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„VON DER MODEBRANCHE ERWARTE ICH EINFACH MEHR ALS NUR SELFIES!“


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Grazia - epaper ⋅ Ausgabe 13/2022 vom 24.03.2022

INTERVIEW

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Bildquelle: Grazia, Ausgabe 13/2022

Inflfluencerin Emili Sindlev in Paris in den Farben der ukrainischen Flagge

BLAU UND GELB SIND ZU TREND- FARBEN avanciert. Auf den Straßen der Großstädte, aber auch bei den Fashion Weeks in Mailand, Paris und zuletzt Berlin zeigten sich Street-Style-Stars und Models in leuchtenden Colorblocking-Looks in den Farben der Ukraine-Flagge. Doch ist das allein Haltung und Aussage genug? Seit gut vier Wochen lässt Wladimir Putin Bomben auf Unschuldige hageln, rüttelt brutal an den Säulen von Demokratie und Sicherheit in Europa. Der Ukraine-Krieg begann, als in Mailand die Modewoche startete. Dort zeigte sich, abgesehen von Designer Giorgio Armani, kaum einer konkret solidarisch mit den vom Krieg Betroffenen. In Paris setzte Demna Gvasalia bei Balenciaga ein Zeichen, in Berlin vor allem Kilian Kerner und Marc Cain. Ansonsten aber liefen die Fashion Weeks erstaunlich unpolitisch ab, die Branche blieb eher still. Dass manche Marken sich wegen ihrer starken Käuferschaft in ...

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... Russland, China & Co. zurückhalten, mag eine Erklärung sein. Aber warum schweigen auch so viele Influencer?

Unternehmerin und Influencerin Viktoria Rader liebt und lebt Mode, war selbst Gast auf den aktuellen Fashion Weeks und ist als gebürtige Ukrainerin unmittelbar vom Krieg betroffen. Wie sie die Haltung ihrer Kolleginnen und Kollegen wahrnimmt und was sie sich von der Modebranche wünscht, erzählt sie uns im GRAZIA-Interview.

Sie waren in Mailand bei der Fashion Week, als der Krieg in der Ukraine begann…

Es war der Morgen vor der Max-Mara-Show. Meine Gedanken kreisten um mein Outfit, als mich meine Eltern um sechs Uhr früh anriefen und vom Kriegsbeginn berichteten. Ein absoluter Schock!

Sie sind gebürtige Ukrainerin und haben dort viele Freunde und Verwandte – wollten Sie nicht sofort nach Hause?

Mein Kalender war voll! Der gesamte Tag durchgetaktet. Meine Welt hat sich an diesem Morgen von jetzt auf gleich verändert, ich habe nur noch an meine Eltern und Freunde gedacht, aber Job ist nun mal Job. Auf dem Weg zu Max Mara trug ich eine große Sonnenbrille, damit man meine verweinten Augen nicht sah.

Wie haben Sie dann weitergemacht?

Ich steckte in einem totalen moralischen Dilemma, es war eine nahezu unmögliche und sehr schwierige Situation für mich. Meine Projekte, meine Shootings konnte ich nicht absagen. Aber mir war auch sofort klar, ich will helfen. Ich bin in der Ukraine geboren, meine Eltern leben dort. Auf meinem Instagram-Account habe ich ein Statement abgegeben, um meiner Community zu erklären, was gerade mit mir passiert. Zwischen bunter Fashion-Welt und zerstörerischem Krieg – schwierig nachvollziehbar für Außenstehende.

Viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen haben sich in den Farben der Ukraine gezeigt. Haben Sie den Eindruck, dass man Sie unterstützt und versteht?

Ja und nein. Gerade von der Branche habe ich mir mehr erhofft. Selfies in blau-gelben Looks und Re-Posts von News aus der Ukraine reichen da nicht aus. Sicher ist das ein guter Anfang, ich selbst habe es auch getan. Aber wer so große Reichweiten hat, könnte noch viel mehr tun und seiner Verantwortung nachkommen – es wäre so einfach. Aktive Unterstützung habe ich dennoch erfahren: Ich habe tolle Partner und Brands, sie zahlen Budgets schnell aus, spenden Geldbeträge und Kleidung.

Man hatte trotzdem das Gefühl, dass die Mode- Party einfach weitergeht.

Die Stimmung war zwar getrübt, aber dem bunten Treiben der Fashion Week tat das keinen Abbruch. Vielleicht ist die Situation in der Ukraine für viele zu weit weg, sodass man zum „business as usual“ übergehen kann. Sowohl bei den Designern als auch bei meinen Kolleginnen hieß es eher: „The Show must go on.“ Likes habe ich zwar viele bekommen, aber nur wenige, etwa Veronika Heilbrunner, haben sich direkt bei mir gemeldet, mir Unterstützung angeboten und ihre Reichweite genutzt, so wie ich es tue. Die Mehrheit verhält sich immer noch neutral. Wir brauchen mehr Menschen wie Demna Gvasalia, der sich ganz klar zum Ukraine-Krieg positioniert und dennoch seine Show durchgezogen hat!

Sie haben Mailand frühzeitig verlassen, um Ihre Eltern aus der Ukraine zu holen. Hat das geklappt?

Meine Mutter ist mittlerweile dank großer Hilfe bei mir in München. Mein Vater leider noch nicht. Die Sorge um ihn erdrückt mich jeden Tag aufs Neue! Ich bin sehr dankbar für jede Hand, die mir aktuell gereicht wird, und wir können gerade jede gebrauchen, schließlich ist man gemeinsam immer stärker.

Sie engagieren sich sehr, geben geflüchteten Familien eine Unterkunft, rufen zu Spenden auf – wie gestaltet sich jetzt Ihr Alltag zwischen Mode und Krieg?

Jeden Tag warten neue Herausforderungen auf mich. Ich will für meine Familie und die Menschen aus der Ukraine da sein und versuche, eine Balance zu finden, aber das ist sehr schwer. Wir mieten Häuser an, um Frauen und Kinder unterzubringen und ihnen ein sicheres Zuhause zu geben. Meine Modewelt besteht, wenn es nicht gerade ein Job ist, daraus, bei Ikea Betten und Wäsche zu kaufen, statt bei Dior oder Chanel zu shoppen.

Trotzdem sind Sie zur Fashion Week nach Paris gereist. War die Situation dort eine andere?

Ich hatte das Gefühl, dass sich die Branche bereits auf schlechte Nachrichten eingestellt hat und mit den News aus der Ukraine umgehen muss. Der Krieg war hier schon öfter Thema, vereinzelt gab es lautere Stimmen als noch in Mailand. Aber dass sich die Modewelt mit all ihrer Kraft für den Support der Ukrainer einsetzt, sehe ich leider nicht.

Was würden Sie sich wünschen?

Mehr! Einfach mehr von allem: eine größere Hilfsbereitschaft, eine stärkere Anpack-Mentalität! Es sind noch immer nicht die Namen mit den großen Reichweiten, die aktiv helfen oder zu Hilfe aufrufen. Es sind normale Frauen, die sich solidarisch zeigen, Spenden bringen und mich und mein Team unterstützen. Aber: Durch meine Mutter wird mir täglich vor Augen geführt, dass die Hoffnung als Letztes stirbt.