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Von 1968 lernen?! Serie – 5. Folge ■ Ist die Schülerbewegung Geschichte? Erfahrungen aus einem bildungshistorischen Schülerprojekt zu 1968


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 30.04.2018

Die »Schülerbewegung« der sechziger Jahre ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Jugendliche sich engagierten und politisierten. Im Schülerlabor der Ruhr-Universität Bochum haben Oberstufen-Geschichts- und Pädagogik-Kurse aus bildungshistorischer Perspektive die '68er-Schülerbewegung erforscht. Dabei haben sie sich auch mit der Frage auseinandergesetzt, was daraus (für) heute über den Wandel von Schule gelernt werden kann.


›1968‹ an der Schule und im Schülerlabor

»Wofür könnten Schüler_innen Ende der 1960er Jahre auf die Straße gegangen sein? Stellt Vermutungen an. Denkt dabei auch an eure eigene ...

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Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 5/2018

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... Schüler-Situation!« – Diese Aufgabe zum Einstieg in unseren ersten Projekttag über die 68er-Schülerbewegungwar, wie sich schnell zeigte, nicht gut gewählt. Zwar hatten wir die Oberstufenschüler_ innen (Geschichte und Pädagogik), die an unserem Projekt»›1968‹ an der Schule? Die Schülerbewegung der sechziger Jahre und der Wandel der Schule in Westdeutschland « teilnahmen, vorab bereits mit Bildquellen auf historische Kontexte und wichtige Ideengeber der Schülerbewegung aufmerksam gemacht. Aber nicht nur diese waren den heutigen Schüler_innen weitgehend unbekannt. Anders als wir angenommen hatten, fiel es ihnen auch schwer, von ihren Schulerfahrungen auf die hochgradig politisierten Interessen von Gymnasiast_innen vor 50 Jahren zu schließen.

Abb. 1.: Die Herren im Bild rechts oben und unten waren den meisten Schüler_innen aus unserem Projekt zuerst unbekannt und die Forderung auf dem Transparent löste nicht nur Heiterkeit, sondern auch Befremden aus. (Quelle:Rote Schule (1969), Titelseite)


Unsere Erfahrungenmit dem Projekt, insbesondere dieses Spannungsverhältnis unterschiedlicher Herangehensweisen, möchten wir zum Anlass einer Reflexion nehmen. Ist die Schülerbewegung heute, fünfzig Jahre danach, Geschichte? Was können Schüler_innen heute noch aus »1968« lernen? Um diese Fragen beantworten zu können, werden wir vorab einen kurzen Einblick in die Forschung zur westdeutschen Schülerbewegung geben. Dann skizzieren wir die Konzeption unseres Projekts und greifen die Frage auf, was Schüler_ innen heute möglicherweise aus der Schülerbewegung lernen können. (Abb. 1)

Die Schülerbewegung der 1960er Jahre in Westdeutschland – ein kurzer Überblick

Wenn von »1968« die Rede ist, ist meist die Studentenbewegung gemeint. Durch einen solchen Fokus, der die '68er-Bewegung mit den antiautoritären Studentenprotesten identifiziert, gerät aber aus dem Blick, wie andere gesellschaftliche Gruppenvon ihr ergriffen wurden und sie mittrugen. Dazu sind auch Schüler_innen zu zählen, insbesondere eine Gruppe überwiegendmännlicher Gymnasiasten. Ende der sechziger Jahre meldeten sie sich zahlreich zu Wort, organisierten sich, schufen neue Medien zur Artikulation ihrer Interessen und diskutierten neue Formen der Mitgestaltung des Schulalltags. Dabei nahmen sie Schlagworte und Aktionsformen der Studentenbewegung auf undblieben auch organisatorisch eng mit ihr verbunden. Hinsichtlich ihrer Gesellschaftskritik und ihrer politischen Forderungen traten sie häufig nichtweniger radikal auf als diese und setzten sich »nicht nur für eine andere Schule, sondern auch für eine andere Gesellschaft ein« (Gass-Bolm 2006, S. 114). Zugleich entwickelten sie aber eigene Anliegen, die aus konkreten Erfahrungen in Schule und Elternhaus erwuchsen und erst daraus verständlich werden. (Apel 2011, S. 17)

