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Vom Neuanfang Kollektive Erinnerung: „Im Nebel verschwunden“


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 1/2018 vom 29.01.2018

Wie blicken die Deutschen auf die Nachkriegszeit? Der Historiker Axel Schildt erklärt,wie sich die Perspektive gewandelt hat , was Forscher inzwischen wissen – und welche Legenden noch immer verbreitet sind.


Artikelbild für den Artikel "Vom Neuanfang Kollektive Erinnerung: „Im Nebel verschwunden“" aus der Ausgabe 1/2018 von Spiegel Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 1/2018

Axel Schildt , ge boren 1951, war von 2002 bis 2017 Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Der Mitautor einer „Deutschen Kultur - geschichte“ ist Experte für die deutsche Nachkriegszeit und die Alltags - geschichte der frühen Bundesrepublik.

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Schildt: Die unmittelbare Nachkriegszeit ist im kollektiven Bewusstsein heute tatsächlich wie im Nebel verschwunden. Natürlich leben noch Menschen, die die Zeit damals schon bewusst erlebt haben. Diese Generation hat immer unterschieden zwischen der „schlechten Zeit“, die zumindest im Westen mit der Währungsreform 1948 endete, und der „guten Zeit“ nach dem Krieg, die dann begann. Man sagte umgangssprachlich auch „vor der Währung“ und „nach der Währung“, wie Heinrich Böll 1961 in einem Aufsatz konstatierte.

Wie hat sich das Bild von der Nachkriegsperiode denn im Laufe der Jahre verändert?

In den Fünfzigerjahren waren die Leute froh, dass sie wieder eine eigene Wohnung hatten und nicht mit fremden Menschen zusammenleben mussten. Die wissenschaftliche Erkundung der Nachkriegsära begann erst in den Sechzigerjahren, einhergehend mit der 68er-Bewegung. Vor allem Politikwissenschaftler waren der Ansicht, nach 1945 seien Chancen für eine tiefer gehende Demokratisierung versäumt worden. Eine bereits 1949/50 geprägte These wurde neu entdeckt: In Westdeutschland hätten die alten Eliten ihre Macht mithilfe der Besatzungsmächte „restauriert“. Nun wurde dazu aufgerufen, das Versäumte nachzuholen – das war der Impuls für den Aufbruch von 1968.

Wie ging es danach weiter?

Nach 1980 begann die systematische Forschung über die Fünfzigerjahre. Sie widerlegte gründlich die simple Legende von der „Restauration“, die in die lange bleierne Zeit der Bundesrepublik mündete. Treffend ist für die westdeutschen Gründerjahre der Begriff der „Modernisierung unter konservativen Auspizien“, so der Zeithistoriker Christoph Kleßmann. Es enthüllte sich die Janusköpfigkeit einer Gesellschaft, in der sich wirtschaftliche und soziale Strukturen mit hohem Tempo modernisierten, während gleichwohl noch für einige Zeit konservative Werte dominierten. Aber eine Wiederherstellung des Vormaligen war das ungeachtet aller personellen Kontinuitäten sicherlich nicht. Durch diese neue Perspektive auf die Zeit ab 1950 hat sich auch der Blick auf die Nachkriegszeit verändert. Vor allem die Annahme, die Bevölkerung sei von den alten Eliten an einem radikalen und demokratischen Neuanfang gehindert worden, überzeugt nicht mehr. Die Deutschen wollten sich damals aus dem Elend erlösen, sie wollten ver - lässliche staatliche und gesellschaftliche Verhält - nisse.

Und wie wurde in der DDR auf die Zeit geschaut?

Dort hieß es ziemlich platt, man habe einen erfolgreichen Staat aufgebaut und stehe allein deshalb auf der Seite der „Sieger der Geschichte“. Und die DDR betonte, der Westen habe die sowjetischen und ostdeutschen Vorschläge für eine Wiedervereinigung abgelehnt, sei also verantwortlich für die Teilung Deutschlands.

