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VOM KELLER INS PENTHOUSE


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 26.08.2021

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 9/2021

DURCHBLICK Kurt Cobain war das Big Business sehr bald unheimlich

Während die trees auf der stelle traten, schalteten die Bands meiner Bekannten einen Gang höher. Ein paar Monate bevor sie ins Studio gingen, hatte Kurt mir die Demos für ihre nächste Platte vorgespielt. Ich sagte, ich fände sie groß- artig. Ein paar Jahre zuvor hatten wir zusammen in seiner Wohnung in Olympia gesessen und Gitarre gespielt, zu der Zeit hatte er „Something In The Way“ geschrieben, ein düsteres, grüblerisches Stück, das ans Ende des Albums kommen sollte. Ich wusste immer, dass Kurt ein Genie und zu Großem bestimmt war, aber nichts hätte mich (und vor allem ihn) auf diese unmittelbare, explosionsartige Popularität und das blendende Rampenlicht vorbereiten können, die ihn kurz darauf mit voller Kraft entweihten. Ende September jenes Jahres veröffentlichten Nirvana „Nevermind“. Das Album katapultierte sie aus dem Keller der Musikwelt in die Penthouse-Suite, mit der Wucht einer ...

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... Atombombe samt giftiger Pilzwolke. Diese Explosion trug Seattles Musikszene gleich mit auf die globale Bühne.

Zu Beginn der Nirvana-Mania lagen Kurt und ich auf dem Bett seines Zimmers im Hotel Sorrento in Seattle. Es war nur ein paar Straßen von meiner Wohnung entfernt, hätte für mich aber genauso gut der Mond sein können. Das Zimmer war doppelt so groß wie meine ganze Bude und gleichzeitig kitschig-vulgär und unfassbar opulent. Er wohnte inzwischen in Los Angeles, war aber aus diversen Gründen nach Seattle gekommen und hatte mich angerufen. „Smells Like Teen Spirit“ war durch die Decke gegangen, und plötzlich konnte Kurt nirgends mehr hingehen, ohne belästigt zu werden.

Er hing am Telefon und stritt sich mit jemandem wegen irgendwelcher finanzieller Fragen. Während ich stoned MTV guckte, warf er auf einmal den Hörer zu Boden, riss das Kabel aus der Wand und brüllte: „Fuck!“

Im selben Moment kam im Fernsehen das Video von „Smells Like Teen Spirit“. Kurt packte meinen Stiefel, der zwischen uns im Bett lag, feuerte ihn in Richtung Fernseher und traf genau den Ein-/Ausschaltknopf. Im selben Augenblick hörten wir durch das offene Hotelfenster drei Stockwerke unter uns ein Auto vorbeifahren, aus dem laut „Smells Like Teen Spirit“ hochschallte. Kurt war fertig mit den Nerven. „Ich halt es nicht mehr aus!“, stöhnte er und vergrub den Kopf im Kissen.

Nirvanas plötzliche Berühmtheit schloss nahtlos an die ersten Erfolge von Alice in Chains an, und als kurz darauf auch die Seattler Band Pearl Jam enorme Popularität erlangte, hatten die Chefs bei Epic Dollarzeichen in den Augen. Plötzlich wollten sie die Trees behalten. Wir sollten auf der Erfolgswelle unserer Freunde und Kollegen mitschwimmen, nachdem auf einmal so viele Bands aus derselben kleinen Provinzstadt die Charts übernahmen. Ohne das Nirvana-Phänomen hätten sie uns gnadenlos fallen lassen.

Durch den Nirvana-Boom waren auch Sub Pop gut bei Kasse, nachdem sie plötzlich Unmengen von Nirvanas erstem Album verkauften und außerdem die Rechte aus ihrem Vertrag an das neue Label DGC abgetreten hatten. Angeblich hatten sie außerdem einen Deal mit einem Major abgeschlossen und ihnen für mehrere Millionen einen Teil der Firma verkauft. Während dieser Zeit beschloss jemand beim Label, ich stünde noch unter Vertrag. Monate nach unserem letzten Treffen, bei dem sie mich ohne viel Federlesens entlassen hatten, rief mich (Labelchef ) Jon Poneman an.

