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VOM JÄGER ZUM SAMMLER


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TAUCHEN - epaper ⋅ Ausgabe 111/2022 vom 25.10.2022

WHALEWATCHING

Artikelbild für den Artikel "VOM JÄGER ZUM SAMMLER" aus der Ausgabe 111/2022 von TAUCHEN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TAUCHEN, Ausgabe 111/2022

Beinahe eine halbe Stunde lang schwappt das Schlauchboot von Welle zu Welle, bis die Siesta im tintenblauen Atlantik vom knisternden Funk unterbrochen wird. Im Sekundenbruchteil verwandelt sich meditative Ruhe in helle Aufregung. »Cachalotte, cachalotte« – auf Deutsch: »Pottwal! Ungefähr zehn Meilen vor Lajes do Pico«, dröhnt die temperamentvolle Stimme aus dem Empfänger, gefolgt von den genauen Koordinaten. Senhor Capitão drückt den Hebel durch, und schon düst die Black Pearl über Wellenkämme Moby Dick entgegen. Die angespannte, kribblige Vorfreunde an Bord ist förmlich greifbar. Schließlich werden die meisten Gäste von Pico Sport in wenigen Minuten ihrem ersten Wal gegenüberstehen, und das sogar in einer Privataudienz ohne ein anderes Boot weit und breit. Vielleicht nähert sich das junge Männchen – so viel verriet das heisere Raunen aus dem Lautsprecher – ja neugierig und ...

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... unterschreitet von sich aus die gesetzliche Mindestdistanz. Am anderen Ende der Funkleitung herrscht die pure Routine, unterbrochen von Flirtversuchen, die so ziemlich jede Walspezialistin der U40-Klasse bei Pico Sport kennt. Denn für den Mann im Ausguck, Antero Soares, ist »Whale Watching« sein tägliches Brot, und zwar länger, als es den Begriff vermutlich gibt. Obwohl er bereitwillig zugibt, auch außerhalb der Saison nach Walen Ausschau zu halten – vermutlich ist das einfach so, wenn man damit ein Drittel seines Lebens verbracht hat – ist sein Verhältnis zu den Tieren nicht ansatzweise so verklärt oder gar romantisch wie für Urlauber, die für ihre Reise zum Wal-Hotspot vierstellige Beträge locker machen: »Sie bringen heute halt mehr ein als damals.«

DER BLICK ZURÜCK

Damals, als sein Geburtsort São Mateus, ein verschlafenes Städtchen an der Süd- küste, noch ein verschlafenes Dörfchen war, und Touristen hierzulande bestenfalls vom Urlaub auf Capri träumten. Da wohnte der junge Antero im Nachbarhaus jener Autorität, die den Walfang dirigierte. Der Mestre, erinnert er sich, hatte einen kleinen Tante-Emma-Laden, für dessen Betrieb ihm die anderen Walfänger einen Teil ihres künftigen Salärs pumpten, bis sie endlich fette Beute machten und das Soldada, ihr Anteil am Tran – aus dem Blubber (Fettgewebe) gekochten Öl – ausgezahlt bekamen. »Die Walfänger waren bitterarme Gestalten«, sagt er. »Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich ihnen als Junge hinterhergeschaut habe, wenn sie in ihren Albarcas, das sind die typischen Sandalen von der Insel, und mit ihren Brottüten vorbeiliefen.« Ebenso arm waren damals auch die Azoren selbst. Kein Sehnsuchtsort wie heute, sondern eine von Wetterkapriolen, Erdbeben und Vulkanausbrüchen gebeutelte, weltvergessene Inselkette, von der man nach Boston, Kanada oder zumindest nach Lissabon flüchtete, wenn man etwas mit seinem Leben anfangen wollte. Anteros Familie blieb, und er war live dabei, wenn der Knall primitiver Feuerwerksraketen dafür sorgte, dass die Leute wie von der Tarantel gestochen Rechen und Netze fallen ließen. Die Botschaft des Mannes im Ausguck, der ohne Funk und Fernglas auskommen musste, war eindeutig: Da draußen ist ein Cachalotte in Reichweite. »Die Walfänger sammelten sich vor der Türschwelle des Mestre. Also direkt neben unserem Haus, und manchmal ruderten 15 oder 20 Boote einem Wal hinterher, als sei der Teufel hinter ihnen her.« Die Jagd auf Pottwale vor Pico mit der Harpune war in diesen Tagen ein Kampf zwischen Menschen und Tier auf Augenhöhe. So halsbrecherisch riskant, dass ihn später selbst Greenpeace und WWF stillschweigend akzeptierten. Wenn eine Harpune ins Gehirn des größten Raubtiers der Erde getrieben wird, dann können Menschen eben sterben. Das wusste auch Antero, bevor er im März 1976 zum ersten Mal ins Boot stieg und mit den Älteren dem Blas eines Pottwals auf den offenen Ozean folgte. »Es war ein gewaltiger Bulle. Aber was sich einbrannte, war die schwere See, der Schmerz vom Rudern, weil die Blätter so schwer waren, und ich das in meinem Leben nie zuvor gemacht hatte.« Meist verlor der Wal, doch bekamen auch die Männer ihre Quittung von den waidwunden Giganten. »Das war mein eindrucksvollstes Erlebnis in meinen sechs Jahren als Walfänger: Ich saß weit hinten am Ruder, als uns die Fluke eines Wals voll erwischte, und ich nach hinten geschleudert wurde und über Bord ging«, sagt er todernst und schiebt eine Randnotiz hinterher - staubtrocken, wie Haifänger Quint aus »Der Weiße Hai«: »Aber er gab uns 57 Gallonen Öl.«