Die Alliierten blieben allein durch ihre Truppenpräsenz ja lange im Bewusstsein der Menschen. Wie wurden sie im Westen wahrgenommen? Galten sie als diejenigen, die Wohlstand gebracht hatten?

Es gibt gängige Vorstellungen wie jene vom amerikanischen Marshallplan oder den Care-Paketen; sie stützen den Eindruck, es seien vor allem die Besatzungsmächte gewesen, die dem Land wieder auf die Beine geholfen haben. Doch inzwischen weiß man, dass das Legenden sind. Im Rahmen des Marshallplans wurde nur wenig Geld investiert. Es gab einige Wohnungsbauprojekte, die mit Mitteln daraus finanziert wurden. Aber für den Gesamt umfang der Investitionen nach dem Krieg war das nicht maßgebend, das amerikanische Programm hatte eher psychologische Bedeutung. Zu den Carepaketen gibt es Umfragen, die zeigen, dass nur sechs Prozent der Bevölkerung in den Genuss eines solchen Lebensmittelpakets gekommen sind.

Die Trümmer der Nachkriegszeit sind längst beseitigt. Doch in vielen Städten stößt man auf massive Hochbunker, unzer - störbar, bis heute. Viele werden inzwischen zum Wohnen oder als Ateliers genutzt, wie in Hamm (o. l.), Han - nover (o. r.), Frankfurt (r. M.), Hamburg (r. u.) oder Bielefeld (l. u.).

In Berlin dient ein Bunker zur Präsentation der Kunstsammlung des Medienunternehmers Christian Boros (l.), in Hamburg findet mehrmals im Jahr ein Volksfest neben einem Bunker mit Klubs und Konzert - räumen statt (r.).


Waren die späteren Legenden also stärker als die unmittelbare Dankbarkeit?

Die Menschen, die tatsächlich ein Carepaket bekommen hatten, haben gern und noch lange davon erzählt, das zeigte Wirkung. Insgesamt gab es auch große regionale Unterschiede, wie stark jemand die Alliierten nach dem Krieg überhaupt wahrnahm. Die Menschen, die in der Nähe der amerikanischen Garnisonsorte in Süddeutschland lebten, hatten weit mehr unmittelbaren Kontakt mit den Soldaten als die Bewohner der französischen oder britischen Zone.

Wirkte der Marshallplanmythos nicht auch im Osten Deutschlands? Man hört dort noch heute: „Ihr hattet nach dem Krieg ja den Marshallplan, wir aber mussten uns selbst helfen.“

Dieser Topos wurde propagandistisch genutzt, um von der Ineffizienz des DDR-Systems abzulenken. Auch im Alltag hat er sich dann als eingängige These behauptet.

Die Bundesrepublik Deutschland war bei der Gründung kein souveräner Staat und hatte kein Außenministerium. Die Bundesregierung musste ihre Beschlüsse von „Hohen Kommissaren“ der Besatzungsmächte genehmigen lassen. Auch heute noch kursiert in rechten Kreisen die Behauptung, die Bundesrepublik sei ein „besetztes Land“. Sind da manche Leute in den Vierzigerjahren stecken geblieben?

Wenn sie die Zeit damals schon bewusst erlebt haben, dann sind sie stecken geblieben. Aber eigentlich ist diese Mär vom besetzten Land ein neues Phänomen. Vor 20 Jahren hat davon niemand gesprochen. Da werden offenbar neue Geschichts-Narrative für ein Publikum im Internet erfunden, um gezielt Stimmung zu verbreiten. Es wäre zu untersuchen, wo die Wurzeln dafür liegen. Dass so etwas überhaupt auf Resonanz stößt, ist höchst verwunderlich. Jeder sollte in der Schule gelernt haben, dass 1955 mit dem Nato-Beitritt die Bundesrepublik ein souveräner Staat geworden ist.

Können Sie erklären, warum gerade jetzt, nach dem Abzug der Besatzungstruppen, solche Thesen Verbreitung finden?

