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VOLLSTROM


Motorrad News - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 10.06.2020

Eins spannender Vergleich: Die beiden aktuellen Top-Stromer von Harley-Davidson und Energica locken mit brachialer Fahrdynamik. Doch die Diskussion ums elektrische Motorradfahren polarisiert die Szene. Avantgarde oder Sackgasse?


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Bildquelle: Motorrad News, Ausgabe 7/2020


Harley setzt auf Zukunftssicherung,Energica hält Elektromotorräder für das überlegene Konzept


Querkopf:Der Harley-Motor ist längs eingebaut,ein Kegelradgetriebe überträgt die Kraft auf die quer liegenden Ritzelwelle


ABS-Champion: Mit 38,5 Metern aus 100 km/h gehört die LiveWire in den Olymp der Brems-Götter


Hochtechnik: Das aufwendige Showa-Federbein muss 115 Millimeter Federweg ...

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Elektro-Motorräder gehören noch zu den absoluten Raritäten im Straßenbild. Das Angebot ist überschaubar,mit Harley-Davidson traut sich jetzt der erste etablierte Großserien-Produzent aus der Deckung. Als Pionier der zweirädrigen E-Mobilität darf das kalifornische Startup Zero gelten. Auch Energica aus Modena hat sich ohne Motorrad-Vorgeschichte direkt ins E-Bike-Abenteuer gestürzt.

Konkret trumpft die Energica Eva Ribelle mit der höchsten Akkukapazität und der höchsten Motorleistung innerhalb des Seg ments auf. Das Design ist eindeutig italienisch,der rote Gitterrohrrahmen könnte auch von Ducati stammen.

Energica selbst bezeichnet die Eva Ribelle als „Streetfighter“. Eine markige Ansage,die so gar nicht zum Klischee des umweltbewegten Klima-Verbesserers passen mag. Anders gesagt: Energica baut E-Motorräder,weil sie hier das technisch überlegene Konzept sehen. Weshalb ökologische und ideologische Aspekte in Werbung und Modellpolitik nur eine Nebenrolle spielen.

Die Motivation seitens Harley zur Live Wire ist dagegen schwieriger zu fassen. Offensichtlich geht es der 1903 gegründeten Firma darum,sich zukunftssicher aufzustellen - wie auch immer die Zukunft aussehen wird. Und natürlich forschen auch die anderen Großhersteller an alternativen Antrieben,die aber das Prototypenstadium noch nicht verlassen haben.

Die Eva Ribelle drückt 276 Kilo auf die Redaktionswaage,was schon Bigbike- Format hat. Wie bei E-Motorrädern üblich,sorgt der vorne liegende Akku für satten Anpressdruck am Vorderrad,was der Stabilität beim Beschleunigen zugute kommt.

Wie unsere Messwerte belegen,zeigt die Ribelle dann auch echte Dragster-Qualitäten. Die Elektronik überwacht den Raketenstart,also einfach weit nach vorne beugen und den Hahn ganz aufreißen. Die gemessenen 3,3 Sekunden von Null auf 100 km/h könnten rein von der Motorleistung her wohl sogar noch unterboten werden. Energica wählte aber eine sicherheitsbetonte Abstimmung der elektronischen Fahrhilfen.

Quereinsteiger: Das seitlich angebrachte Öhlins-Federbein lässt sich Energica extra bezahlen


Renntechnik: Öhlins-Gabel und Brembo-Racing-Sättel lassen Ausstattungsfreaks aufhorchen


Die Leistungskurven der beiden Drehstrom- Synchronmotoren sind typisch für diese Bauart. Direkt beim Start geht es mit einem fast waagerechten Drehmoment-Plateau los. In dieser Phase steigt die Leistung fast linear. Ab dem Klapp- Punkt fällt das Drehmoment,jetzt zeigt die Leistungskurve ein fast ebenes Plateau,das am Ende des Drehzahlbereiches steil abfäll


Alles eine Frage des Horizonts: Die Energica kombiniert eine lange Übersetzung mit engem Drehzahlhorizont und hohem Drehmoment in der ersten Phase. Dagegen setzt Harley auf einen höher drehenden Motor mit kurzer Übersetzung. Die resultierende Zugkraft und damit das Powergefühl liegen dann viel enger beieinander als die Absolut-Werte der beiden Drehmomentmaxima


Am Hinterrad findet die Kooperation von Motordrehzahl,Drehmoment und Übersetzung in Form der verfügbaren Antriebsleistung zusammen. Gut sieht man,dass auch diese Kurven kein ausgeprägtes Maximum zeigen,wie wir es vom Verbrenner her kennen. Vielmehr folgt der linearen Anstiegsphase bis zur Vmax ein breites Leistungsplateau. Die kürzere Übersetzung der Harley lässt die Kurven enger zusammen rücken als bei den Leistungskurven über der Drehzahl (oben)


Was unsere Testabteilung etwas irritierte: Die volle Leistung steht nur bei randvollem Akku zur Verfügung. Bei halbvollem Speicher sinkt die Spitzenleistung um rund 20 PS,statt 5,0 Sekunden für Null auf 140 km/h sind es unspektakuläre 7,4 Sekunden.

