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Vom Schutz alter Bäume: das Naturdenkmal


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TASPO BAUMZEITUNG - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 16.12.2022
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Bildquelle: TASPO BAUMZEITUNG, Ausgabe 6/2022

// ?Schöne Eiche? in Harreshausen: ein Naturdenkmal mit wissenschaftlichem und naturgeschichtlichem Schwerpunkt //

Markante und alte Bäume beflügeln unsere Phantasie, sie sind Sehnsuchtsort, schaffen es auf Kalenderblätter und mittlerweile auch in die überregionalen großen Wochenzeitungen. Der Zuspruch, den alte Bäume bei den Ausweisungen beispielsweise als Nationalerbe-Baum (ein Projekt der DDG, Deutschen Dendrologischen Gesellschaft e. V.) erhalten, ist enorm. Die Emotionen, die angesichts (alter) Bäume über Bücher und in den Medien vermittelt und direkt erfahrbar gemacht werden, erreichen die meisten Menschen. In gleichem Maße entrüsten Baumfällungen im kleinen oder größeren Stil, lassen Bürgerinitiativen entstehen oder Besetzungscamps.

DIE AUTORIN

ist Biologin und Sachverständige für Artenschutz, Baumdiagnose und Pflegekonzepte. Sie ist aktiv bei der DDG und unterstützt die Initiative Nationalerbe-Bäume.

Laut ist der Ruf nach einem gesetzlichen Schutz von Einzelbäumen und nach dem Schutz von Bäumen im ...

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... Allgemeinen. Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) regelt den Schutz unter anderem von Bäumen auf verschiedenen Ebenen: als Teil eines geschützten Landschaftsbestandteils (§ 29 BNatSchG), eines Naturschutzgebietes oder Landschaftsschutzgebietes, über die Eingriffsregelung als Auffangtatbestand oder ganz explizit über den § 28 BNatSchG als Einzelindividuum beziehungsweise Baumgruppe.

Jedoch werden alte Bäume zahlenmäßig weniger, verschwinden aus unserer Landschaft und den Siedlungsgebieten, werden aus unterschiedlich gewichteten Gründen gefällt. Leider werden diese Bäume nicht entsprechend ersetzt. Selbst ausgewie- senen Naturdenkmalen wird manchmal nicht die Pflege und Aufmerksamkeit gewidmet, die sie verdienen würden, und in manchen Regionen werden Naturdenkmale aus dem Schutzstatus entlassen. Neuausweisungen werden derzeit augenscheinlich nicht in gleichem Maße umgesetzt.

Die Gründe für den Erhalt alter Bäume sind vielfältig, nicht nur, aber auch als Naturdenkmal für nachfolgende Generationen. Es steht aktuell zu befürchten, dass die Schutzkategorie Naturdenkmal nach § 28 BNatSchG „ausstirbt“. Um dem entgegen zu wirken, müssen die Ausweisungskategorien nach § 28 BNatSchG genauer beleuchtet werden. Und darüber hinaus sollten Baumstandorte heute so gestaltet werden, dass die dort gepflanzten Bäume zu den Altbäumen der Zukunft heranwachsen können.

Höchste nationale Schutzkategorie

Der Begriff Naturdenkmal beschreibt eine gesetzlich verordnete Schutzkategorie. Die dazu gehörende Rechtsnorm ist der § 28 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG). Naturdenkmale sind demnach „rechtsverbindlich festgesetzte Einzelschöpfungen der Natur oder entsprechende Flächen bis zu fünf Hektar, deren besonderer Schutz erforderlich ist“. Das Naturdenkmal (ND) steht als Schutzgebietskategorie im BNatSchG auf derselben Stufe wie das Naturschutzgebiet (NSG) und zählt demnach zur höchsten nationalen Schutzkategorie.

Naturdenkmale können flächig und je nach Region sehr unterschiedlich sein. So gibt es vieles zwischen Düne, Steilufer, eiszeitlicher Gletscherspur, Findling, Quelle, Moor, Heideflecken, Grünlandtypen spezieller Artzusammensetzung oder auch ein lokales Vorkommen bestimmter seltener Arten. Zumeist findet man jedoch Naturdenkmale als Felsen, Höhlen, oder eben Einzelbäume, Alleen oder Baumgruppen. In vorliegendem Artikel beziehe ich mich auf Baum-Naturdenkmale.

Die ‚Würdigkeit‘ eines NDs…

Im Behördenjargon spricht man von der ‚Würdigkeit‘ eines Baumes zum ND. Was nun macht diese ‚Würdigkeit‘ aus? Der betreffende § 28 BNatSchG zählt folgende Gründe auf: „aus wissenschaftlichen, naturgeschichtlichen oder landeskundlichen Gründen oder wegen ihrer Seltenheit, Eigenart und Schönheit“.

