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Vintage-Lautsprecher JBL L-100 Century: Klassiker – neu vermessen


Klang & Ton - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 29.11.2019

Es gibt so ein paar HiFi-Klassiker da draußen, die muss man einfach mal gehört haben. Dazu zählt mit absoluter Sicherheit die JBL L-100 Century, die bis auf das Jahr 1970 zurückgeht und bis heute einer der größten Verkaufserfolge von JBL ist. Wir haben uns der ehrwürdigen Box angenommen


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Bildquelle: Klang & Ton, Ausgabe 1/2020

Als Nicht JBL-Kenner denkt man bei der Marke mit den magischen drei Buchstaben zunächst an die extrem kompakte Monitorbox Control 1, die in ihren zahlreichen bis heute gebauten Derivaten bei Weitem die meistverkaufte JBL-Box ist. Dennoch muss man der ungleich größeren und teureren L-100 zugestehen, dass sie zu ihrer Zeit ...

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Als Nicht JBL-Kenner denkt man bei der Marke mit den magischen drei Buchstaben zunächst an die extrem kompakte Monitorbox Control 1, die in ihren zahlreichen bis heute gebauten Derivaten bei Weitem die meistverkaufte JBL-Box ist. Dennoch muss man der ungleich größeren und teureren L-100 zugestehen, dass sie zu ihrer Zeit ebenfalls ein enormer Erfolg war und zehntausendfach verkauft wurde. Ursprünglich aus dem Studio-Monitor 4310 hervorgegangen, war sie die zivile Variante mit etwas weniger wilder Chassisanordnung und der ganz charakteristischen „Würfel- Schaumstoff-Front“.
Die L-100-Serie der 70-Jahre umfasste neben dem L-100 noch die L-100A und die L-100 Century Evolutions, die noch fast 10 Jahre nach Erscheinen der L-100 gebaut wurde.
Als mir ein guter Freund vor ein paar Jahren ein Paar technisch gut erhaltene L-100 Century anbot, konnte ich nicht nein sagen: Die Gehäuse waren zwar schon hie und da etwas angeschlagen, dafür befanden sich die Treiber in einem hervorragenden Zustand. Und Chassis der Marke JBL genießen ja zu Recht einen hervorragenden Ruf in der gesamten Szene – was konnte ich also falsch machen?
Der L-100 ging es wie vielen meiner Boxen: Nach ein paar Höreinheiten wanderte sie auf die Seite und wurde nicht mehr eingesetzt. Das klingt jetzt nach mehr Drama, als es wirklich war: Den meisten meiner Lautsprecher geht es so, denn neben den unzähligen Boxen, die mir dienstlich zur Verfügung stehen, besitze ich auch privat noch eine stattliche Anzahl von Lautsprechern, die ich natürlich nicht alle im Wohnzimmer zum Einsatz kommen lassen kann. Und darunter befi nden sich ein paar echte Hochkaräter, die zu ihrer Zeit schon so etwas wie das Maß der Dinge waren.
Nun, wie es der Zufall wollte, hat JBL im Jahr 2018 eine Neuaufl age des Klassikers präsentiert, die ich für das Magazin LP ausgiebig getestet habe. Und anlässlich dieses Tests habe ich einmal einen ausgiebigen Hörvergleich Alt gegen Neu veranstaltet.
Bei diesem Gegeneinander-Hören hat sich dann ganz schnell auch bei mir die Hassliebe manifestiert, die viele Kenner mit der alten L-100 verbindet: Die Box beschert einem Klangerlebnisse, die unter die Haut gehen – im positiven, wie im ne-gativen Sinne. Auf der Habenseite konnte ich Atmosphäre, Luft und eine sensationelle Homogenität bei bestimmten Musikmaterialien verbuchen, andererseits konnte die Box auch furchtbar rumpelig und undiszipliniert im Bass sein, dazu kam eine richtiggehende Aggressivität oberhalb des Präsenzbereichs, die man mit dem Mittelton-Dämpfer zwar mildern konnte, aber eben nicht, ohne der Box ihre Lebendigkeit zu nehmen.

Technik

Die L-100 ist eine klassische Drei-Wege- Box mit drei Konustreibern. Charakteristisch dabei ist die weißliche Färbung der Membran des 12-Zoll-Tieftöners JBL 123A, die von der legendären Aquaplas- Beschichtung herrührt. Die genaue Rezeptur dieser Schicht ist niemals veröffentlicht worden, aber einer der Bestandteile scheint mineralisch zu sein, denn je nach Lichteinfall glitzert die Membran etwas. Der fl ache Korb ist so hinreißend schön, dass das Chassis eigentlich in eine offene Schallwand gehört. Der Antrieb basiert auf einem Alnico-Magneten und sorgt zusammen mit der nicht allzu harten Aufhängung für eine Gesamtgüte von etwa 0,5. Da das Äquivalentvolumen des Treibers bei über 200 Litern liegt, kann man sich an einer Hand ausrechnen, dass in den rund 70 Litern der L-100 keine Einbau- Gesamtgüte von 0,71 zustande kommt. Warum also hier auch noch ein Refl exrohr verbaut wurde, kann im Nachgang niemand mehr so genau erklären.

