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Vom Glück Kreativer


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 02.01.2020

Euer Kind kommt auf die seltsamsten Sachen? Glückwunsch! Einfallsreichtum und unkonventionelles Denken sind in unserer Welt, die sich so rasant verändert, gefragt wie nie. Kreativität gilt als Problemlösungskompetenz Nummer eins. Und das Beste: Diese Fähigkeit bei Kindern zu fördern ist weder besonders schwer noch mühselig, macht aber alle auf Dauer glücklicher


Artikelbild für den Artikel "Vom Glück Kreativer" aus der Ausgabe 2/2020 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 2/2020

Münchner Institution: Das 2011 gegründete Kinderkunsthaus versteht sich als Kreativwerkstatt. Zwei- bis 14-Jährige können hier im offenen Programm ohne Voranmeldung ihrer Fantasie freien Lauf lassen

Dass in München ein Hofbräuhaus steht, weiß ...

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... jeder. Weniger bekannt ist, dass es auch etwas ganz Besonderes für Kinder gibt: das Kinderkunsthaus in der Römerstraße. Kindergartengruppen und Grundschulklassen kommen her, um unter Anleitung zu werken, zu drucken, zu basteln oder sogar kleine Filme zu produzieren.

Herzstück des Angebots ist das sogenannte offene Programm. Mama oder Papa begleiten den Nachwuchs, der mit dem vielfältigen Material nach Herzenslust experimentieren und gestalten darf. Jedes Kind wird ermutigt, seine ganz eigenen Ideen umzusetzen. Immer gehen die kleinen Künstler mit besonderen, selbst gestalteten Objekten nach Hause, auf die sie mächtig stolz sein können. Das Kinderkunsthaus versteht sich als Kreativwerkstatt, ein guter Ort also, um nachzufragen, was es mit der Kreativität eigentlich auf sich hat.


„Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben“ (Pablo Picasso)


Oberste Regel im Kinderkunsthaus: Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Die Pädagogen fördern Motivation und individuellen Ausdruck. Hilfestellung beim Machen? Nur auf Anfrage!

Zunächst einmal handelt es sich bei der Kreativität um ein zartes Pfl änzchen, das man auch im Keim ersticken kann. Damit das nicht passiert, haben sich die Pädagogen in München eine Regel selbst auferlegt, sie lautet: „Bei uns gibt es kein Richtig oder Falsch.“ Ein Pferd darf blau, der Himmel grün, ein Gesicht eckig sein. Und warum soll ein auf Papier gemaltes Haus nicht auch auf dem Dach stehen können? In der Welt der Kunst ist ohnehin alles möglich, jeder noch so verwegene Einfall hochwillkommen.

„Wir setzen hier auf den Spaß beim Machen, nicht auf das Ergebnis“, erklärt Nina Golüke das Konzept in München. Kreativität erklärt die Mitarbeiterin des Kinderkunsthauses so: „Das Wort beschreibt die Fähigkeit, Dinge zu denken oder zu erschaffen, die neu und originell sind, zumindest für denjenigen, der sie hervorbringt.“

Sind nicht alle Kinder ohnehin unglaublich kreativ? Judith Silbereisen, Programm- und Kursleiterin des Hauses, erzählt, dass sich Kindergartenkinder und auch noch Grundschüler „impulsiv, voller Begeisterung und völlig angstfrei“ ans Werk machen.

Werkstattatmosphäre: Regale mit Materialien an der Wand, Arbeitstische mit Holzschemeln in der Mitte. Kunstwerke von Kindern zieren freie Flächen

Neue Techniken auszuprobieren, spontane Einfälle umzusetzen und unterschiedliche Erfahrungen einfließen zu lassen empfinden sie als großes Glück und Chance.

Damit das so bleibt, sei wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass jede Umsetzung ihre Berechtigung hat und „Freunde oder Mitschüler keine Konkurrenz sind, sondern Inspiration bedeuten“. Manchmal mangelt es selbst Kindern an Ideen. Häufiger Grund: der Wunsch, etwas so zu malen, wie es in Wirklichkeit aussieht. Über Jahre hinweg zeichnen sie dann Gegenstände nach einem bestimmten, immer gleichen Schema. Oft ist diese Form abgeschaut von Freunden im Kindergarten oder in der Schule. „Das kommt meist daher, dass im Kunstunterricht häufig nicht der individuelle Ausdruck und die Motivation gefördert werden, sondern überwiegend das Kopieren eines Vorbildes im Vergleich zu den Ergebnissen anderer“, erklärt Judith Silbereisen. Sie warnt: „Wer ungute Erfahrungen macht – sei es durch schlechte Benotung oder nicht unterbundene Hänseleien –, wird sich bald davor hüten, Experimente zu machen und neue Wege zu gehen. Die Angst vor dem weißen Blatt setzt ein.“

In dem hellen Raum mit dem unempfindlichen Boden, auf dem sonst ein großer Arbeitstisch steht, an dem die Kinder mit Papier, Pappe, Pinseln, Stiften, Schere & Co. ihrer Fantasie freien Lauf lassen, sind an diesem Abend nur Stühle zu sehen, auf denen Erwachsene sitzen. Die Macher vom Kinderkunsthaus haben zu einem Vortrag geladen.

