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Vincents Welt


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Frau im Leben - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 06.07.2022
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Bildquelle: Frau im Leben, Ausgabe 8/2022

Unangepasst, zwischen Genie und Wahnsinn schwankend ? um das kurze Leben Vincent van Goghs ranken sich viele Mythen. Fakt ist: In der Region Brabant legte der exzentrische Künstler die Basis für sein Werk. Das ?Selbstbildnis an der Staffelei? entstand 1888 und ist im Van Gogh Museum Amsterdam ausgestellt

Seltsam, wie vertraut diese Orte wirken: die Villa, in der van Goghs große Liebe lebte. Die kleine Kirche, in der sein Vater predigte Wir alle kennen sie – oder glauben es zumindest –, weil Vincent van Gogh sie gemalt hat. In dunklen Erdtönen, noch nicht flirrend bunt wie später die hellen Bilder aus Südfrankreich, aber so wild und expressiv wie sein Leben. Ein Stück weiter begegnen wir dem Künstler selbst – als lebensgroße Statue. Das Zentrum von Nuenen im Süden der Niederlande wirkt wie ein Vincent-van-Gogh-Freiluftmuseum, weil so vieles in der Gemeinde von Nordbrabant an den genialen Maler erinnert, sogar sein Mandelblütenmuster gibt es hier als Tapete.

Kein Wunder, schließlich hielt es der exzentrische Rotschopf, der 1853 in den Nie derlanden zur Welt kam und 1890 in Frankreich starb, für seine Verhältnisse hier recht lange aus. „Vincent hat viele Male den Wohnort gewechselt, in Nuenen blieb er ...

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... immerhin knapp zwei Jahre – länger als in Paris oder Südfrankreich“, erzählt die deutsche Stadtführerin Sabine Hendrikse. „Hier startete er als Maler richtig durch.“

Etwa ein Viertel seiner rund 2 000 Gemälde und Zeichnungen entstanden im kleinen Ort bei Eindhoven zwischen 1883 und 1885 – auch sein erstes, in Erdfarben gehaltenes Meisterwerk „Die Kartoffelesser“. Darauf ist man stolz in Nuenen, im Stadtzentrum wurde sogar das Figuren-Ensemble nachgebildet und eine Pommes-Bude trägt den Namen des Bildes.

Wer durch die Straßen spaziert und die für den Künstler zentralen Orte der Provinz erkundet, entdeckt viel mehr als Souvenirs mit Sonnenblumen.

Er wandelt im wahrsten Sinne des Wortes auf den Spuren des berühmten Malers. Denn in Zundert in der Region Brabant wurde er geboren und hierhin zog es ihn immer wieder zurück.

„Die Schwestern von Margot Begemann wollten nicht, dass sie einen armen Maler heiratet"

Jacqueline Bekkers, Besitzerin vom Salon Nune Ville

Wer mehr über den evangelischen Pastorensohn und seine Heimat erfahren will, startet am besten in Nuenen im „Vincentre“.

Interaktiv zeigt das Museum, wie van Gogh lebte und arbeitete, sich von der Natur und dem Alltag der Bauern und Weber inspirieren ließ. Tonaufnahmen von Zeitzeugen, die das „verrückte Malermännchen“ noch kannten, laufen vom Band.

Die Vorlagen der Motive

„Auch 134 der berühmten Briefe an seinen Bruder Theo zeugen von seiner Zeit hier“, weiß Sabine Hendrikse. Einen echten van Gogh allerdings sucht man im Museum vergeblich, dafür sind die Gemälde schlichtweg zu wertvoll. „Die Sicherheitsvorkehrungen wären für ein so kleines Haus unbezahlbar“, erklärt die gebürtige Kölnerin.

Nuenen und die Umgebung haben ohnehin anderes zu bieten: 24 der 39 Van-Gogh-Monumente Brabants sind direkt vor der Haustür: Gebäude und Landstriche, die den Begründer der modernen Malerei prägten und ihm als Motiv dienten.

