Lesezeit ca. 11 Min.
arrow_back

VON BERGEN & MEER


Logo von National Geographic Traveler
National Geographic Traveler - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 26.08.2022

Best of NA CHSAISON

Artikelbild für den Artikel "VON BERGEN & MEER" aus der Ausgabe 4/2022 von National Geographic Traveler. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: National Geographic Traveler, Ausgabe 4/2022

In den zweiten Gang hinunterzuschalten, ist wenig hilfreich. Der Motor meines Leihwagens klingt, als hätte er Asthma. Er pfeift aus dem letzten Loch.

Während ich einen weiteren Berg auf Zypern erklimme und mir die Landschaft einen adäquaten Ausgleich bietet, nämlich Wasserfälle und Wälder, hört sich mein Toyota an, als würde er ein Trauma erleiden, das noch lange andauern wird. Da muss er durch – wir bewegen uns gen Himmel und die Temperatur sinkt, während unsere Höhenmeter steigen.

Der Tourismus mag die Küsten von Zypern verändert haben. Doch das Landesinnere erzählt eine andere Geschichte … von einer Zeit vor Kreuzfahrtschiffen und Pauschalurlaubern. Die alten Griechen hielten daran fest, dass Zypern so wunderschön war und deshalb ein Spielplatz ihrer Götter sowie der Geburtsort der schönsten von ihnen: Liebesgöttin Aphrodite. Mir ist bewusst, dass meine Chancen sehr schlecht ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von National Geographic Traveler. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Das ist alles so entspannend. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das ist alles so entspannend
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Buntes Brodeln. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Buntes Brodeln
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von IM EINKLANG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
IM EINKLANG
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von DIN 5009. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIN 5009
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
MACAU
Vorheriger Artikel
MACAU
HÜTTEN - ZAUBER
Nächster Artikel
HÜTTEN - ZAUBER
Mehr Lesetipps

... stehen, auf meiner Reise irgendwelchen Gottheiten zu begegnen. Trotzdem suche ich die zeitlosesten Gegenden der Insel auf: das Troodos-Gebirge und den ausgedehnten Paphos-Wald im Westen des Landes. Wenn man hier oben aus dem Autofenster blickt, sieht man das Leben einer anderen Ära. Es scheint Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte alt zu sein. Am Straßenrand klettert eine gebückt gehende Frau langsam zum nächsten Dorf, ihre Knie wirken älter als die umliegenden Berge. Ein Mann mit einem gewaltigen Bauch wartet auf sie und streicht sich über seinen gleichermaßen riesigen Schnurrbart. Katzen und Hunde dösen in der Sonne und tanken Kraft, bevor sie in den kühlen Abendstunden wieder in ihren endlosen Kampf ziehen. Die Gebäude hinter ihnen sehen so aus, als wären sie aus dem Gebirge entstanden und nicht erbaut worden. Schilder warnen vor „glatten Straßen“.

Am ehesten rutscht man hier im Winter aus, wenn – so unwahrscheinlich das auch scheinen mag – diese Insel, die nur 100 Kilometer westlich von Syrien liegt, erhebliche Schneefälle erlebt. Hier schneit es derart, dass es Skilifte und Pisten auf den Hängen des Olympos gibt, mit 1952 Metern der höchste Berg Zyperns. Diese Pisten beginnen nicht direkt am Gipfel, da dieser ausschließlich der militärischen Nutzung dient – eine Erinnerung daran, dass diese Nation noch immer geteilt ist. Ohne Schnee und mit einem Sicherheitsabstand zum eingezäunten Gelände mache ich mich auf den Weg zum Anfang des Artemis Nature Trail. Auf dieser vierstündigen Wanderung, die nach der Göttin der Wildnis benannt ist, umrundet man die Spitze des Olympos.

Während ich ins Auto steige, öffne ich die Fenster. So kann die warme Brise des Olympos, die nach Kiefern duftet, hereinwehen. Nach zwei Jahren, in denen ich sogar der Luft misstraute, die ich einatmete, fühlen sich diese alpinen Bedingungen an wie ein Wunder.