Schon länger Gegenstand lokalhistorischer Arbeiten, stößt die Schülerbewegung inzwischen auch als eigenständige Bewegung auf Interesse der Geschichtswissenschaft (siehe vor allemSchildt 2003,Gass-Bolm 2006,Apel 2011). Dort wird untersucht, auf welche Weise sich Schüler_ innen an den Protesten in den späten 1960er Jahren beteiligten, welche Ziele sie verfolgten, welche Beziehungen es zur Studentenbewegung gab und wie sich die Proteste auf die Institution Schule auswirkten. Inübergreifender Perspektive wird die Frage nach der Bedeutung der Schülerproteste für den längerfristigen Wandel von Gymnasien diskutiert: Bereiteten sie eine Demokratisierung des Schullebens vor, oder waren sie eher das Resultat einer vorhergehenden Liberalisierung der Schule, durch die in den 1960er Jahren neue Räume für Kritik überhaupt erst eröffnet wurden (vgl. dazu insbesondereGass-Bolm 2006)?

Während die Revolte der Schüler_innen für die zeitgenössischen Beobachter überraschend kam (Schildt 2003, S. 233), bemüht sich die Forschung, auch längerfristige Kontinuitäten auszumachen. »Im ›Aufstand der Schüler kulminierten«, so Linde Apel, »länger wirkende Prozesse, und damit unterscheidet sichdie Schülerbewegung nicht von anderen Bewegungen dieser Jahre«. (Apel 2011, S. 14)

»Schüler aller Klassen vereinigt euch!« – Ziele der Schülerbewegung

Vorbereitet wurde die Schülerbewegung etwa durch die Schülermitverwaltung (SMV), eine Vorgängerinstitution der heutigen Schülervertretung. Nach 1945 konnte sich die SMV durch den Einfluss der Alliierten, aber auch durch Unterstützung von Schulverwaltungen und Lehrer_innen an westdeutschen Schulen etablieren. (Gass-Bolm 2006, S. 115) Zwar stand sie unter dem Zeichen der ›Demokratisierung‹ des Schullebens, das zugrunde gelegte Demokratieverständnis und die pädagogischen Konzepte unterschieden sich aber in wesentlichen Punkten von späteren: So wurden Lehrpersonen als Führungsfiguren verstanden, deren Autorität sich die Schüler_ innen freiwillig unterstellen sollten. Als Schlüsselbegriff fungierte die »Partnerschaft« zwischen Schüler_ innen und Lehrpersonen, die jedoch als ungleiche gedacht wurde. (ebd. ) Bereits Ende der 1950er Jahre zeichneten sich erste Erosionserscheinungendes Konzepts ab. (ebd. , S. 117) Unterstützt von pädagogischen Expert_innen und Mitgliedern der SMV selbst wandelte sie sich zu einer Interessensvertretung der Schülerschaft. Als Vertreter_innen der Schülerbewegung gegen die SMV rebellierten und ihr, wie indieser Schülerzeitung (Abb. 2), Opportunismus gegenüber der Schulverwaltung vorwarfen, nahmen sie Freiheiten in Anspruch, die sie wenige Jahre zuvor noch nicht gehabt hätten.


Interessen von Schüler_innen lassen sich nicht überzeitlich bestimmen oder aus der Institution Schule ableiten.


Abb. 2: Die Schüler_innen um 1968 formulierten ihre Kritik an der bestehenden SMV anschaulich (aus: Splitter. Volksund Realschule Maretstraße (Hamburg) 1968, Nr. 10 (in:Ritzi 2009, S. 48)).


Die Idee einer natürlichen Autorität der Lehrpersonen wurde radikal in Frage gestellt.


Von besonderer Bedeutung für die Schülerbewegung war die Gründung desAktionszentrums Unabhängiger und Sozialistischer Schüler (AUSS), das Schüler_innen im Juni 1967 gemeinsam mit Protagonist_innen desSozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) ins Leben riefen. Der Dachverband sollte Schülergruppen vereinen, die sich seit Jahresbeginn gegründet hatten. Anfang 1968 wuchs das AUSS zu einer breiteren Bewegung an, die sich neuer Protestformen wie Demonstrationen, Schulstreiks und neuer Medien, insbesondere Flugblätter und Schülerzeitungen bediente, um ihre Forderungen zu artikulieren. Mitte des Jahres 1968 existierten Torsten Gass-Bolm zufolge ca. 100 Schülergruppen, von denen über die Hälfte im AUSS organisiert war. Diese Trägergruppe der Schülerbewegung, die ca. 3000 Personen umfasste, repräsentierte zwar nur einen geringen Teil der damaligen Gymnasiast_innen, trat aber öffentlichkeitswirksam auf. (ebd. , S. 120) Dabei verstanden die Schüler_innen »die Umwälzung der Schulen als Bestandteil einer Revolutionierung der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse, wie überhaupt nach 1967/68 alle diese Bewegungen zwischen lokaler konkreter Reformaktivität und entgrenztem weltrevolutionären Aktionismus auf der anderen Seite oszillierten « (Herrmann/Baader 2011, S. 10). (Abb. 3)

