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VOM FISCHERNETZ ZUR FUSSMATTE


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arrive - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 12.08.2022

HYUNDAI X HEALTHY SEAS

Artikelbild für den Artikel "VOM FISCHERNETZ ZUR FUSSMATTE" aus der Ausgabe 5/2022 von arrive. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: arrive, Ausgabe 5/2022

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Wie seelenlose Kleider wabern sie durch unsere Weltmeere. Für Delfine, Schildkröten und andere Meerestiere werden sie oft zum tödlichen Verhängnis. Zurückgelassene Fischernetze, sogenannte Geisternetze, sind eine Bedrohung für die sensiblen Ökosysteme unter Wasser. Aus diesem Grund bergen freiwillige Tauchtrupps der Organisation Ghost Diving Netze aus Korallenriffen und Schiffswracks. Anschließend werden sie verantwortungsvoll entsorgt oder im besten Fall sogar recycelt. Zum Beispiel kann daraus das Nylongarn Econyl® gesponnen werden, das sich für die Herstellung von Fußmatten eignet. Doch bis dahin muss einiges passieren. Alles beginnt unter Wasser.

Sieben Taucher und eine Taucherin schnallen sich ihre Pressluftflaschen auf den Rücken und watscheln zum seitlichen Rand des Bootes. Einer nach dem anderen springt ins tiefe Blau. Zurück bleiben Luftblasen an der Oberfläche. Für ...

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... alle anderen Beteiligten heißt es jetzt abwarten und Wasser trinken aus Pappbechern. Organisiert und finanziert werden die Tauchgänge von Healthy Seas. Die Organisation übernimmt die Planung und die Kosten für die Tauchenden und kümmert sich anschließend um Recycling und Entsorgung des geborgenen Materials. Außerdem leistet sie Aufklärungsarbeit zum Thema Plastikmüll, denn die Ursache all dieser Probleme ist der industrielle Fischfang und unser Konsum, der ihn finanziert.

CHRISTINA WIEGERS, PROJEKTMANAGERIN VON HEALTHY SEAS, HAT DIE HEUTIGE AKTION MITORGANISIERT.

arrive: Würden wir alle keine Tiere mehr töten und essen, dann würde auch niemand mehr Meerestiere mit Netzen aus dem Wasser ziehen. Fisch- und Fleischkonsum ist ein sehr polarisierendes Thema. Wie geht ihr damit um?

Christina Wiegers: Auf unseren Events haben wir schon mal ausschließlich vegetarisches Essen und wenn möglich auch keine Verpackungen aus Einwegplastik. Wir sind keine Organisation, die mit dem gehobenen Zeigefinger agiert, aber wir glauben, dass man, wo es geht, selbst als positives Beispiel vorangehen sollte. Dadurch erreicht man deutlich mehr Menschen. Natürlich machen wir auch darauf aufmerksam, was das mit dem eigenen Körper macht, wenn man Fisch isst und dabei gleichzeitig Mikroplastik und andere Schadstoffe zu sich nimmt. Ich kann allen nur empfehlen: Wenn ihr unbedingt Fisch essen wollt, dann macht das nur, wenn ihr dabei auch das Meer sehen könnt, aus dem er kommt.

arrive: Hier sind wir gerade direkt am Meer, Fisch und andere Meerestiere gibt es nach der heutigen Tauchaktion trotzdem nicht zu essen. Das ist nur konsequent, aber wie kommt das bei den Teilnehmenden an?

Wiegers: Es gibt immer welche, die sich darüber lustig machen, aber grundsätzlich sind da alle sehr respektvoll. Wir können hier nicht aufs Meer rausfahren und uns freuen, dass wir die eine Krabbe und den Hummer aus dem zurückgelassenen Plastiknetz befreien konnten und danach dann Fischplatte bestellen.

arrive: Klar, jeder und jede einzelne von uns kann das eigene Verhalten ändern, aber auch Industrie und Politik sollten in die Verantwortung genommen werden, oder?