DIE ZEITENWENDE

Das internationale Walfang-Moratorium machte dann 1986 Schluss mit einer Tradition, die längst mehr Folklore als einträgliches Geschäft war. Ein, zwei Wale mussten danach noch ihr Leben lassen. Mehr aus Stolz und störrischem Protest gegenüber der Naturschutzlobby von »da draußen«, denn über Nacht war ein Berufsstand gecancelt worden, wie man heute sagen würde. Für ein paar hundert Ex-Walfänger auf Pico, Faial, Sao Miguel und Terceira war es ein Segen, dass kaum drei Jahre später eine neue Spezies die Azoren für sich entdeckte: der mit Kamera und Geldbörse ausgestattete Whale Watcher. Angelockt von weltrekordverdächtigen 35 Meeressäuger-Arten kamen erste Festland-Europäer wie 1989 der Franzose Serge Viallelle nach Pico. Und kurz darauf auch ein junger Iserlohner namens Frank Wirth, der Mitte der 1990er an der Südküste der Insel Pico Sport eröffnete. Für Antero blieben die Wege erneut kurz: Ab 1996 stellte er seine Adleraugen in Wirths Dienste und baute in seinem Auftrag einen Ausguck – für den damals schon über 50-Jährigen bedeutete das für die nächsten eineinhalb Jahrzehnte sechs Kilometer Fußweg vom Heim zum Arbeitsplatz und retour. »Inzwischen habe ich ein Auto. Aber damals wie jetzt stehe ich um 5:30 Uhr auf, esse eine Kleinigkeit und mache mich auf den Weg zum Vigia und bleibe dort, bis kein Boot mehr auf dem Wasser ist«, erklärt er. Und das ist spät, weil er für gleich sieben Whale Watching-Anbieter tätig ist. Sein wenige Quadratmeter kleiner Ausguck mit 180-Grad-Blick ist pragmatisch, aber definitiv keiner »Schöner Wohnen«-Ausgabe entnommen: Neben einigen Postern gibt es nur eine Pritsche, zwei Funkgeräte, zwei Bänke und natürlich die zwei Hochleistungs-Binokulare. Wenn die See ruhig ist, und die Sonne scheint, entgeht Soares kaum ein über zwei Meter großer Meeresbewohner, der im Radius von 20 Meilen vor der Südküste die Wasseroberfläche durchbricht. Und das kann viel sein, weil das Inselschelf schnell in den vierstelligen Bereich abfällt, und tiefe Canyons sowohl das Upwelling nährstoffreicher Strömungen begünstigen als auch die Pottwal-Leibspeise Tiefseekalmar und generell viel Meeresleben anziehen. Anhand der Form des Blas erkennt Soares die Wal-Art und ähnlich verlässlich auch Herden der verschiedenen Delfin-Arten und selbst »Kleinvieh« wie die Flossen größerer Haie.

