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Vom Rechenschieber zum Computer


segeln - epaper ⋅ Ausgabe 80/2021 vom 19.07.2021

PORTRÄT Koopmans

Artikelbild für den Artikel "Vom Rechenschieber zum Computer" aus der Ausgabe 80/2021 von segeln. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Yachtdesigner Dick Koopmans junior in seinem Büro in Den Oever mit Blick über den Deich

Am Anfang steht ein Bestseller. So wünscht man sich das wohl, wenn man sich selbstständig macht. Im Fall von Dick Koopmans senior heißt dieser Bestseller Victoire 22. Der kleine Kajütkreuzer ist ein Meilenstein des Bootsbaus – eine der ersten Serienyachten aus GFK. Die ab 1961 in Alkmaar in Nord-Holland zwischen Ijsselmeer und Nordsee gebaute Yacht hat wie wenige andere Modelle dazu beigetragen, dass segeln ein Breitensport geworden ist. Das Konzept passte nahezu perfekt in die Zeit.

Auf weniger als sieben Metern finden zwei Hundekojen, Spüle und Kocher sowie eine Dreieckskoje Platz. So konnte man mit einer kleinen Familie Urlaub machen – und das zu einem erschwinglichen Preis. Dazu kommen die guten Segeleigenschaften. Ein hoher Ballastanteil macht die Victoire 22 zu einer steifen und sicheren Yacht. Als gemäßigter Kurzkieler mit Skeg segelt das Boot zudem für damalige Verhältnisse ...

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... ziemlich sportlich. Bis 1980 baute die Victoire-Werft mehr als 1500 Einheiten davon.

Von klein auf auf dem Wasser

Von Booten und Wasser war Dick Koopmans senior schon als Kind umgeben. Er kam 1935 in Meppel in der Provinz Drenthe im Nordosten der Niederlande zur Welt. In Meppel kreuzen sich einige der Kanäle, für die Drenthe bekannt ist. Koopmans Kindheit fiel zum Teil in den Zweiten Weltkrieg. Kampfflugzeuge nutzten damals schon Zusatztanks, um ihre Reichweite zu erhöhen. Wenn sie leer waren, warfen die Piloten sie ab. Aufgeschnitten dienten diese Abwurftanks dann als Paddelboote auf den Kanälen.

Der Vater von Dick Koopmans senior führte eine Sargtischlerei und war einigermaßen wohlhabend. Die Familie besaß ein kleines Wochenend- und Ferienhäuschen am Wasser, wo auch ein Motor- und ein Segelboot am Steg lagen. Insofern lag es für Dick Koopmans senior nahe, sich nach seiner

Mit der Victoire 22 trafen die Werft und der Designer den Nerv der Zeit

Schulzeit an der Hochschule für Technik in Haarlem für ein Schiffbaustudium einzuschreiben. Danach begann er, als Vermesser für den königlich-niederländischen Wassersportverband KNWV zu arbeiten.

Dick Koopmans senior schaffte sich eine zwanzig Meter lange abgetakelte Tjalk an und legte sie als Hausboot nach Weesp, in der Nähe von Muiden am IJmeer. Damals bauten die meisten Werften nach eigenen bewährten oder modifizierten Entwürfen. Die Boote wurden vor Ort vermessen. So kam der junge Yachtdesigner viel herum und lernte Werften und deren Konstruktionen kennen. Bald konnte er erste eigene Entwürfe an einige Betriebe verkaufen. 1961 wagte er es, sich selbstständig zu machen.

Zu dieser Zeit lieferte Dick Koopmans senior noch mehrheitlich Motorboote. Als leidenschaftlicher Segler zeichnete er aber immer auch Segelboote. Mit der Victoire 22 trafen Werft und Konstrukteur dann den Nerv der Zeit. Als die unmittelbare Nachkriegsphase zu Ende ging und der Wohlstand langsam wuchs, stieg auch die Nachfrage nach Freizeitbooten. Victoire war früh auf dem Markt. Bénéteau stellte seinen ersten Kleinkreuzer Flétan 1965 vor, Willi Dehlers erste Varianta folgte ein Jahr später.