„Hey, Mark. Glaubst du, du könntest dein Album jetzt für uns machen?“

Es wäre mein gutes Recht gewesen zu sagen: „Fick dich, Mann, ihr habt mich weggeschickt.“ (Sub Pop hatte Lanegan während der Aufnahmen zu seinem zweiten Soloalbum gefeuert.) Aber nachdem ich die letzten Monate nach unserem nicht stattgefundenen Mittagessen auf der hoffnungslosen Suche nach einem Label gewesen war und niemand auch nur das geringste Interesse gezeigt hatte, fackelte ich nicht lange.

„Ja, klar! Danke, Mann!“

Und schon war ich wieder am Start. Ich freute mich so über diese zweite Chance, mein geplantes Meisterwerk fertigstellen zu können, das wahrscheinlich tausendmal raffinierter als der relativ schwache Erstling sein würde (und nebenbei den zweiten Teil vom Vorschuss zu kassieren), dass ich mich sofort gut gelaunt an die Arbeit machte.

Aber nachdem Nirvana weltweit die Charts stürmten, bat Epic jetzt auch uns um ein neues Album. Ich hatte fünf unbefriedigende Platten mit den Trees gemacht, und trotz des Erfolges meiner Freunde wusste ich eins ganz sicher: Wenn die Trees das nächste Mal ein Studio betraten, dann zu meinen Bedingungen … oder gar nicht.

Als wir uns trafen, machten Lee und Van (Conner, Screaming-Trees-Gitarrist und -Bassist) keinen Hehl aus ihrer Freude dar über, ein weiteres Album aufzunehmen – vor allem jetzt, wo Seattle so viel Aufmerksamkeit bekam. Genau wie ich waren sie beide pleite. Das große Geld, das Epic uns bieten würde, war eine enorme Verlockung.

„Tut mir leid, Leute“, sagte ich, „aber ich glaube, ich bin durch mit dem Thema. Ich hab jahrelang versucht, diese Band in eine Richtung zu lenken, in die sie wahrscheinlich nie gehen wollte. Lee, danke, dass ich deine Songs singen durfte, aber noch eine Platte mit deinen Texten schaffe ich nicht. Ich kann damit nichts anfangen, und alles, was ich von jetzt an machen werde, muss authentisch sein, oder ich lasse es bleiben.“

Van nickte. Er war die ganze Strecke mit mir auf diesem lahmen Pferd geritten und konnte meinen Standpunkt gut verstehen. Lee bekam natürlich wieder einen seiner kindischen Wutanfälle und warf Sachen durch seine Wohnung. Es war so vorhersehbar wie alles andere an ihm, dasselbe Verhalten hatte er schon so oft an den Tag gelegt. Ich nutzte die Gelegenheit und verschwand.

LANEGANS ERINNERUNGEN

Der vorliegende Text ist ein Vorabdruck aus Mark Lanegans eindrucksvoller Autobiografie „Sing Backwards And Weep“, die als „Alles Dunkel dieser Welt“ in der Übersetzung von Nicolai von Schweder- Schreiner am 20. September bei Heyne erscheint (24 Euro).

Ein paar Wochen später bat Van mich vorbeizukommen, er und Lee würden gern noch mal über ein eventuelles zweites Album für Epic mit mir sprechen. Aus reiner Neugier willigte ich ein. Was hatten die beiden sich wohl einfallen lassen, um mich umzustimmen? Vielleicht wollten sie angesichts meines ständigen Aus- und Einsteigens auch nur mal meine Stimmung checken. Van ergriff das Wort.

„Pass auf, Mann, wir haben genauso wenig Lust wie du, immer wieder dieselbe Platte zu machen. Wir haben noch mal über alles gesprochen und sind beide wirklich daran interessiert, etwas Großes zu schaffen.“

Da sie zu der Zeit weder Drummer noch Sänger hatten, mussten sie auch nur zu zweit diskutieren. Lee schaltete sich ein und haute mich erst mal direkt um.

