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Vom Mut, sein Schicksal in die Hand zu nehmen


ich bin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 25.06.2020

Ich habe schon als kleiner Junge mit dem Judosport angefangen. Genauer gesagt mit sechs Jahren. Damals haben mich meine Eltern das erste Mal zum Training gebracht, weil ich mich in der Schule zu viel rumschubsen ließ.


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Bildquelle: ich bin, Ausgabe 3/2020

Du machst jetzt Judo“ war der Satz, an dem ich eine Weile zu knabbern hatte – schließlich wollte ich doch meine freie Zeit lieber auf dem Hinterhof mit meinen Freunden in Leipzig-Schleußig verbringen, als mir in irgendeiner stickigen Halle erklären zu lassen, wie ein O-Goshi funktioniert. Es war Sommer, ich in der ersten Klasse und mit meinen Eltern unterwegs mit der Buslinie 60 in die ...

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... Alfred-Kästner- Strasse in der Leipziger Südvorstadt. Meine Eltern hatten schon alles organisiert und übergaben mich am Eingang den Trainern der Betriebssportgemeinschaft „Dynamo Süd, Sektion Judo“. Der Weg zur „Halle“ führte durch den damaligen Knast, denn die BSG Dynamo Süd war die „Betriebssportgruppe“ der Polizei und die Halle diente auch der Fitness der Staatsdiener in der trainingsfreien Zeit. Das war mir damals natürlich alles egal beziehungsweise wusste ich es auch gar nicht, um dem irgendeine Bedeutung beimessen zu können.

Volkspolizei

Ich fand den Weg „nach oben“ nur ziemlich abenteuerlich. Es ging durch zwei Schleusen nach oben – bewacht durch Beamte im grün-taubenblauen Look der Volkspolizei – heute undenkbar für die sportliche Betätigung von Kindern. Die „Halle“ war im zweiten Stock und atmete den Schweiß, aber auch die Aura der Sportler aus, die in ihr trainierten. Zwei Umkleiden mit rauen Menschen rechts von mir, in der Halle zwei Mattenfelder, eiserne, hundeschwere Mattenwagen und die obligatorische Kraftecke mit Seilen und Gewichten sowie – na klar – jede Menge lärmende Kinder und Jugendliche in lustigen weißen Anzügen und bunten Gürteln. Ein älterer Junge mit Udo Lin- denberg-Hut sprach mich an und wollte mich mit reinnehmen, doch mir fehlte der Mut und ich blieb lieber an der Türe stehen, wo mich die Trainer dann irgendwie vergessen hatten. Dort, im Vorraum, neben dem blechernen Teekessel, aus dem wir später gemeinsam mit einer Kelle ungesüßten Tee in unsere wiederverwendbaren Hartplastiktassen schöpfen sollten. Jahrelang. Gemeinsam. Genau darum sollte es mir später gehen. Gemeinsam etwas zu tun. Gerne natürlich Sport, sehr gerne Judo. Aber wichtig war mir immer dieses „gemeinsam“.

Das konnte ich vor fast 40 Jahren natürlich noch nicht wissen. Dennoch – als ich also so das erste Mal an dieser Eingangstüre stand, wusste ich trotz meiner sechs Jahre schon irgendwie und von irgendwoher, dass ich in diesem Moment eine Entscheidung für mein Leben treffen werde.


„Hör zu, wenn Dein Leben zu Dir spricht. Es hat Dir viel zu sagen, zu zeigen und zu geben. Es kostet Dich nur etwas Zeit und manchmal auch ein wenig Mut.“
STE FAN GOEDECKE


Angst

Und – was soll ich sagen: Ich hatte Angst. So richtig die Hosen voll. Vieleicht kennst du das ja auch. Du stehst am Anfang eines Weges, siehst, dass diesen Weg schon viele andere gegangen sind, Menschen, die dir bereits von der ersten Biegung, gefühlt vom Ziel zuwinken. Du stehst voller Ehrfurcht am Eingang und hast schon keinen Bock weiterzugehen, weil du nur sehen kannst, wie lang der Weg ist und dass du im Gegensatz zu „den Großen“ noch so viel Schweiß vor Dir hast. Du hast keinen Blick für die Schönheit des Weges und hast allenfalls eine diffuse Vorstellung von deinem Ziel. Du siehst nur, wie dir „die Großen“, aus der Ferne zuwinken und sie sich in deinen Gedanken zu Riesen mit übermenschlichen Fähigkeiten formen, weil sie den ganzen übermenschlichen Weg schon vor dir gingen und doch soooo weit gekommen sind, während du noch ganz am Anfang stehst. Du siehst wie diese Menschen sich gegenseitig durch die Luft werfen, wieder auf der Matte aufkommen und aufstehen, als ob nichts gewesen wäre. Du siehst Magie.

