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VISIONS OF ATLANTIS: ENTDECKUNGS-Reise


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 21.08.2019

Berichterstattung einmal anders! Wir nutzen die Veröffentlichung des kommenden VISIONS OF ATLANTIS-Albums WANDERERS für ein besonderes, sehr persönliches Interview-Erlebnis: Mit Sängerin CLÉMENTINE DELAUNEY (M.) erkunden wir ihre Heimatstadt Lyon, sprechen über wahrgewordene Träume sowie das neueste Werk der Band.


Artikelbild für den Artikel "VISIONS OF ATLANTIS: ENTDECKUNGS-Reise" aus der Ausgabe 9/2019 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 9/2019

Noch eben stand sie mit Visions Of Atlantis auf der Bühne des Rockharz-Festivals, schon folgt für Clémentine Delauney der nächste Termin: Band und Napalm Records laden zu Promozwecken nach Paris. Bereits am Vortag trifft METAL HAMMER die junge Frau exklusiv in ihrer Heimat Lyon. „So etwas habe ...

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... ich noch nie gemacht“, gesteht die sympathische Sängerin lachend, als wir sie nahe des Stade de Gerland, eines Rugby- und Fußballstadions im südlichen Teil von Lyon, treffen. Mit „so etwas“ meint sie den anstehenden Nachmittag inklusive der Idee, eine Journalistin durch ihre Heimatstadt zu führen. In Sachen Pünktlichkeit greifen sowohl die METAL HAMMER-Abgesandte als auch Clémentine zunächst leicht daneben. Fremdverschulden, wohlgemerkt! In Berlin mag der Flieger in Richtung Frankreich nicht pünktlich starten, bei Visions Of Atlantis wiederum verursacht der Upload des Lyricvideos zum neuen Song ‘Heroes Of The Dawn’ Schwierigkeiten. Mit einer Stunde Verspätung finden wir schließlich zueinander; alsbald ist auch das Video im Kosmos des Internet angekommen. In ihrem leichten, schwarzen Sommerkleid und mit den langen, dunklen Haaren ist die zierliche Französin an Anmut nicht zu überbieten. Kaum vorstellbar, dass Clémentine in ihrer Jugend für ihr Aussehen und ihre Körpergröße von ihren Mitschülern und -schülerinnen beleidigt und gemobbt wurde. Die gemeinsame Metro-Fahrt ins Zentrum der drittgrößten Stadt Frankreichs dient zum Kennenlernen: Die Sängerin erzählt davon, wie sie mit ihrer Mutter im Alter von neun Jahren nach Lyon zog und von ihrem Erstkontakt mit der Metal-Szene. Wegweisend dafür war ‘Bring Me To Life’ von Evanescence, welches Clémentine damals im Radio hörte. „Es hat mich umgehauen. Bis dahin hatte ich mit der Szene nichts zu tun.“

OFFENBARUNG

An der Opéra National de Lyon nahm sie klassischen Gesangsunterricht. „Aufgrund der Operngeschichte und der Tatsache, dass mir Metal gefiel, erzählte mir ein Freund von Nightwish. Er lieh mir zwei Alben: OCEANBORN und WISHMASTER – eine Offenbarung!“ Bands wie Within Temptation, Lacuna Coil, Epica oder Visions Of Atlantis steigerten ihre Begeisterung noch weiter. Ganz recht, über ihre heutigen Kollegen stolperte Clémentine schon bevor sie der Gruppe 2013 als Frontfrau beitrat. „Es ist großartig, heute Teil dieser Szene zu sein. Als ich vor 16 Jahren angefangen habe, hätte ich nie geglaubt, selbst einmal dazuzugehören.“ Passend zu ihren ersten Schritten als Sängerin stehen wir bald vor dem imposanten Opernhaus, welches aufgrund von Bauarbeiten etwas von seiner optischen Erscheinung einbüßt. „Die Architektur im Inneren ist wunderschön. Die Oper wurde restauriert, die Dachkonstruktion später hinzugefügt. Hier war ich Teil einer Klasse speziell für Jugendliche, mit Schülern zwischen neun und 18 Jahren.“ Mit dieser Zeit verbindet die Sängerin nicht nur gute Erinnerungen. „Eigentlich hätte ich noch ein weiteres Jahr an der Oper bleiben können. In den Augen der Zuständigen war ich aber zu anders, also haben sie nein gesagt. Ich trug lange schwarze Kleider, ein wenig Gothic-mäßig. Außerdem habe ich nicht krampfhaft darauf abgezielt, dass mich die Federführenden dort gerne haben. Ich war einfach ich selbst und nie in irgendeiner Form heuchlerisch“, erzählt sie offen. „Doch ich bin wiederum froh, dass mir so etwas damals passiert ist, und nicht heute. Ich schätze es, aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt zu haben.“