Nein, nicht wirklich, mir scheint das auch zum Teil völlig irrational. Manche Rechtsextremisten, etwa die sogenannten Reichsbürger, behaupten, die Bundesrepublik sei nur eine Firma, und das Deutsche Reich habe nie aufgehört zu bestehen. Eine einheitliche Argumentation gibt es in diesen Kreisen aber gar nicht.

Lange Zeit wurde für die unmittelbare Nachkriegszeit der Begriff „Stunde null“ verwendet. Was verband sich mit diesem Begriff, und was ver - deckte er?

Der Begriff stammte ursprünglich aus dem Film „Deutschland im Jahre null“, den der italienische Regisseur Roberto Rosselini 1947 im zerstörten Berlin drehte. Der Gedanke war: Es ist alles zerstört. Wir fangen wieder ganz neu an. Tatsächlich bedeutete das Jahr 1945 eine weltgeschichtliche Zäsur. Es entstanden mit dem Ostblock und den Westmächten völlig neue Rahmenbedingungen. Andererseits blendet der Begriff „Stunde null“ gänzlich aus, dass es auch starke Kontinuitäten aus dem Nationalsozialismus in die Nachkriegszeit gab: Das gilt sowohl für Institutionen als auch für Personen – vieles fing eben nicht bei null an, sondern baute auf Bestehendem auf. Wenn man ein wirklich umfassendes Bild der Zeit erhalten will, muss man beides wahrnehmen, die Kontinuität und den Bruch.

Bei Umfragen in den Westzonen in den Jahren 1945/46 bezeichnete rund die Hälfte der Befragten den Nationalsozialismus als eine „gute Idee“, die „nur schlecht umgesetzt“ wurde. Wie erklärt sich diese Haltung?

Viele Leute erinnerten sich weniger an den Krieg als an die „Friedensjahre“ bis 1939. Zahl - reiche junge Deutsche haben in dieser Zeit einen sozialen Aufstieg erlebt, das scheint mir eine Er - klärung dafür zu sein. Die gleichen Umfragen 1949 und 1950 brachten übrigens noch schlechtere Ergebnisse – offenbar sehnte man sich nach einer heilen Welt zurück und fand die dann scheinbar in der Zeit vor dem Krieg.

Hatte das auch damit zu tun, dass sich die Deutschen selbst eher als hilflose Objekte und nicht als Subjekte des politischen Geschehens sahen?

Das haben viele so empfunden. Man beklagte sich über die angeblich mangelnden Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Besatzungszeit – reflektierte aber nicht, dass es im NS-Regime noch weit weniger Möglichkeiten gegeben hatte. Auch die Entnazifizierung war extrem unpopulär, bei der die Alliierten mit Fragebögen die Mitgliedschaft in NS-Organisationen erhoben. Viele argumentierten, die Alliierten hätten nach der Bombardierung Dresdens, bei der so viele Unschuldige zu Tode kamen, kein Recht, den Deutschen Verbrechen vorzuwerfen.

Wie präsent war denn das Bewusstsein um die Verbrechen des NS-Regimes?

Das zeigte sich eher indirekt. Nach Kriegsende begingen Zehntausende Menschen Selbstmord, vor allem aus Angst vor der heranrückenden Roten Ar- mee. Darunter waren NS-Funktionäre, aber auch viele Frauen, die sich vor Vergewaltigung fürchteten. Das zeigt, dass man wusste oder zumindest ahnte, welche Verbrechen die Deutschen im besetzten Osten Europas begangen hatten. Die west - lichen Alliierten behandelten die Deutschen eher sehr nachsichtig. Sehr viele wurden nur als „Mitläufer“ eingestuft, bis 1950 kam die „Entnazifizierung“ dann sogar völlig zum Erliegen.

Nach dem Ende der NS-Zeit ging es auch darum, eine neue gemeinsame Identität zu schaffen. Manche suchten Wurzeln im „christlichen Abendland“, andere sahen sich als kosmopolitische „Weltbürger“, wieder andere, vor allem im Osten, wollten an die deutsche Klassik anknüpfen und die Nation an Goethe und Schiller genesen lassen. Welches Selbstverständnis setzte sich durch und warum?