Da zumindest Schönheit dem Sprichwort folgend „im Auge des Betrachters“ liegt, sollen die Begriffe nachfolgend näher erläutert werden.

Wissenschaftliche Schutzkriterien liegen vor, wenn ein Baum für die Wissenschaft wertvoll ist. Beispielsweise eine Berg-Ulme mit einem Brusthöhendurchmesser von 289 cm, die das ringsum stattgefundene Ulmensterben überlebt hat und möglicherweise eine resistente Genetik aufweist (s. Abb. S. 36).

Ein naturgeschichtliches Schutzkriterium liegt vor, wenn ein Baum einen hohen Stellenwert für die Naturgeschichte darstellt. So gehen höchstwahrscheinlich alle Säulen-Eichen, also die Sorte ‘Fastigiata‘, auf die „Schöne Eiche“ bei Harreshausen im Landkreis Darmstadt-Dieburg zurück. Die Eiche soll fast 600 Jahre alt sein und wurde im Mai 1959 als Naturdenkmal unter Schutz gestellt (s. Abb. S. 33). Seit Oktober 2022 ist sie außerdem ein Nationalerbe-Baum.

Landeskundliche Schutzkriterien sind bei alten Bäumen häufig zu finden. Oft wurden Bäume zu besonderen Anlässen gepflanzt: Friedensbäume zum Ende des 30-jährigen Krieges gibt es an vielen Orten, ebenso häufig sind innerorts die Thie- oder Angerplätze, an denen das kleine Gericht gehalten worden ist, oder außerorts die Galgenplätze und Wegmarken, frei stehende Hute-, Lause- oder Flohbäume implizieren Tätigkeiten, die dort zu verrichten waren. Regionale Besonderheiten wie die Schaufelbuchen im Steigerwald oder die beeindruckenden Berg-Ahorne auf dem Kleinen und Großen Ahornboden (Tirol, Österreich) vereinen wissenschaftliche, natur- und landeskundliche Schutzzwecke.

Bei der Seltenheit wird’s zunächst wieder einfacher. Wir wissen ganz gut darüber Bescheid, welche Baumarten selten sind. Im Netz finden sich stetig aktualisierte Auflistungen der umfangstärksten Individuen in den einzelnen Arten oder Sorten (zum Beispiel Champion Trees, ). Die Etablierung neuer Baumarten, die mit den sich verändernden klimatischen Verhältnissen besser zurechtkommen, wird das Artenset der Altbäume in der Zukunft erweitern.

Die Eigenart ist ein Kriterium, das zum Tragen kommt, wenn sich ein Baum sehr stark von anderen der gleichen Art unterscheidet. Diese Eigenart kann menschlich geprägt sein: Kopfbäume zur Gewinnung von Flechtmaterial (Weiden) oder Gerbstoffen (Eichen), Bündelbuchen als Resultat einer Pflanzung gebündelter Jungpflanzen oder die vielen „Liebespaare“ die aus immer wieder verdrehten Jungbäumen erwachsen sind. Überschneidungen zu anderen Schutzkriterien sind auch hier ersichtlich.

Die Eigenart eines Baumes kann aber auch durch den Wind (auf einem exponierten Bergrücken oder durch Fallwinde), das Wasser (Unterspülungen) oder andere natürliche Einflussfaktoren (zum Beispiel Tierbauten) induziert werden.

Tja, und zu guter Letzt – die Schönheit. Diese wird natürlich sehr individuell bewertet, aber ist nicht jeder alte Baum eine Schönheit für sich?

Aktuell läuft an der HAWK Göttingen im Fach Arboristik eine Bachelor-Arbeit, welche diese Kriterien genau unter die Lupe nimmt und neue herausarbeitet. Dadurch soll eine Vergleichbarkeit angestrebt und die Bewertung von Bäumen als Naturdenkmal überprüft und vereinfacht werden.

Naturdenkmal – eine aussterbende Schutzkategorie?

Das BNatSchG stellt die Zuständigkeit für Naturdenkmale ganz klar in die Obhut der unteren Naturschutzbehörden. Damit so eine Aufgabe entsprechend ausgeführt werden kann, sollte dies auch mit finanziellen Mitteln ausgestattet sein. Kontrolle und fachgerechte Baumpflege eines Altbaumes sowie möglicherweise auch die Verbesserung eines Standortes für den langfristigen Erhalt sind zeitaufwendig und damit auch geldwert.

Der Erhalt von alten Bäumen und auch von Naturdenkmal-Bäumen sollte als gesamtgesellschaftliche und damit öffentliche Aufgabe gesehen werden und entsprechend mit finanziellen Mitteln ausgestattet sein, um fachgerechte Pflege und Betreuung zu gewährleisten. Eine Entlassung aus dem oder gar Löschung des ND-Status widersprechen den Zielen des BNatSchG und stellen keine wirkliche „Lösung“ dar.

