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Von Goregrind zu Gemüse


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 15.09.2021

VORCHLAG HAMMER

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Nach der ersehnten Rückkehr mit SURGICAL STEEL ließen Carcass ihre Fans acht Jahre lang auf ein neues Album warten und schoben 2020 sogar eine EP zur Überbrückung ein. Das nun erscheinende siebte Opus der Mitte der Achtziger Jahre etablierten und zwischen 1996 und 2007 auf Eis liegenden Gruppe stellt Songwriter Bill Steer zufolge den nächsten logischen Schritt dar: „Seit SURGICAL STEEL sind einige Jahre vergangen, in denen wir viele Konzerte gespielt haben – diese Erfahrung tragen wir in uns. Auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist, beeinflusst einen das beim Schreiben von neuem Material“, meint er, und betont, das Album berge eine andere Dynamik als sein Vorgänger: „Es ist mehr auf die Bühnensituation ausgerichtet! Ich mag SURGICAL STEEL noch immer, doch es ist irre. Es machte Spaß, das im Studio aufzunehmen, doch live erreichte nicht alles die letzten Reihen.“

Altes Ethos, neue ...

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... Nuancen

Wie den Vorgänger spielten Carcass auch TORN ARTERIES zu dritt ein. Der seit 2018 im Line-up stehende Co-Gitarrist Tom Draper ist auf dem Album nicht zu hören, sondern tritt nur live in Erscheinung. Nötig ist dies, da Steer Material für zwei parallel, aber andersartig spielende Gitarren schreibt, die er zwar selbst einspielen, live aber nicht alleine umsetzen kann. Den als detailversessenen Arbeiter und Teamplayer gelobten Draper nicht auf das Album zu bitten, begründet der Hauptkomponist mit der Langwierigkeit des Prozesses und der Fokussierung auf das Kern-Team. Dazu kommt die Gewohnheit – schließlich hat sich das Songwriting im Lauf der Jahre kaum verändert: „All unsere Alben sind auf dieselbe Weise entstanden – zwei bis drei Musiker gehen in den Proberaum und spielen mit Ideen, Arrangements und Details herum. Wir schicken nicht nur E-Mails hin und her. Das funktioniert für viele Bands, nicht aber für uns.“ Ähnlich beurteilt Steer den unveränderten Ansatz, auf technische Hilfsmittel wie Clicktrack oder „Studiomagie“ zu verzichten, sondern unverstellt und ehrlich zu agieren.„Viele Menschen hören Musik nicht analytisch, sondern gefühlsbasiert“, sagt er. „Hätten wir anders als sonst aufgenommen, hätte das die Atmosphäre verändert.Das wäre aufgefallen – vielleicht, ohne genau zu wissen, woran es liegt, aber mit dem sicheren Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Musik mit Clicktrack ist sehr statisch. Wir wollen, dass sich unsere Musik bewegt, lebt und atmet.“Besonders viele Diskussionen zwischen Steer und Sänger/ Bassist Jeff Walker gab es beim Erarbeiten des Werks nicht. Vielmehr existierte eine stille Übereinkunft, dass die Musik anders ausfallen sollte – „das ist für diese Band normal, wir haben uns von Beginn an immer ein paar Schritte vom vorherigen Album entfernt“, so der Gitarrist. „Man sollte nicht ständig über die eigene Schulter lugen und frühere Werke aufgreifen – es steckt sowieso in einem drin und kommt hervor, sobald man Musik macht.Wir können nicht die Uhr zurückdrehen und zu dem kruden Stil zurückgehen, den wir als Teenager gespielt haben. Das wäre weder ehrlich noch natürlich. Ich wollte einige Neuerungen hören – Drumgrooves oder nur ein Gefühl, etwas Atmosphärisches. In jedem Track sollte etwas Frisches durchscheinen. Wie sollen wir rechtfertigen, ein neues Album aufzunehmen, ohne etwas Neues zu machen?“ Die Rede ist dabei von Nuancen, die den melodischen Death Metal pointieren. Als Beispiel nennt Steer sachtere, für Death Metal untypische Gitarren-Passagen, führt aber auch den dröhnenden Beginn von ‘The Devil Rides Out’ sowie die „Scorpions- oder Accept-artigen Strukturen“ der Drumgrooves in ‘In God We Trust’ an.„Für mich hat das funktioniert. Natürlich könnte es einige Leute provozieren, da es nicht die reinste Death Metal-Version ist...“ Eher stolpern dürfte man jedoch über das auffällige Händeklatschen im letztgenannten Stück, einer Idee von Walker. „Wir nahmen etwas Zusatzmaterial auf, Percussions und ein paar Keyboards. Und wir verbrachten Stunden mit Klatschen und Fußstampfen. Das war ein großer Spaß und fühlte sich an wie eine Bereicherung.“