Das elterliche Pfarrhaus zum Beispiel, das bis heute bewohnt ist und dessen angebaute Waschküche van Gogh zum Atelier umfunktionierte. Hier zog der mittellose Maler, ältestes von sechs Kindern, als 30-Jähriger wieder bei seinen Eltern ein. Sein unangepasster Lebensstil und die gescheiterten Ambitionen als Kunsthändler, Lehrer und Hilfsprediger machten ihn zum Sorgenkind. „Er fühlte sich so willkommen wie ein nasser Hund“, erzählt die Van-Gogh-Expertin und biegt ein in einen schmalen Weg. Ihre Über- raschung für die Besucher? Ein Loch in der Hecke um das weitläufige Grundstück, das den Blick auf ein weiteres von van Gogh verewigtes Motiv freigibt: den Pfarrgarten samt Teich mit Blick auf die Clemens-Kirche.

Gleich daneben liegt ein elegantes Wohnhaus, der Salon Nune Ville. Hier lebte Margot Begemann, die zwölf Jahre ältere Geliebte van Goghs, mit ihren drei Schwestern. Wer an der Tür klingelt (samstags darf man das), dem öffnet Jacqueline Bekkers, die heutige Besitzerin. Das Gebäude, das sie mit ihrer Familie bewohnt, scheint ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Nähtische, edles Porzellan, Biedermeier-Möbel, Bilder von van Goghs Malerfreunden – die Villa ist komplett im Stil des 19. Jahrhunderts eingerichtet. „Ich bin einfach fasziniert von dieser Zeit und ein großer Fan von Vincent van Gogh“, gesteht die 55-Jährige.

Mit viel Leidenschaft führt sie Besucher durch die Räume und erzählt die tragische Geschichte der beiden Liebenden.Sie endete nach Margots Selbstmordversuch mit Gift, als ihr dieHochzeit mit dem egozentrischen Außenseiter verwehrt wurde. Kurz darauf verstarb der Vater von van Gogh und der Maler verließ die Niederlande Richtung Antwerpen.

Auf seinen Spuren radeln

Ausgedehnte Heidefelder, Kopfweiden-Alleen, Flüsse, die sich durch die Natur schlängeln:

Die Landstriche, durch die der zwischen Genie und Wahnsinn mäandernde Künstler mit einer Leinwand, Pinsel und Staffelei zog, kann man zu Fuß oder, bes- ser noch, typisch holländisch mit dem Fahrrad erkunden. Die 435 Kilometer lange Van-Gogh-Route führt durch ganz Nordbrabant, entlang authentischer Dörfer, Polder und Wälder. Ein Highlight zur Abendstunde: der Van-Gogh-Roosegaarde-Radweg zwischen Nuenen und der niederländischen Stadt Eindhoven.

„Er hat die Wassermühle oft gemalt, obwohl er nicht willkommen war"

Drieske Brox, Restaurant-Pächterin von „De Watermolen“

In der Dämmerung leuchten hier unzählige funkelnde Steinchen im Straßenbelag, die vom Tageslicht aufgeladen werden, sodass man glaubt, geradewegs über Vincents Gemälde „Sternennacht“ zu radeln.

Wer der Tour folgt, kommt zur „Watermolen van Opwetten“, der Wassermühle, die van Gogh im Laufe seines Lebens immer wieder gemalt hat, heute ein Reichsmonument. Ein paar Autominuten von Nuenen entfernt lässt sich hier nicht nur die schöne Lage an der „Kleinen Dommel“ genießen, sondern auch die ausgezeichnete Küche:

Die Wassermühle ist mittlerweile ein Restaurant. Pächterin Drieske Brox serviert auf der Terrasse Tarte Tatin mit Ziegenkäse und Garnelenkroketten.