Oben hängen wohlwollende Wolken am Gipfel fest und wirken wie eine Art Sonnenschirm. Um mich herum umhüllt ein lockerer Wald den Berghang, zu Füßen der Bäume liegen unzählige heruntergefallene Zapfen, neben ihnen Billionen von unversehrten Nadeln. Ich habe den Pfad weitgehend für mich, was bedeutet, dass ich in Ruhe die Flechten bewundern kann, die die Baumstämme umarmen. Außerdem verbringe ich eine für Beobachter wohl peinlich lange Zeit mit Versuchen, die einheimische Tierwelt – hauptsächlich Vögel und Schmetterlinge – zu fotografieren. Schließlich gebe ich mich geschlagen und ruhe mich auf einer Bank aus, die zum umkämpften Norden blickt.

Die Türkei nahm die Insel 1974 ein und begann damit einen Konflikt, bei dem etwa 10000 Menschen ums Leben kamen. Heute ist Nicosia, das hinter dem Dunst versteckt bleibt, die größte geteilte Hauptstadt der Welt. In den frühen 1950er-Jahren, lange vor dem Konflikt, beschloss der britische Schriftsteller Lawrence Durrell, sich in einem Dorf im nun eingenommenen Gebiet ein Zuhause zu suchen. Von dieser Entscheidung berichtet er in seinem einflussreichen und oft urkomischen Roman „Bittere Limonen – Erlebtes Cypern“. Ich ziehe meine alte, zerlesene Ausgabe hervor und blättere durch die Seiten, um seine Beschreibungen der malerischen Gebirge um mich herum zu finden. Doch bald schüttele ich den Kopf.

„Der Troodos-Gebirgszug war ein reizloser Haufen von Klippen und schweren Felsbrocken, die sich ohne Kontur ausdehnten und an den Rändern der Mesaoria hingen wie ein Bühnenbild“, schrieb Durrell wenig großzügig. „Was einst der grüne Aufenthaltsort von Göttern und Göttinnen war, ist nun an vielen Stellen extrem kahl. Die breiten Schultern und Arme von Troodos strecken sich von dem mühsam aufgeforsteten Gebiet hinweg wie Gliedmaßen in einem Anzug, der zu klein ist.“ Ich beschließe, Durrells veraltete Verunglimpfungen dieser atemberaubenden Landschaft zu ignorieren. Er hätte die ganze Insel beleidigen können, und ich frage mich, ob er sich deshalb auf diese Region konzentrierte, um sich nicht fragen zu müssen, ob er selbst vielleicht in der falschen lebte.

Mehr als 60 Jahre liegen zwischen meinem und seinem Aufenthalt auf Zypern, und es hat sich so viel geändert, dass es wohl sinnlos wäre, unsere Erfahrungen zu vergleichen. Doch als ich das Ende des Pfads erreiche und mein Auto das einzige ist, das am Eingang zum Wanderweg steht, bemerke ich, dass wir zumindest eine Gemeinsamkeit haben. Durrell wurde 1912 geboren und war beim Ausbruch der Spanischen Grippe ein Junge, muss also etwas von der monumentalen Zerstörung durch eine Pandemie miterlebt haben. Ich frage mich, an was er sich dabei wohl erinnern würde und wie er es schaffte, damit klarzukommen. Während ich ins Auto steige und darüber nachdenke, öffne ich die Fenster. So kann die warme Brise des Olympos, die nach Kiefern duftet, hereinwehen. Nach zwei Jahren, in denen ich sogar der Luft misstraute, die ich einatmete, fühlen sich diese alpinen Bedingungen an wie ein Wunder. Deshalb genieße ich noch ein paar extratiefe Atemzüge, bevor ich losfahre.

Inmitten der Gläubigen

Der Wagen schafft die Kurven nach unten quasi alleine, und ich halte nur an, um eine Tüte getrockneter Kirschen von einem Bauern am Straßenrand zu kaufen. Im Troodos ist nach Luftlinie nichts wirklich weit weg, aber man bekommt selten die Möglichkeit, auf direktem Wege hinzukommen. Tunnel sind eine Seltenheit, und Straßen machen ausgiebige Schlenker um Dörfer herum, wie die Linien auf einer topografischen Landkarte. Es scheint keinen Sinn zu haben, sich beeilen zu wollen, deshalb ist jede Fahrt ein Spaß, und der Zeitplan muss flexibel sein. Es gibt Dutzende von malerischen Gebirgssiedlungen im Inneren der Insel – nicht einmal Durrell kam umhin, sie zu bewundern.

