2014; Krawietz 2014; Rossow/Leiber 2017; Tießler-Marenda 2012), liegen Studien zu den Erfahrungen, den transnationalen Beziehungen und den Arbeitsbedingungen der 24-Stunden-Pflegekräfte vor (vgl. Apitzsch/Schmidbauer 2010; Ignatzi 2014; Karakayali 2010; Kniejska 2016; Metz-Göckel et al. 2006; Satola 2015; Scheiwe/Krawietz 2010). Bei den Arbeitsbedingungen wird insbesondere auf die oft prekären Beschäftigungsverhältnisse hingewiesen. Während das deutsche Arbeitsrecht maximal eine 48-Stunden-Woche vorsieht, einen freien Tag eingeschlossen, zeigt sich in einer nicht-repräsentativen Studie über ca. 900 24-Stunden-Pflegekräften jedoch, dass ein Viertel 11 oder mehr Stunden am Tag arbeitet (vgl. Petermann/Ebbing/Paul 2017). 70 % gaben sogar an, dass sie keinen freien Tag in der Woche hätten.

Gewalt in der Pflege

In Anlehnung an die Definition der Weltgesundheitsorganisation über Gewalt gegen ältere Menschen verstehen Konopik und Oswald (zitiert in Konopik et al. 2018: 21) Gewalt in der Altenpflege als „eine einmalige oder wiederholte oder eine fehlende gebotene Handlung innerhalb einer Pflegebeziehung, die bei einer älteren Person oder der pflegenden Person zu Schädigung oder Leid führt.“ Der Definition liegt ein Gewaltbegriff zugrunde, der sowohl Formen von Misshandlungen als auch Vernachlässigungen mit einbezieht. Gewalt kann sowohl durch das Ausüben als auch die Unterlassung einer Handlung entstehen und beabsichtigt oder unbeabsichtigt sein. Gewalt schließt physische (z. B. Schlagen), sowie psychische Misshandlungen (z. B. Beschimpfen, Einschüchtern) als auch pflegerische (z. B. Unterlassen von Hilfe, Falscheinschätzung einer Bedarfssituation) und emotionale/psychosoziale Vernachlässigungen mit ein (vgl. Dieck 1987; Görgen 2017). Zur Gewalt gehören auch vermeidbare Einschränkungen der Freiheits-, Handlungs- und Entscheidungsautonomie, zu denen auch freiheitsentziehende Maßnahmen gehören, sowie finanzielle Ausbeutungen. Gewalt in der Pflege betrifft sowohl die pflegebedürftigen als auch die pflegenden Personen (vgl. Pillemer/ Suitor 1992).

Die Entstehungsbedingungen von Gewalt in der Pflege sind komplex und somit kaum anhand nur eines einzelnen Ansatzes zu fassen. So lassen sich aus der Literatur verschiedene Risikofaktoren für Gewalt gegen ältere Menschen ableiten, die in je unterschiedlichen Konstellationen zum Tragen kommen können (vgl. z. B. Buchegger-Traxler 2016; Hirsch 2011; Kühnert 1997; Lachs/Pillemer 2015; Müller-Hergl 2011; Pillemer/Suitor 1992; Pillemer et al. 2016; Rabold/Görgen 2007; Weissenberger-Leduc/Weiberg 2011; WHO 2002). Zu diesen zählen:
• „Pflegestress“ und Überbelastung der pflegenden Personen, z. B. aufgrund eines erhöhten Pflege- und Unterstützungsbedarfs oder der permanenten Abhängigkeit der pflegebedürftigen Person;
• Mangelnde Pflegekompetenz, z. B. aufgrund mangelnden Wissens über Krankheitssymptome und -verläufe, richtige Hebetechniken;
• Eine problembelastete Beziehung vor Pflegeübernahme zwischen der pflegebedürftigen und der pflegenden Person, z. B. aufgrund unverarbeiteter Familien- und Partnerschaftskonflikte oder problematischen Eltern-Kind-Beziehungen;
• Alkohol- und Substanzmissbrauch, z. B. als Versuch, belastende Situationen zu bewältigen;
• Demenz: An Demenz oder an anderen psychischen Erkrankungen leidende ältere Menschen gelten als besonders gefährdet;
• Gewalt seitens der Pflegebedürftigen gegenüber den Pflegenden, die wiederum Gewalt der Pflegenden gegenüber den Pflegebedürftigen erzeugen kann.

Die Untersuchung

Methodisches Design

Die Datenerhebung der Studie „Emergence and significance of transnational care arrangements“ fand zwischen 2016 und 2019 an verschiedenen Orten in Deutschland und den Niederlanden statt. Für diesen Beitrag wird nur auf die in Deutschland erhobenen Daten zurückgegriffen. Dazu gehörten 24 leitfadengestützte Interviews mit Angehörigen, die in der Pflege und/oder Organisation dieser Arrangements involviert waren. Die Interviews zielten auf die Hintergründe der Anstellung einer 24-Stunden-Pflegekraft sowie den Alltag dieser Pflegearrangements einhergehend mit den damit verbundenen Fragen der Pflegeorganisation und den Beziehungsgestaltungen. Der Zugang zu den InterviewpartnerInnen wurde im Wesentlichen über persönliche Kontakte und Gatekeeper (z. B. MitarbeiterInnen Sozialer Dienste) gefunden. Wenn möglich, wurde auch mit den pflegebedürftigen Menschen selbst und/ oder der 24-Stunden-Pflegekraft gesprochen. Darüber hinaus wurden 5 Telefoninterviews mit GeschäftsführerInnen verschiedener Vermittlungsagenturen durchgeführt. Hier standen die Themen Rekrutierung, Vermittlungsleistungen und Beschäftigungsformen im Vordergrund. Schließlich wurden 4 Fokusgruppen mit Fachkräften ambulanter Pflegedienste mit jeweils 3-7 TeilnehmerInnen durchgeführt. Sie zielten insbesondere auf ein Erfassen der Erfahrungen der Fachkräfte in Haushalten mit 24-Stunden-Pflegekräften in ihrem Arbeitsalltag. Alle Interviews wurden mit Audiogeräten aufgenommen und daraufhin transkribiert.

