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VOLKSWAGEN ID. BUZZ TIME MACHINE


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arrive - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 01.04.2022
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Am 23. April 1973, ein Jahr vor dem Abi, fuhr ich mit einem Klassenkameraden, der damals als Drummer ziemlich coole Rockmusik ablieferte, zu einem Popkonzert nach Bietigheim in die Nähe von Karlsruhe. Seine Band war Vorgruppe der seinerzeit legendären Progressive-RockFormation Beggar’s Opera. Der Tourbus der Preachermen, so hieß die Band meines Kumpels und seiner Brüder, war ein schon damals älterer VW-T1, in den irgendwie das komplette Equipment und drei Mitfahrer hineinpassten. Nie werde ich vergessen, wie wir aus Frankfurt am Main an jenem Nachmittag hinfuhren, ausluden, aufbauten und uns spät in der Nacht dem Bus wieder anvertrauten, um am frühen Morgen wohlbehalten und halbwegs nüchtern wieder zu Hause zu sein.

Als ich vor wenigen Wochen mit dem noch getarnten, aber serienreifen Elektro-Bulli ID. Buzz die erste längere Probefahrt absolvierte, schoss mir der einzige Welthit von Beggar’s Opera ...

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... durch den Kopf, und ich hatte plötzlich wieder den Bierdunst dieser Halle nach einem fulminanten Konzertfinale wieder in der Nase: „Time Machine“ hieß der Schluss-Song, den Sie sich auf Youtube oder sonst wo einmal anhören sollten – das ist auch heute noch State of the Art, wenigstens wenn man Fan dieser Musikrichtung ist.

ECHTE DNA DER T-SERIE

Und mir wurde einmal mehr klar, welch grandiose Zeitmaschine dieses Fahrzeugkonzept darstellt, das bereits seit 1948, also seit fast 75 Jahren, existiert und bei Volkswagen mindestens acht Generationen von Kleintransportern ähnlicher Machart initiierte, von anderen oft kopiert und nie erreicht wurde und in diesen Tagen als ID. Buzz seine elektrische Wiedergeburt feiert.

Die visuelle Klammer um die zukunftsweisenden Technologien bildet das einzigartige Design: „Mit dem ID. Buzz übertragen wir die T1-DNA in die heutige Zeit und damit in die Ära der Elektromobilität“, skizziert Jozef Kabaň, Leiter Volkswagen Design. Wie damals sind es die Proportionen: „Beim T1 sitze ich quasi auf der Vorderachse – bei aller Sicherheitsrelevanz und Technik hat auch der ID. Buzz sehr kurze Überhänge.“ Seit jeher typisch für die Baureihe ist zudem die längst ikonische Frontpartie mit ihrer v-förmigen Haube zwischen den charismatischen Scheinwerfern, heute natürlich intelligente LED-Lichtleisten. Auch die zweifarbige Lackierung ist wieder eine wichtige Option, vermutlich wird sie heute häufiger genutzt als damals.

Wie alle Modelle der ID.-Familie von Volkswagen Pkw basiert auch der von Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover gebaute ID. Buzz technisch auf dem Modularen E-Antriebsbaukasten (MEB) des Konzerns. Diese weltweit erste skalierbare Großserienplattform für reine Elektroautos liefert markenübergreifend die Basis gfür unterschiedlichste Modelle und Segmente, hier für den ID. Buzz und seine reine Cargo-Version. Ihre Architektur erlaubt eine evolutionäre Weiterentwicklung von Software und Technik, von der die gesamte Modellfamilie per Over-the-Air-Update profitieren kann. Den Komfort und die Sicherheit perfektionieren Assistenzsysteme: So ist im ID. Buzz und ID. Buzz Cargo serienmäßig das lokale Warnsystem „Car2X“ an Bord, das Signale anderer Fahrzeuge und der Verkehrsinfrastruktur nutzt, um in Echtzeit Gefahren zu erkennen.Ebenfalls serienmäßig: der Notbremsassistent „Front Assist“ und im Kleinbus der Spurhalteassistent „Lane Assist“. Mit neuer Software halten auch neue Assistenzfunktionen Einzug in die ID.-Familie: Optional steht der „Travel Assist mit Schwarmdaten“ zur Verfügung, der das teilautomatisierte Fahren über den gesamten Geschwindigkeitsbereich und erstmals einen assistierten Spurwechsel auf der Autobahn ermöglicht. Irgendwann wird auf diese Weise auch das vollautonome Fahren möglich sein, der ID. Buzz soll hier eine wegbereitende Stellung im Volkswagen-Konzern einnehmen. Europaweit gehen ID. Buzz und ID. Buzz Cargo mit einer 77-kWh-Batterie an den Start. Sie versorgt eine 150 kW starke Elektromaschine mit Strom, die – wie einst der Boxermotor im T1 – die Hinterachse antreibt. Durch die tief unten im Boden integrierte Batterie und den leichten E-Antrieb ergeben sich eine gute Gewichtsverteilung und ein niedriger Fahrzeugschwerpunkt. Beide Faktoren optimieren das Handling und die Agilität.

