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Vom Glück des Nichtstuns


bewusster leben - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 03.11.2021

Artikelbild für den Artikel "Vom Glück des Nichtstuns" aus der Ausgabe 6/2021 von bewusster leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Die Frau sitzt im Zug und schaut aus dem Fenster. Während die anderen im Abteil auf digitale Vierecke starren, folgen ihre Augen den vorbeiziehenden Herbstlandschaften. Nebelschleier über Wiesen, vom Laub befreite Baumskelette, das Erdbraun gepflügter Felder, ein Hase hoppelt ins Gebüsch. Mit dem rhythmischen Rattern der Räder werden ihre Gedanken langsamer. Erste Regentropfen durchziehen das Fenster wie Perlenschnüre, der Blick verschwimmt. Plötzlich durchbricht eine Lautsprecheransage die Stille. „Liebe Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Landshut.“ ‚Wie lange war ich weg?‘ Die aus ihrem Dösen erwachte Frau lächelt in sich hinein.

Können wir uns nicht einfach mal hinsetzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen?

Das ist ihr ewig nicht mehr passiert: Irgendwo sitzen und mit offenen Augen vor sich hinträumen. „Wie gut das getan hat,“ denkt sie, „so ein ungeplanter Kurzurlaub für ...

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... den Kopf.“ Die Ferien in Griechenland fallen ihr ein. Was hat sie die alten Männer beneidet, die vor der Taverne am Hafen saßen, das Komboloi in der Hand. Sie schauten raus aufs Meer. Hin und wieder fiel ein Wort, dann wieder minutenlange Stille. Dieses dolce far niente.

Wir Mitteleuropäer tun uns schwer mit dem untätigen Herumsitzen. An den klimatischen Bedingungen kann es nicht lie gen. Wir könnten ja leicht im gemütlichen Ohrensessel sitzend die Hände in den Schoß legen und die Füße stillhalten. Oder auf dem Sofa in eine Decke gekuschelt genüsslich in den Himmel schauen. Was hindert uns also in Wahrheit daran? Ich möchte das wissen und starte einen ersten Versuch: Schreibpause!

Eine innere Instanz drängt uns, erst alles zu erledigen, bevor wir uns zurücklehnen dürfen

Auf dem Sofa liegend schaue ich aus dem Fenster und betrachte die Wolkenformationen. Doch statt im endlosen Nichts zu versinken, fesselt der Staub auf den Scheiben meine Aufmerksamkeit. Reflexartig hole ich Küchenpapier und Fensterspiritus und wische das Fenster sauber.

Fertig! Jetzt aber wirklich! Zufrieden schaue ich durch glasklare Scheiben. Da meldet sich ein kleines Hüngerchen. Zu dumm, ausgerechnet jetzt! Gedanklich gehe ich den Inhalt des Kühlschranks durch. Vielleicht sollte ich doch noch etwas einkaufen.

Da haben wir es: dieses ewige „ich muss noch schnell, eigentlich sollte ich, ich hab schon wieder nicht…“ So wie viele von uns, so sehne auch mich nach Zeit, in der es nichts zutun gibt, aber es fällt mir schwer, mir die Erlaubnis dazu zu geben. Eine innere Instanz drängt mich, erst alles zu erledigen, bevor ich mich zurücklehnen darf.

Diese typisch deutsche Mentalität: Niemals fühlt man sich gut genug. Im festen Griff der Selbstoptimierungswelle versuchen wir uns zu wettbewerbsfähigen, ergebnisorientierten Superindividuen aufzutunen. Wir machen Yoga und Pilates, fasten und entgiften, arbeiten unsere Probleme in Gesprächstherapien auf, schulen die Kreativität beim Malen und Töpfern, gehen Waldbaden oder Kuscheln mit Kaninchen. Selbst der Urlaub wird zum Effektivitäts-Marathon. Nichts gegen den Besuch von Sehenswürdigkeiten und Museen, kein Problem mit einem durch getakteten Terminplan im Luxus-Spa. Alles hat seine Zeit, aber wo bleibt das faule Herumlungern im Park? Wo das Füße-baumeln-lassen in der Hängematte? Können wir uns nicht einfach mal hinsetzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen?

Schon der französische Philosoph Blaise Pascal sagte, dass das große Unglück des Menschen daher kommt, dass er sich nicht ruhig in seinem Zimmer zu halten weiß.