„Wir wollen,dass sich unsere Musik bewegt,lebt und atmet.“

BILL STEER (L.)

Bewahren und vergehen

Komplizierter ist es, sich mit dem textlichen Inhalt der Platte zu beschäftigen. Die Herkunft des Titels ist noch klar: TORN ARTERIES geht auf ein Demo von Urschlagzeuger Ken Owen zurück, das jener im Alter von 15 eingetrümmert hatte. „Wir waren begeisterte Tapetrader“, erinnert sich Steer an einige miese Aufnahmen, die ihnen postalisch zugingen. „Wir mochten sie wegen ihrer Atmosphäre – brutal verzerrte Kassetten von Bands aus San Francisco oder Stockholm, mit denen nichts anzufangen war. Eines Tages kam Ken mit einem eigenen Tape an. Statt einer elektrischen hatte er eine spanische Gitarre verwendet, und Bücher statt Drums. Er schrie ins Mikro des Rekorders, die komplette Aufnahme war im roten Bereich und total verzerrt. Es klang absolut furchteinflößend, war aber nur das Werk eines Teenagers im Kinderzimmer.“ Mit dem als einflussreich geltenden Owen, der 1999 nach einer Hirnblutung im Koma lag und seine Rolle bei Carcass aufgeben musste, hält Steer bis heute Kontakt. „Er lebt in einem Dorf draußen in den Midlands, seine Eltern wohnen nicht weit entfernt und er hat viele Freunde. Es geht ihm gut, er ist jeden Tag aktiv und zu einem sehr positiven Menschen geworden. Ihm ist bewusst, wie bemerkenswert es ist, dass er es so weit gebracht hat.“ Der Albumtitel bleibt der einzige Beitrag von Owen – ihn nach SURGICAL STEEL erneut als Background-Sänger einzubinden, erschien Carcass zu vorhersehbar.Versucht man darüber hinaus über die Inhalte des Werks zu sprechen, beißt man auf Granit. Walker gibt sich geheimnisvoll und seine Texte nicht heraus, und auch Steer hat oft nur eine vage Ahnung davon, was gemeint sein könnte: „Manchmal greife ich zu einem Textblatt und weiß, worum es geht – oder denke es zumindest.Es gibt aber auch andere, bei denen ich total blank bin.Jeff genießt das wohl und will, dass man Arbeit investieren muss, um ihn zu verstehen“, schmunzelt der Gitarrist. „Auf diesem Album gibt es viele unterschiedliche Themen, Jeff deckt einiges ab: Geschichtliches und Politik, aber auch Persönliches wie das Trinken. Es ist mit SURGICAL STEEL vergleichbar, aber er treibt es weiter.Bei SURGICAL STEEL warfen viele Leute nur einen Blick auf die Titel und nahmen an, wir seien ins Anatomisch-Gorige zurückgekehrt. Doch davon gab es nur Spuren.Die Titel gingen in diese Richtung, aber die Texte waren anders.“ Ihr Faible für Selbstreferenzen und Morbides haben Carcass nicht verloren, wie etwa das auf die Maya- Göttin des Suizids hindeutende ‘Dance Of Ixtab’ oder der düstere Abschluss ‘The Scythe’s Remorseless Swing’ zeigen: „Mit Sterblichkeit müssen wir uns alle irgendwann beschäftigen“, so Steer. „Der Song ist ziemlich desolat.Er spricht die Dinge geradeheraus an, wie sie sind.“Auch das Aufgreifen natürlicher Prozesse wie Faulen oder Verrotten überrascht bei Carcass nicht. Diesmal sind Zucchini, Paprika und Peperoni dabei zu beobachten. Als Ausgangspunkt fungiert das von Künstler Zbigniew Bielak in Szene gesetzte Cover, auf dem das in Herzform arrangierte Gemüse noch frisch aussieht.„Wir wollten ein nicht-generisches Artwork. Das ist von einem normalen Metal-Cover so weit entfernt wie nur möglich“, lacht Steer, und schließt eine Verbindung zur ekelerregenden Körperteilparade von REEK OF PUTREFACTION nicht aus. Für normal hält er auch das Wiederaufbranden der Frage nach der Verbindung zwischen dem Artwork und der vegetarisch-veganen Ernährung beider Musiker. Wie üblich übt sich Steer bei diesem Thema in Zurückhaltung: „Wir verspüren nicht die Notwendigkeit, etwas zu predigen oder über jemanden zu urteilen – das war vielleicht der Fall, als wir als Teenager zum ersten Mal auf Tierrechte und Veganismus stießen und uns überlegen fühlten. Heute sehen wir das nicht mehr so“, erklärt der 51-Jährige. „Ich finde es cool, dass wir Fans mit diesem Lifestyle haben, aber andere sehen es eben anders. Etwas, das mir richtig erscheint, muss für jemand anderen noch lange nicht richtig sein.“

