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Vokale Sexsymbole


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 07.07.2021

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Er war DER Tenor des 20. Jahrhunderts: Enrico Caruso

Orpheus war Tenor. Nehmen wir mal an. Denn weder als Bariton noch als Bass hätte der thrakische Barde Menschen, Tier und Steine erweichen können. Trotzdem hat er seine Frau gleich zweimal verloren. Später auch sein Leben, als er von Mänaden zerrissen wurde. Die singende Menschheit hat sich freilich nicht abschrecken lassen. Die Tenöre auch nicht, trotz oder wegen ihrer längst Witz gewordenen Intelligenz.

Der erste Tenor der Operngeschichte, der noch heute regelmäßig zur Leier greift, war wieder ein Orpheus. Von Claudio Monteverdi kreiert am 24. Februar 1607 im Palazzo Ducale zu Mantua. Freilich tönte dieser Tenor baritonal grundiert, um Stimmgattungen scherte man sich damals nicht, noch weniger um das später so ominöse hohe C. Man sang, wie es dem Vokalisten am natürlichsten in der Kehle lag.

Abirrung war nicht weit. Die Kastraten, ursprünglich nur für nicht stimulierende Kirchengesänge vorgesehen ...

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... (mulier tacet in eclesia), eroberten sich die ersten Opernbühnen im Sturm, verzauberten Frauen wie Männer. Und wurden schnell dank ihrer sensationellen Vokalpyrotechnik die eigentlichen Stars. Dann erst kamen die sekundären Primadonnen, dann lange nichts – bis zum Tenor am Ende der vokalen Hackordnung.

Zunächst, der androgynen Abirrung wurde man ebenso leid wie der ewigen Dacapo-Arien, setzte sich Frauenpower durch. Die Sopranistinnen, am liebsten Typ Koloratur und mindestens einen Akt lang im arieneffektiven Wahnsinn verfangen, stellten sich an die Rampe. Die romantische Oper von Rossini, Bellini, Donizetti wurde ihre große Zeit.

Bis 1837 Gilbert Duprez in einer Aufführung von Rossinis „Wilhelm Tell“ mit voller Bruststimme losschmetterte, die bisher mit beigemischten Kopfresonanztönen eher leicht angesäuselten Noten über dem System attackierte. Der entsetzte Komponist meinte sich an den Schrei eines Kapauns erinnert.

Adolphe Nourrit, der erste Tell und einer der berühmtesten Sänger, konnte sich an die neue Technik nicht gewöhnen und sprang 1839 aus dem Fenster. Das Publikum aber fand es klasse. So ist es bis heute. Der Tenor als zumindest vokales Sexsymbol des 21. Jahrhunderts, bei dessen hohem C nicht nur die Rosalinde in der „Fledermaus“ schwach wird. Mögen gepierct bauchfreie Popsternchen im Dutzend verglühen, der dicke Tenor bleibt.

Freilich hat das 20. Jahrhundert alles getan, um diesen modernen Orpheus-Mythos medial auszuschlachten – ohne dass Mänaden kamen.

Mögen gepierct bauchfreie Popsternchen im Dutzend verglühen, der dicke Tenor bleibt

Vor allem mit einem Mann. Enrico Caruso. Der Name hat bis heute einen glänzenden Klang. Denn dieser ist – trotz Pavarotti und Domingo – der bis heute berühmteste Opernsänger der Geschichte. Eben weil er am 11. April 1902 im Mailänder Grandhotel vor den seltsamen Trichter eines Fred Gaisberg von der Londoner Gramophone Company trat und dort hinein eine Arie aus der einen Monat vorher von ihm uraufgeführten Oper „Germania“ von Alberto Franchetti sang. In zwei Stunden nahm er so insgesamt zehn Stücke auf Wachsmatrizen auf und ging mit einem Scheck von 100 Pfund – der Rest ist Schallplatten-Historie.

Am 2. August vor 100 Jahren ist er gestorben. Denn 1920 zog sich Enrico Caruso in New York eine eitrige Rippenfellentzündung zu. Obwohl er während einer Vorstellung Blut hustete, wurde die Erkrankung nicht entdeckt. Seine letzten Vorstellungen von Halévys „La Juive“ sang er stehend, gestützt von seiner Partnerin, weil er sonst nicht hätte atmen können. Nach einem Zusammenbruch wurde er operiert und reiste im Frühjahr 1921 zu einem Erholungsurlaub nach Sorrent. Und starb dann vielbetrauert im Grandhotel „Vesuvio“ in Neapel im Alter von 48 Jahren an einer Brustfellentzündung und Blutvergiftung. Für die Aufbahrung öffnete König Vittorio Emanuele III. sogar die sonst nur den Royals vorbehaltene königliche Kirche San Francesco di Paola.