Diese verschiedenen Strömungen waren zunächst nicht eindeutig getrennt, sie alle waren eher rückwärtsgewandt, eine Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Vergangenheit fehlte auch hier. Sehr deutlich wird das im Diskurs der konservativen Christen. Sie sahen die Ursache für die Katastrophe des Nationalsozialismus in einer Abkehr der Menschen von Gott und einer Säkularisierung. Damit wurde die Moderne auf die Anklagebank gesetzt statt der NS-Täter.

Die westdeutsche Elite setzte auch auf die Kontinuität eines antikommunistischen Feindbildes, das war ja ebenfalls bereits vor 1945 eingeübt.

Und das funktionierte wunderbar. Man konnte sich damit beruhigen, im Kampf gegen Russland schon immer auf der richtigen Seite gestanden zu haben.

War die Teilung Deutschlands in zwei Staaten von den Besatzungsmächten von Anfang an geplant?

Bei dieser Frage stehen sich in der Wissenschaft verschiedene Schulen gegenüber – die einen bejahen sie, die anderen verneinen sie. Ich neige zu der These, die Wilfried Loth in seinem Buch „Stalins ungeliebtes Kind“ erläutert hat: Die sowjetische Führung hatte 1945 nicht den Masterplan zur Gründung der DDR. Es gab in Moskau auch die Option eines neutralen Gesamtdeutschland und nicht nur die eines Satellitenstaates DDR. Und auch die Amerikaner hatten 1945 noch nicht den Bauplan für die Bundesrepublik in der Schublade.

Lässt sich eine Zäsur ausmachen, wann die Entwicklung zur Zweistaatlichkeit begann?

1948 war die Sache entschieden, mit den beiden Währungsreformen im Juni nahm die kommende Zweistaatlichkeit Konturen an. Die Berlin-Blockade und die Luftbrücke waren dann weitere Schritte auf dem Weg in die Spaltung.

Auf der Elbinsel Hamburg-Wilhelmsburg wurde aus dem Bunker ein Kraftwerk für erneuerbare Energie.


Im Osten Deutschlands gab es einen radikaleren Elitenwandel. Durch Flucht und Abwanderung der Oberschichten entstand in der späten DDR allmählich das, was der erste Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR, Günter Gaus, „das Staatsvolk der kleinen Leute“ genannt hat. War die politische Teilung Deutschlands auch eine soziale?

Man hat durchaus versucht, die Abwanderung der Eliten in den Westen zu verhindern. So gab es etwa bei Lehrern, Polizisten und Verwaltungs - mitarbeitern eine Entnazifizierung, hingegen kaum bei den Ärzten der Charité in Ostberlin. Und überhaupt wurde in akademischen Kreisen weit weniger entnazifiziert als in anderen Bereichen. Ganz vollständig war der Elitenwandel dann auch nicht. Aber insgesamt stimmt die These, dass im Osten die „kleinen Leute“ dominiert hätten.

Bundeskanzler Konrad Adenauer verkündete bei der Gründung der Bundesrepublik den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik, die DDR wurde nicht anerkannt. Hat diese Haltung womöglich Auswirkungen bis zum jetzigen Wahlverhalten in Ostdeutschland?

Der Alleinvertretungsanspruch wurde mit dem Grundgesetz begründet. 1956 setzte er sich mit der Hallstein-Doktrin fort: Die Beziehungen zu Staaten, die die DDR anerkannten, sollten abgebrochen werden, außer im Fall der Sowjetunion. Die SED-Propaganda hat deshalb jahrelang von einer „Anmaßung“ gesprochen. Zudem trug auch gönnerhaftes Verhalten bei Besuchen im Osten dazu bei, dass Bundesdeutsche als anmaßend wahrgenommen wurden. Beides hat sicher bis heute Spuren hinterlassen.

Herr Professor Schildt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Eva-Maria Schnurr und Uwe Klußmann.