„Mark, du bist ein toller Sänger, ohne dich sind wir nichts. Wenn du das Album mit uns machst, verspreche ich dir, dass wir sämtliche Entscheidungen zu dritt fällen. Für die Texte bist du verantwortlich. Die Songs entwickeln wir von Anfang bis Ende als Team, nicht als die Einmannband, die ihr all die Jahre ertragen habt. Mir ist klar geworden, dass wir die Sache anders angehen müssen, wenn wir jemals weiterkommen und etwas wirklich Zeitloses fabrizieren wollen.“

Es war das erste mal, dass er meinen Anteil an der Band honorierte. Nachdem ich jahrelang darum gekämpft hatte, miteinbezogen zu werden, damit wir uns weiterentwickelten, gab er jetzt offen zu, dass er unsere Hilfe brauchte, wenn wir jemals etwas Großes hervorbringen wollten. Es war außerdem das erste Mal, dass er das Wort „zeitlos“ im Zusammenhang mit unserer Musik benutzte, und da war ich dann tatsächlich sprachlos. Als könnte er endlich eingestehen, was wir die ganze Zeit vor Augen gehabt hatten, eine Offenbarung, für die er Jahre gebraucht hatte. Zum ersten Mal erkannte ich eine andere Seite an ihm. In all der Zeit war er in meinen Augen ein Monster gewesen, und jetzt war ich tief beschämt angesichts seiner plötzlichen ehrlichen Wertschätzung meiner Arbeit. Es war, als würde man kurz vor dem Verdursten eine kalte Quelle mitten in der Wüste finden.

Da ich jetzt wieder Teil der Band war, legte ich mein Soloprojekt erst mal auf Eis. Wir fingen an, die Musik und die Songs für das Album zu entwickeln, das unser Durchbruch werden sollte, die Platte, die uns dem Mainstream-Erfolg so nah wie nie zuvor bringen würde: „Sweet Oblivion“.

Wir arbeiteten in Lees kleiner Einzimmerwohnung in Capitol Hill. Lee und Van spielten auf ihren Akustikgitarren herum, bis sie ein geeignetes Riff gefunden hatten. Dann fing ich an, mir eine Gesangsmelodie und Teile des Textes auszudenken. Die Brüder hatten den ersten Drummer, den sie ausprobierten, vom Fleck weg engagiert. Er hieß Barrett Martin und war Jack Endinos ehemaliger Bandkollege bei Skin Yard. Sie hatten mich des- wegen angerufen, und ich hatte unbesehen zugestimmt. „Wenn er so gut ist, engagiert ihn.“ Er war jung und talentiert, hatte einen verrückten Afro und dazu noch eine starke Persönlichkeit, das ganze Spektrum von extrem naiv bis großkotzig. Er musste zu jedem Thema eine Meinung haben, egal wie wenig Sinn sie ergab. Leider kannte er sich erschreckend schlecht mit Underground-Rock aus. Als wir uns über seine Einflüsse unterhielten, verriet er mir, dass seine Plattensammlung größtenteils aus Led Zeppelin, Rush und anderen Nullachtfünfzehn-Hardrock-Bands bestand und seine Hörgewohnheiten in erster Linie vom Jazz beeinflusst waren. Das war eine Kunstform, zu der ich null Bezug hatte, also fragte ich mich natürlich, wie das funktionieren sollte.

Es dauerte eine Weile, bis ich mit ihm warm wurde. Er war fast so groß wie ich. Ein paarmal versuchte er mich einzuschüchtern, einmal wollte er mir eine volle Dose an den Kopf werfen, traf aber nicht. Als ich vor Lachen zusammenbrach, verflog seine Wut, und er fing ebenfalls an zu lachen. Sein beißender Humor, die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, und sein aufrichtiges Mitgefühl für andere Menschen überzeugten mich letztendlich. Dass ich ihn mit offenen Armen empfing, lag aber vor allem an seinem von Jazz und Hardrock inspirierten wilden Schlagzeugspiel. Wen kümmerte es, dass er nie Velvet Underground oder den ganzen anderen Scheiß, auf den ich stand, gehört hatte, solange er seinen Job gut machte? Und das tat er.

Barrett spielte so druckvoll und nuanciert, wie wir es bei den Trees bisher nicht erlebt hatten. Nach all den Jahren mit Schlagzeugern, die immer ihren eigenen Stil hatten und sich nie anpassen konnten, fanden wir uns irgendwann damit ab, egal wie wenig ihre Parts sich für die jeweiligen Songs eigneten. Mit Barrett zu spielen war dagegen eine echte Offenbarung. Er konnte nicht nur reinhauen wie John Bonham, sondern spielte auch sehr einfühlsam, mit einem musikalischen Gespür für das große Ganze. Und er hielt das Tempo, was man von unseren vorherigen Schlagzeugern nicht unbedingt behaupten konnte – oder aber es war ihnen scheißegal, wahrscheinlich weil unsere Musik anfangs so chaotisch und krachig klang. Der hier war genauso ein Spinner wie wir, aber in Verbindung mit seinem technischen Können auch die perfekte Ergänzung in unserem Ehrgeiz, etwas qualitativ Hochwertiges abzuliefern. Sein Spiel war ein wichtiger Einfluss für den Hardrock-Sound von „Sweet Oblivion“.

