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VÖLKERKUNDE: IM LAND DER KALTEN FEUER


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 10.04.2018

Der Wakhan-Korridor im Nordosten Afghanistans ist auf drei Seiten umschlossen von leidenschaftslosem Gebirge. Am Fuß von sprödem Fels und ewigem Eis haben nomadische Hirten und beharrliche Bauern trotzdem nicht verlernt zu überleben.


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FOTOS: FLORIAN BACHMEIER

Ein Land der Hirten und Bauern Zwei ethnische Gruppen bevölkern das Wakhan-Gebiet im Nordosten Afghanistans, die Pamir-Kirgisen und die Wakhi. Das Mädchen Malina ist die Tochter eines Wakhi-Bauern aus einem Weiler nahe Sarhad-e Broghil.

In einsamen Höhen Die nomadischen Kirgisen lassen im Wakhan ihre Tiere auf Weiden grasen, die höher liegen als die ...

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In einsamen Höhen Die nomadischen Kirgisen lassen im Wakhan ihre Tiere auf Weiden grasen, die höher liegen als die höchsten Gipfel der europäischen Alpen, auf bis zu 5.000 Metern.

Nomadenlager Khadz Goz. Die Hirten verbringen die Sommer auf den Hochweiden und überwintern im Tal; so will es die Tradition.


ES IST NOCH FRÜH AM MORGEN, ALS DIE YAKS UNRUHIG WERDEN . Die Kälber, festgezurrt im steingefassten Gehege, ziehen an ihren Fesseln und blöken. Das Jammern wird mit jeder Minute lauter und unmissverständlicher: Nach einer langen Nacht haben die Kleinen Hunger. Die Yak-Mütter, die in der Nähe grasen, reagieren nervös. Mit tiefem, kehligem Muhen versuchen sie, die Kälber zu beruhigen.

Der Morgen ist frostig, eisiger Wind fegt durch die baumlose Landschaft im Wakhan-Korridor, im nordöstlichsten Zipfel Afghanistans. Für die Yaks ist die Kälte kein Problem. Dank ihrer Wolle trotzen sie Temperaturen bis zu minus 50 Grad, wie sie hier im Winter herrschen. Ihre Besitzer hocken bei der Kälte aber lange am Lagerfeuer, ehe sie auf das Yak-Gebrüll reagieren.

Die Sonne steht bereits über den Gipfeln im Osten, als Anar und Tschenar aus der Jurte treten. Die beiden Kirgisen-Frauen tragen die traditionelle Tracht: lange rote Kleider über einer langen Hose, braunrote Pullover und Westen, auf der Brust mit Ornamenten, Broschen und Münzen dekoriert, die einst mit den Sowjetsoldaten nach Afghanistan kamen. Auffällig ihre Kopfbedeckung: hohe, zylindrische Kappen, an denen große weiße Tücher befestigt sind – das Zeichen, dass sie verheiratet sind.

Die Frauen gehen bedächtig, aber bestimmt ans Werk. Tschenar bindet ein Kalb los, das prompt zu seiner Mutter stürmt und zu saugen beginnt. „Diese Kälber haben nie genug“, sagt die 25-Jährige. „Hätten wir sie nicht am Abend von den Müttern getrennt, hätten sie die ganze Nacht getrunken und keine Milch für uns übriggelassen.“ Zwei Minuten später holt sie das Kalb zurück ins Gehege, um die Yak-Kuh zu melken. Gleichmäßig massiert sie die Zitzen, ein strammer Milchstrahl spritzt in einen Eimer. „Wir nehmen nur einen Liter pro Tag“, schätzt Tschenar. „Dann darf der Nachwuchs wieder ran.“

Schafe und Ziegen sind die Existenzgrundlage der nomadischen Pamir-Kirgisen. Besonders stolz sind sie aber auf ihre Yaks. In Bozai Gumbaz, dem Lager von Anar und Tschenar, grasen 15 erwachsene Yaks. Die Menschen passen ihren Tagesablauf den Bedürfnissen der Tiere an: Diese diktieren, wann aufgestanden und gegessen wird und wann es Zeit ist, in neue Weidegründe und Lager zu wechseln. Seit Jahrhunderten hat sich daran nichts geändert.