Die Entscheidung

Und das gilt ganz sicher nicht nur für diese Türe – denn tief in dir wirst du deine Türe kennen, an der du einst standest und überlegt hast, ob du hindurchgehst. Dabei laden dich die meisten der großen Menschen freundlich ein, mitzukommen, machen dir Mut und reichen dir eine helfende Hand, wenn dir das ein oder andere Hindernis am Anfang zu groß erscheint. Gut, es gibt auch Idioten, die selbst mit einem Fünf-Liter Wasserkanister im Gepäck einen Verdurstenden am Wegesrand zurücklassen würden. Aber solche Menschen brauchen dich eh nicht kümmern, denn es kommt schließlich nur darauf an, ob DU den Weg gehen willst, den Mut hast, den ersten Schritt in ein unbekanntes Land zu setzen. Aber erklär das alles mal einem sechsjährigen Kind, das noch so herzerfrischend aus dem Bauch heraus entscheidet.

Mut

Da kommt sowas schlicht nicht an! Also hieß es damals für mich nur: Puuh, durchatmen, Entscheidungsmoment. Rein oder raus. Mitmachen oder gehen, weißer Anzug oder Spielen im Hof. Ich könnte Dir jetzt erzählen, dass ich mich schon damals in Liebe und Weisheit für den Weg hinein entschieden habe. War aber nicht so. Ich wollte nämlich einfach nur gehen, zu meinen Freunden in den schattigen Hinterhof der Brockhausstraße. Wobei ich heute glaube, dass ich mich gar nicht bewusst für das Spielen entschieden habe, sondern vielmehr gegen das Unbekannte. Also machte ich auf dem Absatz meiner Turnschuhe der DDR-Einheitsmarke „Germina“ kehrt und… kam exakt ein Stockwerk weit nach unten – bis zur ersten „Sperre“ (Danke, liebes Schicksal), bevor mir der Volkspolizist, der dort „Wache“ schob, erklärte, dass ich bis Trainingsende „oben bleiben müsse“, schließlich sei das ja ein Gefängnis und kein Ort für kleine Kinder, die auf eigene Faust die Welt erkunden wollen.

Mut

Da kommt sowas schlicht nicht an! Also hieß es damals für mich nur: Puuh, durchatmen, Entscheidungsmoment. Rein oder raus. Mitmachen oder gehen, weißer Anzug oder Spielen im Hof. Ich könnte Dir jetzt erzählen, dass ich mich schon damals in Liebe und Weisheit für den Weg hinein entschieden habe. War aber nicht so. Ich wollte nämlich einfach nur gehen, zu meinen Freunden in den schattigen Hinterhof der Brockhausstraße.

Wobei ich heute glaube, dass ich mich gar nicht bewusst für das Spielen entschieden habe, sondern vielmehr gegen das Unbekannte. Also machte ich auf dem Absatz meiner Turnschuhe der DDR-Einheitsmarke „Germina“ kehrt und… kam exakt ein Stockwerk weit nach unten – bis zur ersten „Sperre“ (Danke, liebes Schicksal), bevor mir der Volkspolizist, der dort „Wache“ schob, erklärte, dass ich bis Trainingsende „oben bleiben müsse“, schließlich sei das ja ein Gefängnis und kein Ort für kleine Kinder, die auf eigene Faust die Welt erkunden wollen.

sitzen geblieben und hätte darauf gewartet, mit den anderen wieder runterzugehen. Ich weiß, auch du kennst diese Türen in deinem Leben, und ich wünsche dir von Herzen, dass du damals wie heute den Mut in dir gefunden hast, durch diese Tore hindurchzugehen und dir eine neue, abenteuerliche Welt zu erobern. Doch zurück zu meiner Geschichte.


„Neugier ist Leben und das Leben hält wundervolle Dinge für uns bereit.“


Aus den kleinen Jungs von damals sind Männer geworden. Statt Tee gibt es heute gerne mal ein Bier nach dem Training. Ich musste mit der Zeit lernen, dass nicht mehr alles so funktioniert wie früher, meine Ansprüche an mich selber und meinen Körper in Übereinstimmung bringen – eine der für mich wichtigsten Lektionen, die ich auf meinem Weg lerne (ja, Präsens). Ansonsten hat sich nicht viel geändert. Nur stehe ich heute selber am Eingang, wenn die kleinen Kinder das erste Mal an der Türe einer Halle mit solchen komischen Matten stehen. Mit großen Augen. Fasziniert von „den Großen“ in der Halle, die in ihren weißen und nun auch blauen Anzügen scheinbar übermenschliche Übungen machen, andere Kinder durch die Luft werfen und diese wieder auf der Matte aufkommen, ohne sich zu verletzen. Ich sehe die Fragen in ihren Gesichtern, den inneren Kampf, die Neugier aber auch den Respekt vor dem Neuen. Und ich frage sie dann, ob ich sie durch diese Türe begleiten soll. Und dem ein oder anderen erzähle ich dabei eine Geschichte von einem Jungen, der vor vielen Jahren selber einmal an einer solchen Tür gestanden hat, mit einem Teekessel rechts von ihm und vielen Fragezeichen auf der Stirn. Von einem Jungen, der sich so unsicher war, ob er wirklich hineingehen würde.