Der Auswertungsprozess der Daten erfolgte zweistufig. Zum einen wurden die im Auswertungsprozess der Hauptstudie hervorgetretenen Faktoren zum Zusammenhang von Gewalt und Gewaltschutz in der Sekundäranalyse systematisch an das Datenmaterial herangetragen und dahingehend analysiert. Um den Blickwinkel zu schärfen, wurde zum anderen das Datenmaterial zusätzlich aus der Perspektive der zentralen Risikofaktoren für Gewalt in der häuslichen Pflege, die in der Forschung herausgearbeitet wurden (s.o.), analysiert. Die relevanten Textstellen aus den unterschiedlichen Interviews (Familienangehörige, Vermittlungsagenturen etc.) wurden zunächst tabellarisch einem vorläufigen Kategoriensystem zugeordnet. Dieses wurde daraufhin durch Zusammenführung inhaltlich eng aneinander liegender Kategorien weiter verdichtet.

Empirische Ergebnisse

Überlastung und Entlastung

Überlastung war einer der wesentlichen Gründe, warum Familienangehörige sich für die Beschäftigung einer 24-Stunden-Pflegekraft entschieden (vgl.

Horn et al. 2019). Angesichts des o.g. dargestellten Risikofaktors „Überlastung“ für Gewalt in der Pflege, könnte deswegen argumentiert werden, dass PflegeempfängerInnen in Pflegearrangements mit einer 24-Stunden-Pflegekraft möglicherweise besser vor Gewalt geschützt sind, da der Stress und die Belastung der Familienangehörigen durch die Übernahme von Aufgaben und Verantwortlichkeiten durch die 24-Stunden-Pflegekraft verringert werden.

Dies kann durchaus möglich sein. Allerdings zeigen unsere Daten, dass die Frage von Entlastungsfunktionen für Angehörige durch 24-Stunden-Pflegekräfte vielschichtig ist und die Anstellung einer 24-Stunden-Pflegekraft keineswegs unmittelbar und immer mit Entlastungen von Angehörigen einhergeht.

Denn es zeigte sich, dass Angehörige oft auch weiterhin stark in der Pflege involviert waren bzw. ohne ihre Beteiligung die häusliche Pflege nicht möglich gewesen wäre.

Eine starke Involviertheit betraf insbesondere Angehörige von Schwerstpflegebedürftigen, für deren Pflege eine einzelne Arbeitskraft oftmals nicht ausreichte. Durch ihre intensive Pflegebeteiligung war ihr Tagesablauf trotz der 24-Stunden-Pflegekraft von der Pflegebedürftigkeit ihrer Angehörigen strukturiert und rhythmisiert. Längere Abwesenheiten, wie z. B. Urlaube, aber selbst kürzere Abwesenheiten während des Tages mussten genau geplant werden und ließen sich nur realisieren, wenn die Familienangehörigen einen Ersatz für sich finden konnten. So erzählt der Ehemann einer schwerstpflegebedürftigen Frau, der seine Frau gemeinsam mit einer 24-Stunden-Pflegekraft pflegt und deren Pflege die fortwährende Beteiligung beider erfordert, dass das „Schlimme“ sei, dass die Pflege seiner Frau immer zwei Personen erfordere: „Wir brauchen ja immer zwei Mann, alleine geht’s gar nicht mehr. Geht gar nicht (betont)“. Entsprechend sei es nicht die Arbeit, die so „schlimm“ sei, sondern die Notwendigkeit permanenter Präsenz: „Es ist nicht die Arbeit, ist nicht mal so schlimm, es ist nur, man muss immer da sein (betont)“. Die permanente Präsenz von zwei Personen erfordere ein fortwährendes „Durchorganisieren“, in stetiger Erwartung, im Falle eines plötzlichen Ausfalls Ersatz finden zu müssen.

Zudem zeigte sich, dass Angehörige durch die Anstellung einer 24-Stunden-Pflegekraft auch mit neuen, oft zeitintensiven und auch belastenden Aufgaben konfrontiert wurden. Dazu zählten insbesondere die Organisation und Supervision des Arrangements. Neben administrativen Tätigkeiten, wie vertraglichen Angelegenheiten oder der Beantragung von Leistungen aus der Pflegeversicherung, wurden die Einarbeitung der 24-Stunden-Pflegekräfte und das Moderieren und Schlichten von Konflikten als besonders zeitintensiv und belastend empfunden.

