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Vom Tanz auf der Spekulationsblase


Sachwert Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 05.12.2019

Auch die schlauesten Köpfe fallen manchmal auf ihr Wunschdenken herein


Artikelbild für den Artikel "Vom Tanz auf der Spekulationsblase" aus der Ausgabe 1/2020 von Sachwert Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sachwert Magazin, Ausgabe 1/2020

Auszug aus dem Buch „Die Wohlstandsvernichter“ von Claus Vogt und Roland Leuschel


Der Ökonom Irving Fisher 1927. Noch heute sind seine Bücher fundamentale Lehrwerke der Ökonomie.


Immer wieder kommt es zu epochalen Spekulationsblasen, so auch jetzt »
Aktien befinden sich auf einem dauerhaft hohen Plateau«, sprach der US-amerikanische Ökonom Irving Fisher (1867–1947) unmittelbar vor dem großen Börsenkrach des Jahres 1929. Fisher gehört zweifelsohne zu den ganz Großen seiner Zunft. Er lieferte gleich mehrere bahnbrechende Beiträge zur ...

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Immer wieder kommt es zu epochalen Spekulationsblasen, so auch jetzt »
Aktien befinden sich auf einem dauerhaft hohen Plateau«, sprach der US-amerikanische Ökonom Irving Fisher (1867–1947) unmittelbar vor dem großen Börsenkrach des Jahres 1929. Fisher gehört zweifelsohne zu den ganz Großen seiner Zunft. Er lieferte gleich mehrere bahnbrechende Beiträge zur Entwicklung der Volkswirtschaftslehre, darunter die berühmte Quantitätsgleichung des Geldes, die sich in jedem Lehrbuch der Volkswirtschaft befindet. Bereits mit 31 Jahren wurde er zum Professor in Yale berufen. Darüber hinaus war Fisher ein sehr erfolgreicher Erfinder. Der Verkauf des von ihm entwickelten Archivierungssystems für Visitenkarten, das bis heute unter dem Markennamen Rodolex bekannt ist, machte ihn 1925 zum Multimillionär.
Doch damit nicht genug. In den 1920er-Jahren wurde Fisher als Aktienmarkt-Experte nicht zuletzt durch öffentliche Auftritte im damals noch jungen Medium Radio zum ersten Publikumsstar unter den Ökonomen. Er wurde zu einem wichtigen Antreiber der maßlosen Euphorie, die damals an den Aktienmärkten ausgebrochen war. Solange die Kurse stiegen, war seine Stellung als Liebling der Massen unangefochten.

Der große Irving Fisher erlag der Euphorie am Aktienmarkt
Trotz seines offensichtlich brillanten Intellekts gelang es Irving Fisher jedoch nicht, die riesige Spekulationsblase an den Aktienmärkten und die von ihr ausgehenden Gefahren für das Finanzsystem und für die Weltwirtschaft zu erkennen. So ließ er sich am 21. Oktober 1929 zu einem Kommentar hinreißen, der sein erfolgsverwöhntes Leben verändern sollte und ihn unter Börsianern unsterblich machte:

»Stock prices have reached what looks like a permanently high plateau.« (Die Aktienkurse haben, wie es aussieht, ein dauerhaft hohes Niveau erreicht.) Das Timing dieser Fehleinschätzung hätte im Nachhinein betrachtet kaum unglücklicher gewählt sein können. Obwohl der Dow Jones Industrial Average von seinem am 1. September 1929 erreichten Hoch von 386 Punkten bereits um 12 Prozent gefallen war, befand er sich am 21. Oktober erst am Beginn des spektakulärsten Aktiencrashs aller Zeiten. In den folgenden sieben Börsentagen stürzte der Index von 340 auf 212 Punkte ab, ein Kursrückgang um weitere 38 Prozent. Von seinem Hoch aus gerechnet, hatte der Dow Jones Industrial Average statt eines dauerhaft hohen Niveaus also einen Kursrückgang von 45 Prozent erlitten.

Claus Vogt ist Finanzanalyst und Autor des Börsenbriefs „Krisensicher investieren“. Den von ihm entwickelten Gold-Preisbänder-Indikator nutzt er für Prognosen für die Investition vor allem im Gold- und Edelmetallsektor. Nun hat er in Zusammenarbeit mit Roland Leuschel das Buch „Die Wohlstandsvernichter“ geschrieben.