Nachdem wir ein paar anständige Songs zusammenhatten, stellten wir fest, dass sie viel mehr nach organischem Classic Rock klangen als alles, was wir davor gemacht hatten. Aber es fehlte noch die eine besondere Nummer, eine eindeutige Single.

Eines Tages gab mir Van eine Kassette mit einer Aufnahme, bei der er auf LSD in der Garage mit seiner Gitarre rumspielte. Ich setzte Kopfhörer auf und versuchte aufmerksam zu lauschen, aber das meiste war unhörbarer Mist. Als ich kurz davor war einzuschlafen, erklang plötzlich eine zirka anderthalb Minuten lange Songskizze. Ein kurzes, eingängiges Riff. Weit hinten hörte ich seine drogengeschwängerte Stimme ein paarmal „I nearly lost you“ singen, dann war es vorbei. Ich spulte zurück und hörte mir den kleinen Songschnipsel wahrscheinlich zwanzigmal an. Dieses prägnante kleine Riff war anders als alles, was Lee jemals geschrieben hatte. Anhand der zwei, drei Wiederholungen der Worte „nearly lost you“ konnte ich mir genau vorstellen, wie der Gesang gehen musste. Ich war sicher, dass es das Zeug zu einer Single hatte. Ich rief Van gleich an: „Van, du weißt es noch nicht, aber du hast einen Hit geschrieben.“

Kurt war fertig mit den Ner ven. „Ich halt es nicht mehr aus!“, stöhnte er und verg rub den Kopf im Kissen

Auch wenn die Texte noch unvollständig waren, spielten wir das, was wir hatten, Bob Pfeifer vor. Nachdem ich ihm versprach, sie rechtzeitig fertig zu bekommen, stimmte er uns zu, dass wir unbedingt ins Studio mussten. Wir beschlossen, in New York aufzunehmen, da Pfeifer dort lebte und ein wachsames Auge auf dieses für uns als Band so entscheidende Album haben konnte. Als Produzenten engagierten wir Don Fleming. Er buchte uns in ein Studio mit einem talentierten Toningenieur namens John Agnello, der seine Karriere als Assistent bei Cyndi Laupers Hitalbum „She’s So Unusual“ begonnen hatte.

Während Don der systematische, gewissenhafte Typ war, den wir alle mochten und respektierten, erwies sich John als gutmütiger, leicht vulgärer New Yorker, immer für einen derben Scherz zu haben. Wir verliebten uns allesamt in ihn und seinen schrägen Humor. Zuerst nahmen wir das Grundgerüst auf – Schlagzeug, Bass, Gitarren. Ich sang eine Pilotspur mit irgendeinem Fantasietext ein, an der die Band sich orientieren konnte. Abends hörte ich mir die Rohmixe im Hotel an und arbeitete an den Texten. Ohne dass die Band es mitbekam, lief ich manchmal zur Lower East Side und besorgte mir ein paar Briefchen Heroin. Da es pulverförmiger Ostküstenstoff war und man in New York damals nicht einfach so Spritzen kaufen konnte, schnupfte ich das Zeug. Wenn ich keine Gelegenheit hatte, mir etwas zu besorgen, trank ich. Fleming unterstützte mich sogar darin, weil er der Meinung war, ich würde dann besser singen. Ich sang fast das ganze Album betrunken, high oder verkatert ein. Es schien aber niemanden zu interessieren, in was für einem Zustand ich mich befand, zumal sich alle Beteiligten begeistert von den Ergebnissen zeigten. Zum ersten Mal überhaupt spürte ich, dass wir tatsächlich an etwas Besonderem dran waren.

In Lee Conner hatte eine grundlegende Veränderung stattgefunden, etwas, das ich für völlig unmöglich gehalten hätte. Es war seltsam und gleichzeitig toll mit anzusehen. Auf einmal interessierte er sich für den Klang und dafür, an welchen Stellen er spielen sollte und an welchen nicht. Seine Offenheit für anderer Leute Ideen, die Flexibilität in Bezug auf die Arrangements, seine positive Haltung und sein Kooperationswille rissen einen regelrecht mit. Er hatte Wort gehalten. Und ich war letztendlich froh, dass ich nicht hingeschmissen hatte, bevor wir gemeinsam etwas zustande brachten, das mir bis zu dem Zeitpunkt unerreichbar vorkam.

