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VIOLENT FEMMES: Musik als Möglichkeit


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 11.07.2019

lt@Die Violent Femmes waren super, als sie sehr jung waren. Danach gingen viele Pläne nicht richtig auf. Nun aber ist die Band alt – und zeigt, wie gut Songs sein können, die auf Zufall und Faulheit basieren. Mit diesem Ansatz lockten sie sogar Tom Verlaine aus dem Ruhestand hervor.


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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 8/2019

@@Violent Femmes, 36 Jahre nach dem gefeierten Debütalbum, im Hotel „Letzte Zuflucht“ (v.l.): John Sparrow, Gordon Gano, Brian Ritchie und Blaise Garza.


Gerade volljährig geworden, schleppten die Violent Femmes Anfang der 80er-Jahre ihre Instrumente in Cafés und an Straßenecken, um dort ihre Songs über das Leben und die Liebe ...

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Gerade volljährig geworden, schleppten die Violent Femmes Anfang der 80er-Jahre ihre Instrumente in Cafés und an Straßenecken, um dort ihre Songs über das Leben und die Liebe aus der Perspektive 18 Jahre alter Jungs zu singen. Es gab immer ein Mädchen, dem es sich nachzutrauern lohnte, vor allem aber schmerzte den leicht nerdigen Sänger und Songwriter Gordon Gano die grundsätzliche Enthaltsamkeit: „Why can’t I get just one fuck, I guess it’s something to do with luck“, heißt es bei„Add It Up“ . Die fr Die frühen Lieder der Band klangen nach überdrehter Verzweiflung, das Kieksen des Jungen, der sich im Stimmbruch befindet, war in Ganos Vocals mit angelegt, während sich Brian Ritchie an seiner akustischen Bassgitarre die Finger blutig spielte und der damalige Drummer Victor DeLorenzo minimalistischen Punk und Twist trommelte. Als Teens waren die Violent Femmes unschlagbar, ihr erstes Album eine Sensation!

Dann wurde die Band älter, die Songs dunkler und spiritueller, später sogar elektronisch – und orientierungslos. Im Jahr 2000 war Schluss, keinen Moment zu früh. Als sich die Violent Femmes 2016 für ein neues Album zusammenfanden (mit neuem Schlagzeuger), bangte das Fanherz: Geht das gut? Na ja, so gerade. Drei Jahre später nun HOTEL LAST RESORT, noch mal etwas Neues. Die junge Band ist nun definitiv alt, Gano ist 56, Ritchie 58. Aber was soll man sagen: Plötzlich funktioniert die Bandformel wieder, und es stellt sich heraus, dass die Violent Femmes einfach keine Band fürs mittlere Alter waren. Aber warum?

Gordon Gano tut zunächst einmal ratlos. Weil er Zeit zum Überlegen braucht, redet er im netten Plauderton davon, dass er generell eher ein altersloser Mensch sei und dass ihm Zahlen gar nichts bedeuteten. HOTEL LAST RESORT ist bereits das zehnte Album dieser Band? „Hättest du mir das jetzt nicht gesagt, hätte ich das nie im Leben gemerkt.“ Das kann man nun glauben oder nicht, auf jeden Fall rückt Gano bei den folgenden Überlegungen näher an die Ausgangsfrage heran: „In der Jugend ist die Diskrepanz zwischen dem, was man vorgibt zu wissen, und dem, was man wirklich weiß, extrem groß.“ In dieser riesigen Lücke habe sich das kreative Potenzial befunden, aus dem die frühen Violent Femmes schöpften. „Zum Beispiel bin ich zwar auf dem Papier auch der Gitarrist der Band“, sagt Gano, „aber den wirklichen Willen zum Lead-Instrument hatte Brian als Bassist. Also spielte er seinen Bass wie eine Leadgitarre, wohlwissend, dass ich ihm in dieser Hinsicht mit meinem Geschrammel keine Konkurrenz machen kann.“