Die Idee einer natürlichen Autorität der Lehrpersonen wurde radikal in Frage gestellt. Demokratie sollte in ihrer Konflikthaftigkeit sichtbar werden. (Gass-Bolm 2006, S. 130 f.) Konkret forderten die Schüler_innen Meinungs- und Pressefreiheit an der Schule, Mitbestimmungsrechte bezüglich der Schulordnung, der Unterrichtsinhalte und der Unterrichtsgestaltung, z.B. mit Blick auf den Sexualkundeunterricht, Partizipation bei Der Notengebung oder gleich das Ende des Zensurensystems sowie die Abschaffung der Anwesenheitspflicht.

Sie beteiligten sich aber auch an Aktionen, die über das Schulleben hinausgingen, indem sie etwa gemeinsam mit Student_innen und weiteren Teilen der Bevölkerung im Zuge der »Roter-Punkt-Aktion« gegen die Erhöhung der Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr oder gegen die Notstandsgesetze demonstrierten. In ihrer Ausrichtung lassen sich verschiedene Richtungen der Schülerbewegung unterscheiden: Während das AUSS für eine umfassende gesellschaftliche Revolution eintrat, forderten andere Gruppen eher konkrete schulische Reformen. (vgl.Gass-Bolm 2006, S. 123 f.)

Zur Konzeption des Schülerprojekts

In unserem Projekt wollten wir zunächst die Bandbreite und Vehemenz dieser Forderungen aufzeigen und die Leitideen herausarbeiten, die den Protesten zugrunde lagen. Danach sollte in Fallstudien untersucht werden, wie sichdie Schüler_innen Ende der 1960er Jahre konkret engagierten, organisierten und politisierten und auf welche Reaktionen sie in der Schule trafen. Abschließend wollten wir die Frage nach dem Wandel der Schule diskutieren und aktuelle Bezüge herstellen.

Dadurch wollten wir die Schüler_ innen mit einem aktuellen Forschungsfeld der Bildungsgeschichte in Kontakt bringen und ihnen zugleich einenmöglichst authentischen Einblick in die Methodik bildungshistorischen Arbeitens gewähren. Dabei sollten auch Chancen und Schwierigkeiten der Arbeit mit historischen Quellen praktisch erfahrbar werden. Anders als oft im Unterricht üblich, arbeiteten sie dazu mit Originalquellen. Die Schüler_innen konkretisierten selbst Leitfragen, wählten Quellen mit aus und begründeten ihre Entscheidungen. Nebenveröffentlichten und erschlossenen Quellen konnten wir auf Unterlagen zurückgreifen, die wir im NRW-Landesarchiv in Münster recherchiert hatten. Dadurch bezogen sich viele Quellen auf die Region, in der die Projektteilnehmer_ innen selbst die Schulbank drücken. Ausgewählte Fundewurden in einem Quellenreader zusammengestellt, der während des Projekts in gedruckter Form und zur Nachbereitung im Unterricht digitalisiert in einem Moodle-Kurs zur Verfügung stand. Dieser Online-Kurs enthielt auchweiterführendes Material, etwa zeitgenössische Ton- und Filmaufnahmen, diewährend der Erarbeitungsphasen genutzt werden konnten.

