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VLAD KONDRATIEV


Tattoo Kulture Magazine - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 01.06.2021

“OHNE JEGLICHE KOMPOSITION WÄREN TATTOOS ROH, UNINTERESSANT. ICH DENKE, EINE GUTE KOMPOSITION SORGT FÜR KLARHEIT, LESBARKEIT UND HILFT DEM AUTOR, SEINEN STANDPUNKT PRÄZISER ZU VERMITTELN.”

VLAD KONDRATIEV

Artikelbild für den Artikel "VLAD KONDRATIEV" aus der Ausgabe 4/2021 von Tattoo Kulture Magazine. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Tattoo Kulture Magazine, Ausgabe 4/2021

Russlands Seele ist sowohl riesig als auch irgendwie verschlossen. Es gibt aber einige Künstler, die ihren eigenen Weg gehen. Fernab von diktierter Kunst. Nonkomform und mit reichlich Traditionsgedanken. Vlad Kondratiev ist einer der nachfolgenden Tattoogenerationen.

Hey Vald, danke für deine Zeit. Stell dich doch kurz vor.

Hey, ich heiße Vlad Kondratiev und ich bin Tätowierer aus St. Petersburg, Russland.

Wo bist du aufgewachsen und trägst du immer noch vieler dieser Wurzeln in dir?

Geboren und aufgewachsen bin ich in einer alten Kleinstadt von Pskov, sie wurde das erste Mal in der Geschichte im Jahr 903 erwähnt. Es befindet sich drei/vier Stunden von St. Petersburg entfernt und eine Stunde von der ...

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... Grenze zu Estland. Und ja, ich liebe meine Heimatstadt sehr, ich mag die Geschichte und den modernen Look. Meine Eltern leben immer noch dort, und ich besuche sie regelmäßig, wenn ich hier arbeite. Jetzt lebe und arbeite ich jedoch die meiste Zeit in St. Petersburg.

Kannst du dich an deine erste Begegnung mit dem Tätowieren erinnern?

Mein erstes Tattoo - ein Anarchie Symbol auf meinem Bein. Ich hab es mir selbst gestochen, als ich noch in der Schule war. Du möchtest nicht wissen, mit welchen improvisierten Mitteln ich das getan habe...

Später an der Uni ließ ich mir noch ein paar andere Tattoos stechen. Ich glaube, ich wollte mich einfach von den anderen unterscheiden. Mein Debut als Tätowierer gab ich in der Wohnung meiner Freundin Dasha (@jimmy_tatoo). Zu der Zeit hatte sie schon bereits einige Jahre Berufserfahrung. Sie überredete mich, ihre Tattoo Maschine zu nehmen und ihr ein Tattoo als Andenken zu stechen. Ich war unheimlich nervös. Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir natürlich nicht vorstellen, das jemals professionell zu machen.

Ich habe schon immer liebend gern gezeichnet (wir hatten sogar eine Graffiti Crew, “xsrezx”), habe aber nie daran gedacht, das als Beruf auszuüben.

Seit wann tätowierst du schon und wie sah deine Reise aus?

Ich habe meine erste Tattoo Maschine im Sommer 2013 gekauft. Zuerst stach ich meinen Freunden und Bekannten Tattoos, dann kamen nach und nach Kunden hinzu. Ich verlangte den Minimalpreis. Zu Beginn war das nicht meine Haupteinnahmequelle, ich arbeitete Teilzeit in anderen Jobs und dachte, dass das Tätowieren nur ein vorübergehendes Hobby wäre. Doch als ich mich immer mehr damit auseinandersetzte stand fest, dass ich damit weitermachen wollte. So, und hier bin ich.

Was ist deiner Meinung nach die Bedeutung des Tätowierens, das ja heutzutage klassischer und historischer wird, für die zeitgenössische Kunst?

Ohne Zweifel hat das Tätowieren in den letzten Dekaden in vielen Stilrichtungen Fortschritte gemacht, doch mir scheint es, dass die traditionellen Tattoos für die Mehrheit der jetzigen Tattookünstler immer noch eine grundlegende Basis darstellen. Es ist ein Gerippe von Stilen, bei dem das Rückgrat aus Personen wie Bert Grimm, Sailor Vern, Ralph Ashwell, Sailor Jerry, Les Skuse und anderen besteht.

Ich finde deine Arbeit ziemlich einzigartig - würdest du sagen, dass eine Komponente deiner Arbeit der Dialog ist, eine kritische Konversation sozusagen zwischen Minimalismus und Tradition?

Danke für deine lieben Worte. Ich versuche nur, das zu tun, worin ich gut bin. Ich mag es, wenn es etwas Größeres hinter meinen Zeichnungen gibt, wenn da eine Idee ist – nenne es auch gerne Konversation. Ich möchte, dass mein Stil erkennbar ist - das ist alles.

Welche Punkte deiner Arbeit würdest du persönlich kritisieren?

Um ehrlich zu sein gibt es immer Raum zum Wachsen. In meinen Augen ist das Tätowieren ein konstanter Wachstumsprozess, in welchem das Ideal jedoch unerreichbar ist.

In Sachen Arbeit bin ich ein Perfektionist. Dafür gibt es Pluspunkte, aber auch Punkte, die dagegensprechen, der größte ist wahrscheinlich, dass ich oft unzufrieden mit meiner Arbeit bin. Ein Beispiel: vor einem Jahr entwarf ich ein Design, mit dem ich total glücklich war. Doch wenn ich es jetzt anschaue, würde ich gerne viele Dinge daran ändern.

