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Von der Kunst, alle Rahmen zu sprengen


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 01.03.2022

Ich weiß, dass meine Söhne offene, interessierte und clevere Teenager sind, und doch höre ich täglich, dass die Schule per se ein »Unort« sei, Lehrer:innen »nervig«, Unterrichtsinhalte »langweilig«; und »unnötig«. Das Einzige, »was geht«, seien die Pausen und die Mitschüler:innen. Sind Sie Lehrer:in? Herzliches Beileid – in den Augen meiner Söhne haben Sie schon verloren! Aber das muss nicht so sein und vor allem nicht so bleiben. Schule kann gelingen! Welchen Beitrag Theater dazu leistet, führe ich an dem erfolgreichen und alle Rahmen sprengenden Theaterprojekt der Montessori-Oberschule in Potsdam vor.

»COUNTDOWN – DIE FORMEL DER LIEBE« – MOMENTAUFNAHMEN

Die Jugendlichen der 9. Jahrgangsstufe wollten in diesem Jahr unbedingt zu Themen arbeiten, die sie beschäftigen, zu denen sie aber nicht zu viel an eigenen Erfahrungen mitbrachten: »Gender, Drogen und Liebe«. Nach vier Wochen Proben stehen alle ...

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... auf der Bühne, liegen sich in den Armen und schwenken Kerzen. Die Band setzt ein und alle singen für ihr Publikum: »Liebe, wen Du willst, und ernte dafür die schönsten Blicke / Liebe ist eine Droge, die ich liebend gern verticke …«

Obwohl sie sich für eine klassische dramaturgische Struktur entschieden hatten, beginnt das Stück mit einer Collage: 25 Jugendliche auf einem Steinplateau, Jungs in Röcken, Mädchen in Macho-Pose. Märchen, die unsere Kultur seit Jahrhunderten prägen, werden zitiert: Warum hat Frau Holle ein Mädchen mit Pech übergossen? Wie konnte der König darauf beharren, dass seine Tochter mit einem aufdringlichen Frosch ins Bett geht? Wollen schlafende Prinzessinnen tatsächlich geküsst werden? »Es war einmal«, schreit ein Mädchen in barocken Kleidern, »das sind nur Hetero-Geschichten, kein Märchen erzählt davon, dass sich eine Prinzessin in eine Prinzessin verliebt.« Kurz darauf fangen die Spieler:innen an, die Märchen zu aktualisieren, ihre Vorstellungen anzupassen – damit »Es war einmal« wirklich »Es war einmal« bleibt.

Da wir die Themen nicht in einem klischeebeladenen Rahmen verhandeln wollten, folgte der einleitenden Collage diese Geschichte: Außerirdische vom Planet X besuchen unsere Erde auf der Suche nach einer Energiequelle, die ihnen versiegt ist und die sie dringend brauchen: die Liebe. Alles, was sie über die Bewohner:innen der Erde in Erfahrung gebracht haben, wissen sie aus einem Märchenbuch, das 1952 ins All geschossen wurde. Da der Rohstoff »Liebe« schwer zu definieren und zu ernten ist, begegnen sie den Erdbewohnern mit folgenden Worten: »Entschuldigen Sie, Sie sind Menschen, richtig? Bitte zeigen Sie uns etwas Liebe …« Doch die Welt im Jahr 2021 stellt sich dem intergalaktischen Besuch anders dar als in dem Märchenbuch: Prinzessinnen wollen nicht mehr gerettet werden, und Prinzen fühlen sich zu anderen Prinzen hingezogen. Die Außerirdischen haben kein Geschlecht und versuchen trotzdem, Liebe zu finden und zu extrahieren. Dabei hilft eine Substanz, die zu Leistungssteigerung und intensiven Glücksgefühlen verhilft. Aber taugt sie als Rohstoff »Liebe« oder bedingt sie, dass auch den Menschen bald die Liebe abhandenkommt? Am Ende finden sie die Formel der Liebe, aber ist diese auch für Menschen Patentrezept zu einer besseren Welt?

