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Vom Glück, allein zu sein


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myself - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 15.09.2021

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Den Tag umarmen oder Schokopudding im Bett essen: Wer allein ist, muss sich für nichts rechtfertigen.

Wenn mich jemand fragt, ob ich Single bin, antworte ich ausweichend: „Ja und nein.“ Ja, weil es sachlich richtig ist: Ich habe keinen Lebenspartner – abgesehen von meinem Hund. Aber ich sage auch Nein, weil ich das Wort „Single“ nicht mag. Es klingt für mich nach Mangel, nach schmalen Einzelzimmerpritschen im Hotel und tristem Käsebrot vor dem Fernseher, weil sich Kochen für eine Person nicht lohnt und man außer Netflix nichts mit sich allein anzufangen weiß – angeblich. Was für ein Irrtum!

Ich habe mir das Sololeben selbst ausgesucht, es steckt weder ein Trennungstrauma noch eine filmreif geplatzte Hochzeit oder Schlimmeres dahinter. Das verwundert andere, die „allein“ oft mit „einsam“ verwechseln und ...

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... schwer verstehen, warum ich mich ganz freiwillig für diese Lebensform mit dem ungerechterweise eher trüben Image entschieden habe. Meine Erklärung für alle besorgten Zweif ler: Ich lebe nach dem Murmeltierprinzip. Eine US-Studie fand heraus, dass Tiere, die sich von ihrer Murmeltierclique absondern und überwiegend allein sind, länger leben. Warum das so ist? Neben dem offensichtlichen Vorteil, dass durch dieses Social Distancing weniger Krankheiten auf die Murmeltiersolisten übertragen werden, sind sie auch aufmerksamer, als wenn sie mit ihren Kameraden spielen oder sich der gegenseitigen Fellpf lege widmen und somit zur leichteren Beute für hungrige Raubvögel werden.

Nun kreisen zwar keine Feinde über meinem Haupt, aber auch ich bin allein viel achtsamer. Ich bemerke gefühlsmäßige Schief lagen schneller. Bei Ausf lügen sehe ich Dinge, an denen ich wahrscheinlich achtlos vorbeigegangen wäre, wenn ich nicht in meinem eigenen Tempo, sondern angepasst an die Schritte eines Begleiters dahingeschlendert wäre. Neulich stand ich bei so einem spontanen Solo-Ausf lug wirklich sehr lange an der Grabpyramide von Fürst Pückler (ja, der mit dem Eis) und las mich lange im Reiseführer über dessen unerwartet skurriles Leben fest. Man müsste schon extrem viel Glück bei der Wahl seines Partners haben, dass der nicht schon nach wenigen Minuten zum Auf bruch drängelte.

Single klingt nach tristem Käsebrot vor dem Fernseher? Was für ein Irrtum!

Im fürstlichen Park mit seiner exotischen Baumsammlung war es auch, als ich über die Wortwahl nachdachte. Alleinstehend wäre viel passender als das ständig verwendete „Single“. Zugegeben, es klang in meinen Ohren zunächst nach hoffnungsarmer Kontaktanzeige, aber eine ebenfalls partnerlose Zufallsbekannte schlug eine andere Interpretation vor: Ein allein stehender Baum hat so starke Wurzeln, dass er dem Sturm auch ohne die Deckung anderer Bäume trotzen kann.

Die Pandemie hat das besonders deutlich gemacht. In der Zeit wurde meine Liebe zum Alleinsein zugegebenermaßen auf die Probe gestellt. Selbst als Mensch ohne Partner lebt man normalerweise ja nicht eremitisch verschanzt, sondern trifft Freunde, plaudert mit Bekannten, ab und zu besucht einen die Familie. Ohne diese Kontakte fühlte ich mich, als hätte ich mich unfreiwillig für die Champions League der Alleinstehenden qualifiziert. Je länger diese Sozialdiät aber fortschritt, desto froher war ich, mich auf mich selbst konzentrieren und verlassen zu können. Mal ehrlich, kann man einen anderen Menschen wirklich so sehr lieben, miteinander in allen Dingen passgenau synchronisiert sein, dass man auch in einer Ausnahmesituation dieselben Bewältigungsstrategien nützlich findet? Wenn mich die Pandemie beutelte, lag ich manchmal zwei Tage am Stück im Bett und ernährte mich ausschließlich von Schokopudding, mitunter verschob ich Tageszeiten und spazierte durch die menschenleere Nacht oder guckte zum siebten Mal alle 144 Folgen meiner Lieblingsserie „Buffy – Im Bann der Dämonen“. Ein anderer Mensch hätte dabei höchstwahrscheinlich nur gestört. Oder ich hätte einen anderen damit gestört. In der Tat wirkt sich Alleinsein, dieser Zustand maximaler Freiheit, nicht nur bei Murmeltieren positiv aus. Psychologin Bella DePaulo von der Uni in Santa Barbara hat in zahlreichen Studien belegt, dass Alleinstehende weniger negativen Emotionen ausgesetzt sind, gesünder leben und insgesamt glücklicher sind. Auch weil sie weder im Job noch im Alltag Kompromisse machen müssen.

Es singt ja auch schon Elsa, Disneys Eiskönigin: „Yes, I’m alone, but I’m alone and free.“ Das Leben nötigt einem schon genug Einschränkungen ab, wenn man einer normalen Erwerbstätigkeit nachgeht, die den idealen Lebensrhythmus verfälscht und die Selbstbestimmung verpfuscht. Umso mehr will ich die Zeit nutzen, die mir für mich selbst bleibt. Mit Hund und manchmal Fürst Pückler an meiner Seite.