Geladen wird die Lithium-Ionen-Batterie an Wallboxen und öffentlichen Ladepunkten mit 11 kW Wechselstrom (AC). Per CCS-Stecker an einer DC-Schnellladesäule (Gleichstrom) steigt die Ladeleis-tung auf bis zu 170 kW – die Batterie ist so nach rund 30 Minuten von 5 auf 80 Prozent geladen. Die Baureihe wird zudem mit der neuesten ID.-Software künftig auch die Funktion „Plug & Charge“ bieten.

TECHNISCHE DATEN

ID. Buzz Art vollelektrischer Heckantrieb

Maximalleistung 50 kW

Max. Drehmoment 310 Nm

Batteriekapazität 82 kWh brutto, 77 kWh netto

Höchstgeschwindigkeit 145 km/h, elektronisch abgeregelt

Reichweite ca. 400–500 km

Wendekreis knapp über 11 m

Kofferraumvolumen ID. Buzz01 bis zu 1.121 Liter

Laderaumvolumen ID. Buzz Cargo01 über 3,9 m

Breite ohne Außenspiegel 1.985 mm

Höhe 1.937 mm (Cargo: 1.938 mm)

Länge 4.712 mm

Radstand 2.988 mm

Ladekante 619 mm (Fünfsitzer), 623 mm (Cargo)

Produktionsstart erste Jahreshälfte 2022

Markteinführung Europa Herbst 2022

Preis ab 55.000 Euro und 45.000 Euro (Cargo)

PRO• Technologieführerschaft geplant • Ab ca. 2025 vollautonom fahrbar • Musterbeispiel an Nachhaltigkeit • Sehr hoher Aufmerksamkeitswert

CONTRA • Längere Lieferzeiten • Preiswert, aber kein Schnäppchen

Dabei wird der ID. Buzz per Ladestecker an kompatiblen DC-Schnellladesäulen erkannt und tauscht so die erforderlichen Daten mit dem Ladepunkt aus. Bidirektionales Laden ermöglicht es, nicht benötigte Energie aus der Batterie ins eigene Hausnetz einzuspeisen (Vehicle-to-Home).Stromtransfer und Kommunikation erfolgen über eine spezielle DC-BiDi-Wallbox.

Beim ID. Buzz folgt das Design der Funktion – er kommt auf einen cw-Wert von 0,285, das ist quasi ein Pkw-Wert, der den Energieverbrauch deutlich senkt und die Reichweite erhöht. Offizielle Werte dazu gab es zum Zeitpunkt meiner Testfahrt noch nicht, zu vermuten sind mit der beschriebenen Ausstattung rund 450 Kilometer oder mehr, je nach Fahrweise. Für einen Bus ein Spitzenwert, für die allermeisten Aufgaben mehr als ausreichend.

ENDLOSE EMOTIONEN

Die Baureihe ID. Buzz wird von Volkswagen Nutzfahrzeuge im Stammwerk Hannover produziert. Auch die meisten elektrischen Antriebsmodule sind Made in Germany. Der ID. Buzz und der ID. Buzz Cargo werden in den ersten europäischen Ländern im Herbst dieses Jahres auf den Markt kommen; ab Mai 2022 ist der Vorverkaufsstart geplant und das Fahrzeug bestellbar. Übrigens: Auch Volkswagen of America wird mit dem ID. Buzz das Comeback des sogenannten Microbus in den USA und Kanada einleiten.

Ralf Brandstätter, der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen Pkw beschrieb das neue Auto auf seiner Weltpremiere Anfang März in Hamburg so: „Eine echte Ikone für das Elektrozeitalter. Der Volkswagen Bulli stand in den 50er-Jahren für ein neues Gefühl von automobiler Freiheit, Unabhängigkeit und großer Emotion. Dieses Lebensgefühl greift der ID. Buzz auf und überträgt es in unsere Zeit: emissionsfrei, nachhaltig, vollvernetzt und jetzt schon bereit für das nächste große Kapitel – das autonome Fahren.“ Carsten Intra, der Vorstandsvorsitzende der Marke Volkswagen Nutzfahrzeuge, ergänzt: „Beide Versionen des ID. Buzz sind wegweisend im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit: Sie werden bilanziell CO2-neutral hergestellt und ausgeliefert. Außerdem kommen recycelte Kunststoffe zum Einsatz, und das Interieur ist komplett tierlederfrei. Der ID. Buzz kommt zudem bei künftigen autonomen Mobilitätskonzepten wie dem Ridepooling zum Einsatz – einem per App buchbaren E-Shuttle-Dienst der Konzerntochter Moia, und wird damit zu einem wichtigen Teil der Zukunft des innerstädtischen Verkehrs.“

Wichtigstes Puzzleteil im großen Spiel um Marktchancen in der Mobilität der Zukunft ist jedoch die Emotionalität, die von diesem Fahrzeug ausgeht: So wie fast alle Autofahrerinnen und Autofahrer ein oder mehrere Erlebnisse mit einem Produkt der legendären T-Serie von VW verbinden, allein aufgrund seiner knuffigen Ausstrahlung, so kommt auch der ID. Buzz an. Mit diesem Auto fällt man überall positiv auf, findet Freunde und hat, wichtiges Argument, dank der Fahrposition einen Riesenspaß am Fahren.