Das Fehlen eines Ziels ist eine der schönsten Seiten des Nichtstuns

Ich für meinen Teil bin angetreten, das Nichtstun zu erforschen. Neurologen betonen schon lange, wie wichtig es für das Gehirn ist, den Informationsmüll regelmäßig durch gedankliche Leere zu entsorgen. Und die alten Zenmeister predigen es seit Jahrhunderten mit einem geflügelten Wort: Wie willst du Tee in eine Tasse füllen, die bis zum Rand voll ist? Eben! Auf einmal sind es die geschäftstüchtigen Holländer, die den Zeitgeist anscheinend erspürt und das Nichtstun wie aus dem Nichts zu einem neuen Lifestyle-Trend gekürt haben. Niksen heißt das bei ihnen. Niks wie nichts und Niksen als das daraus abgeleitete Verb.

Nichtstun ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten den Geist voraussetzt.

Oscar Wilde

„Das Schöne am Niksen ist, dass es völlig ziellos ist“, schreibt die in Holland lebende Olga Mecking in ihrem Buch „Niksen – Vom Glück des Nichtstuns“. Es habe keinen Zweck und sei gerade deswegen die erholsamste Tätigkeit überhaupt. „Niksen beruhigt, weil du deine Gedanken schweifen lassen kannst und dir die Zeit nimmst, den Kopf wieder freizubekommen. Es ist auch gut für den Körper, weil du dein wahrscheinlich hektisches Leben entschleunigst.“ Und damit nicht genug: Auch auf die Kreativität wirkt sich Niksen positiv aus, denn gerade beim Nichtstun kommen einem doch oft die besten Ideen. Und gut für den Geldbeutel ist Nichtstun allemal, denn es ist völlig kostenlos.

Niksen heißt nicht Meditieren oder die Gedanken fokussieren

Aber wie geht das nun genau? Am besten definieren wir zunächst, was es nicht ist. Auch das hat Olga Mecking nämlich herausgefunden: Niksen ist nicht Meditieren und die Gedanken fokussieren. Es ist nicht denken. Wer durch Nachdenken ein Problem lösen will, tut nicht nichts. Niksen ist auch nicht überlegen. Dabei checkt man gedanklich durch, ob alles getan ist, um den Alltag am Laufen zu halten: Habe ich den Zahnarzttermin für die Kinder gemacht, ist die Torte für Omas Geburtstag bestellt, genug Wein im Kühlschrank… Niksen ist auch keine Achtsamkeitsübung. Beim Niksen geht es nicht darum, achtsam im Hier und Jetzt zu sein, und ob man gedanklich beim Atem ist. Langeweile oder Faulheit gehört auch nicht dazu. Beides ist negativ konnotiert. Wer sich langweilt, fühlt sich nicht gut und würde lieber etwas anderes machen. Und wer faul ist, hat dabei meistens ein schlechtes Gewissen.

Ein Buch lesen, fernsehen oder in den Sozialen Medien stöbern ist auch nicht Niksen. Viele Menschen greifen in der Pause automatisch nach dem Smartphone, schalten ihre Lieblingsserie auf Netflix ein oder schauen eben mal bei Insta rein. Fragt man sie, was sie gerade tun, sagen sie: „Ach, nichts“. Dabei verwechseln sie Nichtstun mit Ablenkung. Ein fataler Irrtum übrigens, denn die Beschäftigung mit digitalen Medien hat rein gar nichts mit Erholung gemein.

Niksen ist die am wenigsten anstrengende Tätigkeit der Welt

Kommen wir nun zu dem, was Niksen wirklich ist, und das klingt fantastisch. Wie es aussieht ist es die am wenigsten anstrengende Tätigkeit der Welt. Und da man sich auch gedanklich nicht engagieren soll, kann man sich dabei ganz wunderbar in den Kopf flüchten und sich für eine Weile darin verlieren. Am ähnlichsten ist Niksen damit wohl dem Tagträumen, denn auch dabei ist keinerlei Vorbereitung, keine Übung und keine besonderen Räumlichkeiten erforderlich.

Als Kinder haben wir es geliebt. Wir träumten mit offenen Augen, bekämpften Drachen, waren Prinzessinnen oder Prinzen, sprachen mit Feen und Blumen.

Zum Leidwesen vieler Lehrer und Eltern gehört das Tagträumen auch zu den Lieblingsaktivitäten vieler Teenager, und wer hätte es gedacht? Auch wir Erwachsenen verbringen fast 50 Prozent unseres Tages damit, wir merken es nur nicht. Ein Teil davon geschieht während der Arbeit, wenn wir zum Beispiel vor dem Notebook sitzen und vor uns hin sinnieren. Unser Verstand ist nämlich nicht besonders gut darin, im Hier und Jetzt zu bleiben, viel lieber hält er sich in der Vergangenheit auf oder springt in die Zukunft. Routinearbeiten am Schreibtisch oder Wäsche bügeln sind prima dafür geeignet. Am besten also, wir machen uns unsere Tagträumerei bewusst und erlauben es uns, sie in vollen Zügen zu genießen! Schon ist der erste Schritt zum erfolgreichen Niksen getan.