Während unseres aufenthalts in New York machte ich regen Gebrauch von den Taxi- Gutscheinen der Plattenfirma. An einem freien Tag fuhr ich betrunken nach New Jersey, um eine Frau aus Georgia zu treffen, die ich kaum kannte unddie mit ihrer Band dort übernachtete. Ich weiß nur noch, dass ich in brütender Hitze auf dem Rücksitz eines kleinen Autos aufwachte, Fenster zu, mit dickem Schädel, vermutlich von einem schlimmen Saufgelage in der Nacht davor – oder sogar am Tag und in der Nacht davor. Ich taumelte aus dem Wagen, ohne den geringsten Schimmer, wo ich mich befand und wie ich dort hingekommen war. Irgendwo hörte ich Musik, also wankte ich in die Richtung los. Ich war so ausgetrocknet und hatte einen solchen Brand, dass ich in den nächstbesten Laden stolperte, offenbar eine Cheesesteak-Bude, so was gab es nur in Philadelphia. Während ich anstand, um mir eine Flasche Wasser zu kaufen, kam ein riesiges, nicht identifizierbares Insekt reingeflogen, landete auf dem heißen Grill, lief kurz darauf herum und flog dann wieder raus. Kurz darauf starrten mich alle an, während ich würgend auf dem Bürgersteig kniete und das Gefühl hatte, etwas in mir würde gleich platzen.

Endlich fand ich die Bar, in der die Band meiner Bekannten ihren Soundcheck machte. Wie sich rausstellte, war ich in meinem Rausch mit ihnen nach Philly gefahren und im Auto eingepennt. Sie hatten mich in der Gluthitze einfach dort liegen lassen, sodass ich fast erstickt wäre. Von einer Telefonzelle rief ich Fleming im Studio an.

„Wo zum Teufel steckst du, Lanegan? Wir warten auf dich! Setz dich in den beschissenen Zug und beweg deinen Arsch hierher!“

Er war natürlich stinksauer, aber was ich an dem Abend in meinem verkaterten Zustand ablieferte, haute ihn derartig um, dass er behauptete, es sei „das Beste, was du je eingesungen hast! Und zwar so was von!“

Nachdem wir mit den Aufnahmen fertig waren, überließen wir sie Andy Wallace, dem Mann, der „Nevermind“ gemischt hatte. Als ich mir das Ergebnis anhörte, dachte ich: Okay – wir haben endlich ein gutes Album gemacht.

Zurück in Seattle bekam ich einen Anruf von Bob Pfeifer. Er klang aufgeregt.

„Du musst die Kassette mit ‚Nearly Lost You‘ in ein Hotel in Downtown bringen und sie dem A&R von Pearl Jam geben, Michael Goldstone, und zwar sofort!“

„Wozu das denn? Was hat der mit uns zu tun?“ Bob erklärte mir, dass Sony den Soundtrack für einen Film namens „Singles“ herausbrachte, in dem es um die Musikszene von Seattle ging, und „jede Band aus Seattle außer euch ist drauf“.

„Na und? Wen interessiert der Scheiß?“, erwiderte ich.

„Kapierst du das nicht? Die wollen uns verarschen! Jede Seattle-Band von Sony und noch diverse andere, nur ihr nicht? Dabei seid ihr bei Sony! Die verarschen uns, und zwar mit Absicht!“

„Wer denn, Bob?“

„Keine Ahnung, aber ich werde es nicht zulassen. Und jetzt nimm die Kassette und fahr da hin!“

Ich war supergenervt, als Botschafter und dazu noch als Laufbursche für die Band herhalten zu müssen (und dann noch für etwas, das ich völlig uninteressant fand), machte mich aber trotzdem auf den Weg zum Hotel, das nicht weit von meiner Wohnung lag. Ich ging zur Rezeption und bat sie, Goldstone anzurufen. Eine weitere Erniedrigung, denn Bob hatte darauf bestanden, „dass du das Ding nicht am Empfang abgibst! Du überreichst es dem Scheißkerl persönlich!“

Goldstone marschierte lächelnd in die Lobby und stellte sich als „Goldie“ vor. Wir gaben uns die Hand, und er bedankte sich, fragte dann aber: „Alles okay bei dir? Du machst nicht gerade einen gut gelaunten Eindruck.“

Der Gedanke, meiner eigenen Plattenfirma etwas verkaufen zu müssen, gefiel mir gar nicht. Mein Unbehagen stand mir offensichtlich ins Gesicht geschrieben.