Der Zusammenhang von Be-/Überlastung und Gewalt in den 24-Stunden-Pflegearrangements lenkt den Blick aber angesichts der o.g. prekären Beschäftigungsverhältnisse und der oft hohen Arbeitsbelastung insbesondere auf (potentielle) Überlastungen der 24-Stunden-Pflegekräfte. Was dies im Extremfall bedeutet, brachte die Tochter einer pflegebedürftigen älteren Frau in diesem Satz bezüglich der Arbeitszeit der 24-Stunden-Pflegekraft zum Ausdruck: „Also es gibt nicht morgens bis abends, es gibt nur vierundzwanzig Stunden“. Berücksichtigt werden müssen zudem stresserzeugende Faktoren, die aus der spezifischen Situation der Pflegearrangements hervorgehen können. Soziale Isolation, immer wiederkehrende Routinen und das Gefühl, an einem Ort eingeschlossen zu sein, zählen dazu. Eine 24-Stunden-Pflegekraft verglich ihre Situation vor der Abreise nach Polen treffend mit der einer Nonne im Kloster: „Weißt du was ich sage? Jetzt die Nonne geht raus aus dem Kloster. Das kann man alles lachen, aber es stimmt, ja? Wir bleiben den ganzen Tag hier (…), gehen wir keine Kino…Haben wir keine Mann dazu (lachend). Das ist wie Nonnen im Kloster“. Viele Familienangehörige, Kinder als auch EhepartnerInnen, erkannten dabei oft die herausforderungsvolle Arbeit der 24-Stunden-Pflegkräfte an und suchten nach Entlastungsmöglichkeiten für sie. Diese Suche kann allerdings nicht allein durch ihr Unrechtsbewusstsein oder eine veritable Sorge um ihre Gesundheit erklärt werden. Ihr Verhalten lässt sich auch durch ihre Abhängigkeit von einem (gut) funktionierenden Pflegearrangement erklären. Einerseits kann so dem Wunsch der/des Pflegebedürftigen entsprochen werden, zu Hause gepflegt zu werden. Ein Wunsch, der oftmals deckungsgleich mit dem der Familienangehörigen ist, für die ein Umzug ins Pflegeheim nur als ultima ratio in Betracht kommt.

Andererseits können die 24-Stunden-Pflegekräfte ermöglichen, dass die Familienangehörigen Zeit für sich zu gewinnen. Den status quo zu erhalten, ist in solchen Fällen ein wichtiges Anliegen der Familienangehörigen, wie auch das folgende Zitat eines pflegenden Ehemannes zeigt: „Ich hoffe, dass es annähernd so bleibt wie es jetzt ist und dass ich immer noch das Glück hab mit den Betreuerinnen. Dass das funktioniert, wenn das funktioniert, dann hab ich auch meinen Freiraum“.

Entlastung, die Angehörige für die 24-Stunden Pflegekräfte suchten, wurde zum Beispiel durch die eigene Beteiligung an der Pflege und/oder das Hinzuziehen zusätzlicher Pflege- und Betreuungsdienste versucht herzustellen. So begründet ein Familienangehöriger den dreimal in der Woche kommenden ambulanten Pflegedienst wie folgt: „Ich muss denen (den 24-Stunden-Pflegekräften, die AutorInnen) ja auch frei, die können ja nicht ganzen Tag rund um die Uhr arbeiten, das geht ja nicht“.

Funktionierte das Pflegearrangement aus Sicht der Familienangehörigen gut, waren sie oft auch bereit, auf Forderungen der 24-Stunden-Pflegekräfte einzugehen.

Mehrere Familienangehörige berichteten davon, dass sie Forderungen nach einer Gehaltserhöhung nachgaben, um das Pflegearrangement nicht zu gefährden. Andere zahlten freiwillig mehr Geld oder verteilten Geschenke, um sich die Dienste der 24-Stunden-Pflegekräfte zu sichern oder sich auf diese Weise dankbar zu zeigen.

Auch wenn solche Praktiken zur Erleichterung und Entlastung beitragen können, sind ihnen auch deutliche Grenzen gesetzt. Denn oft können sie an der grundlegenden Struktur der Arbeitsverhältnisse der 24-Stunden-Pflegekräfte nur wenig ändern (z. B. Irregularität, mangelnde Trennung von Arbeit und Freizeit). Zudem sind solche Praktiken auch meist mit Mehrkosten verbunden und so (auch) an die finanziellen Mittel der jeweiligen Familie gebunden.

Es zeigt sich, dass aus Kostengründen gerade auch die Hinzunahme professioneller Pflegedienste/-dienstleistungen reduziert oder ganz darauf verzichtet wird – u. a. auch um die Anstellung der 24-Stunden-Pflegekräfte überhaupt finanzieren zu können. Die Praktik der Anstellung einer zweiten 24-Stunden-Pflegekraft, von der wir in einem unserer Fälle erfahren haben, um die erste während der Nacht zu entlasten, wird angesichts der hohen Kosten entsprechend eine Ausnahme sein, die nur Familien mit relativ hohen finanziellen Mitteln vorbehalten ist.

Bei der Suche nach Entlastungsmöglichkeiten und der Verbesserung von Arbeitsbedingungen verlassen sich die 24-Stunden-Pflegekräfte keineswegs allein auf die Handlungsinitiative der Angehörigen, sondern greifen selbst aktiv ein. Insgesamt zeigen die Daten, dass sich die 24-Stunden-Pflegekräfte durchaus ihres Marktwertes und ihrer hohen Bedeutung für Familienangehörige bewusst sind und sich hierdurch Handlungsoptionen für sie eröffnen.