Wie wir heute wissen, war dieser heftige Kurseinbruch sogar nur der Auftakt zu weiteren herben Verlusten. Er markierte zugleich den Beginn der Weltwirtschaftskrise. Am Tiefpunkt dieser Baisse, der im Juli 1932 erreicht wurde, notierte der Index bei 41 Punkten. Der gesamte Kursrückgang belief sich somit auf 89 Prozent. Bezogen auf den Höchstkurs von rund 13.600 Punkten, den der DAX im Jahr 2018 erreicht hat, entspräche das einem Kursrückgang auf rund 1500 Punkte. Unwahrscheinlich? Ja. Ausgeschlossen? Natürlich nicht. Das gilt umso mehr, als die fundamentale Überbewertung der US-amerikanischen Weltleitbörse aktuell ähnlich groß ist wie 1929. Darauf werden wir später noch zu sprechen kommen.

Fisher im Sog der Weltwirtschaftskrise Auch nach dem Crash von 1929 blieb Irving Fisher ausgesprochen bullish. Er prognostizierte eine schnelle Erholung der Kurse und der Konjunktur. Interessanterweise verlor er auf diese Weise nicht nur einen großen Teil seines Vermögens und seines Rufs als Aktienmarkt-Experte, sondern völlig zu Unrecht auch seine Reputation als brillanter Ökonom. Seine Zeitgenossen waren offenbar nicht in der Lage, zwischen den hervorragenden ökonomischen Beiträgen Fishers und seiner desaströsen Fehleinschätzung der Aktienmärkte und der Wirtschaftslage zu unterscheiden.

Das sollte sich erst nach seinem Tod im Jahr 1947 langsam wieder ändern. So bezeichnete ihn Josef Schumpeter in seinem 1951 erschienenen Buch »Ten Great Economists from Marx to Keynes« als den größten Ökonomen, den die USA jemals hervorgebracht hätten. Dieser Einschätzung schlossen sich später auch andere Größen der Zunft an, darunter Milton Friedman. In dem ansonsten sehr empfehlenswerten Buch »Große Ökonomen und ihre Theorien«, das 2007 erschien, war für Irving Fisher zu unserem Bedauern noch immer kein Platz.

Auch andere große Denker tappten in die Falle
Für Sie als Börsianer sind die Erfahrungen und Fehleinschätzungen Fishers nicht nur deshalb so interessant und lehrreich, weil sie typisch sind für alle weiteren Spekulationsblasen. Darüber hinaus zeigt dieses Beispiel auch, dass selbst große Denker und Koryphäen vom Format eines Irving Fisher nicht vor massenpsychologischen Verblendungen gefeit sind.
So tappte auch der weltberühmte englische Physiker, Mathematiker, Astronom, und Philosoph Isaac Newton in die gleiche Falle. Auch dieser geniale Denker, der mit seinen bahnbrechenden Lehren das moderne Zeitalter der Physik und der klassischen Mechanik begründete, wurde Opfer einer massenpsychologischen Verblendung, die als Südseeblase in die Finanzgeschichte eingegangen ist. Im Zentrum dieser Spekulationsblase stand die englische South Sea Company, die von der Regierung das Monopol für den gesamten Südseehandel erhalten hatte und im Gegenzug in mehreren Schritten die englischen Kriegsschulden übernahm.

Das Unternehmen versuchte sich zunächst in der Verschiffung von Sklaven von Afrika nach Lateinamerika, erwirtschaftete damit aber kaum Gewinne. Auch war es jahrelang nicht in der Lage, einen profitablen Südseehandel zu etablieren, obwohl der Welthandel florierte. Genau genommen handelte es sich bei der South Sea Company nur um eine leere Hülle. Das Unternehmen erhielt Zinsen vom englischen Staat und schüttete diese als Dividenden aus.

Doch dann schmiedete John Blunt, der Direktor des Unternehmens, einen perfiden Plan: Er beschloss, die Gunst der Stunde zu nutzen, da in London ein gewisses Spekulationsfieber ausgebrochen war, und den Kurs der Aktie nach oben zu treiben. Er versprach das Blaue vom Himmel herunter, schwärmte von sagenhaften Geschäftsmöglichkeiten in Südamerika und von Gold- und Silberschätzen, die angeblich nur darauf warteten, von seiner Gesellschaft gehoben zu werden. Tatsächlich gelang es ihm mit diesen Lügen, die Gier der Anleger zu wecken. Sie begannen damit, den Aktienkurs durch ihre verstärkte Nachfrage anzufeuern.

Auch Sir Isaak Newton ließ sich von dem Werben der South Sea Company täuschen. So mutet es schon fast ein wenig ironisch an, dass sein Konterfei von 1978 bis 1988 die Britische Ein-Pfund-Note zierte.


Bild: wikimedia/George Grantham Bain collection at the Library of Congress, Imago images/Christian Ohde

Bild: Vogt, Imago images/Richard Warham