Dank des schwarzen Schellackgoldes ist Carusos klingendes Erbe präsent

Bis heute gilt Enrico Caruso als größter Tenor überhaupt. Die Namen seiner Vorgänger und Zeitgenossen, deren Stimmen nicht mehr für die Nachwelt festgehalten werden konnten, auch die vieler, durchaus dokumentierter Nachfolger sind längst verblasst und nur noch Vokalfreaks geläufig. Aber dank des schwarzen Schellackgoldes ist Enrico Carusos klingendes Erbe nach wie vor präsent. Es hat mühelos den Übergang zur Langspielplatte, zur CD und auch zum Stream mitgemacht. Man hat es aufpoliert, die Stimme sogar elektronisch in heutige Orchesteraufnahmen eingebettet. Als „Caruso 2000“ sollte er der Generation Bits & Pixels das Chillout tenoral versüßen. Puristen mögen sich mit Grausen abwenden, das Unternehmen aber war so erfolgreich, dass noch zwei Nachfolge-CDs gereicht wurden.

Enrico Caruso nahm insgesamt 498 Schallplattentitel auf, Opernarien, Ensembles, Querschnitte, Canzoni, Schlager. Die große Bajazzo-Arie Leoncavallos, im Mai 1904 bei Victor erschienen, gilt als erster Millionenseller der Schallplattenindustrie. Sein mechanisch wiedergegebenes Vokalorgan war für ihn das lukrative Billett an den großen Bühnen in England und Nordamerika, vor allem aber auch im unglaubliche Gagen zahlenden Südamerika.

In dem darstellerisch unbegabten, aber bis zur Eitelkeit eleganten, zweimal am Tag sich badenden Mann bündelten sich nicht nur eine herausragende Stimme, sondern die Kunst seiner Vorfahren samt der alten Technik des Belcanto, gemixt mit der neuen Mode der Verismo-Opern. Von denen sang er Giordanos „Fedora“, Cileas „L᾿Arlesiana“ und „Adriana Lecouvreur“ sowie Puccinis „Das Mädchen aus dem Goldenen Westen“ als berühmteste Uraufführungen – ein globaler Star im beginnenden Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Aber auch ein Stern an der Schwelle zum modischen Starwesen, als aus alten Tugenden neue Bedenkenlosigkeit wurde. Noch immer fasziniert er, nicht nur mit seiner dunkel virilen, dann aber hell und fest strahlenden Stimme: Carusos persönlichen, weit über 1300 Dokumente umfassenden Nachlass bot das Auktionshaus Christie᾿s in London kürzlich in einem „Private Sale“ an. Manche sind mit eigenen Zeichnungen versehen, denn Caruso war ein begabter Karikaturist, der auch über sich selbst lachen konnte.

Enrico Caruso, der 1873 in einer bettelarmen, kinderreichen neapolitanischen Familie geboren wurde und mit zehn Jahren Mechaniker werden sollte, wurde wegen seines späteren Reichtums nicht nur das Ziel der „Schwarzen Hand“, eines frühen Ablegers der sizilianischen Mafia in den USA sowie eines missglückten Bombenattentats auf Kuba. Er wurde auch von den Frauen umschwärmt und führte ein turbulentes Liebesleben.

Er lebte acht Jahre unverheiratet mit der älteren Sängerin Ada Giachetti zusammen, die bereits Mann und Kind hatte und mit der er weitere vier Söhne bekam, von denen zwei überlebten, Rodolfo und Enrico. Sie waren benannt worden nach dem Liebespaar in Puccinis „La Bohème“, worin sich die Eltern kennengelernt hatten – Enrico trug den Spitznamen Mimì. Doch Ada verließ den oft untreuen Caruso schließlich mit seinem Chauffeur, woraufhin es zu Skandalen und vielen Prozessen kam.

Caruso verbrachte danach einige Zeit mit Adas Schwester Rina, soll zwei weiteren Damen die Ehe versprochen haben, bis er 1918 die amerikanische Millionärstochter Dorothy Park Benjamin heiratete. Mit ihr bekam er im Alter von 45 Jahren noch eine Tochter, Gloria. Und dann war da noch die berüchtigte „Zoo-Affäre“, die sich in der Sensationspresse zum damaligen #MeToo-Skandal entwickelte.

Am 17. November 1906 soll der Tenorissimo im Affenhaus im New Yorker Central Park eine junge Frau unsittlich betatscht haben. Ein Streifenpolizist war sofort zur Stelle, nahm Caruso noch in seinem Streichelzoo fest. Gegen 500 Dollar Kaution kam er frei. „Erregung öffentlichen Ärgernisses“, lautete später die Anklage. „Dieser Caruso ist ein notorischer Lüstling“, gab der Ordnungshüter zu Protokoll. Die Presse hatte saftigen Stoff. Zum Gerichtstermin aber erschien die Dame nie. Zehn Dollar Strafe verhängte eher symbolisch der Richter. Doch Carusos Reputation hatte an diesem Skandal zu tragen.