Wenn ich an meinen Designs arbeite, versuche ich immer, entspannt zu sein, jedoch finden meine Emotionen immer ihren Weg in meine Entwürfe. Zum Beispiel kam die Skizzenserie der maskierten Katzen und Polizeiwagen nach gewissen Vorfällen in der Welt zustande. Ich werde durch meine Umwelt inspiriert. In diesem Fall sind die Tattoos mein Art und Weise, meinen Ansichten in gewissen Momenten des Lebens Stimme zu verleihen.

Wie wichtig ist dann die Anordnung in einem Tattoo und was bedeutet das für deine Arbeit?

Ohne Anordnung würden Tattoos roh und uninteressant wirken. Ich denke, eine gute Zusammensetzung hilft der Sauberkeit, Lesbarkeit und trägt dazu bei, die Meinung des Autors genauer darzustellen.

Wie stark verbunden fühlst du dich mit den Traditionen des Tätowierens und speziell mit der amerikanischen Auffassung des traditionellen Tätowierens? Kann man sagen, dass du versuchst, diese beiden Stränge zu verbinden oder spielt dieser Unterschied heutzutage keine Rolle mehr?

Ehrlich gesagt ist es schwer, diese Frage zu beantworten. Ich war noch nie in den Staaten, möchte aber in der Zukunft auf jeden Fall dorthin reisen, um mich eingehend mit dem Stil zu beschäftigen und meine Kenntnisse in Bezug auf das amerikanische Tätowieren zu vertiefen. Ich versuche nicht bewusst, zwei Traditionen zu verbinden, vielleicht tue ich das ein bisschen aus dem Gefühl heraus. Manchmal gefällt es mir, klassischen Designs neues Leben einzuhauchen, indem ich sie mit meinem Stil verändere. Mir persönlich scheint, dass sich die Grenzen des traditionellen Tätowierens sehr erweitert haben.

Was interessiert dich an den Arbeiten anderer Künstler und was inspiriert dich?

Zuerst einmal interessiert mich, was sie abliefern. Wie detailliert das Design ist. Künstler, die immer auf dem Sprung sind, die sich selbst und ihre Kunst entwickeln, inspirieren mich. Es fühlt sich gut an, wenn der Stil einer Person erkennbar ist und man die Kunst dieses Menschen immer von denen anderer Künstler unterscheiden kann.

Erzähl uns doch ein wenig über Russland und die dortige Tattooszene - was bedeutet es für dich?

Russland ist ein großes und unglaublich schönes Land mit einer faszinierenden Natur und einer reichen Geschichte. Ich würde jedem empfehlen, zumindest einmal hierher zu kommen. Heutzutage kann man die wesentliche Entwicklung der Tattooszene besonders in den Großstädten sehen.

Es gibt viele Tätowierer, die sogar außerhalb Russlands bekannt sind. Immer mehr Menschen fangen an, Tätowierungen zunehmend als Kunst zu sehen und die Berufsbezeichnung “Tätowierer” wird weniger als etwas Schlechtes angesehen. Leider nicht überall. In Kleinstädten werden tätowierte Personen nach wie vor von der Gesellschaft verachtet, vor allem von der älteren Generation. Ich denke, das liegt am Hintergrund des Tätowierens in Russland.

Was war in Russland in der Vergangenheit die Bedeutung von Tattoos und wie sieht es heute aus?

In der Vergangenheit hatten Tattoos in der spießigen Gesellschaft eine große Bedeutung, denn es war ein Merkmal der Leute, die schon einmal im Gefängnis saßen. Ich bin mir sicher, du hast schon einmal den Begriff “Russian criminal tattoo” gehört. Es gibt heute noch genug Leute mit diesen Tattoos in Russland. Aber natürlich wissen die Meisten, dass es noch andere Tattoostile gibt, aber keiner fragt: “Was bedeutet das Design?” oder “Was machst du, warst du schon mal gesessen?” (aber noch einmal: du kannst immer noch von der älteren Generation abgelehnt werden). Die Gesellschaft macht Fortschritte, es gibt immer mehr tätowierte Leute auf den Straßen und du kannst in Russland keinen mehr mit einem Tattoo erschrecken. Alles wurde einfacher.

Was würdest du gerne in der heutigen Tattooszene sehen?

Ich würde gerne mehr wirklich interessante, einzigartige Arbeiten sehen. Leider gibt es in Russland noch zu viele Tätowierer, die alles Mögliche machen, aber keine eigenen Skizzen anfertigen und einfach nur Bilder aus dem Internet herunterladen, um diese nur des Geldes wegen zu tätowieren. Letzten Endes verlieren die Arbeit und die Kultur ihren Wert. Es wäre wirklich schön, wenn die Menschen aufhören würden, Tätowierungen als etwas Einfaches und Unwichtiges anzusehen. Mir gefällt, dass immer mehr Tätowierer ihren Stil entwickeln, somit auch die Kultur weiterentwickeln und eine wahre Tattoogemeinschaft entsteht.

Ein paar letzten Worte an die Leute da draußen?

Ich wünsche jedem, dass er das machen kann, was er möchte und auch wirklich möchte. Und natürlich: Lasst euch tolle Tattoos stechen.