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Vom Nischenprodukt zum Trend


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Slow Food Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 28.09.2021

Vier Jahrzehnte Ökoweinbau

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Bildquelle: Slow Food Magazin, Ausgabe 5/2021

Weg von der Chemie, mehr Gesundheit für Böden, Reben und Trauben durch ökologischen Weinbau.

In den 1980er-Jahren, als sich der Ökoweinbau in Deutschland formierte, schmeckten die meisten Bioweine ähnlich wie die heutigen Naturweine. Trinken wollten sie die wenigsten. Doch den Pionieren des ökologischen Weinbaus ging es noch weniger um das Produkt, sondern um die Art und Weise seiner Erzeugung. Ohne Chemie bei Pflanzenschutz und Düngung, sie wollten die Böden schützen, das Grundwasser, die Artenvielfalt. Die Jahrzehnte quasi industrialisierten Weinbaus ihrer Väter hatten massive Umwelt- und Gesundheitsschäden hinterlassen. Inmitten der Umwelt-, Antiatom- und Friedensbewegung fanden sich immer mehr Winzerinnen und Winzer, die Nein sagten zum Fortschrittsglauben in der Landwirtschaft.

»Schon in den 1970er-Jahren und davor gab es vereinzelt Winzer, die sich der ökologischen Idee verschrieben, Wendelin Brugger in Baden, Otto-Heinrich Sander und Heiner Simon in ...

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... Rheinhessen, Winzergruppen in der Pfalz und an der Mosel. Aber erst Anfang bis Mitte der 1980er-Jahre war die Zeit reif, dass daraus eine Bewegung wurde«, weiß Paulin Köpfer, heute Vorsitzender von ECOVIN Baden. Früh stieß Köpfer zu den Ökowinzern, war selbst einige Zeit lang Geschäftsführer des Bundesverbands Ökologischer Weinbau (BÖW), heute ECOVIN.

Vor der Verbandsgründung unterstützte die Stiftung Ökologie und Landbau die Bewegung, organisierte erste Treffen von Winzerinnen und Winzern Ende der 1970er-Jahre. Die diskutierten vor allem über Richtlinien, die den ökologischen Weinbau ausmachten. »Das waren alles Idealisten, Charakterköpfe mit höchst unterschiedlichen Ideen. Aber eines einte sie alle: Sie wollten weg von der Chemie«, erzählt Paulin Köpfer. 1985 war es soweit, der BÖW wurde als Dachverband der Ökowinzer gegründet.

Eigenwillig und der Zeit voraus

Im gleichen Jahr veranstaltete der Verband eine erste Ökowein-Messe in Oppenheim für Weinjournalisten und Verbrauchern. »Die Medienvertreter verrissen unsere eigenwilligen Weine, wir waren einfach unserer Zeit 40 Jahre voraus«, sagt Dr. Uwe Hoffmann, der als Geisenheimer Student die frühen Richtlinien mitgestaltete und als Erster die Geschäfte des BÖW führte. »Natürlich gab es auch Ausnahmen, die VDP-Weingüter im Verband waren schon damals im Keller top, die erhielten positive Kritiken«, so Hofmann weiter.

In den ersten Jahren verstand der BÖW seine Aufgabe vor allem darin, den Ökoweinbau in Deutschland bekannt zu machen – unter der Winzerschaft, aber auch in der Politik. Einführungskurse in den ökologischen Weinbau wurden konzipiert, Beratungsstrukturen aufgebaut, Kontakte in Landes- und Bundesministerien, sogar bis nach Brüssel geknüpft. Erst nach und nach nahm man die Weinqualität, die Verbraucherinformation und die Vermarktung ins Auge.

Die Zulassung der Handelsmarke ECOVIN wurde 1990 erfolgreich beantragt, aus dem Dachverband wurde ein Anbauverband. »Die anderen deutschen Bioverbände waren nicht sonderlich weinaffin, wollten mit Alkohol zunächst nichts zu tun haben oder zumindest nicht an die große Glocke hängen, da gab es ganz klar eine Lücke«, meint Uwe Hoffmann. Ganz anders in Frankreich bzw. im benachbarten Elsass, wohin der BÖW, nun ECOVIN, früh Kontakte knüpfte. Demeter Frankreich zählte schon Anfang der 1990er viele biodynamisch wirtschaftende Weingüter unter seinen Mitgliedern, die die Handelsmarke auf ihre Etiketten druckten.