Wiegers: Schön wäre es, wenn die Fischernetze klarer zugeordnet werden könnten. Dadurch könnte man die Verantwortlichen besser zur Rechenschaft ziehen. Es gab schon mal einen Versuch, alle Netze mit GPS-Trackern auszustatten, aber das hat nicht funktioniert. Letztens, bei einer Fischfarm in Griechenland, war die Zuordnung sogar klar, aber der Betreibende war halt insolvent, und die nationale Gesetzgebung schützt ihn in diesem Fall. Das ist extrem frustrierend für uns. Da kämpfen wir gegen Windmühlen. Ich würde mir wünschen, dass die Natur insgesamt bei den Politikerinnen und Politikern einen viel höheren Stellenwert hätte. Dann würden sie viel mehr dafür tun, dass der Fischfang reduziert wird. Unsere Meere sind gnadenlos überfischt. Heute wird eher die Industrie geschützt als die Umwelt. Aber was bringt das Geld, wenn wir in einigen Jahren tote Meere haben?

arrive: Um die Fischernetze zu bergen, müssen wir mit Dieselbooten für mehrere Stunden aufs Meer fahren. Alle Beteiligten müssen anreisen und verpflegt werden. Ist die CO2-Bilanz überhaupt so viel besser, als wenn wir einfach neues Material herstellen würden?

Wiegers: Dazu muss man sagen, die Fußmatten sind aus Econyl® hergestellt. Das ist nicht recyceltes, sondern regeneriertes Nylon. Das kann immer wieder regeneriert werden und verliert dabei nicht an Qualität. Langfristig ist das also auf jeden Fall besser, und die geborgenen Fischernetze können nicht noch mehr Schaden im Meer und am Ökosystem anrichten. arrive: Recycling wird leider auch für Greenwashing missbraucht. Der Rucksackhersteller Gotbag hatte damit geworben, mit 100 Prozent Meeresplastik zu produzieren. Jetzt hat sich herausgestellt, dass es maximal 59 Prozent waren. Wie steht ihr zu solchen Fällen?

Wiegers: Grundsätzlich ist es erst mal ein sehr guter Ansatz, dass Firmen recycelte Materialien verwenden. Beispiele, wie das, was du angesprochen hast, zeigen aber, wie wichtig dabei die korrekte Kommunikation ist. Wenn diese Kommunikation nicht transparent oder sogar irreführend ist, dann fällt einem das zwangsläufig auf die Füße. Damit schadet man der Glaubwürdigkeit aller Unternehmen, die die Kreislaufwirtschaft in Gang bringen wollen und mit recycelten Materialien arbeiten.

arrive: Die ganze Nachhaltigkeitsthematik ist unglaublich umfangreich, da fühlt man sich schnell überfordert. Was stimmt dich hoffnungsvoll und lässt dich immer weitermachen?

Wiegers: Ein schönes Erlebnis hatte ich zum Beispiel bei einem unserer Schulprogramme auf Sylt. Da hat ein kleines Mädchen aus der ersten Klasse zu mir gesagt: „Weißt du was, zu Hause erzählen sie immer, dass die Prinzen die Helden sind, die im Märchen die Prinzessin wach küssen. Aber eigentlich seid ihr ja die Helden, wenn man jetzt mal auf die Welt guckt.“ Ich glaube, es ist extrem wichtig, den Erwachsenen von morgen zu zeigen, dass wir mit unserer Welt besser umgehen müssen. Die tragen das ja auch weiter an ihre Eltern. Einmal hat mir eine Mutter auch erzählt, dass die ganze Familie sich seitdem vegetarisch ernährt.

Nach fast zwei Stunden auf dem Meer blubbert und schäumt es an der Oberfläche, und plötzlich poppt ein oranges Luftkissen aus dem Wasser. Damit markieren die Tauchenden das geborgene Material, um es später vom Boot aus einzusammeln. Immer mehr dieser orangen Luftkissen kommen an die Oberfläche. Wenige Minuten später sind auch die ersten Taucher wieder über Wasser. Nach und nach sammelt das Boot sie wieder ein, und gemeinsam mit den anderen Helfenden an Board ziehen sie die markierten Fischernetze und Reusen aus dem Meer. Bis alle orangen Luftkissen wieder an Deck liegen. Immer wieder werfen sie dabei einzelne Tiere, die noch in den Netzen festhängen, zurück ins Wasser.