Ernte in Sarhad-e Broghil
Beim Einbringen des Weizens sind die Bauern von der Bevölkerungsgruppe der Wakhi in diesem Teil Afghanistans ihre eigenen Maschinen.


Wann ist es Zeit aufzustehen?
Wann ist es Zeit, schlafen zu gehen?
Wann wechseln die Menschen von der Sommer- auf die Winterweide?
Im Wakhan geben Tiere und Jahreszeiten den Nomaden den Rhythmus vor, schon seit immer.

Dafür liefern die Tiere den Kirgisen alles, was die zum Überleben brauchen. Milch, aus der Butterschmalz und Käse hergestellt werden, Wolle, Fleisch. Die Yaks werden bei Bedarf verkauft oder gegen Waren eingetauscht: Ein Bulle ist etwa 800 Dollar wert, eine Kuh 450 Dollar. Zudem arbeiten die Yaks als Tragtiere, sie sind schwindelfrei und schleppen gut 100 Kilo Last.

NOMADEN UND BAUERN

Der Wakhan-Korridor wird grundsätzlich von zwei Flusstälern gebildet, dem des Wakhan und dem des Pandsch. Ein gutes Lasttier ist hier überlebenswichtig: Den Landstreifen, der von den Gebirgsketten des Hindukusch im Südwesten, des Karakorum im Südosten und des Pamir im Norden eingeschlossen ist, erreicht man praktisch nur zu Fuß. Bis auf 7.000 Meter falten sich die Berge auf, Straßen gibt es keine.

Dieses Randgebiet am „Dach der Welt“ ist dünn besiedelt, knapp 14.000 Menschen wohnen hier. Sie stammen aus zwei Bevölkerungsgruppen: Hoch in den Bergen, an den Weiden, stehen die Jurten der Kirgisen; in den Flusstälern leben in Stein- und Lehmhütten die Wakhi.

Leben und überleben
Der Alltag der Volksgruppe der Wakhi ist fern jeder Idylle. Feldarbeit kann die Familien kaum ernähren. Handel zu treiben ist für die Bauern ein wichtiger Nebenerwerb.


Die Wakhi gehören zu den Ismailiten, einer Abspaltung des schiitischen Islam, die den in Frankreich lebenden Milliardär und Geschäftsmann Aga Khan IV. als 49. Propheten verehrt. Dank der abgeschiedenen Lage konnten die Ismailiten hier ihre Kultur und ihren Glauben unversehrt gegenüber den Sunniten bewahren. Von den Kriegen, die in den letzten 40 Jahren durch Afghanistan fegten, blieben sie verschont.

Gesetze, die im Land gelten, betreffen die Wakhi kaum. So tragen Frauen keine Burka, die sonst übliche Vollverschleierung. Gemeinsam mit den Männern nehmen Frauen auch am Gebet teil, in den Versammlungshäusern namens Jamat Chana. Die Ismailiten ignorieren das Fasten im Ramadan und lehnen auch jede Form von Dschihad, von heiligem Krieg, ab. Ihr Prophet Aga Khan IV. predigt Toleranz und Rationalität. All das ist für radikale Muslime ein Grund, Ismailiten als Häretiker zu verdammen.

Die Pamir-Kirgisen als zweite Volksgruppe sind eher Opfer der neueren Geschichte. Einst zogen diese Nomaden frei umher, schlugen ihre Sommerlager im Pamir-Gebirge auf und überwinterten in den Tälern von Usbekistan und Kirgistan, wo es gute Böden gibt. Staatsgrenzen bestanden nur auf dem Papier. 1929 änderte sich die Lage; die UdSSR schloss die Grenze im Norden des Korridors. Zu Beginn des Kalten Kriegs 1949 schottete sich im Osten China ab. Und im Süden verwehrte Pakistan den Hirten den Übertritt. Viele Kirgisen entflohen dieser Einkesselung und leben heute in der Türkei. Ein Teil blieb und lernte, in den harschen Wintern trotz dezimierter Weidegründe zu überleben.

