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Vom schwedischen Kultfilm auf die Musicalbühne


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blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 30.06.2022
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Abb. oben: Welch eine Gegenwelt (v.l.): Emilie Ekdahl (Sanne Mieloo), Alexander (Gabriel Federspieler, i.d.bes. Vorst. Matthias Körber), Blenda Vergerus (Birgit Zamulo), Elsa Bergius (Peter Andreas Landerl), Henrietta Vergerus (Tina Schöltzke), Fanny (Muriel Nova, i.d.bes. Vorst. Aurelia Naveau), Bischof Edvard Vergerus (David Arnsperger) Foto: Reinhard Winkler

Nach dem Erfolg von »In 80 Tagen um die Welt«, im Jahr 2016, kommt nach zwei coronabedingten Verschiebungen die nächste Uraufführung des Duos Gisle Kverndokk (Musik) und Øystein Wiik (Buch und Liedtexte) ans Landestheater Linz. Diesmal handelt es sich um die Musicaladaption von Ingmar Bergmans Erfolgsfilm »Fanny und Alexander« aus dem Jahr 1982, der in Schweden Kultstatus erreicht hat. Die deutsche Übersetzung stammt von Elke Ranzinger und Roman Hinze. Musicalchef Matthias Davids führt Regie.

Das Stück beginnt auf der menschenleeren Bühne, die ein Junge betritt. Vor ihm liegt ein Paket mit einem Kuvert. Er öffnet das Kuvert und liest, was auf der Karte steht. Dann packt er das Geschenk aus. Es handelt sich um eine Laterna magica. Auf der Wand werden Familienporträts in Schwarz-Weiß projiziert. Noch weiß man nicht, wer diese Figuren sind, ahnt jedoch bereits, dass die Geschichte aus der Sicht des ...

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... Jungen erzählt wird.

Diese Einleitung funktioniert sehr gut, weil dadurch die Neugier auf das Kommende geweckt wird, auch wenn dafür auf eine Ouvertüre und eine richtige Eröffnungsnummer verzichtet werden muss. Der flüssigen Dramaturgie lässt sich gut folgen. Ein musikalisches Opening hätte möglicherweise dazu geführt, dass alles ein wenig ins Kitschige abgerutscht wäre. Und kitschig ist absolut nichts an diesem Stück. Ganz im Gegenteil!

In der ersten Szene wird das traditionelle Weihnachtsspiel im Theater der Familie Ekdahl gezeigt.

Eine gute Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass das Theater hier eine große Rolle spielt. Kurz darauf werden bei Helena Ekdahl (Franziska Stanner) Weihnachten gefeiert und in dieser Szene die Protagonisten vorgestellt. Somit wäre auch das Rätsel um die zu Beginn projizierten Porträts gelöst. Helenas Söhne sind Oscar, Carl und Gustav Adolf. Oscar (Karsten Kenzel) leitet das Theater und ist mit Emilie (Sanne Mieloo) verheiratet. Carl (Gernot Romic), ihr zweiter Sohn, ist verschuldet, unglücklich und behandelt seine deutsche Frau Lydia (Daniela Dett) nicht sonderlich gut. Helenas jüngster Sohn Gustav Adolf (Max Niemeyer) ist mit Alma (Nina Weiß) verheiratet und hat eine Affäre mit dem Kindermädchen Maj (Hanna Kastner). Während einer Probe bricht Oscar zusammen und stirbt kurz darauf. Er hinterlässt nicht nur seine Frau Emilie, sondern auch die beiden Kinder Fanny und Alexander, die zwar nicht von ihm gezeugt wurden, die er aber wie eigene Kinder aufgezogen hat.