VIER PHASEN FÜR EIN HALLELUJA

Im Jahrgang 9 der Potsdamer Montessori-Oberschule gibt es etwa 50 Schüler:innen, die zwischen 14 und 16 Jahre alt sind. Sie haben unterschiedliche soziale Hintergründe, für einige sind unsere Inszenierungen die bisher einzige Berührung mit dem Theater. Erfahrungsgemäß freuen sie sich auf die fünf Theaterwochen. Sie wissen, dass alle spielen, tanzen und musizieren werden und dass sich Praktikant:innen aus dem 10. Jahrgang unter professioneller Begleitung für sie um das Bühnen- und Kostümbild sowie um die Technik kümmern werden. Sie wissen auch, dass dieses Projekt von zwei professionellen Schauspieler:innen beziehungsweise Regisseur:innen betreut und von zwei weiteren Lehrkräften unterstützt wird und vier Phasen durchläuft:

Nach vier Wochen Proben stehen alle auf der Bühne, liegen sich in den Armen und schwenken Kerzen.

1. In der zwei- bis dreitägigen Erhebungsphase werden die Wunschthemen der Jugendlichen eruiert. Neben spielerischen Erkundungen und Schreibübungen dazu wird durch erste Theater-Improvisationen in die Arbeitsweise eingeführt. So hatte sich 2019 das Thema »Fridays for Future« herauskristallisiert, 2020 »Corona und Black Lives Matter« und 2021 »Gender, Drogen und Liebe«.

2. Die zweiwöchige Entwicklungsphase hat das Ziel, die Auseinandersetzung mit den Themen zu vertiefen und künstlerisch so zu übertragen, dass die Spieler:innen eine Stückstruktur entwickeln, sich damit auf Figuren, Genre, Geschichte und Plot einigen, für eine Neubearbeitung eines Klassikers oder für alternative dramaturgische Strukturen, wie zum Beispiel eine Collage, entscheiden. Für inhaltliche Diskussionen werden externe Expert:innen eingeladen. 2021 waren das unter anderem die Drogenberatungsstelle »Chillout«, die Babelsberger Stunt Crew und ein Gender-Experte. Erhebungs- und Entwicklungsphasen sind durch einen freien, kreativen und verspielten Charakter geprägt. Sie finden auf einem Waldstück statt, um so einen geschützten Raum und den außerschulischen Charakter des Projektes zu gewährleisten. Abschließend geben die Theatermacher:innen im Kreis allen Teilnehmer:innen individuelles Feedback, ganz konkret und direkt. Danach ziehen sie sich drei Tage zurück, um die Textfassung zu schreiben, die auf den Ideen und dramaturgischen Entscheidungen der Jugendlichen basiert.

3. Die zweiwöchige Inszenierungsphase beginnt mit dem gemeinsamen Lesen des Skriptes. Nun dürfen sich die Jugendlichen Rollen wünschen. Hauptcharaktere werden nicht durchgängig besetzt, sondern wechseln von Szene zu Szene. Außerdem sind die meisten Szenen mit vielen Spieler:innen inszeniert, sodass alle mindestens ein oder zwei Wünsche garantiert erfüllt bekommen und gleichzeitig so viel spielen wie möglich. Dabei spielen alle! Niemand wird bei einem anderen Gewerk wie Technik oder Bühnenbild »geparkt«. Darauf folgen die Proben an den – meist öffentlichen – Spielorten, 2021 dem Volkspark Potsdam. Diese Phase ist durch höchste Konzentration geprägt. Die Zehntklässler:innen stoßen mit Bühnen- und Lichttechnik, Kostümfertigung oder Bühnenbild dazu. Ein langes, intensives Wochenende samt Haupt- und Generalprobe bilden den klimaxartigen Abschluss.

4. In der einwöchigen Aufführungsphase wird das Stück in drei Abendshows mit 200 bis 300 Gästen und ein bis zwei Vormittagsaufführungen präsentiert. Am letzten Tag der fünften Woche wird aufgeräumt, und die Jugendlichen sowie die Theaterleute geben sich gegenseitig ein abschließendes individuelles Feedback im Kreis.