Der Appendix von Afghanistan
Gut erkennbar: Der Wakhan-Korridor ist geografisch exponiert. Die Lage hat Vor- und Nachteile im Alltag und im Umgang mit der Zentralregierung in Kabul. So kann die aus Minderheiten bestehende Bevölkerung – speziell die Wakhi – ihren Glauben und ihre Lebensweise relativ unbeeinflusst pflegen, doch bleibt finanzielle Unterstützung aus Kabul oft aus.

Immer reisefertig. Ein Skelett aus leichtem Holz, außen dicke Filzmatten: Die Jurten der nomadischen Pamir-Kirgisen können innerhalb weniger Stunden auf- und abgebaut werden.


Das tägliche Brot. Weizenmehl wird mit Milch und Butterschmalz vermischt, dann darf das Ganze rasten. Am Ende wird der Teig in dünnen Fladen gebacken.


Das ist mein Haus. Das Entscheidende der Jurten ist ihre Zweckmäßigkeit. Dennoch bleibt immer Platz und Muße, sich durch kunstvolle Handarbeit vom Nachbarn zu unterscheiden.


In Bewegung. Paschtunische Hirten ziehen mit ihren Herden ständig umher; ist eine Weide nicht mehr ertragreich, weist das Gespür der Tiere den Menschen den Weg zur nächsten.


WASSER, TOPFEN, FRISCHES BROT

Nach einer Stunde sind im Kirgisen-Camp die Yaks fertig gemolken. Anar und Tschenar bringen die Milch in die Jurte, wo sie in Schüsseln gefüllt wird. Dann legen sie trockenen Yak-Dung ins offene Feuer: Es qualmt heftig, obwohl es in der Mitte jedes Zelts einen Abzug gibt; süßlicher Geruch verbreitet sich. Ein Kessel mit Milchtee wird aufgesetzt, der Schischtschai heißt und den ganzen Tag über getrunken wird.

Der Alltag der Nomadenfrauen bleibt gleich, egal, wo die Jurte je nach Jahreszeit und Weideplatz aufgebaut wird Hausarbeit. Wasser holen vom Bach. Sauermilch ansetzen, um daraus Topfen zu machen. Brot backen; die Fladen aus Weizenmehl, Milch und Butter gibt es täglich frisch. Die Kinder betreuen; Anars größter Schatz sind der sieben Monate alte Sohn und die dreijährige Tochter – das blonde Mädchen ist leider allzu zart und häufig krank, deswegen trägt es auf dem Rücken seiner Jacke mehrere Talismane: Lederbeutel mit Koranversen, die Glück und Gesundheit bringen sollen.

Der Vater der Familie, Abdul Mutal Ib, schraubt draußen an einem Motorrad, mit dem am Morgen zwei Polizisten zu Besuch gekommen sind. Das Motorrad ist defekt – es kommt aus China und ist nicht übermäßig geländetauglich, dafür aber billig. Immer mehr junge Kirgisen träumen von einem Motorrad, auch wenn sie damit nicht sehr weit fahren können. Manche besitzen inzwischen auch ein Mobiltelefon, obwohl es hier weit und breit keinen Empfang gibt. Immerhin lassen sich damit Fotos schießen.

Die Farbe Rot Die kirgisischen Frauen tragen ihre Tracht, die von der Farbe Rot dominiert wird, tagaus, tagein. Auf dem Kopf sitzt eine zylindrische Kappe. Weiße Tücher daran sind das Zeichen dafür, dass die Trägerin verheiratet ist.


In Sichtweite der Jurten in Bozai Gumbaz gibt es sogar eine Schule – eher eine Ausnahme in dieser Gegend –, einst gestiftet von der USHilfsorganisation Central Asia Institute. Über Jahre kämpfte sie um Schüler: Viele Kirgisen sahen nicht ein, wozu ihre Kinder Schulbildung brauchen, und brachten ihren Nachwuchs nicht. Inzwischen ist die Schule geschlossen, die nächste offene kilometerweit entfernt. Die Schulbehörde schickte dem Lehrer Mubarak Khadam kein Gehalt mehr. Also kehrte er zurück zu seiner Familie, in die nächste größere Stadt Khandud.