Nach dem Tod ihres Mannes findet Emilie bei Bischof Edvard Vergerus (David Arnsperger) Trost. Nachdem die Mutter ihren Kindern offenbart hat, dass sie den Bischof heiraten wird, ziehen alle drei in das Haus des Bischofs, der gemeinsam mit seiner gestrengen Schwester Henrietta (Tina Schöltzke), seiner Mutter Blenda (Birgit Zamulo) und seiner Tante Elsa Bergius (Peter Andreas Landerl) unter einem Dach lebt. Das Leben hier scheint sehr bescheiden und geprägt von Disziplin. Es bahnen sich Schwierigkeiten zwischen Alexander und dem Bischof an. Auch wenn der Bischof sich zunächst stets freundlich Alexander gegenüber zeigt, trügt doch der Schein. Alexander ahnt bald, dass sich hinter der Fassade des Geistlichen ein zutiefst böser Mensch verbirgt.

Der erste Akt wirkt etwas gehetzt. Sowohl die Sprechszenen als auch die Lieder erscheinen etwas kurz, auch wenn der Ablauf dramaturgisch logisch aufgebaut ist. Auch die Rolle von Alexander (an dem Abend Matthias Körber) bleibt trotz der inneren Entwicklung zunächst passiv. Gewollt? Er geht nur immer wieder zum Bühnenrand und schaltet seine Laterna magica an. Im zweiten Akt ändert sich das, Alexander wird erst dann Teil der Handlung.

Der zweite Akt wird mit einem Familienpicknick eröffnet: Kindermädchen Maj bekommt ein Kind von Gustav Adolf. Kurz darauf besucht Emilie mit ihren Kindern erstmals wieder die Familie ihres verstorbenen Mannes. Sie erzählt, dass sie es bereut, den Bischof geheiratet zu haben. Sie ist unglücklich, kann ihn aber nicht verlassen, weil sie ein Kind von ihm erwartet und weiß, dass er das alleinige Sorgerecht für die Kinder erhalten würde, wenn sie ihn verließe. Hausmädchen Justina (Celina dos Santos) erzählt den Kindern von der ersten Frau des Bischofs, die gemeinsam mit den Töchtern ertrunken ist. Der fantasievolle Alexander entwickelt daraus seine eigene Version. Für ihn ist der Bischof für den Tod seiner Frau und der Kinder verantwortlich.

Daraufhin kommt es im Haus des Stiefvaters zu einer erneuten Auseinandersetzung zwischen Alexander und dem Bischof, nachdem Alexander ihn beschuldigt hat, seine erste Frau ermordet zu haben.

Zur Strafe schlägt dieser den Jungen und sperrt ihn auf dem Speicher ein. Es kommt zu einer besonders dramatischen Szene, in der Emilie erstmals mit Edvard streitet. Sie möchte ihn verlassen, aber er schwört ihr weiterhin seine Liebe.

Ein unerwarteter Besuch von Helenas Freund Isak Jacobi (Klaus Brantzen) sorgt für Verwirrung, nicht nur bei Henrietta, zeigt für Fanny und Alexander jedoch ein Licht am Ende des Tunnels. Er nimmt die Kinder zu sich. In seinem Haus trifft Alexander auf die Brüder Aron und Ismael, Isaks Neffen. Aron (Lukas Sandmann) macht ihm mit einer düsteren Puppe Angst, Ismael (Alois Mühlbacher) jedoch erhält Zugang zu Alexander. Er blickt in dessen Inneres und erkennt seine Ängste und Wünsche, als er ihm von der Vision eines brennenden Bischofssitzes erzählt.

Schließlich gelingt es Emilie, ihren Mann mit einer Überdosis an Schlafmitteln endgültig loszuwerden.

Am nächsten Morgen wird bekannt, dass der Bischof verstorben ist.

Sechs Monate später ist die Familie Ekdahl, samt Emilie und ihren Kindern, wieder vereint, um die Taufe der Kinder von Emilie und Maj zu feiern.

Außerdem überredet Emilie ihre Schwiegermutter erfolgreich, auf die Bühne zurückzukehren. Alexander legt ein letztes Mal ein Bild in seine Laterna magica hinein. Trotz aller Höhen und Tiefen, doch noch ein hoffnungsvolles Ende.

