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Von der syrischen Küste in den Oberharz: Aghiad Zuriek im Porträt


Nationalpark - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 04.12.2019

750.000 Syrer leben in Deutschland, so viele Menschen wie Frankfurt am Main Einwohner zählt. Die meisten kamen nach dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs. Der 34-jährige Aghiad Zuriek ist einer von ihnen. Und einer der wenigen im Naturschutz.


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Umweltingenieur Aghiad Zuriek ist eine Bereicherung für den deutschen Naturschutz.


(Foto: Wilhelm Breuer)

Noch 2011 heißt es in einem Reiseführer „Syrien ist eines der sichersten und reizvollsten orientalischen Reiseländer mit guter Infrastruktur“, doch auch „sein Image wird immer wieder durch weltpolitische Rhetorik beeinträchtigt“. Seitdem ist keine neue Auflage ...

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... erschienen. Wer will schon nach Syrien. Aus der Rhetorik von damals hat sich rasch ein Bürgerkrieg entzündet. Hier die Regierung des Baschar al-Assad, dort deren Widersacher, die der Westen, der sie bewaffnet hat, für „moderate Rebellen“ hält. In diesem Bürgerkrieg sind viele Interessen im Spiel, russische und nicht zuletzt die der USA. Nicht nur George W. Bush, auch der Friedensnobelpreisträger Barack Obama und Hillary Clinton haben Damaskus auf der „Achse des Bösen“ verortet. Was wirklich vorgeht, wer weiß das schon? Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.

Wahr ist allerdings, dass es Gründe gibt, Syrien zu verlassen. Nach dem abgeschlossenen Ingenieurstudium der Umwelttechnologie an der Universität Aleppo, beruflicher Tätigkeit im syrischen Umweltministerium und in der Umweltverwaltung seiner Heimatstadt Latakia kehrt Aghiad Zuriek seinem Land nicht grundlos den Rücken und entgeht der Einberufung zum Militär.

Anfang 2016 erreicht Aghiad Zuriek Clausthal-Zellerfeld, knapp 4.000 Kilometer von Latakia entfernt. Der Kontrast zwischen der syrischen Hafenstadt am Mittelmeer mit vor Kriegsbeginn mehr als 400.000 Einwohnern und der Kleinstadt im rauen Oberharz könnte größer nicht sein. Latakias Geschichte reicht bis zu Alexander dem Großen; Clausthal-Zellerfeld verdankt sich einer mittelalterlichen Rodung und seine Universität, die höchstgelegene in Deutschland, dem Bergbau. Den gut 4.000 Studierenden gilt sie wegen der langen und schneereichen Winter scherzhaft als die einzige Uni auf deutschem Boden mit zwei Wintersemestern. Die Kultusministerkonferenz in Bonn erkennt Zurieks in Aleppo erlangten akademischen Grad als Bachelor an. Aghiad Zuriek beherrscht die englische Sprache so gut wie Hocharabisch, ist im Deutschen verhandlungssicher und erreicht in der mündlichen Sprachprüfung für den Zugang zu deutschen Hochschulen 96 von 100 Punkten.

Humanitäre und ökologische Tragödie

Zurieks Bericht zur Lage der Umwelt in Syrien fällt nüchtern aus: Die Wasserstände der Brunnen und Flüsse sinken. Abwässer aus Industrie, Gewerbe und Haushalten fließen unzureichend geklärt ins Meer. Das Land ist fast vollständig entwaldet, das Offenland überweidet, die Gewässer überfischt, die ursprüngliche Großtierfauna bis auf ein paar Dromedare verschwunden. So war es schon lange vor dem Krieg. Doch mit dem Krieg sind die durchaus beachtlichen staatlichen Bemühungen, diese Probleme anzugehen, zum Erliegen gekommen. Der syrische Bürgerkrieg hat den jungen Mann aus dem Einsatz für die Reinhaltung von Boden, Wasser und Luft, aus der Zusammenarbeit mit den lokalen Umweltverbänden, aus Aufforstungsaktionen und Aufklärungsinitiativen für den Umweltschutz herausgerissen. Der Krieg ist nicht nur eine menschliche Tragödie, er ist es auch für die Umwelt. Große Teile des Landes liegen in Schutt und Asche. Viele Kläranlagen sind zerstört, Raffinerien und Ölquellen in Brand gesteckt. Blei, Quecksilber, Uran und andere hochgiftige Rückstände aus dem Kampfmitteleinsatz verseuchen das Land. Die Vergiftung der Umwelt und Giftgas sind Mittel der Kriegsführung. Um Idlib, die letzte Rebellenhochburg, sind fast alle Bäume in Flammen aufgegangen. Die gut ausgebildeten jungen Menschen sind tot, in der Armee oder ins Ausland geflohen. Was die Welt nicht sehen will, bietet sich den Zugvögeln seit 2011 zweimal jährlich aus ihrer Perspektive: Das Bild einer humanitären wie ökologischen Katastrophe. Über Syrien verläuft eine der Transitrouten des europäischafrikanischen Vogelzuges.

