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Von Blumen und Menschen


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 206/2022 vom 25.10.2022

ALEC SOTH

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 206/2022

UNTER DEN GROSSEN BILDERZÄHLERN Amerikas ist Alec Soth wohl derjenige mit den meisten Kilometern auf dem Tacho. Der 1969 geborene Magnum-Fotograf aus Minneapolis durchquert mit dem Auto die entlegensten Winkel der Vereinigten Staaten, wo der Lack vom Lebenstraum der Menschen abgeplatzt ist. Sein heute bei Sammlern sehr begehrtes Buch »Sleeping by the Mississippi« (2004) bündelte kleine Alltagsgeschichten von den Ufern des legendären Stroms. Zwei Jahre später entzauberte er mit »Niagara« den Romantiknimbus der berühmten Flitterwochendestination. Nun ist sein neues Buch »A Pound of Pictures« erschienen, in dem Soth abermals einen Referenzpunkt der amerikanischen Kultur zum Anlass für sein Projekt nahm: die Reise von Abraham Lincolns Leichnam im Jahr 1865 von Washington, D.C., in seine Heimatstadt Springfield, Illinois.

WELTKUNST Herr Soth, viele Ihrer Bücher basieren auf ausgiebigen ...

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... Roadtrips durch die USA. Warum brauchen Sie die endlose Straße, um Ihre Bilder zu finden?

ALEC SOTH Das hat unterschiedliche Gründe. Einerseits komme ich, ohne das bewusst zu thematisieren, aus der amerikanischen Tradition der Road Photography. Das ist der fotografische Dialekt, den ich zu einer bestimmten Zeit gelernt habe. Und andererseits habe ich festgestellt, dass mir diese Art zu arbeiten, bei der ich reise und Neues entlang des Weges entdecke, liegt. Ein Element führt zum nächsten. Manchmal wünschte ich schon, ich könnte zu Hause bleiben, meine Familie fotografieren und so mitreißende Werke schaffen. Aber irgendwie brauche ich das Gefühl, mich durch die Welt zu bewegen. Es ist das Benzin für meine Fotografie. Es macht sie lebendig, und es macht mich lebendig.

WK Ähnelt diese Art zu arbeiten nicht der Bewusstseinsstrom-Technik in der Literatur?

AS Ja, absolut. Es ist der Versuch, eine Welle zu reiten und dabei in einen bestimmten Flow zu kommen.

WK Der Highway ist auch ein Mythos. Zu ihm gehört das Versprechen eines Paradieses, das hinter der nächsten Wegbiegung zu finden ist und doch niemals erreicht wird.

AS Dieser spezielle Highway-Mythos ist vor allem mit dem Bild des Cowboys verbunden. Die Idee, auf dem Pferd einsam in die Prärie zu reiten. Oder auf dem Motorrad.

WK Geht es in Ihren Büchern auch immer um das verlorene Paradies? Um das Scheitern des amerikanischen Traums?

AS Nein, denn für mich ist der amerikanische Traum ein ziemliches Klischee, das stark mit dem Bereich der Ökonomie und einem ganz bestimmten Fünfzigerjahre-Ideal des eigenen Hausbesitzes verknüpft ist. Heute glauben viele Menschen nicht mehr daran, und es ist auch kein Startpunkt für meine Arbeit. Denn der Begriff ist so groß und so überstrapaziert. Mein Interesse ist eher psychologisch oder introspektiv und weniger auf die amerikanische Kultur bezogen. Mein Buch »Sleeping by the Mississippi« sagt sicher Dinge über Amerika aus, aber ich war dabei eher an meinen eigenen Gefühlen interessiert, die übrigens wirklich zum Teil mit der Straße-Cowboy-Mythologie verbunden waren. Und »Niagara« handelte vor allem von Liebe und Enttäuschung.

WK Warum empfinden wir eine Schönheit in diesen Abbildungen von Enttäuschung?

AS Ich denke, weil das die Realität ist. Wir finden Schönheit in einer Blume, aber sie wird verwelken. Alles ist vergänglich.

Es kling schmalzig, das zu sagen, aber der Tod ist überall. Warum handelt die Fotografie immer davon? Warum handelt die Kunst immer davon? Weil es sich nicht schön anfühlt, wenn es zuckersüß ist, wenn es total falsch ist.

WK Ihr neuestes Buch, »A Pound of Pictures«, wirkt nun wie eine große Reflexion über das Thema Fotografie.