Tatsächlich spielt der 123A so breitbandig, wie man es ihm nachsagt, allerdings durchaus nicht so gutmütig, wie es immer heißt. Neben einer deutlichen Senke bei 400 Hertz (die übrigens bei den beiden vorhandenen Treibern nicht gleich ausgeprägt ist), gibt es durchaus erhebliche Resonanzen im weiteren Frequenzgangverlauf. Wenn wir die Senke im Gehäuse durch die Schallwandbreite noch ausgleichen können, ist es aus technischer Sicht keine gute Idee, den Tieftöner, wie von JBL vorgesehen, fi lterlos durchlaufen zu lassen.
Bei den Klirrmessungen dagegen zeigt sich die ganze Klasse des JBL: Auch 95 Dezibel steckt er locker weg.
Der Mitteltöner L5-2 hat ein ähnlich attraktives Aussehen wie der Tieftöner – und verhält sich ähnlich extravagant. Auch er agiert sehr breitbandig, zeigt eine Senke knapp über einem Kilohertz und verabschiedet sich mit ein paar kräftigen Resonanzen am oberen Ende seines Übertragungsbereichs, der bis deutlich über 10 Kilohertz reicht. Vor allem die 6,5-Kilohertz-Spitze auf Achse und unter 15 Grad ist recht ausgeprägt und auch deutlich zu hören. Da auch der Mitteltöner frei nach oben durchläuft, muss man hier mit dem Pegelregler und viel Fingerspitzengefühl vorgehen.
Ansonsten ist der Treiber sehr beeindruckend: Als reiner Mitteltöner mit einer Resonanzfrequenz von über 200 Hertz konzipiert, hat er einen Wirkungsgrad von rund 95 Dezibel, klirrt so gut wie nicht und zeigt ein sensationell schnelles Ausschwingverhalten.

Nicht ganz optimale Verteilung der Chassis auf der Schallwand, vermutlich, um der urpsrünglichen Monitorfunktion zu entsprechen


Der Hochtöner LE25 ist der zivilste der drei Treiber: Als Konusschassis mit Papiermembran sitzt er zur Optimierung des Abstrahlverhaltens inmitten eines Schaumstoffrings. Und tatsächlich kann sich der Frequenzgang sehen lassen: Bereits bei 1 Kilohertz erreicht er seinen vollen Pegel und verabschiedet sich erst bei 18 Kilohertz. Im Gegensatz zu seinen Kollegen ist er auf Achse am linearsten, während es unter Winkeln im oberen Hochtonbereich eine Berg- und Talfahrt ergibt. Um 5 Kilohertz gibt es auf Achse eine breite Senke. Unsere Klirrmessungen ergeben einen sicheren Einsatzbereich ab 2 Kilohertz.

Gehäuse

Eine klassische Monitorbox der 70er- Jahre: Etwas breiter als tief mit einem Nettovolumen von etwa 70 Litern. Versteifungen gibt es nicht. Die Bedämpfung meiner Boxen ist nicht mehr original – hier gab es rundum dicke Mineralwoll- Matten, die in meiner Box mit Filzmatten und Sonofi l „nachgebaut“ wurden. Der Mitteltöner sitzt ein seiner eigenen Kammer. Die außermittige Anordnung dieses Treibers kann zwei Gründe gehabt haben: Zum einen das Vermeiden von Kanteneffekten an der Schallwand, zum anderen die Möglichkeit, die Box auch liegend zu betreiben. Aufgrund der breitbandig überlappenden Einsatzbereiche der Treiber ist das eine furchterregende Vorstellung, also wäre eine Anordnung der Chassis in einer Reihe übereinander tatsächlich vorzuziehen. Das Refl exrohr ist gleich hinter der Schallwand abgeknickt und sorgt für eine sehr tiefe Abstimmung mit einem unteren Impedanzhöcker von unter 10 Hertz.
Die charakteristische Besonderheit der L-100 ist die Frontbespannung mit Schaumstoff in dem charakteristischen Schachbrettmuster – den akustischen Effekt, der zweifellos vorhanden war, können wir nicht mehr verifi zieren, denn die originale Bespannung ist im Laufe der Jahrzehnte zu Staub zerfallen und wurde durch normalen Bespannstoff ersetzt.