DERK REMMERS, VORSITZENDER VON GHOST DIVING GERMANY, IST MIT EINEM BREITEN GRINSEN WIEDER AN DECK GEKLETTERT UND HAT SEINE TAUCHAUSRÜSTUNG ABGELEGT.

arrive: Ihr wart heute mehrere Stunden auf und im Meer unterwegs. Um uns herum liegen zwei Wannen voll mit Netzen und zwei große Metallkäfige, die ihr heute geborgen habt. Wie fühlst du dich nach so einem Tag?

Dirk Remmers: Ich fühle mich gut. Dazu tragen mehrere Dinge bei. Zum einen habe ich den Müll auf dem Meeresboden gesehen und wie er den Tieren dort schadet. Zum anderen tauche ich gern. Ich gehe also mit Freuenden aus ganz Europa zusammen auf Tauchgang und erfülle gleichzeitig eine wichtige Aufgabe. Das macht einfach Spaß. arrive: Vorhin habe ich mitbekommen, dass ihr wieder ein paar Sachen ins Meer zurückgeschmissen habt, das sehr nach Plastik ausgesehen hat. Ein Kollege meinte eben aber, das seien Haifischeier gewesen. Wusstest du das sofort?

Remmers: Nein, überhaupt nicht. Das Schöne ist, wir haben bei uns in der Organisation auch Meeresbiologen, die sich wirklich auskennen, und arbeiten auch viel mit Fischerleuten zusammen. Wir hatten vor sechs Wochen ein Projekt in Ostfriesland, wo wir mit einem 78 Jahre alten Fischer Netze aus dem Meer gezogen haben. Der konnte zu jedem Netz eine kleine Geschichte erzählen. Aus welchem Land und welchem Jahr die stammen zum Bei- spiel. Wir waren alle fasziniert davon und freuen uns, bei unseren Aktionen immer wieder etwas dazuzulernen.

arrive: Das klingt alles sehr schön. Noch schöner wäre es natürlich, ihr müsstet in Zukunft gar keine Netze mehr bergen. Was müsste sich dafür deiner Meinung nach politisch ändern?

Remmers: Das Wichtigste ist eine internationale Zusammenarbeit. Es gibt gute Regularien in dem einen Land, in anderen Bereichen haben andere Länder gute Regularien. Wenn da Europa enger zusammenarbeiten würde, wäre das hilfreich.

arrive: Und was kann jeder und jede Einzelne von uns tun?

Remmers: Insgesamt sollten wir unseren Konsum an Fisch und Fleisch reduzieren. Wer weiterhin Fisch essen möchte, sollte sich über wichtige Siegel informieren und so lokal wie möglich einkaufen.

arrive: Die kleinen lokalen Fischer sind nicht so problematisch, die haben nämlich auch kein Interesse daran, ihre Netze im Meer zu verlieren, richtig?

Remmers: Für die ist es oftmals sogar ein Desaster, wenn sie ihre Netze verlieren. So ein Netz ist sehr teuer, das können bis zu 20 000 Euro sein, die einfach so im Meer verschwinden. Das wollen die sicher nicht. Gleichzeitig müssen sie aber mit den industriellen Fischern konkurrieren, und dieser Druck zwingt sie, schnell und viel zu arbeiten. Bei dem ganzen Stress passiert es immer häufiger, dass sie ihre Netze verlieren.