Hier zeigt sich der Zielkonflikt,mit brutaler Fahrdynamik werben zu wollen,zur Schonung der Akkureichweite aber gleichzeitig dafür sorgen zu müssen,dass der Ribelle-Fahrer die beeindruckenden Maximalwerte nur selten abgeruft.

Volle Leistung serviert die Energica nur mit vollem Akku

Auch die LiveWire schnellt von der Startlinie wie von einem gewaltigen Gummiband abgeschossen. Bis 100 km/h kann sie sogar mit der Energica mithalten,darüber legt der steigende Luftwiderstand ihr relatives Leistungsdefizit zur Eva Ribelle offen. Mit 254 Kilo ist die LiveWire für eine Harley ausgesprochen schlank,weil sie tiefer baut als die Energica ist sie erheblich einfacher durchs Kurvenlabyrinth zu dirigieren.

Überhaupt macht die Harley in vielen Bereichen den perfekteren Eindruck. Draufsetzen und sich wohlfühlen - da zeigt sich die Kompetenz eines Motorradherstellers mit 117 Jahren Erfahrung.

Ans Handling der Ribelle muss man sich dagegen erst gewöhnen. Korrekturen in Schräglage sind ein echter Kraftakt und der extrem enge Lenkeinschlag kann in der City und beim Rangieren ein Problem werden. Aber gut,wer gelernt hat,mit einer Yamaha FJR 1300 oder etwa einer BMW R 1250 GS Adventure flott zu tanzen,kommt auch mit der Energica flink durchs Sauerland. Zumal das aufpreispflichtige Öhlins-Fahrwerk und die Erstbereifung Pirelli Diablo Rosso III wirklich Lust auf schnelle Kurven machen.

In Sachen Reifen verbaut Harley dagegen eine gestandene Cruiser-Pelle,den Michelin Scorcher. Das ist schade,denn dieser Gummi baut trotz des Namenszusatzes „Sport“ nur bescheidenen Grip auf,weshalb die LiveWire ihr dynamisches Potenzial nur eingeschränkt umsetzen kann. Bemerkenswert ist aber die ABS-Performance der LiveWire: 38,5 Meter Bremsweg aus 100 km/h sind ein Top-Wert.

Für den ausdauernden Soziusbetrieb eignen sich beide Bikes kaum,die hinteren Sitzgelegenheiten können nicht überzeugen. Ziemlich ruppig arbeitet die Federung der Harley,nur 115 Millimeter Federweg vorne wie hinten erlauben kaum mehr Komfort.

Einen deutlichen Kritikpunkt zeigt die Energica an einer Stelle,wo wir es an einem Stromer wirklich nicht vermutet hätten: Sie ist laut! Die Kraftübertragung vom E-Motor zur Ritzelwelle jault und heult wie ein Opel Kadett C im Rückwärtsgang. Nur lauter

Nach 500 Metern fahre ich rechts ran und krame die Ohrenstöpsel aus dem Rucksack. Direkt viel angenehmer,selbst im Stadtverkehr. Auch die LiveWire erzeugt ein schnurrendes Getriebegeräusch,aber auf wesentlich niedrigerem Pegel.

Kommen wir zur Frage,die den meisten Diskussionsstoff bietet: die Akkureichweite. Hier verwundern als Erstes die Prospektangaben,die naturgemäß Optimismus verbreiten sollen. Aber auch die amtlich geforderten WMTC-Werte sind nicht schlüssig: Energica gibt einen Normverbrauch von 12,3 kWh pro 100 Kilometer an,als Reichweite nennen die Italieners 211 Kilometer. Ergibt eine benötigte Akkukapazität von 26 kWh. Laut Datenblatt sollen aber nur 18,9 kWh in den Akku der Eva Ribelle reinpassen.


WMTC-Reichweiten und Akkugrößen passen bei beiden Bikes nicht zusammen


Elektro-Sportster: Harley-Davidson versucht die gewohnte Formensprache des Hauses auf den Elektro- Brenner zu übertragen. Das extrem kurze Heck und die knappen Federwege kennen wir auch aus anderen Modellfamilien


Belle Machina: Die Energica kommt unübersehbar aus Italien. Roter Gitterrohrrahmen und rassige Linienführung stehen in einer Reihe mit Ducati und MV Agusta. Der wuchtige Auftritt der EVA Ribelle signalisiert ihr Bigbike-Gewicht


Nach der gleichen Rechnung benötigt die LiveWire 21,8 kWh im Speicher,um die 158 Kilometer nach WMTC zu erreichen. Ihr Akku ist aber mit nur 13,6 kWh angegeben. Nun haben wir leider keine Möglichkeit,die interne Akkukapazität nachzumessen. Es kann aber egal sein,wie groß die Akkus wirklich sind. Wir können schließlich messen,wie viel Strom man für eine Vollladung von der Steckdose abzapfen und bezahlen muss.