Entscheidend war nicht nur der Vorsprung, sondern auch, dass man mit der Victoire 22 viel Boot für sein Geld bekam. Auf der Messe Hiswa in Amsterdam verkaufte die Victoire-Werft zu Hochzeiten 40 bis 50 22er im Jahr, erzählt Dick Koopmans junior. Ein Drittel davon ging nach Deutschland. So trugen Koopmans und Victoire zur wachsenden Verbindung zwischen deutschen und niederländischen Seglern nach dem Krieg ebenso bei wie die Zusammenarbeit von Konstrukteur Enricus van de Stadt mit Willi Dehler.

Bald zeichnete Dick Koopmans senior auch für andere Betriebe. Die Yachtwerft Meijer in Balk in Friesland begann Ende der Sechzigerjahre, Segelboote unter dem Namen Friendship auf den Markt zu bringen. Das erste Modell Friendship 23 zeichnete Werftchef Meijer 1968 noch selbst. Die Friendship 28 – im Jahr der Vorstellung 1974 eine große Yacht – ließ er dann von Koopmans liefern. Das Modell wurde mit leichten Anpassungen bis in die Neunzigerjahre gebaut – ein Hinweis auf die zeitlose Qualität des Entwurfs.

Die Entwürfe der Koopmans zeichnen sich durch eine zeitlose Eleganz aus

Ähnliches gilt für ein weiteres Modell aus der Victoire-Reihe: Die Victoire 933 – erstmals 1976 vorgestellt – wird bis heute gebaut, wenn auch seit 2014 unter dem Namen Breehorn 31. Mit Breehorn arbeitete Dick Koopmans senior schon früh zusammen. Die Werft übernahm in den Siebzigerjahren einige nach Koopmans-Entwürfen hergestellte Motorbootformen aus einem Pleite gegangenen Betrieb in Belgien. 1980 entwarf Koopmans dann seine erste Segelyacht für diese Werft: die Breehorn 37.

Lange Zusammenarbeit mit Breehorn

Auch die Breehorn 37 wird bis heute gebaut. Das ist einigermaßen erstaunlich, denn der Entwurf fällt in die Hochphase der IOR-Regel, die nicht dafür bekannt ist, zeitlose Klassiker hervorgebracht zu haben. Kurz gefasst führte die Formel zu Booten mit breitem Rumpf und schmalem Heck sowie ext-remen Überhängen vorn und achtern. In manchen Fällen besaßen die Rümpfe Beulen und Knicks im Bereich der Wasserlinie. Dick Koopmans senior gelang in diesem Umfeld das Kunststück einer Yacht, die sowohl gut segelte als auch ästhetisch aussah.

Diese Zeitlosigkeit sieht Dick Koopmans junior als Leitbild des Designbüros an: „Die Leute kommen zu uns, weil sie ein schönes Boot möchten. Boote, die gut segeln, gibt es genug.“ Koopmans junior kam 1962 zur Welt und führt die Leidenschaft seines Vaters weiter. Er besuchte sogar die gleiche Hochschule für Technik in Haarlem. 1984/85 verbrachte er sein praktisches Jahr vor Studienabschluss auf der Huisman-Werft in Vollenhove in der Provinz Overijssel. Die Werft bot ihm danach eine Stelle an, aber es kam anders.

Praxisjahr bei Royal Huisman

Heute heißt die Werft Royal Huisman und ist für luxuriöse Megayachten bekannt. Das war damals noch nicht so. Der Betrieb hatte einen guten Ruf für Maxi-Rennyachten aus Aluminium wie die „Flyer“ und „Flyer II“. Damit hatte Conny van Rietschoten die Whitbread-Regatten 1977/78 und 1981/82 gewonnen. 1984 erhielt die Werft das Recht, den königlichen Titel zu führen. Der spannendste Auftrag zu der Zeit war allerdings das Refit von „Flyer II“. Dick Koopmans junior entschied sich, lieber bei seinem Vater anzuheuern.