Frequenzweiche

Hier können wir es kurz machen: Der Tieftöner läuft ungefi ltert durch. Der Mitteltöner und der Hochtöner haben je einen Hochpassfi lter erster Ordnung mit Kondensatorwerten von 8 μF und 3 μF Mit einem regelbaren Spannungsteiler können beide im Pegel eingestellt werden. Das war es mit der sensationell einfachen Weiche.

Messungen

Entsprechend abenteuerlich misst sich die L-100 Century: Im Mittel gibt es zwar einen ausgewogenen Frequenzgang, bei dem aber die „Qualitäten“ der Einzelchassis voll durchschlagen. Ich habe mal eine Messung der Zweige der Chassis in der Box im extremen Nahfeld gemacht. Diese ist zwar mit Vorsicht zu genießen, da stets alle Treiber angeschlossen waren, aber ich denke, man erkennt die Problematik:

Die komplette Überlappung dreier recht „wilder“ Chassis in einem weiten Bereich führt auch dazu, dass nicht nur das Verhalten bei unseren horizontalen Winkel- Messungen recht uneinheitlich aussieht, sondern auch das Abstrahlverhalten horizontal riesige Sprünge macht. Hier einmal der Effekt von 15 Zentimetern Abweichung nach oben:

Mit einem recht weit zurückgedrehten Mitteltöner und dem Hochtöner bei fast vollem Pegel lässt sich auf Achse ein recht ziviler Frequenzgang erzielen, wenn man von der Senke im Präsenzbereich einmal absieht.

Ansonsten ist in den Messungen die befürchtete Bassanhebung deutlich zu sehen. Der Impedanzverlauf ist mit den fl achen Filter natürlich sehr linear und nicht verstärkerkritisch. Die Klasse der Einzeltreiber kann man daran erkennen, dass das Wasserfalldiagramm trotz des unruhigen Verlaufs keine langen Nachschwinger zeigt. Und auch in Sachen Klirr zeigt sich die L-100 Century absolut souverän.

Der Mitteltöner LE5-2 ist ein reinrassiger Spezialist in seinem Fach


Hörtest

Wie ja bereits erwähnt, Licht und Schatten: Die L-100 kann faszinieren. Ihre räumliche Abbildung ist überlebensgroß und ungemein plastisch. Und auch die Stimmenwiedergabe, gerade bei älteren Aufnahmen, ist sensationell. Auch in Sachen Dynamik gibt es nur Positives zu vermelden, auch, wenn ich als erste Maßnahme das Refl exrohr komplett verschlossen habe. Geschlossen wird aus dem rumpeligen Bass eine im wahrsten Sinne des Wortes runde Sache. Er reicht allemal immer noch tief genug und spielt auch mit der gebotenen Neutralität und Sauberkeit.
Bei längeren Hörsessions wird man dazu neigen, den Mitteltöner mit seiner nervenden Resonanz immer weiter zurückzudrehen, bis man sich irgendwo an der Grenze von „so leise wie möglich“ und „aus“ befi ndet – dann geht es mehr in Richtung HiFi, ist aber eben nicht mehr so spannend wie zuvor.

Im Laufe der Zeit hat dieses Paar L-100 schon einiges mitmachen müssen


JBL LE5-2 (Mitteltöner)

Ausblick

Es gibt für die L-100 mehrere Weichenmodifi kationen, die teilweise kommerziell, teilweise öffentlich zugänglich sind. Diese völlig neu designten Weichen machen in meinen Augen einen grundlegenden Fehler: Sie machen mit einem hohen Filteraufwand aus der L-100 Century eine normale Box. Das kann man natür-lich so handhaben, aber wozu? Das Endergebnis, wiewohl sicherlich ein guter Lautsprecher, hat so gar nichts mehr mit der Faszination der ursprünglichen Box zu tun, sodass ich an dieser Stelle einen anderen Ansatz probieren möchte. Vielleicht ist es gar nicht möglich, aber ich möchte in der kommenden Ausgabe eine Weichenmodifi kation zeigen, die nicht die Meriten der L-100 unterschlägt und gleichzeitig die Box etwas besser handhabbar macht. Mit Sicherheit wird das Ergebnis immer noch nicht perfekt sein, aber vielleicht eben so gut, dass wieder mehr Leute ihre L-100 aus der Abstellkammer holen.

Der Konushochtöner hat zur Verbesserung des Abstrahlverhaltens einen Schaumstoffring um die Membran


Fazit

Die JBL L-100 Century ist ein faszinierender Lautsprecher mit einem ungewöhnlichen Konstruktionsansatz: Das Potenzial für Verbesserungen ist mit Sicherheit gegeben.

Die Beschichtung der Innenwände war ursprünglich dicker und aus Mineralwolle


JBL LE25 (Hochtöner)