Auch der Hausmeister der Schule, Merhab Edin, hat damit seinen Job verloren. Jeden Abend zieht er sich nun in sein Lehmhaus zurück, zu seinem kleinen Opium-Ballen. Er schneidet ein Stückchen von der klebrig-braunen Masse, knetet daraus ein Kügelchen, befestigt es am Kopf seiner Opiumpfeife. Dann hält er das Opium über die Flamme einer Öllampe, bis es schmilzt, zieht kräftig – und vergisst.

„Wenn ich rauche, habe ich keinen Hunger“, sagt Edin. 10, 15 Pfeifen Vergesslichkeit gönnt er sich pro Tag. Jeder dritte Kirgise greift zur Pfeife, Opium ist so alltäglich wie anderswo der Schnaps. Edin gibt umgerechnet etwa zehn Dollar täglich für die Droge aus: Das entspricht monatlich dem Gegenwert von zwei Schafen.

DAS LAND DER KARAWANEN

Drei Tagesmärsche sind es von der Kirgisen-Siedlung in Bozai Gumbaz zur ersten Wakhi-Siedlung. Der Pfad zieht Kehre um Kehre steile Hänge hinunter, quert Geröllfelder, führt durch Bäche, gespeist von den Eisfeldern, die zwischen den Gipfeln zu schweben scheinen. Die Luft ist dünn. Über jede Bergkante pfeift eisiger Wind, dem kaum ein Baum standhalten kann. Oft schneit es bereits Mitte September.

Unten im Tal schlängelt sich das grünblaue Band des Wakhan, der sich an einigen Stellen einen tiefen Canyon ins Gestein geschnitten hat. Wind und Regen haben bizarre Landschaften geschaffen: Tausende spitze Türmchen formen eine überdimensionale Kirchenorgel, mächtige Quader sind Wachtürme – und bei näherer Betrach- tung doch nur Trugbilder der Natur. Die Bauwerke der Menschen hingegen sind bescheiden. Hie und da passiert man winzige Steinhütten, die Reisenden als Nachtquartier dienen.

Der Wakhan-Landstreifen war nicht immer so einsam. Durch die Gegend am Oberlauf des Flusses Pandsch zogen in der Antike Skythen, Perser und Griechen, dann Gök-Türken, Araber und Mongolen. Alexander der Große querte den Oxus-Fluss, der als Amudarja in den Aralsee mündet; auf seinen Eroberungszügen zwischen Persien und Indien schlug er mehrmals an dessen Ufern sein Lager auf. Später führte hier der südliche Zweig der berühmten Seidenstraße von China über Zentralasien und weiter nach Europa. Auch Marco Polo reiste von Persien aus durch das Pamir-Gebirge nach China und beschrieb die Strapazen in seinem Reisehandbuch.

Bis heute queren Handelskarawanen den afghanischen Wakhan: Schweigsame, hartgesichtige Männer treiben schwer beladene Yaks, Esel und Pferde vor sich her. Auf den Rastplätzen treffen sich alle Kulturen, Wakhi und Kirgisen, Paschtunen und Tadschiken, alle mit dem gleichen Ziel: in der Ferne ein gutes Geschäft zu machen und heil nach Hause zurückzukommen.

Für Muhamad Jussef, einen Wakhi aus Khandud, ist seine diesmalige Reise die dritte im Jahr. Er kommt vom Kleinen Pamir zurück, war fast an der chinesischen Grenze. „Wir haben Kleider, Getreide, Kochtöpfe, Medikamente und Spielzeug hingebracht“, erzählt der 27-Jährige. „Nun kehren wir mit sieben Yaks zu- rück, haben Wolle, Butterschmalz und getrocknete Milch, Kurut, geladen. Ein guter Tausch.“ Tausch deshalb, weil in dieser Gegend niemand mit Geld zahlt: Die anerkannte Währungseinheit ist das Schaf. Ein Yak kostet fünf Schafe, eine Ehefrau 100. Nur größere Geschäfte werden modern abgeschlossen: Ali Jahn etwa, ein Paschtune aus Kabul, treibt 100 Schafe von den Bergweiden nach Ischkaschim hinunter. Dort verlädt er sie auf Lastwagen, um sie in der zwei Tage entfernten Hauptstadt Kabul zu verkaufen.