„Ich dachte, wenn es nicht klappt, kann ich immer noch zu Huisman zurückgehen“, sagt Koopmans junior. Doch so weit kam es nie. Zwar gab es auch unterschiedliche Ansichten zwischen Vater und Sohn, doch die betrafen in der Regel nicht das Design. „Ich mochte die Entwürfe meines Vaters immer.“ Es ging zum Beispiel um die Frage, ob ein Computer angeschafft wird. „Ich fange auch heute noch mit einer Handzeichnung an“, sagt Koopmans junior, „aber Widerstandsberechnungen gehen mit dem Computer einfach viel schneller.“

Koopmans arbeitet schon lange zu beiderseitigem Nutzen mit der Technischen Universität Delft zusammen. So ist es ein Leichtes, Berechnungen dort machen zu lassen. Auch die Präsentation der Entwürfe für Kunden geht digital einfacher, schneller und bequemer. Vater Koopmans hat dennoch Zeit seines Lebens nie mit einem Computer gearbeitet. „Er ist auch erst mit zehn Jahren Verspätung auf einen Taschenrechner umgestiegen“, erzählt sein Sohn. „Bis dahin hatte er alles mit dem Rechenschieber gemacht.“

Von der Serie zu Einzelbauten

Doch nicht nur die Arbeitsweise hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Die Zeit, in der Werften kleine Modelle zu Hunderten absetzten, ist vorbei. Entsprechend stieg der Anteil der Einzelbauten ebenso wie die Größe der Aufträge immer weiter. Alle paar Jahre zeichnete Koopmans senior eine Fahrtenyacht für sich selbst. Mit dem letzten Bau segelte er mit seiner Frau Elly bis nach Patagonien und stellte so die Seetüchtigkeit seiner Entwürfe ein weiteres Mal unter Beweis.

„Die Leute kommen zu uns, weil sie ein schönes Boot möchten.“

Viele Koopmans-Boote tragen einen kurzen, oft runden Aufbau. Das Vorschiff ist in der Regel frei,weil sich viele Kunden das so wünschen. In der Realität würden die Boote meistens aus dem Cockpit gesegelt, sagt Koopmans junior. Höchstens gehe mal jemand zum Reffen an den Mast. Doch habe die Kundschaft das Gefühl, sich auf einem freien Deck sicherer bewegen zu können. Ansonsten gibt es keinen Standardentwurf, sondern Koopmans hört sich an, wie und wo seine Kunden segeln wollen, um die richtige Yacht vorzuschlagen.

Es gibt keinen Standardentwurf

Ein gutes Beispiel dafür ist die alte Streitfrage, ob ein V-Spant oder ein U-Spant im Vorschiff seetüchtiger sei. Früher galt, dass der V-Spant besser durch die Welle geht. Doch Koopmans gibt zu bedenken, dass man den gekrängten Rumpf betrachten müsse. Unter Umständen sei die eingetauchte Spantform dann sehr flach und stampfe auf das Wasser. „Wer es nicht eilig hat, kann reffen und aufrechter segeln“, sagt der Designer. „Dann stimmt es wieder. Doch wer lieber schnell segelt, ist unter Umständen mit einer runden Spantform besser bedient.“

Koopmans One-Offs oder Custom-Yachten, bei denen der Rumpf gleich, aber der Ausbau individuell ist, werden zum Beispiel bei Hutting Yachts in Makkum in Friesland gebaut, oder direkt nebenan bei KM. Dort ist auch das Modell Blikvis im Angebot, eine zwei Fuß längere Variante von , der selbst entworfenen 35-Fuß-Yacht von Dick Koopmans junior. Mit hat er bereits die Regatta Rund England gewonnen. Es scheint, als habe Dick Koopmans senior nicht nur die Leidenschaft, sondern auch das Talent weitergegeben.

Text: Jan Maas