Dies zeigt sich zum einen darin, dass sie nicht dazu bereit sind, jedes Stel lenangebot anzunehmen. So berichtete der Geschäftsführer einer Vermittlungsagentur, dass es zunehmend schwerer sei, 24-Stunden-Pflegekräfte in ländliche und abgelegene Regionen zu vermitteln. Zum anderen zeigt es sich in Forderungen nach Gehaltserhöhungen an die Arbeitgeber ebenso wie im Aussteigen aus einem für sie nicht akzeptablen Pflegearrangement. Dies deutet an, dass ein Ausstieg aufgrund der hohen Nachfrage möglich wird, ohne dass auf eine weitere Anstellung langfristig verzichtet werden müsste.

Fehlende Qualifizierung

Die Mehrheit der 24-Stunden-Pflegekräfte verfügte über keine Ausbildung in der Kranken- oder Altenpflege, sondern griff auf Erfahrungen zurück, die sie während der Pflege von Familienangehörigen und/oder ihrer Arbeit in Deutschland erworben hatten. Auch bei den Vermittlungsagenturen war eine Ausbildung oder ein Studium im Pflege- oder Gesundheitsbereich keine Voraussetzung.

Die Geschäftsführerin einer Vermittlungsagentur sagte: „Deshalb ist es tatsächlich sehr viel Empathie, also es kann eine Lehrerin sein die dann die perfekte Betreuungskraft ist, wir haben hier eine, die vielleicht mal ‚ne Köchin war oder ähnliches, also es gibt von der Ausbildung her keine Anforderung“. Interessanterweise legten auch die Familienangehörigen weniger Wert auf fachliche als auf Persönlichkeitsmerkmale. Bei der Frage, was Familienangehörigen wichtig war bei der Auswahl einer 24-Stunden-Pflegekraft und der Bewertung des Pflegearrangements, zog sich die Antwort: „Die Chemie muss stimmen“ wie ein roter Faden durch die Interviews unserer Studie.

Das Ergebnis von Studien, dass unzureichendes pflege- oder krankheitsbezogenes Wissen zu (nicht intendierten) „Pflegefehlern“ und Überforderung führen kann, wurde auch in unserer Studie bestätigt. Auf dieses Problem wurde insbesondere in den Interviews mit den Fachkräften der ambulanten Pflegedienste hingewiesen, die in Pflegehaushalten mit einer 24-Stunden-Pflegekraft nicht selten auf schwerwiegende Dekubiti als Folge falscher Lagerungen stießen. Gleichzeitig kann eine fehlende Qualifizierung schwerwiegende psychologische Implikationen für die 24-Stunden-Pflegekraft selbst haben: „Und ich denk, es ist auch etwas anderes, wenn man jetzt nur jemanden so ein bisschen betreut, im Haushalt hilft und einkaufen geht, wie wenn man wirklich so einen richtig krassen Pflegefall dann liegen hat. Das war jetzt halt in dem Fall so, die waren auch stellenweise total überfordert. Die haben geweint, weil sie überhaupt nicht gewusst haben, was sie jetzt machen sollen“ (Pflegefachkraft eines ambulanten Pflegedienstes).

Eine besondere Herausforderung bestand im Umgang mit an Demenz erkrankten älteren Menschen. Die Pflege von Menschen mit Demenz durch 24-Stunden-Pflegekräfte war in unserer Studie prominent vertreten. Wie oben dargelegt, gehört Demenz zu einem wesentlichen Risikofaktor für Gewalt in der Pflege, der durch einen Mangel an krankheitsbezogenem Wissen und entsprechender Kompetenzen potenziert werden kann. Fehlende Kenntnisse können entsprechend fragwürdige Praktiken zur Folge haben, die allerdings gleichzeitig oft mit sorgenvollen Motiven gegenüber den pflegebedürftigen Menschen einhergehen. So erfuhren wir beispielsweise von folgender Praktik in einem Haushalt, in welchem eine demente Frau in enger Zusammenarbeit zwischen der 24-Stunden-Pflegekraft und dem Ehepartner gepflegt wurde.

Der Ehepartner berichtete: „Und dann, wenn sie Toilette muss morgens das ist, also jeden zweiten Tag tut sie abführen, aber dann ist natürlich das morgens Sport. Die hält das so lang ein, die geht nicht auf Groß, nicht in die Pampers. Und da zieht die alles zusammen dann. Obwohl sie eigentlich zur Toilette müsste. Und kriegt auch Abführtropfen und Zeug, und dann ist manchmal hart, aber da kriegt sie so lang Wasser morgens, Schluck Wasser bis sie sich richtig verschluckt hat und dann ist sie am Husten und dann ist es gut, dann löst sich’s. tut mir ja manchmal leid, aber es ist, geht nicht anders. Das ist so, aber so klappt‘s wenigstens.“