Grenze ist überall. Tadschikistan, China, Pakistan: Dieser Teil Afghanistans hat drei Nachbarn. Hier haben Soldaten aus dem Stützpunkt an der chinesischen Grenze ein Problem mit ihrem Motorrad.


Bleib gesund. Nach überstandenen Krankheiten und als Schutz davor bekommen Kinder lederne Talismane mit eingenähten Koranversen.


Das kleine Abc. Auf dem freien Land sind Schulen rar und schlecht besucht. In den Siedlungen, wie hier in Potok, ist der Unterricht für die Kinder einfacher.


Frauenarbeit In vielen Familien im Wakhan-Korridor bestimmen die Frauen im Wesentlichen den Gang der Dinge, ob auf dem Feld, in der Küche oder bei der Betreuung der Kinder und auch der Haustiere.


Grabanlagen bei Bozai Gumbaz
Geschwungene Kuppeln und Kammersysteme, gebaut von räuberischen Nomaden, die durch Überfälle auf Karawanen zu Reichtum gekommen waren.


SCHULE FÜR BURSCHEN UND MÄDCHEN

Unten im Tal des Wakhan ist die Infrastruktur besser als oben im Gebirge, vor allem die medizinische Versorgung. In größeren Siedlungen gibt es zudem eine Schule, die auch von Mädchen besucht wird. In Sarhad-e Broghil, wo etwa 160 Wakhi-Familien leben, ist die grau getünchte Schule sogar das größte Gebäude im Ort. „Wir haben 317 Schüler, davon 133 Mädchen“, ist Nurullah Pamirzad, der Schuldirektor, stolz. „Unser Prophet Aga Khan fordert ausdrücklich, auch die Mädchen in die Schule zu schicken.“

Doch nicht alle Familien halten sich daran. Mädchen werden als Arbeitskräfte zu Hause und auf den Äckern gebraucht – speziell zur Erntezeit: Der Weizen muss eingebracht werden, ehe Kälte und Schnee kommen; und da die Wakhi-Dörfer in Höhen zwischen 2.800 und 3.300 Metern liegen, kommt der erste Frost früh im Jahr.

Zur Erntezeit brechen die Frauen früh auf. Der Weizen wird mit sichelförmigen Messern knapp über dem Boden geschnitten. Dann binden die Frauen die Ähren zu kleinen Bündeln und stellen diese zum Trocknen auf. Gleich am Rand des Feldes wird der Weizen gedroschen. Das ist Aufgabe der Männer: Sie treiben Kühe und Esel über den Weizen, bis das Korn vom Stroh getrennt ist. Immer wieder müssen die Tiere ermuntert werden, weil ihnen das monotone Im-Kreis-Gehen offensichtlich zuwider ist.

Ebenso wie das Schneiden des Weizens ist das Dreschen eine endlose Mühsal, die zwei, drei Tage dauern kann. Jedes Korn, jeder Halm wird genutzt. Der Weizen wird sorgfältig gesammelt und meist in Speicherkammern im Haus aufbewahrt. Das Stroh, das im Winter als Tierfutter dient, wird in ausladenden Körben nach Hause geschleppt und durch eine Öffnung im Dach in einen Futterraum gekippt. Ein Teil des Strohs verwandelt sich mit dem Dung, den die Kinder auf den Weiden sammeln, zu Brennstoff. Der Dung wird dabei mit Wasser und Stroh vermischt und zu Fladen geformt. Diese müssen in der Sonne trocknen und stapeln sich später in jeder verfügbaren Ecke der Häuser und bis unter die Decke – der Vorrat muss schließlich für den ganzen Winter reichen.

Sanfter Tourismus ist eine Chance für die Bewohner des Wakhan-Korridors.
2014 hat Afghanistan eine Fläche von rund einer Million Hektar bis hin zur chinesischen Grenze zum Nationalpark erklärt.
Die US-Naturschutzstiftung
Wildlife Conservation Societyunterstützt die Regierung bei der Ausbildung der Park-Ranger.
Kandidaten werden unter den Dorfbewohnern rekrutiert und profitieren somit direkt vom Fremdenverkehr.