Die Masse als unaufhaltsames Mittelmaß aller Dinge. Wo einer verzauberte, sorgt heute ein knappes Dutzend für schale Stimmung aus der Retorte. Warum soll es dem Tenor besser gehen als der übrigen Welt? Caruso ist seit 100 Jahren tot, doch seit seinen letzten Tönen (mit nur noch einem Lungenflügel) im Jahr 1921 wurde er von keinem mehr überflügelt. Der Italiener ist und bleibt – trotz José, Luciano und Placido – der Tenor assoluto. An einer stilistischen Wasserscheide. Man hört es bei ihm, die zarten Gruppeti und Schnörkel der Romantik als nostalgische Zitate und im nächsten Moment die Ausdruckswut des Verismo bis hin zum Heuler des Bajazzo als Ringen um theatralische Glaubwürdigkeit.

Der auch rauchende, trinkende Lebemensch Enrico Caruso trieb Raubbau mit seiner fragilen Stimme und seiner Gesundheit. Der Erfolg sollte ausgeschlachtet werden, viele Menschen wollten ihr Plattenidol erleben. Er aber hatte noch eine Ahnung von korrekt ausgeführten Verzierungen, obwohl er sie nicht selten einem effektvollen Schluchzen oder überlauten Spitzenton opferte.

Der 100. Geburtstag, eines bedeutsamen Nachfolgers von Caruso, von Giuseppe di Stefano ist zudem für den 24. Juli zu vermelden. Bei ihm zeigte sich, wie schnell es mit der Kunst des Singens nach Caruso bergab ging. Im Besitz der – neben Bergonzi, Corelli und Pavarotti – schönsten lyrischen Stimme der Nachkriegszeit, verspielte der 1921 in der Nähe von Catania Geborene dieses Kapital innerhalb von zehn Jahren durch übermäßiges und unkontrolliertes Singen, sorgloses sich Verausgaben, Prunken mit dem vorgeblich überreichen Material einer keineswegs robusten Naturstimme. Sein so immerhin schnell angewachsenes Geldvermögen verprasste er gleichfalls in den Casinos der Welt.

Mit großen finanziellen Opfern ermöglichte seine Familie Giuseppe di Stefano eine Ausbildung, die wegen des Krieges nur schlecht und unvollständig war. Di Stefano, so wenig klug wie diszipliniert, jagte dem Gold, der Bühne und den Frauen hinterher. Sein Glück: Er traf an der Mailänder Scala auf ein ähnlich passioniertes Wesen, das freilich als Künstlerin in unbedingtem Wollen sich verbrannte, wo er nur Mammon und Ruhm suchte: Maria Callas. Zusammen waren sie das Operntraumpaar der 1950er-Jahre; dessen Parodie die fatale Tournee von 1973/74 als öffentlich auf den Konzertsaalpodien der Welt noch einmal zelebrierte Liebesaffäre samt bestürzend schlechter Liederabende.

Die Callas starb 1976 vereinsamt. Ihr einst strahlender Des Grieux, Cavaradossi, Turridu, Alfredo tingelte als Operettentenor weiter, um den Drang an den Roulettetisch zu finanzieren. Trat in der Provinz mit „Stars der Scala“ auf, die dort höchstens im Chor gesungen haben; auch als Animateur in Pizzerien wurde er gesichtet. Seit seinem endgültigen, viel zu späten Rückzug auch von den Konzertpodien lebte er mehrere Monate im Jahr in seinem Haus in Kenia, wo er Ende 2004 überfallen und schwer verletzt wurde. Von den Verletzungen hatte er sich bis zu seinem Tod 2008 nie mehr erholt.

An Giuseppe di Stefanos frühe Platten erinnert man sich gern und mit Rührung. Die von Caruso aber erzeugen Ehrfurcht. Immer noch. Sich von ihm in den Bann schlagen zu lassen ist reine Gewöhnungssache. Irgendwann hört sich das Knistern und Rauschen der alten Schellackscheiben gar nicht mehr wie Caruso am Lagerfeuer an: Die Imagination ergänzt spielend, was die Tontechnik damals nicht leisten konnte. ■

CD-Empfehlungen

Enrico Caruso Complete Recordings (1902-20); Naxos (12 CDs), restauriert von Ward Marston 2004

Caruso Complete Compact; Bayer (15 CDs), im No-Noise-Verfahren restauriert 2015

Giuseppe di Stefano – Complete Decca Recordings (1955-64); Decca (14 CDs), 2021

Maria Callas Remastered – Sämtliche Studioaufnahmen (1952-64); Warner (70 CDs), Remastered 2014

Callas/Di Stefano/ Gobbi/Sabata – Tosca 1953; Warner (2 CDs), Remastered 2014