Ein gewisses Korrektiv mangelnder fachlicher Qualifikationen kann ambulanten Pflegediensten, sollten sie an der Pflege beteiligt sein, zukommen. In den Interviews mit den Fachkräften der ambulanten Pflegedienste wurde immer wieder berichtet, dass sie zum Ansprechpartner von 24-Stunden-Pflegekräften bei Fragen der Pflege wurden. Darüber hinaus ergriffen sie oftmals selbst die Initiative zur Anleitung oder intervenierten, wenn sie Pflegefehler bei der 24-Stunden-Pflegekraft entdeckten. So sagte eine Mitarbeiterin eines ambulanten Pflegedienstes: „Und da haben wir die angeleitet mit der Lagerung, die (die pflegebedürftige Person, die AutorInnen) hatte die ganze Zeit Dekubitus an verschieden Stellen und wir haben die dann, mussten die dann anleiten. Also ich gehe und ich mache die Pflege und gehe, Finger weg nach der Pflege und die lagert dann, die muss dann lagern, ne, weil lagern kostet natürlich, ne, Geld, also wenn wir spezielle Lagerung machen.“ Neben dem Fakt, dass dieses potentielle Korrektiv nur in Haushalten mit entsprechenden Pflegediensten zum Tragen kommen kann, zeigten sich aber diesbezügliche Grenzen auch in Haushalten, an denen professionelle Pflegedienste beteiligt sind. Zeit und mangelnde sprachliche Verständigungsmöglichkeiten wurden dabei insbesondere angesprochen. „Wir (ambulanter Pflegedienst, die AutorInnen) haben versucht sie (die 24-Stunden-Pflegekraft, die AutorInnen) anzuleiten, aber sie konnte mit uns nicht kommunizieren.

Sie hat einen elektronischen Übersetzer benutzt; wir haben zwei-, dreimal wiederholt und versucht über Gesten zu erklären. Aber ohne Sprache ist das schwierig.“ (Pflegefachkraft eines ambulanten Dienstes).

Medikamentenmissbrauch

Der falsche Gebrauch oder Missbrauch von Medikamenten stellt eine weitere Risikoquelle für Gewalt in Pflegearrangements mit 24-Stunden-Pflegekräften dar. Falsche Dosierungen sowie der strategische Einsatz von sedierenden Medikamenten zur Beruhigung oder Schlafförderung zählen dazu.

24-Stunden-Pflegekräfte sind aufgrund der oftmals fehlenden medizinischen und pflegerischen Ausbildung nicht zu behandlungspflegerischen Maßnahmen befugt. Dies umschließt die Medikamentengabe ebenso wie Maßnahmen der Wundversorgung, Blutdruckmessung, dem Legen und Wechseln von Magensonden usw.

Unsere Daten zeigen jedoch, dass Familienangehörige 24-Stunden-Pflegekräften durchaus behandlungspflegerische Aufgaben zuwiesen. Im Hinblick auf die Vergabe von Medikamenten zeigten sich unterschiedliche Muster.

So gab es Fälle, in denen die Familienangehörigen den Tablettendispenser zu Wochenbeginn selbst füllten, die Vergabe der Medikamente aber an die 24-Stunden-Pflegekräfte delegierten. In anderen Fällen wurden sowohl die Medikamenteneinteilung als auch die Medikamentenvergabe an die 24-Stunden-Pflegekraft übertragen.

Darüber hinaus fanden sich Hinweise darauf, dass Familienangehörige fragwürdige Praktiken tolerierten oder sogar förderten, um ein ansonsten funktionierendes Pflegearrangement nicht zu gefährden bzw. ein solches Arrangement überhaupt aufrechterhalten zu können. Insbesondere im Falle pflegebedürftiger älterer Menschen mit einem gestörtem Tag-Nacht-Rhythmus oder Verhaltensweisen, die die 24-Stunden-Pflegekraft (genau wie andere Pflegepersonen auch) schnell an ihre Grenze bringen können, suchten Familienangehörige nach einer Lösung, die ihr Interesse an einem stabilen Pflegearrangement mit dem Schlafbedürfnis der 24-Stunden-Pflegekraft vereinte.

Dies zeigte sich beispielsweise durch den Einsatz von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, deren Vergabe zuweilen bis zu einem gewissen Grad dem Ermessen der 24-Stunden-Pflegekraft überlassen wurde. Allerdings ist es nicht nur ein potentiell unsachgemäßer Gebrauch sedierender Medikamente, durch welchen Schaden verursacht werden kann.

Gefahren können auch in einem unsachgemäßen Umgang der 24-Stunden-Pflegekraft mit den Konsequenzen der Sedierung liegen. So berichtete eine Pflegekraft eines ambulanten Dienstes: „Die Frau (die pflegebedürftige Person, die Autor*innen) hat halt viel gerufen (…) hat immer so einem Namen gerufen, so aus einer Unruhe heraus (…), ne innere Unruhe. (…) Was letztendlich gemacht wurde, sie wurde sediert, damit die Polin irgendwie schlafen kann nachts. (…) Also die hat Tavor verschrieben bekommen und dadurch hat sie sich nicht mehr bewegt und hat immer nur noch auf einer Stelle gelegen und hat eine dicke Wunde entwickelt. Die Frau (die 24-Stunden-Pflegekraft, die AutorInnen) hat sie einfach nicht bewegt.“

Alkoholmissbrauch

Ein Thema, das sich in den Interviews mit allen AkteurInnen fand, war das des Alkoholkonsums oder Alkoholmissbrauchs unter den 24-Stunden-Pflegekräften.

Der Geschäftsführer einer Vermittlungsagentur drückte sich diesbezüglich wie folgt aus: „Also was öfters mal vorkommt ist, oft haben ältere Menschen sehr große Wein- und Spirituosenbestände im Keller und um es mal ganz vorsichtig auszudrücken, dann ist die Polin vielleicht ein bisschen labil in die Richtung, also so dieses Alkoholthema ist immer mal wieder da“.

Angesichts der geschilderten Belastungen kann der regelmäßige und/oder übermäßige Konsum von Alkohol als ein Bewältigungsmechanismus interpretiert werden. Dies legten insbesondere die Interviews mit den ambulanten Pflegediensten nahe, deren MitarbeiterInnen Alkoholkonsum mit der schwierigen Situation (Einsamkeit, Überforderung etc.) in Verbindung brachten. Er kann seine Ursache jedoch auch in den Biografien der 24-Stunden-Pflegekräfte haben.

