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Vom Freund zum Feind


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 18.02.2022

1. KAPITEL HERZÖGE UND KAISER

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 3/2022

Hat es sich so zugetragen? Kaiser Friedrich Barbarossa geht 1176 angeblich auf die Knie, um Heinrich den Löwen um Unterstützung für seinen Italienfeldzug zu bitten

12. Jahrhundert

Schnee liegt auf den Dächern Chiavennas in Norditalien. Im Winter 1176 treffen sich dort nahe dem Comer See die zwei mächtigsten Männer Europas. Der Kaiser Friedrich Barbarossa wartet. Dann betritt Heinrich der Löwe den Raum, Herzog von Sachsen und Bayern, Cousin und Waffenbruder des Kaisers. Barbarossa hat ihn zu einem Gespräch geladen. Er braucht Truppen, um seinen Krieg gegen die Lombardei fortzuführen. Vor allem braucht er Heinrich als Feldherrn, denn die Italiener fürchten ihn. Heinrich hört sich die Bitte des Kaisers an, doch lehnt ab. Er sei ein Greis, durch viele Feldzüge ermattet, sagt er. Heinrich ist 46 Jahre alt.

Der Kaiser schmeichelt ihm: »Alle Kraft des Reiches steht in dir.« Und: »Wir wollen, dass du dich erinnerst: dass wir dir niemals einen Wunsch abgeschlagen haben. Wir waren immer die Feinde deiner Feinde.« Heinrich bleibt stur. Er ...

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... bietet Gold und Silber, aber in den Krieg ziehen will er nicht.

Laut einer Überlieferung erhebt sich Barbarossa aus seinem Sessel, geht auf Heinrich zu und kniet sich vor ihn. Der Kaiser wirft sich dem Herzog zu Füßen, bittet um Beistand. Doch Heinrich zögert.

Es ist eine Legende, die man sich im Hause der Welfen noch lange erzählen wird. Der Kniefall von Chiavenna 1176 soll beweisen, wie mächtig Heinrich der Löwe war. Wer war der Mann, vor dem angeblich selbst Kaiser knieten? Und woher kam seine Macht? Sein Aufstieg und Fall erklären, warum man das Heilige Römische Reich einen Flickenteppich nennen wird.

Friedrich Barbarossa soll den Konflikt zwischen Welfen und Staufern entschärfen

Heinrich kommt um 1129 zur Welt. Sein Vater ist einer der einflussreichsten Fürsten im Reich. Auch er heißt Heinrich, trägt den Beinamen »der Stolze«. Er herrscht über die Herzogtümer Sachsen und Bayern sowie über die Markgrafschaft Toskana.

Im 12. Jahrhundert konkurrieren im Heiligen Römischen Reich zwei Adelsgeschlechter: Welfen und Staufer. Als der Staufer Konrad III. 1138 König wird, fühlt er sich von Heinrich dem Stolzen bedroht. Er entreißt ihm die Herzogtümer und verteilt sie an Unterstützer – eine Demütigung für die Welfen. Heinrich der Stolze stirbt kurz darauf. Sein Sohn Heinrich ist da zehn Jahre alt. Sein Erbe umfasst nur noch das Kernland der Familie um Braunschweig. Seine Mutter und Großmutter beraten ihn. Er soll die Ehre der Welfen wiederherstellen.

Heinrich sei »gut gebaut« und von »großer Körperkraft«, wie ein Chronist schreibt. Außerdem habe er dunkle Haare und schwarze Augen. Er führt Panzerreiter über die Elbe, erobert Land im Osten und vertreibt die heidnischen Wenden. Die anderen Fürsten in Sachsen sehen in ihm den rechtmäßigen Herzog und akzeptieren den vom König eingesetzten Herrscher nicht. Konrad III. hat keine Wahl, als Heinrich das Herzogtum zurückzugeben.