Es kommt überdies extrem selten vor, dass eine Designstudie wie die des 2017 erschienen Entwurfs des ID. Buzz mit derart wenigen Veränderungen fünf Jahre später in Großserie auf den Markt kommt, wie Volkswagen Nutzfahrzeuge Designchef Albert Kirzinger betont.

Bei meiner ersten Fahrt habe ich es wieder gespürt: Ich saß in einer Zeitmaschine.

75 JAHRE BULLI

Von der Ikone T1 bis zum ID. Buzz – wie ein rationales Nutzfahrzeugkonzept von Anfang an mit hoher Emotionalität punkten konnte.

Bernardus Marinus „Ben“ Pon senior war, so erklärt es die Wikipedia heute, ein niederländischer Geschäftsmann, dessen Unternehmen Pon’s Automobielhandel im Jahr 1947 das erste war, das nach dem Zweiten Weltkrieg Fahrzeuge des deutschen Volkswagen-Konzerns ins Ausland exportierte. Ihm kam angeblich die Idee für den Bulli, nachdem er im Volkswagenwerk Wolfsburg die „Plattenwagen“ gesehen hatte: Zum werksinternen Warentransport waren ausgemusterte Käfer-Versuchsfahrgestelle umgebaut und mit einfachen Holzplatten als Ladefläche versehen worden.

Auf Pons Anregung hin sollte auf einem herkömmlichen Pkw-Fahrgestell ein Transporter mit viel Raum und einer Zuladung von 750 kg entstehen. Das Getriebe und die Käfer-Vorderachse wurden übernommen. Die Hinterachse mit Radvorgelegen war ähnlich der vom Kübelwagen VW Typ 82, sodass die Achsübersetzung des Käfers verwendet werden konnte. Die ersten Versuchsfahrzeuge hatten einen hohen Luftwiderstand und verbrauchten zu viel – daraufhin entstand die leicht gerundete, knuffige Form, mit 25PS verbrauchte das Fahrzeug damals rund zehn Liter auf 100 km. Die geläufige Kurzform „Bulli“ war (laut Wikipedia) einer von neun Namensvorschlägen für den Wagen.Vermutet werden unter anderem eine Wortbildung aus Bus und Lieferwagen oder eine Beschreibung der bulligen Form des Autos.

Am 8. März 1950 rollte dann der erste Serientransporter von Volkswagen von den Bändern in Wolfsburg. Damit begann seine bis heute währende Erfolgsgeschichte. Schon für den Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands waren Nutzfahrzeuge unverzichtbar, und schnell setzte sich die Erkenntnis durch, dass Variabilität dem Wunsch des Kunden nach mehr individuellem Nutzen des Transporters entsprach – und damit die Verkaufszahlen förderte. Vom Pritschenfahrzeug für das Handwerk über die heute sehr rare Doppelkabine bis zu Behördenfahrzeugen wie Polizei-, Feuerwehr oder Strahlenmesswagen gab es alles. Für die Personenbeförderung standen die Bus-Ausführung ebenso wie der Kombi zur Verfügung. Letzterer bildete auch die Basis für Camping-Einbauten, welche die in Rheda-Wiedenbrück ansässige Firma Westfalia vornahm. Absoluten Kultstatus bis heute hat der „Sambabus“ (Bild rechts unten), der bei Volkswagen offiziell schlicht unter der Bezeichnung Sondermodell 241 lief. Und zu guter Letzt fand der Bulli Gefallen bei der Hippie-und Flowerpower-Generation Ende der 1960er-Jahre. Die bunt bemalten Vehikel stehen bis heute für ihr Aufbegehren und einen Wandel der Gesellschaft hin zu mehr individueller Freiheit und Frieden. Bis heute sind über zwölf Millionen Volkswagen-Transporter in alle Welt verkauft worden. Damit ist und bleibt der Bulli erfolgreichster seiner Klasse.

Übrigens: Der neue ID. Buzz ist nicht der erste Bulli mit elektrischem Antrieb. Bereits vor 50 Jahren präsentierte Volkswagen auf der Hannover-Messe einen T2 als ersten Prototyp, der von einem Elektromotor im Heck angetrieben wurde. Die maximale Reichweite von 85 Kilometern zeigte allerdings, dass die Batterietechnologie längst noch nicht praxistauglich war.

Ohne Fenster, mit Flower-Power-

Bemalung, als Camper oder sogar elektrisch (blauer Bus links), zeigt sich hier der T2.