AS Mein Ziel mit diesem Buch ist es nicht, ein Statement zum Medium abzuliefern. Oder ein umfassendes Projekt zum Thema Fotografie. Es geht mir eher um meinen eigenen Arbeitsansatz: diese prozessgetriebene, dem Dokumentarstil nicht unähnliche Fotografie. Eine Art Reflexion in der Rückschau. Aber durch meine eigene Linse betrachte ich in diesem Buch natürlich auch alle anderen Formen von Fotografie bis hin zur Amateurfotografie.

WK Sie haben unterwegs unter anderem lokale Fotoklubs besucht oder Hobbyfotografen getroffen, die ihre Schätze in großen Kartons aufbewahren. Sammeln Sie selbst Fotografien?

AS Ja, denn wenn ich viele preiswerte Fotografien sammele, kann ich damit herausfinden, wie einer Sache Wert zugewiesen wird, ohne von der schieren Quantität überwältigt zu werden. Ich schärfe dadurch mein Blick für die redaktionelle Arbeit. 2013 habe ich zum Beispiel ein kleines Buch über meine Sammlung von Pingpong-Amateurfotografien herausgegeben. Ich mag Tischtennis und hatte begonnen, die Aufnahmen aus einer Laune heraus zu sammeln. Und dann hatte ich plötzlich genug Bilder für ein Buch. Eine Weile lang habe ich auch Fotografien von Wippen gesammelt. Die Wippe ist für mich zu einem Symbol für die Porträtfotografie geworden – für den Austausch von Energie, hin und her zwischen dem Fotografen und dem porträtierten Menschen.

WK Für »A Pound of Pictures« entstanden einige der Aufnahmen entweder im Lebensumfeld oder als direkte Porträts berühmter Fotografen wie Nan Goldin oder Duane Michals. Deren fotografische Praxis wird jetzt im Buch gewissermaßen von Ihrer eigenen Alec-Soth-Bildsprache überlagert. Zu welchem Zweck?

AS Ich sehe es eher als eine Art Hommage. Das Buch ist meinen Lehrern gewidmet, den tatsächlichen und denen im übertragenen Sinn: all den Menschen, die mich inspiriert haben.

WK Die geistige Nähe zur intimen Fotografie von Nan Goldin verstehe ich. Aber was fasziniert Sie an dem eher lyrisch-versponnenen Ansatz von Duane Michals?

AS Zu Nan Goldin wirkt meine Verbindung offensichtlich, und doch ist sie auf eine andere Art unglaublich weit entfernt von mir: Sie konzentriert sich auf die Menschen, die sie liebt, und hat einen eher nonchalanten Umgang mit der Kamera. Gewissermaßen das genaue Gegenteil von meiner Arbeitsweise. An Duane Michals fasziniert mich vor allem, wie unbeirrt er sich seinen eigenen Weg gebahnt hat. Und ich bewundere ihn, weil er als älterer Fotograf im Umgang mit seinem Werk großen Humor und Leichtigkeit offenbart. Außerdem ist auch noch Sophie Calle in meinem Buch!

WK Tatsächlich? Das Bild muss ich übersehen haben!

AS In einer Fotografie ist sie unter der Bettdecke versteckt.

WK Sie waren im Bett mit Sophie Calle? Das ist lustig, Ende der Siebzigerjahre hat sie doch ihre Serie »The Sleepers« gemacht, bei der sie Menschen einlud, sich in ihr Bett zu legen und zu schlafen. Dabei hat sie ihre Gäste dann fotografiert.

AS Streng betrachtet, war ich nicht im Bett. Die Geschichte zu dem Bild ist besonders: Wenn möglich, verbringt Sophie Calle ihre Sonntage im Bett. Ich war auf einem Roadtrip mit meiner Tochter und kam an einem Sonntag durch San Francisco. Ich erfuhr, dass Sophie Calle in der Stadt war. Also fragte ich, ob ich sie besuchen kann. Nichts davon war geplant, ein Schritt führte zufällig zum nächsten. Wir saßen dann also in Sophie Calles Hotelzimmer und sie erzählte meiner Tochter, dass sie selbst einmal als junge Frau mit ihrer Mutter einen Roadtrip durch die USA gemacht hatte. Im kalifornischen Bolinas gefiel es ihr jedoch so gut, dass sie ihrer Mutter sagte, dass sie bleiben wollte. Und dort begann sie zu fotografieren. Sie ging mit der Kamera auf Friedhöfe.

WK Eine erstaunliche Geschichte!

AS Finde ich auch. Als Abschluss besuchten meine Tochter und ich einen Friedhof in der Nähe, auf dem Sophie Calle ein Grab für sich gekauft hat. Sie besitzt auch noch eine zweite Grabstelle, in Paris. Sie kann sich nicht entscheiden, wo sie begraben sein will. Kurioserweise hatte ich auf der Reise Gespräche mit meiner Tochter darüber geführt, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Und plötzlich gab es das Beispiel dieser Frau, die ihren Lebenssinn durch einen glücklichen Zufall gefunden hatte. Es versteckt sich also eine sehr komplizierte Geschichte hinter dieser Aufnahme.