Auf dem kleinen Podium steht Daniela Braun, eine Expertin für die Kreativitätsförderung im Kindesalter. Die Wissenschaftlerin erklärt, dass Kreativität zu Unrecht vor allem mit Berufen oder Tätigkeiten aus den Bereichen der Malerei oder des Theaters in Verbindung gebracht werde. Kreativität sei ganz allgemein eine „Kompetenz, die jeder im Alltag braucht“, nicht zuletzt für die eigene Lebensgestaltung.

Kreativ ist nicht nur der Künstler oder das Genie, das irgendetwas Außergewöhnliches erfi ndet. Kreativ ist auch die Hausfrau, die aus ein paar Resten im Kühlschrank doch noch eine schmackhafte Mahlzeit zaubert, oder der Hobby-Installateur, der ohne passendes Werkzeug eine Lösung für die kaputte Toilettenspülung fi ndet. Kreativität ist das Gegenteil von „Das geht eben nicht anders“ und „Das haben wir schon immer so gemacht“.

Kreativität, erklärt die Forscherin Braun, sei die „Fähigkeit, ausgetretene Pfade zu verlassen und Dinge in Zusammenhang zu bringen, bei denen niemand zuvor eine Verbindung gesehen hat“. Kreative Menschen stellen sich auf neue Situationen schnell ein und fi nden für neue Herausforderungen eher Lösungen – gern auch überraschend einfache. Kreative Menschen sind Meister der Improvisation und sind gut darin, sich Dinge auch ganz anders vorstellen zu können.

Kreativität, so viel ist mal klar, kann man immer gebrauchen. Wie wichtig es ist, sie bei Kindern anzuregen, wird klar, wenn man an ihre Zukunft denkt. Die Welt von morgen kennen wir nicht. Welche neuen Berufe es in zehn, 20 Jahren gibt? Niemand weiß es. Die zukünftigen Erwachsenen, die heute in den Kindergarten oder die Schule gehen, können wir gar nicht zielgerichtet ausbilden. Fest steht allerdings: In einer immer komplizierter und vielfältiger werdenden Welt werden innovative Ideen und originelle Lösungen immer wertvoller. Weil Kreativität in jeder Situation und bei jeder Problemstellung hilft, gilt sie als Schlüsselkompetenz von morgen.

Mütter und Väter können nur hoffen, dass Kindergärten und Schulen die Botschaft verstanden haben und alles unternehmen, um unsere Kinder für die Zukunft fi t zu machen. Aber auch wir Eltern können etwas tun: einen Rahmen schaffen, in dem Kreativität gedeiht. Hören wir zum Beispiel endlich damit auf, unseren Kindern immer alles aus der Hand nehmen zu wollen. Vergessen wir nicht: Kreativität ist Alltagskompetenz, weshalb wir uns alles verkneifen sollten, was beim Nachwuchs zu chronischem Mangel an Selbstständigkeit führt.

Kreativität fördern: Eltern können den Rahmen schaffen, in dem Einfallsreichtum gedeiht. Papier, Stifte und andere Arbeitsmaterialien daheim zu haben ist schon mal ein super Anfang


„Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. Fantasie aber umfasst die ganze Welt“ (Albert Einstein)


Wenn Kinder alt genug sind, sich allein anzuziehen, ist es nur klug, sie dazu auch zu ermuntern. Sobald sie in der Lage sind, einen Teller vom Tisch in die Küche zu bringen, sollten wir Kinder das erledigen lassen. Brot backen, Marmelade einkochen, Gemüse putzen – dabei können schon kleine Kinder sehr gut helfen. Kinder, die daheim mit anpacken, entwickeln Selbstbewusstsein – die beste Voraussetzung, um sich eigene Lösungen zuzutrauen und darüber stolz und glücklich zu sein.