DAS POTSDAMER THEATERMODELL – NEUN ERFOLGSFAKTOREN

Das dialogische Prinzip – diabolisch gut! Involvieren Sie Ihre Teilnehmer:innen so viel wie möglich! Das bedeutet zwar Anstrengung, aber sie zahlt sich aus. Je mehr Ideen, Charaktere, Entscheidungen der Jugendlichen eingebunden werden, desto größer ist die Identifikation mit »ihrem« Stück und damit die Motivation und Freude an der Sache. Manche Spieler:innen wollen unbedingt »Romeo und Julia« im Original sprechen, andere »törnt das ab« – vielfältige Sprachstile holen vielfältige Jugendliche ab. Komplizierte Texte in antiquierter Sprache; Geschichten, die nichts mit dem Erlebnis-oder Erfahrungshintergrund der Spieler:innen gemein haben; ein Spiel, welches kein Spiel, sondern eine Rezitation von Texten ist – all das motiviert nicht und macht keinen Spaß. Und der Spaß an der Sache ist meiner Meinung nach das Wichtigste überhaupt!

Dabei sind die Ideen der Jugendlichen niemals heilig. Die Expert:innen arbeiten damit und spielen sie den Schüler:innen zurück. Schließlich sind sie für den roten Faden, den Spannungsbogen und die künstlerische Qualität verantwortlich.

Hauptrollen werden geteilt – everybody is a Superstar! Nirgends gehen persönliche und soziale Entwicklung sowie die Lust am Spielen so gut zusammen wie im Theater. Nirgendwo kann man so viel Spaß haben und gleichzeitig so viel lernen, ohne dass man dies überhaupt als Lernen wahrnimmt. Deshalb sollte dieser »Spielraum« für möglichst alle offenstehen. Wenn die Hauptrollen von mehreren Spieler:innen getragen werden, haben viele die Chance, für einen Moment im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Kein Jugendlicher verlässt dieses Projekt ohne eine ihm angemessene Herausforderung! Dazu werden bestehende Talente und Fähigkeiten eingebaut, egal, ob Musik, Akrobatik, Kampfsport oder Jonglieren. Manche Spieler:innen wollen gerade nicht das zeigen, was sie schon beherrschen, sondern eine neue Seite von sich entdecken und sichtbar machen.

Eine berauschende Aufführung ist ein weiterer Garant für eine hohe Motivation der nachfolgenden Generation.

14 Jahre theatraler Ausnahmezustand an der Montessori-Oberschule in Potsdam

Ulrike Kegler, eine der bekanntesten Protagonistinnen der »neuen Schule«, machte als Leiterin der Montessori-Oberschule Potsdam gegen alle Zweifel von Eltern, Lehrer:innen und Schüler:innen den Weg frei für das hier beschriebene Theaterprojekt. Es folgten abendfüllende Inszenierungen an den exotischsten Orten Potsdams, erst als eigenwillige Klassiker-Adaptionen von »Romeo und Julia«, »Die Räuber«, »Die Odyssee«, »Faust 1«, »Die Nibelungen«, »Hamlet«, »Metropolis«, »Nathan der Weise«, »Frühlings Erwachen«, »Wilhelm Tell«, später als eigenständig entwickelte Stücke mit »Die Sucht nach Dir«, »Believe me – Gott ist schuld am Klimawandel«, »2025« und »Countdown – die Formel der Liebe«.

Die Freiheit muss getriggert werden! Wenn wir wollen, dass geheult wird, heulen wir selbst, als wäre es das Ende der Tage. Wollen wir, dass sich die Spieler:innen prügeln, halten wir zuerst unsere eigene Wange hin. Soll heftig geknutscht werden, zeigen wir die Technik und lassen dann die Kids in Gruppen ihrer Wahl allein. Ihrem Alter entsprechend sind die Spieler:innen oft in dem gefangen, was sie zu sein glauben, wovon sie denken, dass es »cool« oder eben »uncool« ist. Sie sind begleitet von der Angst, Fehler zu machen. Aber wenn man ihnen zeigt, wie unterhaltsam und befreiend es ist, den inneren und äußeren Wahnsinn der Welt sichtbar zu machen und sich hemmungslos aller Ausdrucksmittel zu bedienen, dann … wow! Dann geht einiges!