Zu Beginn galt es aber, die Grundtendenzen der Schul- und Gesellschaftskritik der Schülerbewegung herauszuarbeiten. Um die beschriebene ›Oszillation zwischen schulreformerischer Aktivität und weltrevolutionärem Anspruch‹ zu verdeutlichen, griffen wir auf Karikaturen, Flugblätter und Fotografien von Protesten zurück. Über die Diskussion dieser Quellen konnten zugleich die Medien des Protests, Kommunikationsformen und typische Stilmittel thematisiert werden. Kritik und Forderungen sollten aber nicht für sich stehen bleiben, sondern wurden in Inputvorträgen und Unterrichtsgesprächen in zweierlei Hinsicht kontextualisiert: Einerseits mit Blick auf die Situation der Schule inden sechziger Jahren; andererseitsmit Blick auf die breitere Studenten- und die Bürgerrechtsbewegung, die mit »1968« verbunden ist. (Abb. 4)

Abb. 3: Aufruf des Aktionszentrums Unabhängiger und Sozialistischer Schüler (AUSS): Eine Kampfansage an die alte Schule
(Quelle: http://www.mao-projekt.de/BRD/VDS/AUSS.shtml (16.01.2016))


Im zweiten Schritt erarbeiteten die Schüler_innen in vier Gruppen anhand folgender Fallbeispiele Verlauf und Auswirkungen der Schülerproteste:
1. die »Roter-Punkt«-Aktion gegen die Erhöhung der Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr, die auch in Bochum unter Beteiligung von Schüler_innen großen Zulauf hatte und in der Lokalpresse große Aufmerksamkeit erhielt,
2. die ›Sexualumfrage‹ einer Frankfurter Schülerzeitung und die überregional geführte Debatte um die Sexualerziehung und -aufklärung in der Schule,
3. die Gründung eines »Unabhängigen Schülerbundes« an einem Dortmunder Gymnasium und die schulinternen Auseinandersetzungen um dessen Einflussnahme auf die Schulöffentlichkeit,
4. der Schülerstreik an einer Bochumer Schule gegendie Notstandsgesetze und die Reaktionen des Rektors und des Kollegiums.

Arbeit an Fallbeispielen

Die Fallbeispiele waren so gewählt, dass die Ereignisse aus multiperspektivischen Darstellungen rekonstruiert und die unterschiedlichen Quellentypen und Deutungsperspektiven der Beteiligten mitbedacht werden mussten. Sie sollten nicht nur zentrale Themen der Schülerbewegung mit einem lokalhistorischen Bezug aufgreifen, sondern auch charakteristische Quellen der Bildungsgeschichte (Flugblätter, Schülerzeitungen, Schulverwaltungsakten sowie Presseartikel) präsentieren. An den Quellenarrangements ließ sich die Frage nach dem Wandel der Schule unter dem Einfluss der Schülerbewegung verfolgen. Exemplarisch konnten die Schul- und Gesellschaftskritik der Schülerbewegung, ihre Überführung in Protestformen und die Reaktionen bzw. wechselseitigen Aushandlungen zwischen Schüler_innen, Lehrpersonen, Schulverwaltung und Öffentlichkeit erarbeitet werden.

Der Arbeitsauftrag bestand darin, unsere Leitfrage nach Aktionsformen und Reaktionen der Schulen zu verfolgen und den Fall so aufzubereiten, dass die Gruppe ihn den Mitschüler_innen präsentieren und gemeinsam mit ihnen diskutieren konnte. Dazu wählten die Gruppenmitglieder diejenigen Quellen aus, die ihnen besonders aussagekräftig erschienen, und begründeten ihre Auswahl. In einer Reflexionsphase wurden die Perspektiven der jeweiligen Quellen genauer betrachtet und diskutiert, auf welche Reaktionen die Schülerbewegung an den unterschiedlichen Schulen traf und inwiefern diese auf eine Veränderungsbereitschaft der jeweiligen Gymnasien schließen lassen.

Abschließend haben wir den Versuch unternommen, auf den Wandel der Schule vom Ende der fünfziger bis in die siebziger Jahre zurückzublicken. Als Impuls dienten uns Bilder von Abiturklassen von 1958 einerseits und 1977 andererseits (Gass-Bolm 2005, S. 426–427) sowie der Vergleich von Abiturreden und Erinnerungen, die diesen Wandel illustrieren. Schließlich wollten wir einen Bezug zum aktuellen Schulleben herstellen und von den Schüler_innen wissen, welche Themen der Schülerbewegung aus ihrer Sicht bis heute relevant sein könnten.