LUKRATIVE (KURZE) EINNAHMEQUELLE

Der Waltourismus spült ordentlich Geld in die Taschen. Indirekt auch in jene von Vermietern von Privatunterkünften, von Restaurants, Shops, Tour- und Leihwagen-Anbietern. Doch die Saison ist brutal kurz: Im Juli und August liefern sich zwischen Faial und Pico rund 20 Schlauchboote mit zwischen zehn und 20 Gästen den ganzen Tag über ein Kopf-an-Kopf-Rennen um jede Fontäne und Fluke, und Leihwagen und spontan freie Zimmer sind so häufig wie Polarbären am Äquator. Im Juni und im September ist es schon deutlich ruhiger, und Mai und Oktober markieren bereits Anfang und Ende der kurzen Saison. Ab April haben neben Pico Sport nur noch zwei andere Unternehmen Boote im Wasser, weil zu dieser unbeständigen Zeit große Bartenwale und sogar Blauwale durch die Wasserstraßen zwischen den Inseln ziehen. In der Hochsaison generieren neun Anbieter bei zwei Ausfahrten auf zwei Booten mit 15 Gästen bei einem Preis von 70 Euro für eine Tour im Idealfall einen Umsatz von 37.000 Euro pro Tag. Nach Abzug von Personal- und Spritkosten, Steuern, leeren Plätzen, Kinderrabatt, wetterbedingt ausgefallenen Tagen und den Betriebskosten bleibt natürlich deutlich weniger Reingewinn übrig.Doch in der Topsaison und den »Rahmenmonaten« erwirtschaften die lebenden Wale - ebenso Delfine und Haie - ein Vielfaches von dem, was sie eingebracht hatten, als sie noch als Kadaver auf die Landerampe geschleppt wurden. Zumal die Pottwale nie täglich gefangen wurden, und Wetterkapriolen mitsamt der stürmischen Saure-Gurken-Zeit von November bis April damals wie heute niemanden auf‘s Meer lockten.

DIE KEHRSEITE

Derzeit gibt es auf Pico neun Vigias und zwei auf der Nachbarinsel Faial. Innerhalb des besten »Wal-Netzwerks« der Azoren kennt man sich. Aber man arbeitet untereinander nicht zusammen, und die Unternehmen beschäftigen ihre Spotter auch nicht exklusiv. Leute mit Erfahrung, wie Soares, bilden einen Teil des Rückgrats der Industrie und gleichzeitig verkörpern sie einen märchenhaften Strukturwandel von der Jagd auf aussterbende Tierarten hin zu Schutz und Ökotourismus, der sich auszahlt. Doch wer rückt nach, wenn die Augenpaare der rüstigen Senioren an Schärfe einbüßen? Die jüngere Generation steht weder in den Startlöchern noch reißt sie sich um die harte monotone Arbeit hinter dem Fernglas. Von Anteros‘ fünf Kindern hat allein ein Sohn als Vigia gearbeitet. Und auch der hat dem Ozean nach zehn Jahren den Rücken zugedreht und sich der Landwirtschaft zugewandt. Das bekümmert auch den alten Picoenser. Obwohl er ebenso wie die meisten älteren Einwohner der Insel so knorrig und wettergegerbt ist wie die Wacholdersträuche am Hang des alles überragenden Vulkans und er für seine No-Bullshit-Attitüde bekannt ist, schwingt in seinen Abschiedsworten ungewöhnlich viel Saudade mit - jene urportugiesische Mischung aus Schwermut und Erinnerung: »Die Wahrheit ist, es gibt nur noch wenige von uns.« Ob er damit die alten Walfänger meint oder die erste Generation der Vigias? Dieses Geheimnis behält er für sich.

» ALS UNS DIE FLUKE ERWISCHTE, SASS ICH AM RUDER UND GING ÜBER BORD. ABER DER WAL GAB UNS 57 GALLONEN ÖL . «