Ein konkretes Beispiel, in welchem eine Familienangehörige über die Folgen von Alkoholmissbrauch seitens der 24-Stunden-Pflegekräfte berichtete, ist das einer Tochter, die in rund 200 km Entfernung von ihrer pflegebedürftigen 90-jährigen Mutter wohnte. Sie berichtete davon, dass die 24-Stunden-Pflegekraft über Tage schwer zu erreichen war, da sie die meiste Zeit im Keller verbrachte, um Wäsche zu waschen, wie sie sagte. Als die 24-Stunden-Pflegekraft telefonisch nicht mehr zu erreichen war, bat sie einen Nachbarn, nachzusehen. Diesem bot sich in den Worten der Tochter folgendes Bild: „Die war so betrunken, die konnte gar nix machen, die konnte nicht ans Telefon gehen und meine Mutter lag noch im Nachthemd mit total durchweichten Windeln, die hatte den Tag nix bekommen. Es war nach Weihnachten, sie hatte immer Wasser am Bett und Schokolade, die hat Pralinen gegessen und hat sich einfach stillgehalten. Den ganzen Tag war sie halt im abgedunkelten Zimmer“ (Familienangehörige, 61 Jahre).

Gewalt durch die Gepflegten

Physische und andere Formen der Gewalt, die von den pflegebedürftigen Menschen ausgingen, wurden in den Interviews thematisiert, wenngleich eher selten. Ein Fall, der diesbezüglich hervorstach, war der einer älteren pflegebedürftigen Frau, die sich vehement gegen das Eingehen eines solchen Pflegearrangements ausgesprochen hatte. Sie war der Meinung, sie brauche allenfalls die Unterstützung ihrer Tochter, könne ansonsten aber noch allein leben. Nachdem die Tochter die 24-Stundenkraft eingestellt hatte, untersagte die Mutter der Pflegekraft, den Herd zum Kochen zu benutzen und zwang sie bei Spaziergängen im Abstand hinter ihr herzulaufen. Auch stieg sie absichtlich in den falschen Bus, um den Frauen Probleme zu bereiten. Auch berichtete die Tochter von verbalen und physischen Übergriffen ihrer Mutter gegenüber der 24-Stundenkraft und davon, dass die verängstigten 24-Stunden-Pflegekräfte sie am Telefon um Hilfe baten.

Tatsächlich berichteten mehrere Familienangehörige davon, dass die älteren Menschen dem Einzug einer 24-Stunden-Pflegekraft ablehnend gegenüberstanden.

Das folgende Zitat aus einem Interview mit der Tochter einer pflegebedürftigen älteren Frau zeigt, unter welchen Druck die älteren Menschen bei der Entscheidung gesetzt werden können, der allerdings gleichzeitig auch als Ausdruck von Sorge von Familienangehörigen verstanden werden kann bzw. als Verhinderung einer von allen Beteiligten nicht gewünschten Unterbringung in einer stationären Altenpflegeeinrichtung: „Du Mutter, Du hast nur die Wahl, ins Pflegeheim zu gehen, oder zu Hause, und Du hast mir immer gesagt, Du möchtest so lange wie möglich zu Hause sein, Dein schöner Balkon und so weiter‘, ‚Ach, die nervt mich‘ und so weiter, äh äh ‚Immer dann jemand um mich rumschwänzeln zu haben, das mag ich nicht‘ und hab ich gesagt ‚Du, aber wir können‘s einfach nimmer, Du weißt“ (Familienangehörige, 61 Jahre). An diesem Beispiel wird deutlich, dass das Recht der älteren Frau auf Selbstbestimmung gleichzeitig berücksichtigt und verletzt wird: Um zuhause verbleiben zu können, muss sie eine fremde Person im Haushalt akzeptieren.

Von der beabsichtigten Anwendung von Gewalt gegen 24-Stunden-Pflegekräfte sind unbeabsichtigte Gewalthandlungen zu unterscheiden. Diese können beispielsweise als Folge einer demenziellen Erkrankung erfolgen. So berichtete ein pflegender Angehöriger, dass seine Frau eine 24-Stunden-Pflegekraft aus für ihn unerklärlichem Grund auf wüste Weise beschimpfte. In einem anderen Fall wurde berichtet, dass sich eine ebenfalls an Demenz erkrankte ältere Frau mit Bissen dagegen wehrte, geduscht zu werden.

Die Beispiele zeigen, dass Gewalt gegen 24-Stunden-Pflegekräfte vielfältige Formen annehmen kann. Sie kann dabei aus enttäuschten Erwartungen an Familienangehörige heraus resultieren, wenn z. B. die Tochter nicht mehr bereit oder in der Lage ist, die benötigte Pflege zu leisten. Ältere Menschen können das Pflegearrangement aber auch als eine unerwünschte Einschränkung ihrer Autonomie erfahren. Darüber hinaus kann Gewalt gegen 24-Stunden-Pflegekräfte Folge psychischer Erkrankungen sein. In beiden Fällen ist der Umgang mit diesen Situationen für die 24-Stunden-Pflegekraft eine Herausforderung, die möglicherweise ebenfalls zu Gewalt und Aggressionen führen kann. Einige Familienangehörige griffen vorbeugend ein, indem sie bestimmte Situationen vermieden, die beim pflegebedürftigen Menschen Gewalt hervorrufen konnten. So entschied eine Familie, dass die 24-Stunden-Pflegekraft die pflegebedürftige Mutter nur dann zu duschen brauche, wenn diese dem Vorschlag widerstandslos folgte. In einem anderen Fall wurde ein ambulanter Pflegedienst bezahlt, um die pflegebedürftige Mutter zweimal wöchentlich zu baden. Sie hatte sich zuvor stark gegen das Baden durch die 24-Stunden-Pflegekraft gewehrt.