Abb. 4: »Klebezettel für Einzelkämpfer« – Der kurze und provokative Charakter von Flugblättern und Aufrufen aus der Schülerbewegung macht sie zu prägnanten Quellen für den Unterricht. (Amendt 1968, S. 73)


Was Schüler_innen heute aus »1968« lernen können

Diese Fragen nach der heutigen Relevanz der Schülerbewegung, die wir erst zum Abschluss des Projekttages vor dem Hintergrund des Erarbeiteten stellten, waren für viele Lehrpersonen offenbar das eigentlich Entscheidende. Obwohl sie sich für ein explizit geschichtswissenschaftlich orientiertes Projekt entschieden hatten, schien ihnen ein historischer Zugang dazu offenbar eher hinderlich.

Sie hatten wohl geahnt, dass die Antworten, die die Schüler_innen auf unsere Fragen gaben, erkennen lassen würden, dass sie zwar für einige zeitgenössische Forderungen durchaus Verständnis zeigten – vor allem für ›handfeste‹ Ziele wie den Kampf gegen Fahrpreiserhöhungen. Mit den meisten Themen konnten sie jedoch mit Blick auf die eigene Lebenswelt wenig anfangen. Die Rolle der Schülervertretung für ihren Schulalltag schien ihnen eher marginal, ohne dass dies für sie ein Problem darstellte. Schülerzeitungen nahmen sie explizit nicht als politisches Medium wahr und schrieben ihnen insgesamt keine große Bedeutung für die Schulöffentlichkeit zu. Die Forderung nach Sexualaufklärung in der Schule war den heutigen Schüler_ innen eher fremd, da selbstverständlich. Einige der Lehrpersonen zeigten sich mit dieser Haltung ihrer Schüler_innen keineswegs zufrieden. Offenbar hatten sie auchdeshalb die Hoffnung gehegt, dass unser Projekt stärker auf eine Politisierung und Demokratisierung der Schüler_innen abzielen würde. Aber ist das überhaupt ein legitimes Anliegen? Was könnte und sollte ein solches Projekt im Bestfall leisten?

Aus wissenschaftspropädeutischer Sicht schien uns die Schülerbewegung zunächst ein gutes Beispiel, um Schüler_innen geschichtswissenschaftliche Arbeitsweisen näherzubringen. Aus einer solchen Perspektive ist der schulgeschichtliche Zugang didaktisches Mittel zum Zweck, knüpft er doch an Erfahrungen der Schüler_innen an, die durch diese Nähe zur Quellenarbeit motiviert werden können. (Lange 2001, S. 44) Diese Quellen sind im Fall der Schülerbewegung gut zugänglich. Sie sind häufig knapp, provokativ und interessant, wenn sie von Schüler_innen selbst stammen, einen Blick hinter die Kulissen des Schulalltags erlauben oder aufzeigen, wie über Heranwachsende in der Presse gesprochen wurde. Da Jugendliche in der Moderne in den Blickpunkt des öffentlichen und politischen Interesses rücken und der Schulbesuch eine zentrale Alltagserfahrung jedes Heranwachsenden ist, bietet Bildungsgeschichte insgesamt einen spannenden Zugang zur allgemeinen Gesellschaftsgeschichte, der sich besonders gut didaktisch fruchtbar machen lässt.

Das Projekt als Impuls für eigenes politisches Engagement?

Aber ist das alles? Ist ein solcher Zugang zur Zeitgeschichte über die Schülerbewegung in einem didaktischen Kontext nur ein Mittel, um Lernende zu motivieren, sich in der geschichtswissenschaftlichen Arbeitsweise zuüben? Sicherlich waren auch Erwartungen der Lehrpersonen an unser Projekt, wenn sie sich davon einen Beitrag zur Bildung eines demokratischen Bewusstseins und eine Anregung zur politischen Mitgestaltung erhofften, nicht unberechtigt. Der Anspruch, durch eine Beschäftigung mit der Schülerbewegung um 1968 unmittelbar Demokratieerziehung im Sinne von Wertevermittlung zu leisten und einen direkten Impuls für eigenes politisches Engagement zu setzen, erscheint uns allerdings unrealistisch. Er droht zudem, den wissenschaftspropädeutischen Charakter zu verwässern.

