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Vom Glück der letzten Etappe


Donna - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 08.09.2021

Paarporträt

Artikelbild für den Artikel "Vom Glück der letzten Etappe" aus der Ausgabe 10/2021 von Donna. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Donna, Ausgabe 10/2021

Ihr Haus auf Usedom ist der Treffpunkt für die ganze Familie. Sonst bestehen Margot Käßmann und Andreas Helm auf ihren zwei getrennten Wohnsitzen

Vor fast 50 Jahren waren Margot Käßmann und der ein Jahr jüngere Andreas Helm in ihrer Heimat Stadtallendorf schon mal ein Paar, zwar nur für kurze Zeit, aber es war die erste Liebe. 2014 trafen sie sich wieder – und sind erneut zusammen.

Die letzte Erinnerung an seine erste große Liebe ist heute noch schmerzhaft lebendig. „Margot stieg zu einem Älteren auf den Rücksitz einer roten Kreidler Florett“, so Andreas Helm, „und dann war sie weg. Und ich hatte den ersten Liebeskummer meines Lebens.“ Margot Käßmann lacht laut auf: „Das musste ja kommen.“ Einen Moment wirkt sie, als ob ihr die Art, wie sie ihrer Jugendliebe Andreas im heimischen Stadtallendorf den Laufpass gab, heute ein wenig peinlich ist. „Aber wir waren noch so jung, hatten uns im Posaunenchor verliebt. Das war damals eine ganz unschuldige Geschichte, mit Händchenhalten, dem ersten heimlichen Kuss und so …“ Jedenfalls war ...

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... Margot Schulze, wie sie damals noch hieß, dann mal weg. Zuerst auf der Kreidler, dann dauerhaft zum Schüleraustausch nach Amerika. An Andreas Helm hatte sie jedenfalls schon länger nicht mehr gedacht, bis der 2014 im Anschluss an einen ihrer Vorträge zur Reformation an der Uni Gießen plötzlich vor ihr stand und sich förmlich vorstellte: „Ich bin Andreas.“ Sie brauchte einen Moment, um in diesem Mann, der da leicht verlegen und zurückhaltend vor ihr stand, den Jungen zu erkennen, mit dem sie 1973 mal „gegangen“ war, wie es damals hieß. Der Elektroingenieur wiederum hatte das Leben seiner Ex-Freundin aus dem Hintergrund stets gut verfolgen können. War ja auch nicht schwer. Die Theologin Margot Käßmann, die zwischenzeitlich unter anderem Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Landesbischöfin der Evangelischlutherischen Landeskirche Hannovers war, stand schließlich auch im Licht der Öffentlichkeit.

Manchmal sogar in dem der Klatschpresse, wie anlässlich ihrer Krebserkrankung 2006 und der Scheidung ein Jahr später von ihrem Mann Eckhard Käßmann, die innerhalb der evangelischen Kirche hohe Wellen schlug. Oder wie 2010, als die Bischöfin nach einer Alkoholfahrt mit dem Auto nicht nur ihren Führerschein, sondern konsequenterweise bald darauf auch all ihre offiziellen Ämter abgab.

„Ich hatte ein wenig Angst, na, sagen wir Respekt vor der Begegnung“, räumt Andreas Helm ein, „ich wusste nicht, ob Margot durch ihre Karriere nicht ein wenig abgehoben sein könnte.“ Margot Käßmann lacht erneut laut. Und wer die Frau schon mal erlebt hat, weiß: Laut kann bei ihr sehr laut sein. Sie sitzt vor einem Tablett am Gartentisch ihres Ferienhauses auf Usedom, Erdbeerkuchen mit Sahne gibt’s, dazu Kaffee, Wasser, Saft. Dabei wirkt sie ganz zugetan, konzentriert und maximal entspannt. Aber abgehoben? Darüber muss er jetzt selbst lachen. Leise ist er, zurückhaltender als seine Partnerin, beiläufig beobachtend, ob er richtig verstanden wird; knapper in seinen Sätzen, ohne dabei wortkarg zu wirken. „Meine Befürchtungen waren völlig überflüssig. Es war erstaunlich, wie nah wir uns schnell wieder waren.“

Acht Kinder, sieben Enkel und sechs Wohnorte

Inzwischen sind seit dieser ersten Begegnung sieben Jahre vergangen, überwiegend intensive und glückliche Jahre, ausgefüllt mit Erinnerungen an alte Zeiten und mit Reisen an nostalgische, aber auch neue Orte. Und von langen Gesprächen über das Leben und was man nun, am Ende der Berufstätigkeit und losgelöst vom Langzeitprojekt Familiengründung, noch davon erwarten darf. Beide erwähnen, wie überraschend ähnlich sie viele Dinge empfinden, wie vertraut sich ihr gemeinsames neues Leben anfühlt. Einen Grund dafür meinen die beiden