Zum Teil arbeiten die lokalen Fischer auch mit Healthy Seas und den Tauchenden von Ghost Diving zusammen, um ihre verlorenen Netze wiederzuholen. 2021 haben die beiden Organisationen über 188 Tonnen Material geborgen. Um das Recycling kümmert sich dann das Unternehmen Aquafil. In der Niederlassung nahe Ljubljana in Slowenien wird alles gesammelt und die unterschiedlichen Materialien so gut es geht voneinander getrennt. Die insgesamt 50 Mitarbeitenden recyceln hier nicht nur alte Fischernetze, sondern zum Beispiel auch Abfälle aus der Textilindustrie und Teppiche.

Im nächsten Schritt wird alles zerhäckselt und eingeschmolzen. Mit verschiedenen Verfahren werden die Nylonarten voneinander getrennt. Dabei gewinnt das Unternehmen „Nylon 6“ zurück, das dann zu einem Garn mit dem Namen Econyl® verarbeitet wird. Insgesamt recycelt und regeneriert Aquafil etwa 120 000 Tonnen Nylon jedes Jahr, etwa 42 Prozent davon werden zu Econyl®. Daraus können dann Sonnenbrillen, Badebekleidung, Rucksäcke und auch Fußmatten gefertigt werden.

Hyundai unterstützt die Organisation Healthy Seas seit 2021 mit einem festen Budget pro Jahr und stellt Elektroautos für Tauch- und Aufräumaktionen zur Verfügung. Außerdem lässt der südkoreanische Autohersteller Fußmatten aus Econyl® herstellen und legt sie dem Ioniq 5 in den Innenraum. Auch beim Ioniq 6 werden die Recycling-Fußmatten zum Einsatz kommen. Darüber hinaus sollen je nach Ausstattungsniveau recyceltes PET-Gewebe für die Sitze, eine Biokautschuk-Mischung für das Armaturenbrett, Bio-PET-Gewebe für den Dachhimmel und Biolack aus Pflanzenölen für die Türverkleidungen zum Einsatz kommen. Für einzelne Verkleidungsteile wird zum Teil recycelte Pigmentfarbe aus Altreifen verwendet. Wir waren dabei, als die aerodynamische Elektrolimousine enthüllt wurde und konnten sie bereits Probesitzen. Mehr dazu auf Seite 28.

Hyundai ist nicht der einzige Autohersteller, der recycelte Materialien verwendet. BMW nutzte Econyl® schon für den i3 und wird auch in Zukunft verstärkt auf solche Materialien setzen. Das kündigten sie mit dem Konzeptfahrzeug iCircular bereits an. Auch im Cupra Born kommen die Econyl®-Fußmatten zum Einsatz. Beim Fiat 500e werden die Sitzbezüge aus Seaqual®-Garn gefertigt, einem Polyester, das zu 90 Prozent aus recycelten PET-Flaschen und zu zehn Prozent aus Plastikmüll aus dem Meer besteht. Auch Volvo gibt an, recycelte PET-Flaschen im Innenraum zu verwenden, und Audi hat ein Pilotprojekt gestartet, in dem kaputte Autoscheiben eingeschmolzen und zu neuen verarbeitet werden. Perspektivisch sollen die dann im Q4 e-tron Verwendung finden.

Beim Thema Elektroautos und Recycling denken viele zuerst an die Akkus. Diese zu recyceln, ist nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll, denn Materialien wie Lithium, Nickel oder Kobalt sind viel zu wertvoll, um sie einfach auf der Halde zu entsorgen. Bei recycelten Materialien für die Karosserie oder den Innenraum ist das anders. Trotzdem liegt Recycling auch hier im Trend. Mit den Elektroautos werden eben nicht nur in Sachen Beschleunigung und Fahrkomfort neue Standards gesetzt, sondern auch beim Thema Ökologie und Nachhaltigkeit. Während die Hersteller bei Verbrennern selten auf umweltfreundliche Materialien geachtet haben, geht es heute um mehr als nur abgasfreie Fahrzeuge. Und das ist wichtig, denn die Schäden an unseren Ökosystemen gehen weit über den CO2-Ausstoß hinaus. Noch sind recycelte Materialien nur ein Trend, hoffentlich wird daraus bald ein neuer Standard.