Wakhi und Kirgisen könnten als die zwei dominierenden Völker im Wakhan nicht unterschiedlicher wohnen. Die Kirgisen haben in ihren Jurten nur einen Raum zur Verfügung; das traditionelle Wakhi-Haus hingegen ist ein Labyrinth aus mehreren Räumen. Umgeben ist es von einer Mauer, womit es einer Festung ähnelt. Das flache Dach, gebildet aus Holzzweigen und Stroh, ist mit Erde abgedichtet.

Im Winter spielt sich das Leben der Familie im Gemeinschaftsraum ab, der sich auf einer Seite hin zur Küche – mit Feuerstelle und Gusseisen-Ofen – öffnet: So bekommt jeder etwas von der Wärme ab. Das Dach wird von fünf Säulen gestützt, welche die fünf Säulen des Islam symbolisieren. Mitten im Dach befindet sich eine große Öffnung, durch die der Rauch entweichen kann. Man sitzt, isst und schläft auf 30 Zentimeter hohen Plattformen, die entlang der Wände errichtet und mit Teppichen ausgelegt sind.

EINE CHANCE HEISST TOURISMUS

Regierungsgelder aus Kabul für die Entwicklung fließen nur spärlich in die Region Wakhan. Deshalb baut das Aga-Khan-Entwicklungsnetzwerk in Eigeninitiative Brücken, Schulen und Kliniken, um den Glaubensbrüdern zu helfen. In den letzten Jahren versucht die Stiftung auch, den Tourismus in Wakhan zu fördern. Sie unterstützt Familien, die Gasthäuser für die Trekkingbesucher aus aller Welt errichten wollen. Noch kommen nur etwa 100 Ausländer pro Jahr nach Wakhan. Doch das Potenzial ist groß, und die Landschaft mit ihren Hochtälern und Steppen gehört zu den schönsten und unberührtesten Gebieten der Welt.

Immerhin: Die Regierung unterstützt diese Initiativen. Sie hat 2014 den Wakhan-Streifen bis zur chinesischen Grenze zum Nationalpark erklärt. Das Gebiet hat eine Fläche von rund einer Million Hektar – das entspricht der Größe aller deutschen Nationalparks zusammen. Die US-Naturschutzstiftung Wildlife Conservation Society unterstützt gegenwärtig die Regierung bei der Ausbildung der Park-Ranger. Kandidaten werden unter den Dorfbewohnern rekrutiert. „Die Menschen vor Ort müssen direkt vom Tourismus profitieren“, sagt Ayub Alawi, der Projektleiter aus Kabul. „Der Naturschutz muss mit der Entwicklung der örtlichen Gemeinden Hand in Hand gehen. Nur so kann er funktionieren.“

100 SCHAFE BEDEUTEN RESPEKT

Trotz aller Kargheit: Die Bevölkerung in Wakhan wächst und braucht Nahrung, um zu überleben. Weil in den engen Schluchten kein zusätzliches Anbauland mehr zur Verfügung steht, müssten im Gegenzug die Herden größer werden. Dafür wird immer mehr Weideland benötigt, welches bisher allein von wild lebenden Tierarten genutzt wurde. Ein schwieriger Balanceakt: Das ökologische Gleichgewicht kann damit leicht aus den Fugen geraten.

Zudem verstehen die Hirten in Sarhad-e Broghil nicht, dass ihre Schafe anderen Spezies Konkurrenz machen. Seit Generationen ziehen sie jeden Sommer mit ihren Herden hinauf in den Pamir und kehren im Winter zurück ins Tal. Je mehr Schafe, desto besser, denn diese Tiere sind immer noch das Zeichen von Reichtum.

„Jeder Mann will 100 Schafe haben“, sagt Rolam Ghuln, ein schmaler 17-jähriger Bursche, der in einer viel zu großen alten Jacke steckt. „Dann ist er ein respektierter Bai, ein reicher Mann.“ Seine Sippe hat es bisher auf 50 Tiere gebracht, doch Ghuln hat Größeres vor Augen.

Was wird er machen, wenn er reich ist? Ghuln denkt kurz nach: „Ich werde jeden Tag Reis essen. Und einmal in der Woche Fleisch.“


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