Diskussion und Ausblick

Der Beitrag zeigt, dass Fragen zu Gewalt und Gewaltschutz in Pflegearrangements mit 24-Stunden-Pflegekräften im Kontext von komplexen, miteinander in Beziehung stehenden Faktoren, Strukturen und Prozessen zu erörtern sind. Eine eindeutige Antwort darauf, ob diese Pflegearrangements das Risiko von Gewalt in der Pflege älterer Menschen erhöhen oder verringern, kann nicht gegeben werden. Ob Risiken oder Schutzpotentiale zum Tragen kommen, hängt von der Konstellation vielfältiger Faktoren im Pflegearrangement ab. Diese können nicht nur von Pflegearrangement zu Pflegearrangement variieren. Sie unterliegen zudem oftmals einem zeitlichen und personellen Wandel, z. B. dann, wenn 24-Stunden-Pflegekräfte häufig wechseln oder sich der Pflegebedarf des älteren Menschen verändert. Allgemeine Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge abzuleiten ist zumindest auf der Grundlage unserer Daten nicht möglich.

Unsere Studie weist dennoch darauf hin, dass Gewalt und Gewaltschutz in Privathaushalten mit 24-Stunden-Pfegekräften mit umfangreichen Fragen des gegenwärtigen Pflegesystems in Deutschland verbunden sind und kritische Fragen an dieses stellt. Hinweise darauf ergeben sich daraus, dass sowohl Überlastungen als auch mangelnde Qualifizierungen der an der Pflege Beteiligten auch in Privathaushalten mit einer 24-Stunden-Pflegekraft Risikofaktoren für Gewalt sein können. Sie ergeben sich auch daraus, dass unsere Studie darauf hinweist, dass die Einbindung dieser Arrangements in einen größeren Care-mix möglicherweise Potentiale eines Schutzes vor Gewalt oder der Linderung von Gewalt in sich trägt, deren Finanzierung jedoch oft von den finanziellen Mitteln der einzelnen Privathaushalte abhängig ist.

Insbesondere führen Fragen der Gewalt und des Gewaltschutzes in Privathaushalten mit einer 24-Stunden-Pflegekraft aber auch in die weit verbreitete Schwarzarbeit in diesem Bereich, durch die Fragen der Gewalt und des Gewaltschutzes mit neuen strukturellen Dimensionen verbunden sind. Dies betrifft nicht nur die durch die prekären Arbeitsbedingungen bedingten Belastungen der 24-Stunden-Pflegekräfte als potentiell Gewalt fördernde Faktoren.

Die irregulären Beschäftigungsverhältnisse werfen auch Fragen der Thematisierung und Veröffentlichung von Gewalt in diesen Pflegearrangements auf. Schließlich lassen sich die Themen Gewalt und irreguläre Beschäftigung in der öffentlichen Debatte nur schwer voneinander trennen. Der deutsche Staat aber zeigt bislang wenig Interesse daran, das Ausmaß und die Implikationen von Schwarzarbeit in der häuslichen Pflege und Betreuung in den Fokus zu rücken. Vielmehr hat er sich für eine „stillschweigende Duldung“ (Lutz/Palenga-Möllenbeck 2010) entschieden, wissend, dass die (irreguläre) Beschäftigung von 24-Stunden-Pflegekräften zu einer Stütze des deutschen Pflegesystems geworden ist.

Ausdruck der Duldungspolitik ist, dass nahezu keine Kontrollen von Arbeitsplätzen in Privathaushalten stattfinden (vgl. Hess 2008; Scheiwe 2010).

Wirtschaftsbranchen, wie das Bau- oder Gastronomiegewerbe, die bekannt für irreguläre Anstellungsverhältnisse sind, werden hingegen kontinuierlich solcher Maßnahmen unterzogen. Aus staatlicher Sicht lässt sich durchaus ein Interesse am Verdecken der irregulären Beschäftigungspraxis der 24-Stunden-Pflegekräfte erkennen. So heißt es in der Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ (2015: 25): „Durch Duldung und den Verzicht auf regelmäßige flächendeckende Kontrollen tolerieren die Regierungen die zumeist illegalen Arbeitsverhältnisse, die vom Schutzniveau des nationalen Arbeitsrechtes weit entfernt sind. So sehen sie sich von der Notwendigkeit entbunden, für das Defizit an Sorgearbeit Lösungen zu entwickeln. Insofern stabilisiert die Beschäftigung von Haushaltsarbeiterinnen in vielen westlichen Gesellschaften eine Form, die notwendige Sorgearbeit zu organisieren, die auf den ersten Blick für den Staat sehr kostengünstig zu sein scheint.“

Hinzu kommt, dass Gewalt und Gewaltschutz in Pflegearrangements mit 24-Stunden-Pflegekräften insgesamt vor dem Hintergrund einer weit verbreiteten Tabuisierung von häuslicher Gewalt gegen ältere Menschen in Deutschland zu betrachten sind. Diese spiegelt sich u. a. in einer fehlenden sozialen Infrastruktur zur Thematisierung, Veröffentlichung und Bearbeitung von Gewalt gegen alte Menschen wider (vgl. Schweppe 2018). Mittlerweile lassen sich vielfältige, teils gesetzlich verankerte, soziale Einrichtungen finden, die sich der häuslichen Gewalt gegen junge Menschen (Kinder und Jugendliche) und Frauen zuwenden. Sie wenden sich an die Betroffenen ebenso wie an solche Personen, die von häuslicher Gewalt erfahren haben oder diese verdächtigen.