Ein Stück Sehnsucht nach alldem steckt auch in den Familien der Spieler:innen. Binden Sie die Eltern durch einen begeisternden Elternabend mit ein und kitzeln Sie die Freiheit aus ihnen heraus! Für Requisiten und Kostüme können die Eltern endlich ihren Keller ausräumen: Papa holt die Harley raus und Mama das Hochzeitskleid – oder umgekehrt!

Sind wir so gut wie die vom letzten Jahr? Eine berauschende Aufführung ist ein weiterer Garant für eine hohe Motivation der nachfolgenden Generation. Nicht zufällig haben in den 14 Jahren alle Jugendlichen, ohne dass Überzeugungsarbeit geleistet werden musste, auf der Bühne gefeiert. Nicht zufällig haben sich die Aufführungen zum Alumnitreffen der Schule entwickelt. Das Theater ist zum identitätsstiftenden Element für die Schulgemeinschaft geworden und nicht selten ein Grund, warum die Eltern ihre Kinder überhaupt auf diese Schule schicken.

Hoffentlich haben Sie keinen Theaterraum und keine geeignete Aula! Alles, worüber das Stadttheater verfügt, bieten die Schulen nicht: ausgebildete Schauspieler:innen, Dramaturg:innen und Regisseur:innen, professionelle Werkstätten, Licht- und Ton-Technik. Anstelle dem nachzueifern und doch nur eine enttäuschende Kopie dessen zu werden, hilft es, die zahlreichen Möglichkeiten öffentlicher Räume zu nutzen. Kein Bühnenbildner kann solche Räume in der Schule nachbauen! 2021 waren ein futuristischer Spielplatz mit einer an ein Ufo erinnernden Riesenrutsche und eine Kletterarena das Highlight. Außerdem sind die Spieler:innen gezwungen, groß und laut zu sein. Das Theater öffnet sich per se nach außen und erinnert damit an seinen Ursprung. Und wenn es regnet, ziehen wir uns die richtigen Klamotten an und suchen nach einem überdachten Spielort.

Der Zufall, große Kreise, kleine Kreise – Augenkontakt, Ja sagen! Wir arbeiten viel im Kreis: beim Warm-up, bei Schauspielübungen, bei Besprechungen und bei der Kleingruppenarbeit. Dabei achten wir darauf, dass wir Cliquen trennen und den Zufall entscheiden lassen, wer mit wem zusammenarbeitet. Das ist zwar mit Widerständen verbunden, aber nur in dieser ständigen »Unordnung« können die Jugendlichen sich selbst neu begegnen. Deshalb ist es auch besonders wichtig, dass Spieler:innen den Ideen der anderen generell mit Ja begegnen und den Augenkontakt zueinander aufrechterhalten. Wenn die Kommunikation zwischen den Jugendlichen nicht funktioniert, müssen die Expert:innen eingreifen und den festgefahrenen Prozess wieder in Gang bringen. Ansonsten halten sie sich besser raus, lassen die Spieler:innen alle Aspekte selbst verhandeln und geben erst bei den Arbeits- Präsentationen zusammen mit den anderen Teilnehmer:innen Feedback, was eher auf Errungenes als auf Defizite setzt.

»COUN TDOWN – DIE FORMEL DER LIEBE«: Außerirdische von Planet X besuchen die Erde auf der Suche nach Liebe. Alles, was sie darüber wissen, haben sie einem Märchenbuch entnommen, das 1952 ins All geschossen wurde. Doch die Welt hat sich seither verändert. Das Theaterstück von Lionel Tomm und Jens Vilela Neumann behandelt die Themen Gender, Drogen und Liebe, mit denen sich die Jugendlichen der Montessori-Oberschu- le in Potsdam in diesem Projekt befassen wollten. Die Aliens (oberes und unteres Foto) begegnen auf ihrer Suche unter ande- rem dem Cannabis-Konsumenten und der Sexarbeiterin (Fotos in der Mitte).