Wir schlendern weiter durch die malerischen Gassen der Stadt, verzichten dabei bewusst auf große Einkaufsmeilen und begutachten viel lieber in zahlreichen Schaufenstern antike Möbel und Schmuck. Im zentralen Viertel Presqu’île steuert Delauney zielstrebig einen kleinen Park an, unscheinbar im Hinterhof eines Gebäudekomplexes gelegen. Zwei Flüsse bestimmen das Bild der Stadt und finden schließlich im Süden zueinander; daher der Name Presqu’île – Halbinsel. Unweit entfernt befand sich früher die Schule der Sängerin. Mit zwei Klassen auf einem Stockwerk war diese sehr überschaubar, „mehr wie eine große Wohnung“, beschreibt Clémentine. „Mein erstes Jahr hier war das schlimmste überhaupt. Ich wurde von so ziemlich jedem abgelehnt. Bereits als 14-Jährige war ich 1,75 Meter groß, heute 1,80. Dünn war ich auch schon immer, so tickt mein Stoffwechsel einfach. Außerdem war ich gut in der Schule.“ Steilvorlagen für Mobbing; und Kinder können grausam sein. Die Kritik der Vergangenheit helfe ihr heute, mit eben solcher besser umzugehen, „auch wenn es noch immer wehtut. Besonders auf Kritik gegen mein Äußeres reagiere ich empfindlich. Jemanden dafür zu kritisieren, ist so einfach, denn dagegen kann man nichts machen. Wen man meine Stimme nicht mag, dann ist das eben so. Aber Aussagen wie ‚gebt dem Skelett etwas zu essen‘ höre ich seit 20 Jahren…“

ZURÜCK IN DIE VERGANGENHEIT

Wir passieren das ehemalige Wohnhaus der 32-Jährigen, wo sie gemeinsam mit ihrer Mutter nach der Scheidung der Eltern einige Jahre gelebt hat. In einem Second Hand-Laden für Bücher und CDs machen wir Halt, stöbern durch die kleine Metal-Ecke. „Hier habe ich früher oft Alben gekauft. Zu Beginn, als ich viele Bands noch nicht kannte, habe ich mich an den Covers orientiert oder Freunde zeigten mir Sachen. Als ich zum ersten Mal Cradle Of Filth hörte, fand ich es zu brutal; wenig später habe ich es geliebt.“ In der Altstadt von Lyon angekommen, ist die Kathedrale Saint-Jean eindrucksvoller Kirchenbau und Touristen-Hotspot gleichermaßen. Schweigsam, höchstens flüsternd schleichen wir durch ihr Hauptschiff und bewundern die bunten Glasfenster, bevor es uns zur Hauptattraktion der Stadt zieht. Auf dem Fourvière-Hügel thront die Basilika Notre-Dame de Fourvière. „Auf sie sind wir besonders stolz, denn die Basilika ist wirklich wunderschön“, schwärmt Clémentine, die neben ihrer Position bei Visions Of Atlantis seit 2008 im Bereich Promotion für Metal-Konzerte arbeitet und ihr Leben, wie es scheint, voll und ganz der Musik verschrieben hat. In diesem Kosmos wird es für Visions Of Atlantis in wenigen Tagen besonders spannend: Auf dem Bang Your Head-Festival steht die Band erstmals gemeinsam mit einem zwanzigköpfigen Orchester (Bohemian Symphony Orchestra Prag) auf der Bühne. „Ein Traum geht in Erfüllung“, bestätigt die Frontfrau. Einen weiteren erfüllt sie sich in Form eines Vogel-Tattoos, welches schon bald ihren Hals zieren soll. „Vögel verkörpern für mich die Unschuld und Zerbrechlichkeit des Lebens. Wie kann ein so kleines, leichtes Geschöpf gleichzeitig so perfekt sein, so farbenfroh, so schön singen und umherfliegen?“, sprudelt sie voller Begeisterung. Farbenfroh wird auch unsere nächste und letzte Station, bevor wir den Tag mit einem (alkoholfreien) Cocktail ausklingen lassen. Clémentine zeigt uns den Laden, der die Basis vieler ihrer Outfits rund um die Band darstellt. Hunderte bunte Stoffbahnen liegen aufgerollt in meterhohen Regalen: hell, dunkel, glitzernd, schlicht. Ihre Roben für Visions Of Atlantis erarbeitet sie gemeinsam mit einer guten Freundin. Noch am selben Abend kümmern sich beide weiter um einen Mantel, speziell für die Orchester-Show. „Bisher haben wir einige der neuen Lieder dreimal live gespielt.“ Unter dem Banner Symphonic Metal zu verorten, präsentieren sich Visions Of Atlantis auf WANDERES offener als auf dessen Vorgänger THE DEEP AND THE DARK. „WANDERERS verfolgt keine bestimmte Richtung. Natürlich wollten wir das weiterführen, was wir begonnen hatten, haben aber auch versucht, den Horizont zu erweitern, das Album vielseitiger zu gestalten. Wir wollten unserem Stil frischen Wind einhauchen und zeigen, dass wir mehr sind als nur dieses eine Genre.“

Versteckte Ruheoase: Mitten in Lyon spenden die mächtigen Bäume im kleinen Park Schatten


Am Ende eines spannenden Tages: Clémentine Delauney (r.) und Autorin Lisa Gratzke


Die Qual der Wahl: Stöbern im Plattenladen


Hier lebt die Kunst: Opéra National de Lyon


Eindrucksvoll: Blick über Lyon vom Fourvière-Hügel


Imposantes Innenleben: Die Kathedrale Saint-Jean


Die Tür zur Mode: Aus dem Stofflager im Hinterhaus bezieht die Band Material für etwa Bühnen-Outfits


Fotos: E. Garcin (PR), L. Gratzke