Musikalisch klingt »Fanny und Alexander« sehr europäisch, erinnert ein wenig an Sylvester Levays Kompositionen: klassisch, etwas Pop, kaum Jazz und Swing. Zu den musikalischen Höhepunkten gehören das Duett ›Still in deinen Armen‹ zwischen Emilie und Edvard und das Solo des Countertenors Alois Mühlbacher, der mit dieser Produktion sein Musicaldebüt gibt, so auch mit der dramatischen Nummer ›Die Sonne rot, verkohlt ein Mensch‹. Die meisten Titel des Stücks sind jedoch leider zu kurz, auch wenn sie dramaturgisch an den richtigen Stellen platziert sind und die Handlung vorwärtsbringen.

Die Liedtexte, die im Original von Wiik stammen, ergeben zunächst Sinn, jedoch wird, speziell im zweiten Akt, immer wieder das Offensichtliche allzu plakativ angesprochen. Das ist schade, weil es sich bei »Fanny und Alexander« um eine tiefgründige Geschichte handelt. Etwas mehr Poesie in den Liedtexten hätte hier gut passt. Es muss nicht immer alles wörtlich in den Liedtexten benannt werden. Das Publikum versteht auch ohne das, wie sich die jeweilige Figur fühlt. Etwas mehr »zwischen den Zeilen« wäre wünschenswert gewesen.

Das Ensemble ist dem Stück durchaus gewachsen: allen voran Sanne Mieloo, die beiden Kinder-Darsteller/innen und David Arnsperger. Während sich Sanne Mieloo von der gefühlsvollen Seite zeigt, vereinen Matthias Körber als Alexander und Aurelia Naveau als Fanny die Sympathien auf sich. Vor allem Matthias Körber strahlt eine große Präsenz aus und begeistert schauspielerisch. David Arnsperger beeindruckt als Bischof sowohl stimmlich als auch schauspielerisch, auch wenn er der Antagonist des Stücks ist – oder vielleicht genau deshalb, weil er sich in der Rolle des Bösewichts besonders wohlfühlt.

Das Bühnenbild von Hans Kudlich ist minimalistisch, aber dafür multifunktional. Es besteht aus Wänden und Türen, die man oft von beiden Seiten sieht. Das funktioniert gut und ermöglicht eine flüssige Dramaturgie. Farblich wirkt das Ganze zwar häufig düster, aber das ist bei den Inszenierungen von Matthias Davids nichts Neues. Das Bühnenbild wird durch Videos von Jonatan Salgado Romero erweitert.

Diese sind effektiv, wie etwa zu Beginn die Familienporträts der Laterna magica, oder wenn Bäume auf die Wand projiziert werden, wie in der Begräbnisszene.

Musicalchef Matthias Davids gelingt es auch hier, mit dem richtigen Tempo, Präzision und viel Gefühl, eine große Geschichte zu erzählen. Das Libretto ist gelungener als die Musik. Unter der musikalischen Leitung von Tom Bitterlich spielt ein 15-köpfiges Orchester, das hinter der Bühne platziert, nicht sichtbar wird, jedoch für einen schönen Klang sorgt. Dennoch fehlen der Partitur, wie bereits erwähnt, die richtig großen Nummern. Das liegt daran, dass speziell im ersten Akt sehr schnell von einer Szene in die nächste gewechselt wird. »Fanny und Alexander« ist ein Musical für die ganze Familie, aber wer auf ein fröhliches Musical hofft, wird enttäuscht sein. Viel mehr darf man sich auf ein tiefgründiges Stück Musiktheater freuen, das berührt. Trotz der Verarbeitung von Themen wie häusliche Gewalt und Tod, ist dieses auch ein hoffnungsvolles Stück, das bestimmt viele Zuschauer begeistern wird.

Ludovico Lucchesi Palli