Als der König 1152 stirbt, beweist Heinrich taktisches Geschick. Bei der Königswahl in Frankfurt am Main unterstützt er seinen Cousin Friedrich, Herzog von Schwaben. Der ist zwar ein Staufer, doch seine Mutter ist Welfin. Er gilt als Kandidat des Ausgleichs zwischen den Familien, soll als König Ruhe im Reich schaffen. Wegen seinem roten Bart nennt man ihn Barbarossa.

Es ist der Beginn einer Allianz und Freundschaft zwischen Heinrich und Friedrich, die fast 2 5 Jahre halten wird. Nach der Krönung reiten die beiden durchs Land für Antrittsbesuche. In fast allen höfischen Urkunden wird Heinrich als Z euge genannt, er berät den König und begleitet ihn zur Kaiserkrönung nach Rom. Auch später wird Heinrich ihn immer wieder mit Truppen unterstützen. Der Kaiser möchte das reiche Norditalien ins Reich integrieren. Heinrich führt 1200 Panzerreiter in die Lombardei. Die Stadt Crema brennt er vollständig nieder. Die Lombarden fürchten den Sachsen.

Für seine Unterstützung spricht Barbarossa ihm 1156 das Herzogtum Bayern zu. Mit nur 27 Jahren hat Heinrich das Reich seines Vaters fast komplett zurückerlangt. Doch das scheint ihm nicht zu reichen. In Bayern gründet er 1158 die Stadt München und reißt so den süddeutschen Salzhandel an sich. Die Stadt Lübeck lässt er nach einem Brand wiederaufbauen. Den Kaufleuten verleiht er Privilegien im Handel mit Gotland, aus denen sich allmählich der Kaufmannsbund Hanse entwickelt. Die Einnahmen aus den Städten machen Heinrich zum reichsten Mann im Reich. Vor seiner Burg in Braunschweig lässt er einen Löwen aus Bronze aufstellen. Er nennt sich von nun an »Heinricus Leo«. Das Wappentier der Welfen verkörpert starke Herrschaft.

Heinrich reißt Gebiete an sich und heiratet in das englische Königshaus ein

Tatsächlich regiert Heinrich wie ein König. Er setzt Bischöfe ein, pilgert nach Jerusalem und erobert Land. 1168 soll eine Hochzeit seinen königsgleichen Rang bestätigen. Er heiratet Prinzessin Mathilde, Tochter des englischen Königs. Es ist der Beginn eines Bundes zwischen Welfen und dem englischen Königshaus, der bis ins 19. Jahrhundert überdauern wird.

Heinrichs Erfolg macht ihm Feinde. Er gilt als arrogant und wenig loyal, er reißt Gebiete an sich, anstatt sie an Unterstützer zu verteilen. Die Fürsten in Sachsen, die einst Heinrichs

Selbstbewusst

Heinrich der Löwe und seine Gemahlin werden von Gott gekrönt (li.). Miniatur aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen. Bis 1180 herrscht der Welfe über das Herzogtum Sachsen, das sich hauptsächlich über das heutige Niedersachsen erstreckt. Dazu kommt das Herzogtum Bayern, das auch Teile des heutigen Österreichs umfasst

»Wir wollen, dass du dich erinnerst: Wir waren immer die Feinde deiner Feinde«

Kaiser Barbarossa zu Heinrich dem Löwen, 1176

Herrschaft sicherten, fühlen sich übergangen und bilden eine Koalition gegen ihn. Ihre Truppen brennen Heinrichs Burgen nieder und versuchen ihn zu entmachten. Doch Kaiser Barbarossa schützt seinen Freund und Gefolgsmann. Auf Reichstagen 1169 und 1170 zwingt er die Fürsten, Frieden mit Heinrich zu schließen.