Nirgendwo kann man so viel Spaß haben und gleichzeitig so viel lernen, ohne dass man dies überhaupt als Lernen wahrnimmt.

Die Künstler

Neben dem Autor waren an dem Projekt beteiligt: Lionel Tomm ist Theaterpädagoge, Performer, Musiker und Theaterregisseur. Er stand international in Brett Baileys »Installation Sanctuary« auf der Bühne sowie 2020 in der Ballhaus Ost Produktion »Wald der verlorenen Väter«. Mit dem Performance Kollektiv »wirvier« richtet er die Aufmerksamkeit auf künstlerische Beteiligungsprojekte.

Jörg Isermeyer reiste als Straßenmusiker quer durch Europa. Er lebt als Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge, Musiker und Schriftsteller in Bremen. Für seine Kinder- und Jugendbücher wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Feedback statt Noten! Wir benoten nicht, denn Kunst kann nur über Begeisterung und Interesse entstehen. Wir wollen auch nicht hören, was die Lehrkräfte über diesen oder jenen Schüler wissen oder glauben zu wissen. Für uns ist jede:r ein weißes Blatt, alle fangen von vorn an und können sich neu erfinden. Lasst uns den befreienden Charakter des Theaterspiels zelebrieren! Ein ehrliches Feedback, festgemacht an konkreten Beobachtungen, mit dem Ziel, zu motivieren und individuell die nächste Herausforderung aufzuzeigen, ist wirksamer als jedes Urteil.

Lehnen Sie sich zurück und lassen Sie die Profis ran! Schultheater ist meist in den normalen Unterrichtsalltag integriert. Dadurch sind die Proben auseinandergerissen und viel zu kurz, sodass keine Dynamik aufkommen kann. Der Wochenrhythmus erschwert es, kreative Energie und Teamgefühl aufzubauen. Dazu kommt, dass Lehrer:innen zwar oft das Fach Deutsch, aber selten Schauspiel studiert haben. Das schlägt sich in der Arbeitsweise, den Aufführungen und der Ästhetik nieder. In unserem Projekt mussten die Lehrer:innen lernen, sich zurückzunehmen. Sie begleiten das Projekt als Produktionsteam, als Bindeglied zur Schule oder unterstützen Spieler:innen mit Lernbehinderung. Dabei verlangen wir ihnen einiges ab. Denn auch in dieser Funktion steht die Dynamik eines Kunstprojektes dem Schulalltag, manchmal auch dem »Dienst nach Vorschrift«, diametral entgegen. Statt die eigenen Arbeitsstunden zu zählen und sich über unvorbereitete Spieler:innen zu beschweren, ist es uns wichtig, den Spieler:innen zu zeigen, ob sie uns motivieren oder demotivieren, und ihnen klarzumachen, was das für den gemeinsamen Prozess bedeutet. Denn Theater ist immer ein »Mannschaftssport«.

Holen Sie sich Hilfe – starten Sie neu durch! Ich möchte mit diesem Artikel Mut machen, neue Wege zu gehen und eingefahrene schulische Herangehensweisen zu verändern. Den Satz: »Danke, die Theaterzeit hat mein Leben verändert!«, haben wir nicht nur einmal gehört. Das Theater bietet dazu alles, was nötig ist! Auch wenn aller Anfang schwer ist und erst die begeisternden Resultate die letzten Zweifler überzeugen, lohnt es sich, die Reise anzutreten. Auch die Neumayer Stiftung hat diesen Bedarf für junge Menschen erkannt und unterstützt in einem Pilotprojekt »Kulturarbeit an Schulen« direkt, finanziell und durch professionelle Begleitung (www. neumayer-stiftung.de/project/kulturarbeit-an-schulen-pilotprojekt/).

JENS VILELA NEUMANN leitet seit 18 Jahren »Paradise Garden«. Die Ausgangspunkte seiner Film-und Theaterprojekte, unter anderem auch in afrikanischen Ländern, sind meist politischer und sozialer Natur.

↗ pgpassistenz@gmail.com

↗ www.paradisegardenproductions.com