Als es mit der Unschuld der Jugend vorbei war, zeigten sich die Violent Femmes lernwillig: „Wir gingen unseren Einflüssen nach, blicken kritisch auf das Land und seine Leute, lasen Bücher über Religionen und Kulturgeschichte und nahmen all das in unsere Lieder auf.“ So wurden aus den Nerds, die sich nichts sehnlicher wünschten, als einfach nur ein bisschen rumzumachen, Schritt für Schritt von Selbstzweifeln geplagte Schlaumeisen. Die mag im wirklichen Leben schon niemand. Und als Band schon mal gar nicht. „Heute“, schließt Gordon Gano den argumentativen Kreis, „sind wir an einem Punkt angelangt, an dem Zweifel über die Sinnhaftigkeit des Lebens so groß geworden sind, dass wir sie nicht mehr persönlich nehmen.“

Da sind sie nicht die Einzigen: Auch der legendäre Tom Verlaine zeigte eine nicht zu erwartende Lockerheit, als Brian Ritchie ihn aus dem Nichts heraus fragte, ob er nicht Lust habe, auf dem Titelsong der neuen Platte der Violent Femmes Gitarre zu spielen. Klar, fragen kostet nichts, aber man muss wissen: Für College-Rocker aus den frühen 80er-Jahren ist Tom Verlaine die Bandalles entscheidende Bezugsgröße, ein gottgleicher Gitarrist, dem es mit seiner Band Televison gelungen war, den Gitarrenrock neu zu erzählen. Sonic Youth, Pavement, Dinosaur Jr. – sie alle verehren ihn.

Auf die folkpunkig-schrammeligen Violent Femmes wäre man allerdings zunächst nicht gekommen. „Aber“, sagt Gano, „auch für uns waren Television enorm wichtig, weil sie gezeigt haben: Rockmusik ist bereits alt, aber man kann sie auf links drehen – und zwar auch ohne sich Sicherheitsnadeln in die Ohren zu piksen.“ Seit vielen Jahren unterbricht Verlaine – der dieses Jahr noch 70 Jahre alt wird – seinen Ruhestand nur noch sehr sporadisch, da müssen schon Kollegen wie Lee Ranaldo von Sonic Youth oder James Iha von den Smashing Pumpkins anfragen. „Oder halt wir!“, ruft Gano und lacht schallend.

Zwei E-Mails, größer war der Aufwand nicht. „Wir wollten ihm eigentlich nur das Demo als Entscheidungsgrundlage zukommen lassen, doch er schickte uns direkt den Song mit seiner Gitarrenspur zurück.“ Und die klingt genau so, wie die Violent Femmes sich das vorgestellt hatten – unbeirrt, jenseitig, kongenial. „So was spielt niemand, der sich etwas beweisen muss“, sagt Gano. Das so veredelte Stück„Hotel Last Resort“ handelt von einem mysteriösen Rückzugsort für geniale Rockmusiker, an dem auf geheimnisvolle Art Weisheit und Faulheit eine Einheit bilden.

„Toms Gitarre zeigt mit ihrer ganzen Willkürlichkeit, was für ein seltsames Spiel wir Musiker ab einem gewissen Alter absolvieren“, sagt Gano. Der Sturm und Drang sei vorbei, das Alterswerk entwickele sich zu einer zufälligen Mischung aus Dingen, die man eben tun oder auch lassen kann. Hingegen: „Die frühen Songs mussten raus, ich wäre sonst zerplatzt“, sagt Gano. Und das hört man ihnen bis heute an. Die Lieder aus der mittleren Phase habe man sich dann genau überlegt, es habe sogar richtige Pläne gegeben. „Von diesen neuen Songs weiß ich wahrscheinlich bald schon weniger als die Menschen, die sie hören und für sich entdecken werden“, vermutet Gano. Jedes neue Stück der Violent Femmes ist ab jetzt eine Möglichkeit unter vielen. Die Musik in ihrer Existenz ist nicht mehr zwingend. Aber: Sie ist nun wieder zwingend gut.

Albumkritik S. 78




@@FOTOS: ZACK WHITFORDT