Durch den von uns gewählten Zugang kann jedoch möglicherweise erreicht werden, dass Alternativen zum eigenen Schulalltag erkennbar werden: Schule ist nicht einfach gegeben, sondern wird gemacht. Wie Schulen zu einer bestimmten Zeit organisiert und gestaltet sind, ist insofern auch nicht alternativlos. Um das einzusehen, müssen sie als Produkt des Denkens und Handelns derjenigen sichtbar gemacht werden, die diese Institutionen prägen. Dazu gehören auch die Schüler_innen selbst. Die Protagonist_ innen der Schülerbewegung waren sich dieser Tatsache bewusst, und sie waren überzeugt, durch ihr Engagement weitreichenden Einfluss nicht nur auf die Schule, sondern auch die Gesellschaft der Zukunft nehmen zu können.

Diese Einsicht in diese grundsätzliche Wandelbarkeit von Schule selbst könnte es sein, die durch eine dezidiert historische Herangehensweise auch heutigen Schüler_innen vermittelt werden könnte. Damit könnte sie auf dem Weg der Verfremdung zur Förderung dessen beitragen, was zeitgenössisch als ›dialektische Phantasie‹ bezeichnet worden wäre – die Phantasie, die man benötigt, umsich Alternativen zu dem auszumalen, was zunächst für alle Zeiten wie in Steingemeißelt wirkt – frei nachdem Sponti-Spruch: »Unter dem Pflaster liegt der Strand«. Konkret kann ein solches Projekt beispielsweise die Rolle von Schülerzeitungen für die Schulöffentlichkeit und die Einflussmöglichkeiten der Schülervertretung veranschaulichen oder die gesellschaftliche Bedeutung vermeintlich unpolitischer Themen bewusstmachen – auch wenn daraus keine direkten Handlungsanweisungen abgeleitet werden können.

Literatur

Amendt, Günter (Hg.) (1968): Kinderkreuzzug oder Beginnt die Revolution in den Schulen? Reinbek
Apel, Linde (2011): Der Nachwuchs der Revolte. Die Schülerbewegung der 1960er-Jahre am Beispiel der Hamburger Gruppe des Aktionszentrums Unabhängiger und Sozialistischer Schüler AUSS. In: Meike Sophia Baader/Ulrich Herrmann (Hg.): 68 – Engagierte Jugend und Kritische Pädagogik. Weinheim/ München, S. 14–29
Gass-Bolm, Torsten (2005): Das Gymnasium 1945–1980. Bildungsreform und gesellschaftlicher Wandel in Westdeutschland. Göttingen
Gass-Bolm, Torsten (2006): Revolution im Klassenzimmer? Die Schülerbewegung 1967–1970 und der Wandel der deutschen Schule. In: Christina von Hodenberg/Detlef Siegfried (Hg.): Wo »1968« liegt. Göttingen, S. 113–138


Mit den meisten Themen zur Schülerbewegung konnten die Schüler mit Blick auf ihre eigene Lebenswelt zuerst wenig anfangen.


Herrmann, Ulrich/Baader, Meike Sophia (2011): Einführung. In: Dies. (Hg.): 68 – Engagierte Jugend und Kritische Pädagogik. Weinheim/ München, S. 9–13
Lange, Dirk (2001): 1968 in der Schule. In: Praxis Geschichte H. 6/2001, S. 43–47
MAO-Projekt (2018): URL: https:// www.mao-projekt.de/BRD/VDS/ Linkliste_Schuelerbewegung.shtmlRote Schule (1969): Rote Schule – Zentralorgan der sozialistischen Schüler und Lehramtskandidaten 2/1969. URL: https://mao-archiv.de/Scans/ BRD/NS/BRS/GOE/Schule/ASS/ Goettingen_SSG_Rote_Schule_031. jpg (28.12.2017)
Ritzi Christian (2009): »Zu Wort kommen«. 1968 im Spiegel von Schülerzeitschriften. Katalog zur Ausstellung. Berlin, S. 48. URL: http://opac.bbf.dipf.de/pdf/zuwortkommen.pdf (27.12.2017)
Schildt, Axel (2003): Nachwuchs für die Rebellion – die Schülerbewegung der späten 60er Jahre. In: Jürgen Reulecke (Hg.): Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert. München, S. 229–251

Laura Martena und Sandra Wenk arbeiten am Institut für Erziehungswissenschaft – Sozialgeschichte des Aufwachsens und der Erziehung – der Ruhr-Universität Bochum.
Adresse: Universitätsstraße 150, 44780 Bochum
E-Mail: laura.martena@rub.de | sandra.wenk@rub.de