Sie liebt ihr Idyll inmitten von Wiesen und Obstbäumen. „Es ist ein wunderschöner Ort. Deshalb hat Vincent van Gogh die Mühle ja auch so gerne gemalt – obwohl er in der Gegend nicht willkommen war“, erzählt die gebürtige Brabanterin.

Kultur und Genuss

Van-Gogh-Kennerin Jacqueline Bekkers weiß noch eine andere Mühlengeschichte: „Für ein paar Münzen holte ihm der Sohn des Müllers Vogelnester aus den Bäumen: Sie dienten ihm als Vorlage für seine Stillleben.“

Zu sehen sind diese und andere Werke im „Het Noordbrabants Museum“ der mittelalterlich geprägten Provinzhauptstadt ’s-Hertogenbosch. Ein Besuch der Ausstellung im eleganten Gouverneurspalast ist ein Muss – und ein idealer Ausgangspunkt für einen Bummel über den Marktplatz und durch die vielen kleinen Boutiquen und Geschäfte. Wer will, gönnt sich einen „Bossche Bol“, einen mit Sahne gefüllten und Schokolade überzogenen Windbeutel, oder setzt sich für einen „Borrel“, einen Aperitif, in eines der vielen Straßencafés.

Am nächsten Tag geht es Richtung Westen ins eine Stunde entfernte Etten-Leur. Das knallgelbe Hotel-Restaurant „Vincents“ weist den Weg zur gegenüberliegenden Van-Gogh-Kirche. Stadtführer Cor Kerstens wartet in der Sonne, ein zwölf auf zwölf Meter großes Porträt des Künstlers im Rücken. In charmantem Deutsch führt der Rentner durch das

„Als Kind eines evangelischen Pastors in einer katholischen Gemeinde wurde er früh zum Außenseiter. Er blieb es sein Leben lang"

Jan Melisse ist Fremdenführer und kann viel über van Gogh erzählen

Gotteshaus, in dem Vincents Vater Theodorus vor seiner Zeit in Nuenen sieben Jahre lang auf der Kanzel stand. Hier schrieb sich sein Sohn erstmals als Kunstmaler ein. Bunte Fenster mit Van-Gogh-Motiven und Info-Tafeln zum Werk des Künstlers machen den Kirchenraum zu einem sakralen Museum. „In den neun Monaten, die Vincent van Gogh hier im Jahr 1881 wohnte, legte er die Basis für sein späteres Werk. Damals hat der 28-Jährige noch nicht mit Ölfarben gemalt, sondern vor allem gezeichnet – und viel mit seinem Vater gestritten“, sagt Cor Kerstens und lacht.

Häufig unternahm der junge Vincent Ausflüge ins heutige Naturschutzgebiet „Pannenhoef “.

Wälder, Moorseen und blühende Wiesen prägen das 706 Hektar große Areal, das zu langen Spaziergängen bei Vogelgezwitscher einlädt. „Rund um Etten fand er Motive, die auch in seinen späteren Werken aus Südfrankreich immer wieder auftauchen“, erklärt Kerstens. „Der Sämann“ ist eines davon.

Heimweh nach Brabant

17 Kilometer weiter führt die letzte Etappe unserer Van-Gogh-Reise direkt auf den Friedhof. In Zundert liegt Vincents Bruder begraben. Er kam tot zur Welt, ein Jahr bevor der Maler das Licht der Welt erblickte. Beide wurden von den Eltern auf den Namen Vincent getauft. Keine leichte Hypothek. „Es wird viel darüber spekuliert, dass sich Vincent van Gogh oft als der ungeliebte Ersatz gesehen hat – zumindest in seinen dunklen Stunden“, erzählt Jan Melisse, der hier als Reiseführer arbeitet, und zeigt auf einen verwitterten Grabstein im Gras. Aus der Küsterwohnung nebenan ist Musik zu hören, inzwi-schen ist hier eine Künstlerresidenz untergebracht.

