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Volltreffer?


LinuxUser - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 19.08.2021

Debian 11 „Bullseye“ im Test

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README

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Debian 10 im Juli 2019 steht der Nachfolger Debian 11 „Bullseye“ in den Startlöchern. Wir werfen einen ausführlichen Blick auf den Release Candidate der Distribution.

Jonathan Carter, der Projektleiter von Debian, bezeichnete Debian auf der Deb-Conf 2020 als „eine bodenlose Grube von Problemen im positivsten Sinn“. Das ziehe geborene Problemlöser und Entwickler an, die Herausforderungen lieben .

Jedoch besteht bei Debian-Entwicklern laut Carter immer die Gefahr, dass sie sich zu stark in diese Probleme hineinziehen lassen und wegen der Überlastung ihre anderen Aufgaben und Verpflichtungen vernachlässigen. Das Projekt braucht daher dringend mehr Entwickler, meint Carter – zwei- bis dreimal so viele, wie es derzeit gibt. Diese Situation spiegelt sich auch in der neuesten Version 11 „Bullseye“ des Betriebssystems wider, deren Release zu Redaktionsschluss Ende Juli unmittelbar bevorstand.

Wir verfolgten die Entwicklung von Debian 11 zwei Jahre lang und testeten die Vorabversionen auf Herz und Nieren. Als Testplattformen dienten ein aktueller Dual-Grafik-Laptop sowie ein PC mit einem neuen AMD-Ryzen-Prozessor. Besonderes Augenmerk legten wir dabei auf die praktische Nutzbarkeit und Stabilität von „Bullseye“ als Desktop-Betriebssystem.

Software

Legen Sie Wert auf aktuelle Pakete, stellt „Bullseye“ im Moment eine bessere Wahl dar als das aktuelle Ubuntu 20.04 LTS, die Software in den Debian-11-Repos ist wesentlich aktueller. So liegt die Versionsnummer von LibreOffice in Debian 11 bei 7.0, in Ubuntu 20.04 nur bei 6.4.

Grundsätzlich liegt bei Programmen, die gleichzeitig mit dem Soft Freeze oder später in einer neuen Version erschienen, nicht die neueste Version im „Bullseye“- Repo. Daher handelt es sich bei XFCE und Mate um die neuesten Versionen dieser Desktop-Umgebungen, bei Gnome und KDE Plasma jedoch nicht 1 . Die meiste Software hinkt den aktuellen stabilen Versionen jedoch nicht viel hinterher.

Ein Teil der Programme liegt sogar in der neuesten Version vor. Einige wenige Pakete sind jedoch veraltet, da sie zum Teil seit Debian 8 „Jessie“ nicht erneuert wurden, wie etwa das Farbmanagementsystem ArgyllCMS. Oft findet man für solche Pakete immerhin aktuelle Versionen in Form von AppImages oder Flatpaks.

Es wurden auch viele Pakete neu ins Repo aufgenommen, so etwa der OpenCL- Treiber für Intel-NEO-Grafikkarten (intelopencl-icd), der die Arbeit mit Programmen wie Gimp, Darktable oder LibreOffice auf Systemen mit diesen verbreiteten GPUs deutlich beschleunigt. Wayland läuft unter Debian ebenso wie bei Ubuntu nur mit Gnome, und auch nur dann, wenn Sie keine Nvidia-Treiber installieren.

Etliche Pakete entfielen komplett aus dem „Bullseye“-Repo, wie die Monitorkalibrierungssoftware DisplayCAL, die noch von Python 2 abhängt. Mittlerweile gibt es dafür zwar Ersatz in Form eines Flatpaks, doch in diesem Fall wäre das Entfernen der Software nicht unbedingt notwendig gewesen, da das Beibehalten von Python 2 die Stabilität des Systems vermutlich nicht gefährdet hätte.

Stabilität und Performance

„Bullseye“ erbte zunächst einige Bugs von Debian 10 „Buster“. Einen großen Teil davon behob das Projekt im Lauf der Entwicklung. Durch neue Paketversionen und zum Teil auch neue Pakete kamen jedoch etliche neue Probleme hinzu.