Für alte Menschen fehlen solche Einrichtungen und Initiativen weitgehend.

Als Anlaufstelle bleibt in der Regel nur die Polizei. Unter den Bedingungen irregulärer Beschäftigungsverhältnisse ist sie aber weder für die Angehörigen noch für die 24-Stunden-Pflegekräfte eine angemessene Option, ginge bei beiden vermutlich die Meldung oder das Hilfegesuch bei der Polizei mit der Offenlegung der irregulären Beschäftigungsverhältnisse einher.

Eine Legalisierung der Beschäftigungsverhältnisse erschiene angesichts dessen als erster Schritt empfehlenswert. Ohne weitere grundlegende Veränderungen in der Finanzierung der Altenpflege wäre eine Legalisierung aus der Perspektive der Privathaushalte jedoch kaum eine angemessene Lösung.

Sie würde die Kosten für ein solches Pflegearrangement deutlich erhöhen, was einen nicht unerheblichen Teil der Privathaushalte von dieser Option ausschließen würde. Privathaushalte, die sich aus Kostengründen für eine irreguläre Beschäftigung entschieden, liefen zudem zunehmend Gefahr, kriminalisiert zu werden. Die Frage nach der Legalisierung der Beschäftigungsverhältnisse ist somit eng mit Fragen der Finanzierbarkeit aber auch der Regulierbarkeit und Kontrolle verknüpft. So ist z. B. die Problematik, wie sich Arbeitszeit und Freizeit in diesen Pflegearrangements voneinander trennen und dokumentieren lassen, nach wie vor ungelöst. Ähnliches gilt für die Qualifizierung der 24-Stunden-Pflegekräfte, für die bislang kein verbindlicher Standard existiert.

Initiativen, wie die einzelner Vermittlungsagenturen oder Wohlfahrtsverbände bieten in dieser Hinsicht begrüßenswerte Konzepte, die zum Schutz vor Gewalt in Pflegearrangements mit 24-Stunden-Pflegekräften beitragen können. Beispielsweise sei auf die Initiativen Carifair (Caritas) und Faircare (Diakonie) hingewiesen. Sie bieten auf der Ebene verschiedener Kreisverbände die Vermittlung von 24-Stunden-Pflegekräften an. Voraussetzung ist, dass die Familien zu ArbeitgeberInnen der 24-Stunden-Pflegekräfte werden und somit Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abführen. Auch wird vorausgesetzt, dass nach Tarif bezahlt wird, die Arbeitszeiten den rechtlichen Vorgaben entsprechen und stets ein ambulanter Pflegedienst (der Caritas) am Arrangement beteiligt ist. Aktuell sind es zwischen 500 und 600 24-Stunden-Pflegekräfte, die über Carifair vermittelt worden sind (vgl. Menebröcker2019). Die vergleichsweise hohen Kosten, die durch die Anstellung und die zusätzlich in Anspruch zu nehmenden Dienste entstehen, erklären diese relativ niedrige Zahl.

Reguläre Beschäftigungsverhältnisse, geregelte Arbeitszeiten und Ausbildungszertifikate führen zu höheren (privaten) Pflegekosten. Besserer Schutz wäre damit nur Privathaushalten zugänglich, die über entsprechende finanzielle Mittel verfügten. Hierdurch würden sich die sozialen Ungleichheiten von arm und reich, die bereits schon jetzt das Pflegesystem in Deutschland prägen, weiter verschärfen. Als „Modell für wenige“ ist es aber auch für wachstums- und gewinnorientierte Marktteilnehmer, wie die Vermittlungsagenturen, nur bedingt interessant. Es überrascht deshalb nicht, dass sich ein branchenförmig organisierter Kreis von Vermittlungsagenturen seit einiger Zeit für eine Verbreiterung der Finanzierungsbasis für Pflegearrangements mit 24-Stunden-Pflegekräften einsetzt. Allerdings stehen die Vermittlungsagenturen aufgrund ihrer Beschäftigungsmodelle selbst immer wieder in der Kritik, im rechtlichen Graubereich zu operieren (vgl. Emunds 2016). Für die Durchsetzung ihrer Interessen sind sie mithin zunächst darauf angewiesen, dass sie von staatlicher Seite Rechtssicherheit für ihr Handeln erhalten.

Gewalt und Gewaltschutz in Privathaushalten mit 24-Stunden-Pflegekräften gilt es entsprechend in das gegenwärtige Altenpflegesystem einzubetten, das durch diese Arrangements in akzentuierter Weise herausgefordert wird.

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Angaben zu den Autor*innen

Vincent Horn, Dr. phil., MA, ist Postdoktorand am Institut für Erziehungswissenschaft der

Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Cornelia Schweppe, Prof. Dr., ist Professorin für Sozialpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaftder Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Eingereicht am: 10.4.2019

Überarbeitung eingereicht am: 12.7.2019

Angenommen am: 28.7.2019