Eine abgeschlagene Bitte, die bis heute Rätsel aufgibt

Heinrich wird sich für die Hilfe nicht revanchieren. Fünf Jahre später führt Barbarossa erneut Krieg in der Lombardei. Noch immer wehren sich Städte wie Mailand gegen die deutsche Herrschaft. Barbarossa bittet Heinrich, ihm mit Panzerreitern beizustehen. In Chiavenna fällt Kaiser Barbarossa vor Heinrich auf die Knie. Im Mittelalter ist die Geste nicht unüblich. Der Rangniedere kann dem Ranghöheren seine Bitte nach dieser Ehrerweisung nicht mehr ausschlagen. Doch Heinrich bricht mit der Tradition, verweigert die Unterstützung.

Warum gibt Heinrich eine Allianz auf, von der beide so lange profitiert haben? Heinrich fordert als Gegenleistung wohl die Stadt Goslar mit ihrer lukrativen Silber- und Kupfermine. Der Kaiser kann das nicht akzeptieren, er braucht die Einnahmen selbst.

Manche vermuten, dass Heinrich den Kampf in Italien für sinnlos hält. Er wolle lieber im Osten des Reiches expandieren. Eine Behauptung, die vor allem die Historiker der Nationalsozialisten verbreiten werden. Hitler stilisiert Heinrich als Vorkämpfer für »Lebensraum im Osten«. Andere Historiker vermuten, dass Heinrich selbst Kaiser werden möchte und darauf spekuliert, dass Barbarossa in Italien stirbt.

Als Barbarossa von seinem Feldzug in Italien zurückkehrt, ist er entschlossen, Heinrich zu bestrafen. Er beruft Gerichtsverhandlungen ein. Als Heinrich nicht zum Hoftag erscheint, spricht er 1180 die Acht über ihn aus. Die sogenannte Gelnhäuser Urkunde verkündet, dass Heinrich alle seine Titel und Besitztümer verliert. Bald fallen kaiserliche Truppen in Sachsen ein, um das Urteil durchzusetzen. Heinrich versucht sich zu wehren, doch fast das ganze Reich steht gegen ihn. Er flüchtet über den Ärmelkanal. Sein Schwiegervater, der König von England, nimmt ihn auf. Für Heinrich beginnen sieben Jahre im Exil. Erst kurz vor seinem Tod darf er an seinen Stammsitz in Braunschweig zurückkehren.

Kaiser Barbarossa zerschlägt derweil die Herzogtümer Sachsen und Bayern, teilt das Reich in kleinere Herrschaftsgebiete auf. Nie wieder soll ein Fürst so mächtig werden wie Heinrich der Löwe.

LESETIPP

Joachim Ehlers: »Heinrich der Löwe. Der ehrgeizige Welfenfürst«. wbg Theiss 2021, € 32,–

Die Ursprünge der Welfen-Dynastie

Der Aufstieg der Welfen beginnt mit einer Hochzeit. 819 erwähnt ein Dokument einen Herrscher mit dem Namen Welf. Seine Tochter Judith (»von großer Schönheit«) heiratet Kaiser Ludwig den Frommen.

Mit Judith steigt die Familie in den Hochadel des karolingischen Reiches auf. Die Welfenfürsten herrschen über Teile Burgunds und Schwaben, erst später expandieren sie nach Norden. 1106 erbt Heinrich der Schwarze Besitztümer um Lüneburg. Sein Sohn Heinrich der Stolze und Enkel Heinrich der Löwe machen Braunschweig zum neuen Stammsitz.

Zu dieser Zeit entsteht eine für das Mittelalter besondere Schrift, die Familienchronik »Historia Welforum«. Das in Latein verfasste Werk erzählt die Geschichte der Dynastie – beginnend mit dem ältesten Welfen, der zur Zeit Karls des Großen lebte.

Der unbekannte Verfasser führt die Vorfahren der Welfen auf die Herrscher von Troja zurück.

Realistischer ist, dass die Welfen schon damals mit Geschichte Politik machen wollen. Die Verwandtschaft mit Priamos, Hektor und Andromache soll zeigen, dass die Welfen selbst Königen überlegen sind.