„Ich bin ganz ehrlich, Mann. Bob glaubt, jemand will absichtlich verhindern, dass wir auf diesen Soundtrack kommen, was mir persönlich scheißegal ist. Ich schäme mich, dass ausgerechnet ich hierher kommen und um etwas betteln soll, das mich nicht interessiert. Die ganze Aktion kommt mir total peinlich vor.“

Goldie warf den Kopf zurück und lachte aus vollem Hals. Er streckte mir noch mal die Hand entgegen und sagte: „Ich weiß deine Ehrlichkeit zu schätzen, Mann. Wenn irgendwer euch da raushaben will, kümmere ich mich darum, das verspreche ich. Ich kann verstehen, dass du das nicht gern gemacht hast, aber ich danke dir für die Kassette. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Grüß Pfeifer schön von mir.“

Als ich mich verabschiedete, ging es mir schon besser. Goldie war äußerst herzlich und aufmerksam gewesen, und er hatte Humor. Ich wusste nicht, ob wir uns je wiedersehen würden, aber ich mochte ihn.

Ich nahm jetzt regelmäßiger Heroin, passte aber immer noch auf, nicht wirklich abhängig zu werden, wobei der Reiz einfach extrem groß war. Heroin war alles, was Alkohol nicht war. Ich hatte keine Black-outs, prügelte mich nicht und wachte auch nicht mit dickem Schädel in peinlichen, unerklärlichen Situationen auf. Heroin entspannte mich und beruhigte meinen rastlosen Geist. Ich konnte Songs schreiben und ein relativ normales, friedliches Leben führen. Während meine Band, meine Freundin und so gut wie jeder, mit dem ich zu tun hatte, mich in betrunkenem Zustand unausstehlich fand, freuten sie sich anscheinend alle, mich neuerdings so ausgeglichen zu erleben. Da meine Freundin jedoch Tag und Nacht mit mir verbrachte, wurde sie irgendwann misstrauisch.

„Was ist los mit dir? Du benimmst dich so komisch“, fragte Anna anfangs.

Ich versuchte dann, sie abzulenken oder ihr ein schlechtes Gewissen zu machen.

„Nichts, ich bin nur müde“, sagte ich. Oder: „Mir geht’s einfach gut. Ist das ein Verbrechen?“

„Warum schließt du dich so lange im Bad ein?“

„Ich bade, verdammt noch mal, ich versuche ein bisschen runterzukommen und mal in Ruhe nachzudenken!“ Oder, wenn ich die Nummer schon zu oft gebracht hatte: „Es ist das einzige Zimmer in der Wohnung, in dem ich allein sein und schreiben kann.“

Auf einen Angriff (und damals erschien mir praktisch alles wie ein Angriff ) reagierte ich jedes Mal mit einem noch aggressiveren Angriff. Je mehr Angst ich hatte, desto feindseliger wurde ich. Die Angst, erwischt zu werden, die Wahrheit gestehen zu müssen und als der Lügner und Betrüger bloßgestellt zu werden, der ich war. Aber am meisten zu schaffen machte mir die Angst, mein wahres Ich zu zeigen, mein Herz, das mal zum Platzen voll und mal so leer war, dass ich hätte weinen können.

Es war ein ewiger Kampf zwischen mir und der Rolle, die ich in meiner Jugend angenommen und seither mein ganzes Leben lang gespielt hatte. Ich fürchtete mich panisch davor, dass jemand herausfinden könnte, wer ich wirklich war: ein kleines Kind im Körper eines Erwachsenen. Ein Junge, der tat, als wäre er ein Mann. Die harte Schale und darunter der eiserne Panzer, die ich mein Leben lang trug, waren nur ein aufwendig konstruierter, sorgsam gepflegter und wohlbehüteter Schein. In Wirklichkeit trieb mich etwas an, das mir damals bei meinem Entzug als „tausend Formen von Angst“ beschrieben wurde. Tief in meinem Inneren wusste ich leider, dass damit wohl ich gemeint war.