In Deutschland änderte sich die Haltung anderer Anbauverbände erst zehn Jahre später, als Biolebensmittel breite gesellschaftliche Akzeptanz erfuhren, zum Lifestyle gehörten, der nicht nur Umweltschutz, sondern auch Gesundheit und Genuss versprach. Seitdem haben es Bioweine insgesamt leichter, finden mehr und mehr Liebhaber, die die sensorische Qualität, den Charakter und die ungeheure Vielfalt der Weine schätzen.

Biowein boomt weltweit

Besonders in den Weinbauländern Italien, Frankreich und Spanien hat der Ökoweinbau im letzten Jahrzehnt stark an Anbaufläche zugelegt. 2019 entsprach die ökologisch bewirtschaftete Rebfläche der drei Länder 70 Prozent der globalen Anbaufläche.

Der in Italien und Spanien produzierte Biowein geht überwiegend in den Export, Frankreich konsumierte 2019 immerhin 57 Prozent des eigenen Bioweins. Auch deutsche und US-amerikanische Bioweingüter produzieren vor allem für den heimischen Markt.

Global gesehen wird in Deutschland am meisten Biowein getrunken (rund 25 Prozent des globalen Bioweinkonsums), gefolgt von Frankreich, Großbritannien, den USA und Schweden.

Auch in den großen überseeischen Weinbauländern – Australien, Neuseeland, Südafrika, Argentinien, Chile und China – wachsen die Biorebflächen.

Zukunftsfähige Weinkultur

Allein in Deutschland gibt es 13 höchst unterschiedliche Anbaugebiete mit weiteren Mikroregionen. Deren Böden und klimatische Bedingungen, das Terroir, versuchen die Biowinzer aus den Weinen herauszuarbeiten, indem sie im Keller eben nicht groß eingreifen. »Für mich ist die Weinbereitung ein Handwerk, das der Natur ihren Raum gibt, genau wie ich ihr auch draußen im Weinberg ihren Raum gebe«, sagt Biowinzer Andreas Hattemer. Unter und zwischen seinen Reben blühen mehr als 20 verschiedene Pflanzen – Leguminosen, Gewürzkräuter, Bienenweiden. Die pflanzliche Vielfalt lockt die der Insekten an, es summt, brummt und flattert. Von Anfang an verschrieb sich ECOVIN der Förderung der Biodiversität, 2019 ist der verbandseigene Biodiversitäts-Aktions-Plan Bestandteil der ECOVIN Richtlinien. »Seit Bestehen des Verbands geht es eigentlich immer ums Gleiche, um die Weiterentwicklung einer zukunftsfähigen, ökologischen Weinkultur«, sagt Hattemer, der seit 2013 ECOVIN Bundesvorsitzender ist.

Aktuell beschäftigt den Verband unter anderem die Definition des Begriffs Naturwein – der große Trend im Weinbereich. »Für uns ist klar, dass ein Naturwein nur ökologisch erzeugt sein kann, alles andere wäre Schwindel. Und der Rest ist eigentlich auch ganz simpel: nichts raus, nichts rein«, meint Paulin Köpfer. Rein in den Wein könnten z.B. zugesetzte Hefen oder der Schwefel, raus die Trubstoffe oder der Alkohol. Letzteres ist übrigens auch so ein Trend, der mit ökologischem Weinbau unvereinbar ist. Die Verbraucher suchen nach leichten, alkoholarmen Weinen, die in den heißen deutschen Sommern immer schwieriger herzustellen sind. Mit moderner Kellertechnik lässt sich dem Wein wieder Alkohol entziehen. Aber das ist kein naturbelassenes Produkt mehr, für das die Biowinzer stehen.

Die Weinliebhaber goutieren das Angebot und bescheren den deutschen Bioweingütern weiterhin steigende Umsätze, sowohl in der Direktvermarktung als auch im Handel. Parallel wächst hierzulande die ökologisch bewirtschaftete Rebfläche – nicht so explosionsartig wie in Spanien, Italien und Frankreich, dafür moderat und stetig. Ebenso wächst die Vielfalt der Bioweine – auch in Hinblick auf neue widerstandsfähige Rebsorten. Es lohnt sich also, den deutschen Ökoweinbau im Blick bzw. im Glas zu behalten.