Aghiad Zuriek ist am Schutz der Zugvögel an der Küste, im Gebirge, in den Wüsten und im Tal des Euphrat des Bürgerkriegslandes gehindert; nun schützt er sie im nordischen Brutgebiet. „Helfen Sie den bedrohten Schwalben. – Holen Sie sich die Glücksbringer an Ihr Haus“, steht auf einem Faltblatt der Kreisgruppe Goslar des Naturschutzbundes Deutschland. Text und Gestaltung: Aghiad Zuriek. Es ist eines mehrerer Projekte, für die er seit August 2018 als Bundesfreiwilliger verantwortlich ist. Aghiad Zuriek bahnt Lurchen mit dauerhaften Leiteinrichtungen einen sicheren Weg vor dem Straßenverkehr zwischen Laichgewässern und Landlebensräumen, organisiert die Pflege von Streuobstwiesen und Magerrasen und leitet ausländische Besucher der nächtlichen Bergwelt im Nationalpark Harz in englischer Sprache zum Fledermausbeobachten an. Die sich im Bundesfreiwilligendienst bietenden Ausbildungsangebote hat der junge Syrer förmlich aufgesogen und wie selbstverständlich am Jugend-Umweltseminar des Deutschen Naturschutztags 2018 in Kiel teilgenommen. Vom Qualifizierungs- und Organisationsgrad, der rechtlichen Verankerung des Naturschutzes als Aufgabe des deutschen Staates und seiner Bürger, ist Aghiad Zuriek zutiefst beeindruckt. Für Wolfgang Moldehn, den Vorsitzenden der Naturschutzbund-Kreisgruppe, ist Aghiad Zuriek ein Beispiel für Integration.

Im letzten Sommer endete sein Bundesfreiwilligendienst mit einem Zeugnis, das nicht übertreibt. Aghiad Zuriek hat sich nicht nur als Glücksfall für die Alltagsarbeit im Naturschutz erwiesen, sondern auch den Weg in die Herzen der Menschen gefunden. Zuriek stellt unter Beweis, dass die abnehmende Wertschätzung in der Abfolge „Natur – Naturschutz – Naturschützer“ kein Naturgesetz ist. Es sind dies nicht seine einzigen Talente. Aghiad Zuriek liest die großen Philosophen, malt und schreibt Gedichte. Sein Los hat ihn weder bitter werden noch resignieren lassen – schon gar nicht in der Sache des Naturschutzes. Die Universität Hannover lässt den Sohn eines Musiklehrers und einer Ökologielehrerin zum Masterstudium im Fach Umweltplanung zu. Vielleicht kann er es aufnehmen oder schon jetzt eine Arbeit finden, die seiner Qualifikation entspricht. Es muss nicht im rauen Oberharz sein. Den hierzulande entmutigten und verzagten Menschen möchte man den jungen Mann aus einem fernen Land vor Augen stellen. Sein Beispiel könnte sie vor Selbstmitleid und der Weinerlichkeit über die empfundene, aber nicht erwiesene Aussichtslosigkeit der Welt bewahren.

WILHELM BREUER ist Diplom-Ingenieur der Landschaftspflege, Mitbegründer und Geschäftsführer derGesellschaft zur Erhaltung der Eulen e.V. und Lehrbeauftragter für Naturschutz- und Planungsrecht an der Hochschule Osnabrück.


„Aghiad Zuriek hat eine Anstellung im beruflichen Naturschutz verdient – und der Naturschutz ihn.“