So Niksen Sie richtig

Zum Niksen zählen alle potenziell als Zeitverschwendung geltenden Aktivitäten. Das wichtigste dabei ist die unfokussierte Aufmerksamkeit.

Man konzentriert sich nicht auf etwas Konkretes, die Gedanken dürfen abschweifen. Erfolgreich niksen Sie, wenn Sie etwa

· am Fenster stehen und hinausschauen,

· in Ihrem Lieblingssessel sitzen und sich im Zimmer umsehen,

· auf dem Sofa liegen und die Decke anstarren,

· auf dem Sofa liegen und einen Gegenstand auf dem Tisch verrücken,

· auf dem Sofa liegen, mit einer Katze auf dem Schoß schmusen und erst aufstehen, wenn die Katze (ein Meister des Niksens) sich freiwillig entfernt,

· in der Badewanne liegend vor sich hinträumen.

Gehören Sie zu den Menschen, die sich immer ein bisschen schämen, wenn sie – grundlos – nichts tun? Dann wäre für Sie der nächste Schritt, das Niksen neu zu bewerten, zum Beispiel indem Sie die Ermahnungen Ihrer Eltern aus dem System verscheuchen. Aufforderungen wie „Tu was!“ oder „Mach dich nützlich statt faul herumzulungern!“ machen es uns schwer, die Vorteile des Nichtstuns zu genießen. Inzwischen ist es wissenschaftlich bestätigt, wie gesund und wertvoll das Niksen ist. Ein Perspektivwechsel hilft also dabei, es langsamer anzugehen.

Nichtstun für AnfängerInnen

Fangen wir mit der leichtesten Übung an: Wochenenden und Urlaube sind wunderbar zum Niksen geeignet. Palmenstrände, Wälder oder Berge – die perfekte Kulisse. Oder ein prasselndes Kaminfeuer, wenn draußen die Schneeflocken tanzen. Die Entspannung nach der Sauna, wenn man im Liegestuhl gedankenlos vor sich schaut. Das sind die Momente, in denen man ganz leicht niksend herunterkommt.

Schwieriger wird es, Niksen- Momente zu einem Bestandteil des Alltags zu machen. Maartje Willems, ebenfalls Holländerin bringt mich hier ein Stück weiter. In „Niksen – es lebe das Nichtstun“ nennt sie drei Voraussetzungen, die diese hochgeschätzte Tätigkeit zu einem Kurzurlaub für die Seele machen.

1. Zeit: „Nichtstun unter Zeitdruck ist nicht möglich“, sagt Maartje Willems. Zeit sollte man entweder gerade haben oder sich einfach nehmen. So manche Aufgabe auf unseren To-do-Listen lässt sich leicht aufschieben, findet sie: „Manchmal enthält eine Liste einfach viel zu viel. Wenn Sie in der Lage sind, Zeit zu verlieren oder nicht im Blick zu haben, ist die erste Hürde genommen.“

2. Ruhe im Kopf: „Als Anfänger sollten Sie zunächst prüfen, ob Sie die nötige Ruhe haben und sich nicht von allen möglichen Reizen und Gedanken ablenken lassen. Haben Sie zum Beispiel gerade ihre sechste Tasse Kaffee getrunken, brauchen Sie es nicht zu versuchen.“ So die Niksen- Fachfrau.

3. Ein geeigneter Ort: Gerne dürfen auch noch andere Menschen bei ihnen sein. Sie müssen aber akzeptieren, dass Sie einfach nur dasitzen. Vielleicht verschieben Sie den einen oder anderen Gegenstand, aber mehr auch nicht. Ihre Mitmenschen, etwa ein Kollege oder ein Kind, dürfen zwar Fragen stellen, sollten Ihnen aber nicht das Gefühl geben, Sie würden Ihre Zeit vergeuden. Missbilligende Blicke erschweren das Niksen erheblich.

Alles klar? Dann kann es losgehen. Am besten gleich, denn Sie sind in diesem Augenblick nur einen Schritt vom Nichtstun entfernt. Sie müssen nur das Heft beiseitelegen und keine neue Aktivität beginnen.

Gerti Samel

Niksen erfordert etwas Übung.

Du fängst vielleicht beiläufig damit an, aber hörst wieder schnell damit auf, weil Langeweile aufkommt oder du doch mal wieder etwas Sinnvolles tun solltest.

Die Kunst des Nichtstuns besteht jedoch darin, sich nicht von solchen erlernten Gedanken ablenken zu lassen, sondern mit dem Nichtstun fortzufahren.

Zum Weiterlesen: Olga Mecking Niksen Vom Glück des Nichtstuns Kailash Verlag 16 Euro