Insbesondere die Unterstützung von Dual-Grafik-Systemen war bei früheren Debian-Versionen mangelhaft. Das hat sich bei Debian 11 deutlich verbessert. Bei vielen Nvidia-Grafikkarten muss man jedoch nach wie vor auf das eigentlich veraltete Bumblebee zurückzugreifen, um die GPU zu deaktivieren. Der neuere X-Server unterstützt theoretisch die Nvidia-Prime-Technologie.

Unser Test-Laptop erreichte mit „Bullseye“ eine etwas höhere Akkulaufzeit als mit „Buster“, aber mit drei Stunden lag sie noch immer deutlich unter der mit Fedora, wo nach der Installation des Nvidia-Treibers keine nachträgliche Konfiguration nötig war. Mit Bumblebee betrug die Akkulaufzeit knapp fünf Stunden, sofern die Nvidia-Grafikkarte ununterbrochen ausgeschaltet blieb. Die Beschränkung auf die integrierte Intel-Grafik limitiert allerdings die Grafikleistung.

Auf dem Desktop-PC läuft Debian 1 bereits seit Monaten auch unter Belastung äußerst stabil. Nur bei einzelnen Anwendungen wie Firefox kam es zu Abstürzen oder fehlerhaftem Verhalten. Solche Probleme kann man durch den Einsatz eines aktuellen AppImages oder Flatpaks zwar vermeiden, doch vermutlich werden die meisten davon bis zum offiziellen Release ohnehin behoben.

Auf dem Dual-Grafik-Laptop testeten wir das System einige Monate lang unmittelbar nach dem Soft Freeze und ein zweites Mal wenige Tage vor dem Full Freeze. Während des ersten Tests gab es zunächst das Problem, dass „Bullseye“ nach dem Upgrade auf den endgültigen Kernel 5.10 nicht startete. Nach dem Rollback auf Kernel 5.9 lief das Betriebssystem viele Wochen lang tadellos.

Schließlich wurde das Problem mit Kernel 5.10 behoben, und das Kernel-Upgrade war möglich. Allerdings gab es danach ungefähr wöchentliche, nicht reproduzierbare Systemabstürze. Beim zweiten und letzten Test kam es etwa 48 Stunden nach der Installation zu einem kritischen

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1 Das von Debian 11 installierte KDE Plasma 5.20.5 ist auf einem sehr aktuellen Stand.

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Debian 11 ?Bullseye? RC 2 Live (Stand 28.07.2021) bootfähig auf Heft-DVD
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Weitere Infos und interessante Links

www.linux-user.de/qr/46342

Absturz, der möglicherweise durch überhitzte Hardware verursacht wurde. Außerdem gab es gelegentlich Verzögerungen beim Herunterfahren beziehungsweise Neustarten des Systems, und KDE stürzte hie und da beim Start ab.

Es ist jedenfalls überraschend und zum Teil auch nicht ganz erklärbar, dass sich „Bullseye“ auf den beiden Testgeräten so unterschiedlich verhält, zumal meist sogar dieselbe Software zum Einsatz kam. Uneingeschränkt empfehlen kann man Debian 11 daher im Moment vor allem für Desktop-Systeme, die keine allzu neuen Hardwarekomponenten enthalten: Neueste Hardware lässt sich mit dem 5.10-er-Kernel höchstwahrscheinlich nicht nutzen, zumindest so lange es keinen Backport-Kernel gibt.

Anders sieht es jedoch bei Laptops aus. Auf einem Großteil davon dürfte sich Debian 11 nach dem Release im Großen und Ganzen ohne Probleme betreiben lassen – auch hier vorausgesetzt, die im Gerät verbaute Hardware ist nicht zu neu. Insbesondere bei Dual-Grafik-Laptops scheint es aber noch immer Probleme zu geben. Es scheint schwer vorstellbar, dass sie sich in absehbarer Zeit restlos beseitigen lassen, zumal unter den Umständen, die Jonathan Carter beschrieb. Möglicherweise eignen sich daher Distributionen mit einem aktuellen Mainline-Kernel wie Fedora oder Arch Linux besser für mobile Computer.