Stadtallendorfer, mit ihren nach wie vor getrennten Wohnsitzen in Marburg und Hannover, zu kennen: „Wir haben den gleichen Background. Auch wenn unsere Leben sich in scheinbar unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, können wir auf eine gemeinsame kulturelle und soziale Wertebasis zurückgreifen. Das beginnt bei den Kindersendungen unserer Jugend und geht bis zum politischen und religiösen Engagement, das uns in all der Zeit auf der gleichen Seite stehen ließ.“

Überraschende Parallelen? Gibt es bei den beiden erstaunlich viele. Sowohl Margot Käßmann als auch Andreas Helm haben vier Kinder aus erster Ehe. Je einmal sind es Zwillinge, zwei Sarahs und zwei Leas sind darunter, dazu Esther, Hanna, Jonas und Da­ vid, allesamt biblisches Personal. Was ihre Liebe zusammenhält, was auch beide optimistisch stimmt, gemeinsam alt zu werden, hängt auch mit ihrer christlichen Prägung zusammen, mit ihren im besten Sinne konservativen Werten: „Wir halten Familie für einen großen Lebensentwurf, in welcher Konstellation sie auch daherkommt.“ Dieses Motto wird gelebt, hauptsächlich in ihrem Ferienhaus auf Usedom, dem Kraftwerk der Patchworkfamilie. Acht Kinder, bislang sieben Enkel, Tendenz steigend. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit sind alle auf Usedom, wenn Margot Käßmann und Andreas Helm nicht gerade unterwegs sind, um ihrerseits die Sippe zu besuchen: „Sechs unterschiedliche Standorte bei acht Kindern – das ist schon eine Herausforderung.“ Aber Margot Käßmann sieht nicht so aus, als ob sie die nicht gern meistert. Zumal ja jetzt, nach dem Ende all ihrer professionellen Verpflichtungen, auch endlich Zeit da ist, diese kostbare Währung, die Jahrzehnte so rar war in ihrem Leben. „Ich muss nichts mehr wollen“, sagt Margot Käßmann, „ich freue mich, dieses harmonische und ruhige Leben mit Andreas auskosten zu können, ohne fremdbestimmte Termine, ohne öffentlichen Druck. Wir leben hier wirklich das Glück der letzten Etappe.“

Auf welche Weise sie diese unbeschwerten Jahre gemeinsam schultern wolle und warum sie es wichtig finden, auch dauerhaft zwei getrennte Wohnsitze zu haben, nicht noch einmal zu heiraten, und wie sie überhaupt die Veränderungen in ihrem Leben bewerten, die durch diese späte Partnerschaft entstanden, haben sie gerade in einem gemeinsamen Buch beschrieben: „Mit mutigem Schritt zurück zum Glück“ heißt es, mit dem für die beiden so passenden Untertitel „Weil uns das Leben immer wieder überrascht“. Es ist die Geschichte ihrer Liebe, aber auch ein in lockerer Dialogform geschriebenes Plädoyer dafür, selbst im höheren Alter noch einmal eine Beziehung, oder schlicht: die Liebe, zu wagen. Sich nicht von vermeintlich schlechten Erfahrungen ausbremsen zu lassen, Veränderungen zu wagen, sich vorbehaltlos aufeinander einzulassen, ohne sich dabei im Wir aufzulösen. Eine Streitkultur zu etablieren, die von Toleranz und Wohlwollen geprägt ist. „Und am Sonntagabend den ‚Tatort‘ oder ‚Polizeiruf 110‘ gemeinsam zu schauen nicht zu vergessen“, lacht Margot Käßmann, stets darauf bedacht, den Ball flach zu halten. Auch wenn Andreas Helm in ihrer Beziehung eher der Fußballfan und ein begeisterter Sportler ist. „Wir joggen hin und wieder gemeinsam“, sagt Margot Käßmann, aber er hat da ein ganz anderes Tempo. Ansonsten befinden sie sich schon sehr im Gleichtakt.

Bei der Frage, was sie aneinander wirklich stört, zucken sie ergebnislos mit den Schultern. Dass in ihrer Partnerschaft jeder so sein darf, wie er ist, und sich dafür auch nie rechtfertigen muss, ist vermutlich eines ihrer Geheimnisse. Und natürlich das gemeinsame Wissen, dass Versuchungen auf roten Kreidler-Mopeds zumeist mehr versprechen, als sie halten können.

…sich bloß nicht von vermeintlich schlechten Erfahrungen ausbremsen lassen