Bei der LiveWire sind das 17,2 kWh,bei der Eva Ribelle 19 kWh. In diesen Beträgen sind bereits die Wärmeverluste des Ladevorgangs enthalten: Besonders die LiveWire gibt am Stromkabel eine veritable Garagenheizung ab.

Freie Autobahnen nagen massiv am Kilometerkonto

Insgesamt haben wir pro Motorrad vier Verbrauchswerte herausgefahren - siehe Tabelle auf Seite 60. Allgemein zeigt die Energica den günstigeren Stromverbrauch,gemessen „an der Steckdose“,auch hat sie den größeren Akku,weshalb mit der Eva Ribelle deutlich höhere Reichweiten möglich sind als mit der LiveWire.

Hier heult es: Das ölgeschmierte Primärgetriebe der Energica ist reichlich mit Kühlripppen versehen


Schwarzer Block: Über dem längs eingebauten Motor baut sich der wuchtige Akku als Massenzentrum der LiveWire auf


Den Anfang macht ein praxisnaher Mix aus zehn Prozent Stadtverkehr,40 Prozent Autobahn mit Zieltempo 130 km/h und 50 Prozent flüssige Landstraße. Die Strecke ist exakt vordefiniert. Um vergleichbare Verkehrsbedingungen zu erhalten,schickten wir beide Motorräder an regulären Werktagen vormittags um zehn Uhr auf die Reise.

Im Drittelmix steht die Abrechnung mit 145 zu 116 Kilometern zugunsten der Energica. Die beiden Messungen mit konstant 100 km/h und 130 km/h machten wir am LKW-freien Sonntag auf einer verkehrsarmen Autobahn.

Hier zeigt sich ganz deutlich,wie heftig schnelleres Fahren am Kilometerkonto nagt. Als Einschränkung müssen wir noch erwähnen,dass beide Maschinen auf den letzten Kilometern deutliche Leistungsbeschränkungen einsteuern,weshalb wir bei der 130-km/h-Messfahrt das Zieltempo gegen Schluss nicht mehr halten konnten. Bei Autobahn-Richtgeschwindigkeit schafft die Energica 102,die Harley 79 Kilometer. Für Hannover-Köln ist das deutlich zu wenig.

Auch die letzte Messfahrt fand auf einer fest im Navi eingespeicherten Route statt: Eine eher defensive Landpartie durchs flache Münsterland mit möglichst wenigen Ortsdurchfahrten und einer angepeilten Durchschnittsgeschwindigkeit von 70 km/h in Bewegung. Also eine klassische Genussrunde auf dem Motorrad für den Sonntagnachmittag. Mit 161 zu 139 Kilometer für die Energica fällt die Reichweite bei so einem klar definierten artgerechten Einsatz zufriedenstellend aus.

Ob die von uns ermittelten Reichweiten für die eigenen Fahrgewohnheiten und Ziel-Entfernungen ausreichen,kann jeder selbst entscheiden. Noch eine Bemerkung zum Abschluss: Unsere Testmaschinen - und natürlich ihre Akkus - waren nagelneu und in jugendlicher Bestform

Per Definition gilt ein Stromspeicher als austauschreif,wenn die Kapazität unter 80 Prozent sinkt. Mit zunehmendem Alter schwindet also auch die Reichweite. Das könnte in einigen Jahren auch zu größeren Verwerfungen auf dem Gebrauchtmarkt führen,wenn E-Motorräder mit abgelaufener Akku-Garantie zum Verkauf anstehen.

Fazit

Was Fahrleistungen und Reichweite angeht,ist die Energica Eva Ribelle klarer Chef im Elektro-Ring. An einigen Ecken haben sich aber schon ein paar unnötige Schwachpunkte eingeschlichen: Der knappe Lenkeinschlag etwa,das nervige Getriebeheulen. Die ungünstige Lenkerkröpfung,welche die Handgelenke verdreht. Oder der Tempomat- Knopf auf der rechten Seite,wo man beim unachtsamen Drücken den Killschalter erwischt. Da erreicht der Traditionshersteller Harley-Davidson schon den höheren Perfektionslevel.

Ein grundsätzliches Problem mit der elektrischen Motomobilität ist die Entwicklung der Infrastruktur. An Autobahnraststätten und bei Einkaufszentren schießen Schnellladesäulen wie Pilze aus dem Boden. Also an Orten,die ein hohes Publikumsaufkommen erwarten lassen. Und das sind genau die Orte,an denen ich eigentlich nicht Motorrad fahren möchte.


Ausstattung Wulf / Energica: Jacke,Jeans,Schuhe: Büse,Helm: Shark,Handschuhe: Held Tilman / LiveWire: Jacke,Jeans,Handschuhe Vanucci,Schuhe Icon,Helm: Scorpion