WK Welche Rolle spielte Abraham Lincoln für dieses Buch?

AS Der Transport von Lincolns Leichnam durch Amerika im Jahr 1865 war am Anfang der geistige Anker des Projekts. Zwischendrin gefiel mir diese Idee nicht mehr, und ich verwarf sie. Aber dann begann ich langsam wieder, Lincoln zuzulassen. Denn einige der besten Lincoln-Bilder entstanden, nachdem ich das Projekt verworfen hatte – weil ich weiter über ihn nachdachte und Orte besuchte, die für ihn wichtig waren. Aber es ging mir nicht mehr darum, eine bestimmte Aussage über ihn zu illustrieren. Nun ist er ein Element unter vielen im Buch, wie Blumen oder andere Fotografen.

WK Ja, aber warum gerade Lincoln?

AS Weil mich die Spaltung unserer Nation beschäftigte. Ich dachte über den amerikanischen Bürgerkrieg nach. Und wie Lincoln in seinem Tod die Menschen zusammengebracht hat. Aber auch Walt Whitmans Gedicht über ihn war eine wichtige Inspiration. Ich bewundere Whitman, weil er über alles schreiben kann: seine Gefühle, den Bürgerkrieg, eine kleine Blume. Eine solche Offenheit strebe ich an.

WK Im Buch gibt es ein Foto, das in Gettysburg entstanden ist, wo Lincoln seine berühmteste Rede hielt. Und doch zeigt das Bild keinen historisch relevanten Ort, sondern einen jungen Mann namens Xavier auf einer Wiese.

AS Interessanterweise hat mich bisher kein Journalist auf dieses Foto angesprochen. Es ist eher subtil und ich habe es aus einem bestimmten Grund gemacht: Auf meiner Reise hatte ich am Armaturenbrett meines Autos ein Porträt von Walt Whitman kleben. Ich habe ständig über Whitman nachgedacht, auch über seine Sexualität. Und der junge Mann in Gettysburg war so hübsch – Whitman hätte ihn geliebt. Das Foto entstand, nachdem ich die Lincoln-Idee aufgegeben hatte, ich war zufällig in der Nähe von Gettysburg und dachte, ich schaue es mir mal an. Jetzt stellt sich die peinliche Frage, wie das alles zusammenpasst. Doch ich mag dieses Bild sehr.

WK Das Buch heißt »A Pound of Pictures«. Warum ist es Ihnen wichtig, der Fotografie ein Gewicht beizumessen?

AS Als ich nach einigem Herumexperimentieren mit dem Titel auf »A Pound of Pictures« kam, gefiel mir der Klang der Worte, aber auch diese Vorstellung von Gewicht. Denn meine Form der Fotografie findet in der physischen Welt statt und hat mit physisch existierendem Film und einer physisch vorhandenen Kamera zu tun. Es ist also ein körperlicher Akt. Und dann gibt es diesen Haufen an Fotografien, die ich metaphorisch auf meinem Rücken mitschleppe. Ein Ziel dieses Buchs war es, mich von diesem Gewicht nicht in die Knie zwingen zu lassen.

WK In der Fußnote zu Ihrem Bild »Fort Worth, Texas« schreiben Sie: »Wenn mich das Gefühl belastet, dass es in der Welt zu viele Fotografien geben könnte, frage ich mich, ob es auch zu viele Blumen gibt.«

AS Diese Überlegung war eine Erleichterung für mich: Man kann nie genug Blumen haben. Außer vielleicht man arbeitet als Florist und denkt sich: »Verfluchte Blumen, schon wieder mehr davon!« Genauso tendieren wir Fotografen dazu, uns eine Menge Gedanken über unsere Haufen von Bildern zu machen. Aber keine Sorge, es ist schon okay. An einem bestimmten Punkt muss man loslassen, sich entspannen und die geschulterte Last akzeptieren.

Alec Soths Buch »A Pound of Pictures« ist 2022 bei Mack erschienen, es hat 156 Seiten und kostet 70 Euro

S. 38 Fort Worth, Texas

S. 39 Duane Michals. New York, New York

S. 40 Xavier. Gettysburg, Pennsylvania

S. 41 Nan’s bed. Brooklyn, New York

S. 42 Sophie Calle. San Francisco, California

S. 43 The Coachlight. Mitchell, South Dakota

S. 44 Niagara Falls, Ontario