Auch durch das „Vincent van GoghHuis“, das Museum auf dem Grundstück des einstigen Geburtshauses, weht ein moderner Wind. Wechselnde Ausstellungen interpretieren das Werk van Goghs immer wieder neu.Erzählt wird auch die Geschichte seiner Kindheit und Jugend.„Als Kind eines evangelischen Pastors in einem katholischen Dorf wurde er schon früh zum Außenseiter“, sagt Reiseführer Jan Melisse. Und das blieb Vincent van Gogh sein Leben lang. 1890 starb der psychisch kranke Maler mit 37 Jahren im französischen Auvers-sur-Oise an einer Schussverletzung, die er sich vermutlich selbst beigebracht hatte. In Südfrankreich waren seine farbenprächtigen und von leuchtendem Gelb dominierten Bilder entstanden, die Menschen auf der ganzen Welt begeistern und die heutzutage bei Auktionen Rekordpreise erzielen. Diese Bilder machten Vincent van Gogh berühmt, doch sein Heimweh nach Brabant blieb bis zu seinem Ende.

UNTERWEGS IN BRABANT

Die nach eigenen Angaben „gastfreundliche Region der Niederlande“ hat viel zu bieten

ÜBERNACHTEN

In Vught, unweit von Den Bosch, liegt das Landgut Huize Bergen mitten in einem Park. In dem Vier-Sterne-Hotel wacht man mit Vogelgezwitscher auf und im Restaurant isst man herrlich mit Blick ins Grüne.

DZ ab 80 Euro. www.huizebergen.de

Schlafen, wo van Gogh (vermutlich) Federzeichnungen von einem Webstuhl fertigte? Das ist im Kostershuisje aus 1763 mitten in Nuenen möglich.

Das renovierte B&B mit Küche ist ab 135 Euro pro Nacht zu mieten. www.kostershuisje.nl

ESSEN

Im Restaurant De Menmoerhoeve mit angegliedertem Camping zwischen Zundert und Etten-Leur kommen Gemüse und Fleisch vom eigenen Bauernhof auf den Tisch.

Regionale Spezialität:

Salat mit Blutwurst und Apfel. Ein Fußweg führt direkt ins Naturschutzgebiet Pannenhoef. www.menmoerhoeve.nl

Brabant ist bekannt für Top-Gastronomie und Bierbraukunst. In der Brauerei De Kievit der Abtei Maria Toevlucht in Zundert kann man das unter Aufsicht von Trappistenmönchen gebraute Bier kaufen. www.abdijmariatoevlucht.nl/en

ERLEBEN

Jeden ersten Samstag im Monat können Besucher nach einer Führung durch die Villa Salon Nune Ville das einstige Atelier von van Gogh in Nuenen besichtigen. Anmeldung dafür unter jacqueline@ salonnuneville.nl www.salonnuneville.nl

Im Nationalpark „Loonse en Drunense Duinen“, auch „Sahara der Niederlande“ genannt, finden sich die größten Treibsandgebiete Europas. www.np-deloonseendrunenseduinen.nl’s-Hertogenbosch ist die Geburtsstadt des Malers Hieronymus Bosch.

Bei einer Bootsfahrt auf dem Kanalsystem „Binnendieze“ kann man auf Entdeckungstour gehen.

Start: Molenstraat 15a. www.dagjedenbosch.com

In Tilburg erhielt van Gogh seinen ersten Zeichenunterricht. In Vincents Tekenlokaal können Besucher in Workshops herausfinden, ob auch sie künstlerisches Talent haben. www.vincentstekenlokaal.nl

Lust auf noch mehr Kunst? Dann lohnt sich der Besuch im Kröller-Müller Museum in Otterlohe und im Van Gogh Museum Amsterdam: Sie haben die weltweit größten Sammlungen. www.krollermuller.nl; www.vangoghmuseum.nl

REISE PLANEN

Alle Infos zur Region und zu Ausflugszielen finden sich hier: www.visitbrabant.com/ de