Desktop-Umgebungen

Debian stellt seit mehreren Releases offizielle Live-ISO-Images mit den Desktops Gnome 2 , KDE Plasma, Mate, XFCE, Cinnamon, LXDE und LXQt bereit. In dieser Hinsicht gibt es keine Veränderung oder Weiterentwicklung.

Mit Spins für Tiling-Window-Manager wie Awesome und Sway oder neue Desktop-Umgebungen wie etwa Deepin, wie es sie mittlerweile bei anderen beliebten Distributionen gibt, könnte das Projekt mehr Desktop-User ansprechen. Tatsächlich gibt es keine größeren Debian-basierten Distributionen, die Spins mit solchen Desktops anbieten.

Bemängelt wurde bei den bisherigen Releases vielfach das Erscheinungsbild der Distribution. Auch hier hat sich nichts verändert. Für das offizielle Wallpaper und das Theme gab es einen eigenen Wettbewerb, bei dem die Community den Sieger krönte . So positiv dieses System auch erscheint, fehlt es seitens der Community offensichtlich an ansprechenden Beiträgen oder generell an Interesse für dieses Thema.

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2 Debian 11 installiert die Version 3.38.5 des Gnome-Desktops. Auf Gnome 40 und die Nachfolger müssen Debian-Nutzer bis zum nächsten Release der Distribution warten.

Warum Debian?

Der größte Vorteil von Debian gegenüber Ubuntu liegt in der Anpassbarkeit des Systems: Sobald Sie bei Ubuntu tiefer in die Standardkonfiguration eingreifen, werden Sie das System in vielen Fällen zerstören. Die Kehrseite dieser Medaille: Debian ist schlechter vorkonfiguriert als Ubuntu. Debians Calamares-Installer bietet gegenüber Ubuntus altem Ubiquity einige Vorteile, wie eine einfachere Einrichtung auf einem externen Datenträger.

Die zweite Stärke von Debian liegt in seiner Community. Sie organisiert die komplette Entwicklung und ist daher besser organisiert als bei anderen Distributionen. Debian zählt zu den ältesten und größten Community-Projekten überhaupt. Wollen Sie mit anderen Usern in Kontakt treten oder sie persönlich treffen, gelingt das bei Debian-Usern am ehesten. Auch lokale User-Groups für Debian lassen sich vielerorts schnell finden.

Zudem fällt es verhältnismäßig leicht, bei Debian mitzumachen und das System mitzugestalten. Für den Einstieg genügt es schon, Fehler zu melden. Oft erhalten Sie auf Ihre Meldungen sogar direkte Antworten. Doch selbst, wenn Sie nicht unmittelbar eine E-Mail erhalten, werden Sie merken, dass die Entwickler viele der gemeldeten Bugs umgehend beheben.

Fazit

Debian 11 „Bullseye“ ist nicht perfekt, doch darf man nicht vergessen, dass es sich um ein reines Community-Projekt handelt, dessen Entwickler eine immense, zum Großteil unbezahlte Arbeit leisten. Diese bildet die Grundlage für zahlreiche andere Debian-basierte Distributionen wie Ubuntu und Linux Mint, die ohne Debian nicht existieren könnten.

Größere Veränderungen entsprechen grundsätzlich nicht der Philosophie von Debian, und das gilt für Debian 11 vielleicht noch in höherem Maß als für frühere Versionen. Das Projekt strebt ein zuverlässiges System an, das sich schrittweise weiterentwickelt. So positiv das erscheint, sorgt es beim Anwender doch gelegentlich für leichte Langeweile. Das müsste nicht unbedingt so sein, auch wenn eingefleischte Debian-User wohl nichts anderes erwarten.■

(cla)

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