„Die Schönheiten dieser Region lagen in ihren versteckten Dörfern“, schrieb er über seine Heimat, „versteckt in Taschen und Tälern an den Ausläufern, einige reich an Äpfeln und Weinreben, andere weiter oben erdrückt von Farnkraut und Kiefern.“ In den letzten Jahren haben sich kleine Städte wie Kalopanagiotis entwickelt und ihr Erscheinungsbild durch Boutique-Hotels aufpoliert – alten Gebäuden, die dabei waren, in Vergessenheit zu geraten, wurde neues Leben eingehaucht. Hierher, etwa ins Dorf Kakopetria, fliehen die Zyprioten gerne vor der erdrückenden Hitze an der Küste. Sie verbringen ihre Abende auf dem zentralen Platz, wo sie Keo-Bier auf Plastikstühlen trinken, bevor sie nach Hause taumeln, um bis spät in die Nacht Karaoke zu grölen.

Ich fahre weiter zum Dorf Agros, das nach Rosen duftet. Dort ziehe ich einen Stuhl vor der Pezema-Taverne heran und frage den Kellner, was er empfehlen kann. Er verspricht, mir zu bringen, was er selbst bestellen würde. Keinen heimischen Halloumi auf Zypern zu essen, hat sich bisher als schier unmöglich erwiesen. Deshalb bin ich erleichtert, als er mir stattdessen einen herzhaften Salat und Wurst aus dem Dorf serviert. „Nichts hier stammt von außerhalb dieses Tals“, sagt mein neuer Freund mit dem stolzen Lächeln eines Vaters, bevor er ein Glas Tafelwein abstellt. Ist er zu süß? Im Moment spielt das keine Rolle. Ich kaue genüsslich, während die Sonne langsam hinter den Bergen versinkt. Um mich herum schleichen Banden von Dorfkatzen im Dunkeln herum, schlendern wie Gespenster durch versteinerte Gassen, während am Nachthimmel die schmale Mondsichel kaum dazu beiträgt, das Tal zu erleuchten.

Byzantinische Kirchen und Klöster übersäen das Innere Zyperns wie Samen eine Erdbeere. Viele sind von der Unesco anerkannt und werden von den Einheimischen geschützt. Oft handelt es sich um Pilgerstätten für die Frommen und die Neugierigen – deren Anreise deutlich angenehmer ist, wenn sie kein Problem mit Reiseübelkeit haben. Außerhalb des Kykkos-Klosters beobachte ich Dutzende von Touristen dabei, wie sie aus ihren Autos stolpern und nach Luft schnappen. Kykkos war schon eine heilige Stätte, bevor Richard Löwenherz Zypern im 12. Jahrhundert eroberte. Heute stellt es vielleicht die beste und großartigste religiöse Institution auf der ganzen Insel dar. Es ist sowohl Fort als auch Kirche und liegt unter einem monolithischen weißen Kreuz, das den Rest von Zypern herauszufordern scheint, seine Pracht infrage zu stellen.

Viele der heutigen Gebäude wurden erst im 18. Jahrhundert gebaut, nachdem ein Feuer die Originalbauten zerstört hatte. Nichtsdestotrotz ist Kykkos sogar für bekennende Atheisten ein beeindruckender Ort: glänzend, aber nicht hygienisch rein, prunkvoll, aber nicht anstößig. Mönche mit strengen Augenbrauen und Bärten, die einem Wirbelsturm standhalten könnten, sehen aus, als wären sie schon seit Jahrhunderten hier – zumindest so lange, bis sie ihre Mobiltelefone aus den schwarzen Roben ziehen. Natürlich gibt es hier genug Touristen mit Fotoapparaten, doch ernsthafte Pilger sind ebenfalls keine Seltenheit. Innerhalb des ältesten, kunstvollsten und heiligsten Teils des Komplexes darf man nicht fotografieren, was mir richtig erscheint, als ich sehe, wie andächtig viele der Geistlichen hier werden.

In einem Nebel aus Weihrauch, unterhalb von Blattgold und Messing, Kronleuchtern und vergoldeten Kerzenhaltern, kauert eine fünfköpfige Familie vor einem orthodoxen Priester, der sie in ein Tuch hüllt und Gebete murmelt. In der Nähe hört man weitere Gebete und Flehen, Gesänge und Gelöbnisse. Als ein Paar sich mit der perfekten Synchronität von gut eingewiesenen Truppen bekreuzigt, kann ich mich nicht erinnern, jemals so fromme europäische Christen gesehen zu haben. Ihre Inbrunst wird nur für einen Moment gestört, als ein etwa achtjähriges Mädchen versehentlich einen Leuchter anstößt und eine Kerze auf den Boden wirft, wo sie zerbricht wie ein alter Oberschenkelknochen. Als sie ihren Vater mit Tränen in den Augen ansieht, schicke ich ein Stoßgebet für sie zum Himmel.