In Sachen Kinderzimmer braucht es unseren Mut. Wohnzeitschriften und auch so manche Familie im Freundeskreis beschämen uns mit bis ins Detail durchdesignten Wohlfühloasen schon für den Nachwuchs. Aber das ist nicht unbedingt das, was Kinder mögen und was ihre Fantasie anregt. Eine teure Tapete mit lustigen Motiven ist sehr schön anzuschauen, mehr aber auch nicht. Eine nackte Wand, die von Kindern selbst gestaltet werden darf, kann man dagegen getrost eine Herausforderung nennen. Auch teure Möbel können wir uns sparen. Platz wäre allerdings fein, damit das Kind seine Möbel im Zimmer umstellen und umfunktionieren kann. Ein auf die Platte gestellter Tisch gibt ein wunderbares Schiff her, mit dem man alle Weltmeere besegeln und herrliche Abenteuer erleben kann …

Auch für Spielzeug gilt: Weniger ist mehr. Erinnern wir uns an die Geschichte von Astrid Lindgren, in der eine kleine Prinzessin in einem Zimmer voller Spielzeug versinkt und dabei eines partout nicht hinbekommt: spielen. Wann haben wir als Eltern unsere Ruhe und hören die Kinder lachen? Wenn sie mit anderen Kindern ohne vorgefertigtes Spielzeug irgendwas aushecken dürfen.

Immer was geboten: Im Kinderkunsthaus in München gibt es auch Angebote für Erwachsene, z. B. Vorträge. Weitere Infos: kinderkunsthaus.de

Pappkartons, Kissen, Decken und Stoffbahnen machen erfi nderisch, ebenso eine Kiste mit alten Klamotten zum Verkleiden, eine alte Schreibmaschine oder ein ausrangierter Laptop, mit dem sich Büro spielen lässt. Je voller der Teppich und die Regale im Kinderzimmer mit herkömmlichen Spielwaren, desto schneller greift der Nachwuchs zu digitaler Zerstreuung. Zu viel Spielzeug hat offenbar einen ähnlichen Effekt wie ein überbordendes Buffetangebot: Man wird allein vom Hinsehen satt und träge.

Als Königsweg, um kindliche Kreativität anzuregen, gilt künstlerischkreatives Gestalten. Warum das so ist, erklären im „Handbuch Kreativitätsförderung in der Kita“ (Verlag Herder) Expertin Daniela Braun und ihre Mitautoren so: „Künstlerisch-kreatives Gestalten setzt an den Stärken und den natürlichen Ressourcen der Kinder wie Neugier und Wissbegier, Weltoffenheit und Entdeckergeist, Beharrlichkeit beim Ausprobieren an. Das gestaltende Kind ist ‚Baumeister‘ seiner selbst, lernt vernetzt mit allen Sinnen, spielerisch und in Bewegung.“ Auch hier können wir Eltern sehr unkompliziert unterstützen. Alles, was es braucht, sind ein Stapel Papier, ein paar Stifte, Farben, Pinsel, Schere, Kleber und die Erinnerung an die oberste Regel im Kinderkunsthaus München: „Bei uns gibt es kein Richtig und kein Falsch.“

Coaching-Tipps für Eltern:

Kreativität braucht Freiräume. Wir müssen Kinder nicht ständig kontrollieren und beobachten.

Druck lässt Kreativität schrumpfen wie Schnee in der Frühlingssonne. Deshalb: keine übersteigerten Erwartungen! Merke: In der Kunst gibt es kein Richtig und kein Falsch.

Freies, ungeleitetes Spiel macht kreativ, außerdem: Langeweile und Müßiggang. Eltern, die ihre Kids dagegen von einem zum anderen Kurs chauffi eren, sollten sich nicht zu viel davon versprechen.

In jedem Haus mit Kindern sollten Papier, Stifte, Schere und Kleber zur Hand sein.

Jeder Künstler braucht Inspiration. Die darf man sich selbstverständlich auch von anderen holen, im Museum beispielsweise. Besser als von einem Bild zum anderen zu hetzten: sich mit einigen wenigen Bildern intensiver beschäftigen und die Details wahrnehmen. Tipp: beim nächsten Museumsbesuch ein Skizzenbuch mitnehmen.

Vorsicht beim Bewerten von kindlichen Kunstwerken. Hauptsache, es gefällt dem Künstler. Finden wir das Bild mit dem Haus nicht schön, dürfen wir sagen: „Mir gefällt die Sonne über dem Haus am besten! Grundsätzlich gilt: eher Details hervorheben, als generelle Kritik zu üben oder überschwänglich zu loben.


FOTOS/ILLUSTRATIONEN: GETTY IMAGES, KINDERKUNSTHAUS (_)