Gehen die Entwicklungen weiter wie bisher, so steht aus Sicht der Autorin zu befürchten, dass das Baum-Naturdenkmal als Schutzgebietskategorie aussterben wird. Nicht nur, weil die Bäume irgendwann absterben (oder vorzeitig gefällt werden – und dabei soll gar nicht auf mögliche Pflegedefizite oder versäumtes Verbessern des Baumumfeldes abgezielt werden), sondern auch, weil so gut wie keine neuen Naturdenkmale ausgewiesen werden. Wenn die Menschen in wenigen Jahrzehnten noch Baum-Naturdenkmale bewundern können sollen, müssen wir heute mit Neuausweisungen beginnen und Baum-Standorte zukunftsfähig herstellen und erhalten.

Wie wird ein Baum ND?

Die Zuständigkeit für Naturdenkmale liegt bei den unteren Naturschutzbehörden der Landkreise oder kreisfreien Städte. Leider existieren keine einheitlichen Auflistun- gen über die Naturdenkmale selbst sowie über Zu- oder Abgänge. Umso wichtiger ist es, den Behörden ND-würdige Bäume vorzuschlagen. Jede natürliche Person, aber auch ein Verein oder eine Institution kann einen Baum zur Ausweisung als Naturdenkmal vorschlagen. So ein Vorschlag wird umso „gewichtiger“, je besser er begründet ist. Ein solcher Vorschlag wird schriftlich bei der zuständigen Verwaltung eingereicht.

DIE RECHTSGRUNDLAGE: § 28 BNATSCHG

(1) Naturdenkmäler sind rechtsverbindlich festgesetzte Einzelschöpfungen der Natur oder entsprechende Flächen bis zu fünf Hektar, deren besonderer Schutz erforderlich ist 1. aus wissenschaftlichen, naturgeschichtlichen oder landeskundlichen Gründen oder

2. wegen ihr er Seltenheit, Eigenart oder Schönheit. (2) Die Beseitigung des Naturdenkmals sowie alle Handlungen, die zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des Naturdenkmals führen können, sind nach Maßgabe näherer Bestimmungen verboten.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels und des Artensterbens ist es eine wichtige Aufgabe, Altbäume zu erhalten. Ein neu gepflanzter Baum wird die Funktionen eines Altbaums, wenn überhaupt, erst in einigen Jahrzehnten annähernd erfüllen können. Ein alter Baum beherbergt ein Vielfaches mehr an Habitatstrukturen als ein junger oder mittelalter Baum. Dennoch ist ein Mosaik aus unterschiedlich alten Bäumen (und Baumarten) genauso wichtig. Aus Sicht des Artenschutzes sollte das Ziel verfolgt werden, auch in bebauten Lagen Baumquartiere so zu gestalten, dass neu gepflanzte Bäume dort alt werden können.

Es war lange Zeit nicht mehr en vogue, Bäume zu bestimmten Anlässen oder in Erinnerung an besondere Menschen zu pflanzen. Gleichwohl ist die emotionale Bindung insbesondere zu Altbäumen ungebrochen groß. Vielleicht sollten wir wieder damit anfangen, Anlässe zu finden und Feste zu feiern. Jede Tanzlinde hat auch mal klein angefangen. Damit dies gelingt, müssen Bäume heute so gepflanzt werden, dass sie „morgen“ ein interessanter und habitatreicher, vitaler Altbaum werden können. Dies kann gelingen, wenn wir den zukünftigen Altbäumen in Planung und Umsetzung den Raum geben, den sie brauchen, ober- wie unterirdisch.

Wichtig für ökologische Bildung

Das Naturdenkmal ist die höchste Schutzkategorie, mit der Einzelbäume und Baumgruppen geschützt und erhalten werden können. Alte Bäume stellen einen wichtigen Baustein für den Naturhaushalt dar. Große und älter werdende Bäume sind Habitatinseln im urbanen Bereich. Sie beherbergen eine große Anzahl von Arten und Individuen. Insofern sind sie bedeutend für die innerstädtische Biodiversität. Aber sie sind nicht nur Lebensraum für seltene Tierarten, sondern erzählen gerade aufgrund ihrer Langlebigkeit Geschichten, sind Zeitzeugen und haben einen Wert an sich. Heute sind gerade alte Bäume in Innenstadtlagen wichtiges Anschauungsmaterial für die ökologische Bildung unserer nächsten Generationen. Sollte es da nicht ein Ziel eines jeden Landkreises oder einer jeden kreisfreien Stadt sein, würdige Bäume heute auszuweisen und für morgen Bäume zu pflanzen? //