Ausflug an die wilde Küste

In den ersten zehn Minuten auf der Fahrt zur Lara-Bucht glaube ich noch, dass der schlechte Ruf der Straße maßlos übertrieben ist. In der nächsten halben Stunde muss mein treuer und oft misshandelter Toyota einen ungeteerten Weg voller Schlaglöcher hinter sich bringen, der mich mit Gewalt dazu ermahnt, in Zukunft dem Rat von Einheimischen zu vertrauen. Während mich Fahrzeuge mit Allradantrieb und Quads überholen, holpere ich nervös die Straße hinab, die durch das rauschende Mittelmeer und staubiges Buschland seitlich begrenzt wird. Mein Fortschritt in Richtung des berühmten Strands ist geradezu peinlich langsam.

Die Lara-Bucht befindet sich in den südlichen Ausläufern der Region, die heute als Akamas-Nationalpark bezeichnet wird – womöglich der letzte ungezähmte Teil der Insel. Die Ernennung fand erst in den letzten fünf Jahren statt, aber der Extraschutz durch den Nationalparkstatus sollte erhebliche Eingriffe durch Menschen verhindern. „Die Akamas hatte schon einen Platz in meinem Herzen, als ich zum ersten Mal hier mit Leuten auf Tour war – das war 1996“, sagt Naturforscher Andreas Tsokkalides. „Die Geologie hier ist faszinierend, mit den unberührten Stränden, der Mythologie und der Geschichte. Ganz zu schweigen von den Schildkröten, die jeden Sommer hier ankommen. Für mich ist allerdings das Besondere die umwerfende Pflanzenwelt. Es gibt eine Unmenge an Wildblumen. Dazu gehören viele verschiedene Arten von wilden Orchideen, und für ein paar Wochen kann man in zwei Gebieten die bedrohte Zyperntulpe finden.“

Mönche mit strengen Augenbrauen und Bärten, die einem Wirbelsturm standhalten könnten, sehen aus, als wären sie schon seit Jahrhunderten hier – zumindest, bis sie ihre Mobiltelefone aus den schwarzen Roben ziehen.

Die Akamas bietet 35 der 142 heimischen zypriotischen Pflanzenarten ein Zuhause. Dass sie jahrelang unerschlossen blieb, ist zum Teil den Militärübungen der britischen Eroberer zu verdanken. Schutz durch Vernichtung – das scheint zuerst seltsam. Aber die seltene Flora und Fauna des Gebiets hätte vermutlich den ein oder anderen Granatwerfer oder Soldaten, der sie zertrampelt, akzeptiert, wenn das die Chance eines langfristigen Fortbestehens erhöht hätte. Die Isolation der Lara-Bucht bedeutet, dass sie auch eine der größten Brutstätten Europas für bedrohte Suppen- und Karettschildkröten ist. Obwohl ihre Nester durch Freiwillige deutlich markiert werden und von Schildern umgeben sind, die aufgrund ihrer Größe unübersehbar sind, ist die Zukunft dieser Tiere derart gefährdet, dass lokale Naturschutzgruppen Schildkröteneier im Juni und Juli einsammeln und in eine Brutanstalt bringen, damit die Jungen eine höhere Chance haben, es zumindest ins Meer zu schaffen.

Die Naturschutzvorreiter Andreas Demetropoulos und Myroula Hadjichristophorou versuchen seit fast 40 Jahren, die Reptilien vor den schlechten Einflüssen des Tourismus zu schützen – zuerst durch Arbeit im Fischereiministerium, jetzt durch ihr eigenes Schildkrötenschutzprojekt. „Die Strände im Mittelmeer stehen durch den Tourismus und alles, was dazugehört, unter einer Menge Druck”, erklärt Andreas seine Motivation. „Mit einem Projekt dieser Art können wir die Tierarten und gleichzeitig die wertvolle Küstenzone zum Glück retten.“

Als ich eine Stunde vor Sonnenuntergang ankomme, erscheinen mir diese Maßnahmen als klug. Trotz des erschütternden Zustands der Straße und des Mangels selbst an den grundlegendsten Einrichtungen hat die raue, weite Schönheit von Lara Dutzende von Besuchern an ihre unberührten Küsten gelockt. Während ich sie vom hinteren Teil des Strandes beobachte, halte ich Ausschau nach Mittelmeer-Mönchsrobben. Sie sind stark bedroht; es gibt weltweit nur noch etwa 700 von ihnen, aber ein bisschen weiter nördlich von hier harrt eine Handvoll Überlebende in beinahe unzugänglichen Höhlen fernab von neugierigen Blicken aus.