Leben

Ich bin froh, dass ich durch diese Türe gegangen bin. Nicht nur wegen des Sports. Ich weiß seitdem, dass ein Raum voller mir unbekannter Menschen und neuer Dinge kein Grund ist, draußen stehenzubleiben oder gar wieder zu gehen. Neugier ist Leben und das Leben hält wundervolle Dinge für uns bereit. Jeder von uns hat ein solches Wunder, seine ganz eigene Türe, durch die er gegangen ist. Das Leben jenseits dieser Türen ist anders. Erfüllter. Wichtiger. Mutiger. Wenn ich heute zum Training meinen Judogi anziehe, ist das für mich immer wieder ein Schritt durch diese virtuelle Türe. Hinein in Fülle und Erinnerungen. Voller Sympathie. Voll Demut, Schweiß, Taten, Respekt, Lachen, Weinen, Schmerz, Erfolg und Scheitern, Liebe, Wut, Stolz, Zusammenhalt und Freundschaft. Es ist für mich die volle Dosis Leben verpackt in einem weißen Anzug. Ich wünsche Dir, dass du deine Türe zu erkennen vermagst und den Mut findest einzutreten. Es lohnt sich. Versprochen. •

Ist es Schicksal?

Jeder hat in seinem Leben diese entscheidenden Momente – und es gibt so viele davon, dass wir uns oft des Augenblicks gar nicht bewusst sind, indem uns eine Schicksalstür einlädt, hindurchzugehen. Das ist so unglaublich schade, denn tief in uns wissen wir, dass gerade etwas wirklich Wichtiges passiert. Doch wir mit unserem großen Erwachsenenhirn machen uns lieber schon Gedanken, was wir heute Abend den Kindern zum Abendbrot machen und stellen die virtuelle Einkaufsliste für den Rewe zusammen. In unserem Alltag ist oft kein Platz für Neues und Türen, hinter denen scheinbar nur mehr Arbeit wartet. Deswegen gehen wir so gerne an ihnen vorbei, bleiben lieber in unserer Komfortzone. Natürlich ist das auch eine Entscheidung. Falsch ist sie nicht, sie ist nur anders – insofern – gib und nimm Dir Zeit für deinen Weg. Wenn Du nur etwas langsamer unterwegs bist, erkennst Du die Türen am Wegesrand auch besser. Wichtig ist mir nur: Verlerne bitte nicht, mit Mut durchs Leben zu gehen. Es gibt so viel zu entdecken und an vielen Stellen rasen wir achtlos vorüber und fragen uns irgendwann einmal mit Bedauern, ob es nicht besser gewesen wäre

Ich erinnere mich

Immer wenn ich auf die beiden Fotos schaue, erinnere ich mich an diese Geschichte, an diesen Moment, der für mein weiteres Leben so wichtig war. Und an den Mut, den ich aufbringen musste und schließlich auch aufgebracht habe. Jeder von uns hat solche Momente erlebt, war in ähnlichen Situationen, stand vor ähnlichen Herausforderungen. Schaut doch auch einmal in eure ganz persönliche Kiste mit den alten Fotos: Ihr werdet staunen, wieviel Mutgeschichten über euch in diesen fotografierten Momenten stecken. Erinnerungen, die auch heute noch Mut machen.

Der Autor

Stefan Goedecke teilt seine Gedanken mit zehntausenden Menschen als Herausgeber und Kraftquelle der Auszeit und der Ich bin. Diese Geschichte erschien in Auszügen erstmals in seinem wöchentlichen Newsletter, der zu den beliebtesten wöchentlichen Inspirationsquellen für Menschen gehört, die sich selbst neu entdecken wollen. Stefan ist Autor zahlreicher Essays, Artikel, Kurse, Blogs und Ratgeber-Bücher. Du kannst dich hier gratis in seinen Newsletter eintragen: auszeit.bio/achtsam. Stefan bei Instagram: @stefan.auszeit.


Bilder: © dhanu3182/stock.adobe.com

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