Nä he trotz Distanz

Mit TORN ARTERIES werden Carcass definitiv Aufmerksamkeit erregen – nicht nur aufgrund des Artworks, sondern auch dank der stetig wachsenden Musik. Der Ansatz, der eigenen Vergangenheit Tribut zu zollen, sich aber konstant weiterzuentwickeln, steht den Engländern gut zu Gesicht. Eine ähnliche Einstellung vertritt Steer auch hinsichtlich der Idee, bei der gemeinsamen (mittlerweile ins Jahr 2022 verschobenen) Tournee mit Arch Enemy Ex-Mitglied Michael Amott auf die Bühne zu bitten. „Ob Michael ein, zwei Nummern mit uns spielen könnte? Er wäre willkommen! Ich könnte aber auch verstehen, wenn er sich nicht dazu in der Lage sieht. Arch Enemy sind eine professionelle Maschine – vielleicht will er nichts tun, das darüber hinausgeht. Aber, ja, ich kann mir gut vorstellen, dass das eines Tages passiert. Wir halten regelmäßigen Kontakt, ich sehe ihn als guten Freund an.“ Weiterentwicklung und verschobene Prioritäten sind schließlich kein Hindernis für eine gute Beziehung. Walker und Steer wissen dies selbst am besten: Die beiden Kernmitglieder von Carcass haben sich in der Band-Pause auseinanderentwickelt und führen heute verschiedene Leben. Die Dynamik zwischen ihnen ist dem Gitarristen zufolge aber gleichgeblieben: „Wir haben unterschiedliche Charaktere und gehen einander auch mal auf die Nerven, doch wir merken, dass es funktioniert. Er bringt etwas mit, ich bringe etwas mit – und dann gibt es einen kleinen Bereich, in dem wir uns einigen können. Bei vielen Dingen sind wir gänzlich anderer Meinung. Vielleicht hilft der Band auch das weiter. Ich bin jedenfalls dankbar dafür, dass es noch immer funktioniert.“

KATRIN RIEDL