Am nächsten Morgen will ich tiefer in die Halbinsel eintauchen, in den westlichsten Teil Zyperns, aber nachdem ich meine Lektion auf der rebellischen Straße nach Lara gelernt habe, beschließe ich, den Toyota stehen zu lassen und den Rat von Andreas zu befolgen. „Der Aphrodite Nature Trail ist bei Weitem der beste Weg, um viele der Wildblumen sehen zu können. Obwohl er recht steil ist, wird man mit einigen der schönsten Aussichten über Zypern belohnt“, erklärt er mir. Man sagt, dass Aphrodite an der Südküste von Zypern geboren wurde, aber dass sie hierher reiste, um mit Nymphen in einer Höhle zu baden. Dies ist nun der Beginn des Weges, der ihren Namen trägt. Der schroffe Steinweg, der sich von der staubigen Straße erhebt, ist zwar der Sonne erbarmungslos ausgesetzt, aber es dauert nicht lange, bis man eine ausgedehnte Sicht auf die strahlende Küste hat.

Während der drei Stunden, die ich den beeindruckenden Aphrodite Nature Trail entlanggehe, bin ich alleine. Nur ich und einige empörte Eidechsen und umherziehende Ziegen lauschen dem Zirpen der Zikaden und dem entfernten Rauschen des Meeres. Unter den Ästen eines alten Johannisbrotbaums finde ich eine verwitterte Bank und entfliehe dankbar der Sonne, um mich auszuruhen. Im Troodos war die Luft voll mit dem Duft von gerösteten Kiefern, hier riecht es nach wildem Oregano und altem Wacholder. Während ich Durrells Buch aus meinem Rucksack fische, bin ich enttäuscht, dass er diesen Teil der Insel nicht erwähnt. Stattdessen heftet sich mein Blick auf eine andere Passage in seiner Geschichte, eine, der ich aus vollem Herzen zustimmen kann. Ich schnalle mir meinen Rucksack wieder auf die Schultern, betrachte den steilen Hügel vor mir und wiederhole sie laut: „Nichts muss hier schnell erledigt werden, denn das wäre feindselig gegenüber dem Geist dieses Ortes.“

Aus dem Englischen von Isabel Hagedorn

REISE-INFOS

Anreise & unterwegs vor Ort

Der Ort Paphos an der Südwestküste eignet sich als Ausgangspunkt für die beschriebenen Touren. Lufthansa bietet Direktflüge an, z. B. von München. lufthansa.de Flugdauer: ca. 3:15 Stunden. Es gibt begrenzt öffentliche Verkehrsmittel auf Zypern. Um das Troodos-Gebirge und die Halbinsel Akamas zu erkunden, empfiehlt es sich aber, einen Mietwagen mit Allradantrieb zu buchen.

Reisezeit

Der Sommer ist auf Zypern extrem heiß, die Temperaturen können die 40 Grad überschreiten. In den Bergen ist es ein wenig kühler. Wer die Insel abseits der ausgetretenen Pfade entdecken will, sollte am besten im Frühling oder Herbst reisen. Im Winter wird es überraschend kalt und es fällt Schnee. Die Skisaison im Troodos dauert etwa von Januar bis April.

Übernachten

Das Casale Panayiotis liegt im Bergdorf Kalopanayiotis und bietet (neben einem atemberaubenden Blick) luxuriöse Zimmer und ein Spa. DZ ab ca. 157 Euro, casalepanayiotis.com

Weitere Infos

Visit Cyprus: visitcyprus.com/de Das Buch „Bittere Limonen. Erlebtes Zypern“ von Lawrence Durrell ist beim Rowohlt Verlag erschienen und heute im Antiquariat oder über eBay erhältlich.

Rundreise

FTI bietet die siebentägige Rundreise „Meer und Berge auf der Insel der Aphrodite“ an. Ab ca. 828 Euro p. P., Flug inklusive. fti.de Wer auf eigene Faust reist, findet bei Skyscanner günstige Flug-plus-Mietwagen-Pakete. skyscanner.de