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VON JAGDKÖNIGEN, GUTEN SCHÜTZEN UND ANDEREN LÜGNERN: BLATTSCHÜSSE


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 20/2020 vom 17.01.2020

Lauscht man den Erzählungen der Jäger, wenn es um ihre Schießfertigkeiten geht, dann fragt man sich: Wozu gibt es Schweißhunde? Wozu „Verlorenbringer“? Gert G. v. Harling ist im Laufe seines Jägerlebens so manches zu Ohren gekommen.


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Wild anvisierender Jäger: Schießen können wir alle, beim Treffen trennt sich die Spreu vom Weizen. Unter den Körnern gibt es wahre Könner, und unter dem Kaff solche, die sich dafür halten.


FOTO: SVEN-ERIK ARNDT

Lügen, sagt man, haben kurze Beine. Mag sein. Was ich aber gewiss weiß: Allzu oft tragen sie grüne Beinkleider. Denn: Was flunkern sich Jäger nicht alles zusammen, wenn ...

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... es um ihre Schießkünste geht! Lucky Luke und Tom Mix, die Meisterschützen aus dem Wilden Westen, sind dagegen wahre Stümper. Über das Schießen haben sich bereits Prominente wie Münchhausen und Bismarck geäußert, die Freikugeln von Carl Maria von Weber auch nicht zu vergessen. Ich will ein paar Beispiele nennen, die mir im Verlauf meines Jägerlebens zu Ohren gekommen sind. Übrigens: Kennen Sie den kürzesten Jägerwitz? „Ich habe getroffen!“

JAGDKÖNIG VON SCHUMMELNS GNADEN

Als Jagdführer geht man schon mal auf Sonderwünsche ein, wenn der Erfolg für einen Gast ausschlaggebend sein soll. Am Morgen vor einer Fasanenjagd in England hatten meine Gäste um eine Kiste Rotwein gewettet, wer von ihnen die höchste Tagesstrecke erzielen würde. Einer der Schützen nahm mich darauf zur Seite und bat, ohne dass der Rest der Jagdgesellschaft es hören konnte, in den einzelnen Treiben stets neben ihm zu stehen, er würde für jeden von mir geschossenen Gockel fünf Mark zahlen, wenn er ihn auf sein Konto schreiben dürfe. Ich war einverstanden. Die Jagdgesellschaft wunderte sich zwar beim abendlichen Dinner, dass ich ungewöhnlich schlecht geschossen hatte, aber das nahm ich gern in Kauf, hatte ich doch meinen Gönner mit diesem Flop glücklich gemacht. Er gewann die Wette und damit die zweifelhafte Würde des Jagdkönigs.

ZU GUT TREFFEN IST AUCH VERKEHRT

Frauen, so eine Statistik, schießen besonnener und sind nicht so vom übermäßigen Ehrgeiz besessen wie männliche Jäger. Meine Cousine scheint ein Beispiel dafür zu sein, dass die Statistik stimmt. Sie hatte oft gejammert, dass sie ihren Mann, einen passionierten Jäger, während der Jagdzeit kaum zu Gesicht bekam, bis eine Freundin riet: „Du solltest ebenfalls die Jägerprüfung machen, dann könnt Ihr zusammen rausgehen.“ Gesagt, getan, die Cousine bestand das grüne Examen, ist seitdem begeisterte Jägerin und geht mit ihrem Liebsten gemeinsam zur Jagd. Kürzlich erzählte sie: „Ich war gerade mit meinem Mann im Revier. Er ist sauer, dass ich wieder alles verkehrt gemacht habe: Ich war zu laut, hab’ mich zu hastig bewegt, trug nicht die richtigen Klamotten, hatte die falschen Patronen und habe dann auch noch zwei Fasanen und einen Hasen mehr erlegt als er.“

SO SCHNELL VERGEHT DER RUHM

„Wenn der König spricht, hat das gemeine Volk zu schweigen“, begann unser Tierarzt Dr. v. B. aus der nahen Kreisstadt mit donnernder Stimme seine Rede, nachdem er zum Jagdkönig gekürt worden war, und sorgte damit für Ruhe im Saal. Es folgten ein Rückblick auf den Jagdtag und die nicht zu knappen Saalrunden. Anschließend ließ es sich der Geehrte gern gefallen, wegen seiner launigen Worte von den Jagdfreunden scherzhaft mit „Majestät“ angeredet zu werden, zumal es das erste Mal war, dass ihm diese Würde übertragen worden war. Am Ende des Schüsseltreibens wusste Majestät zwar nicht wie viel, aber dass er viel getrunken hatte, merkte man seinem Gang an. Arm in Arm wankte er mit Jagdfreund Rüdiger zum Parkplatz, wo die Söhne der beiden bereits ungeduldig in ihren Autos darauf warteten, ihre beschwipsten Väter nach Hause zu kutschieren. „Majestät muss noch mal“, mit diesen Worten verschwanden die Herren hinterm nächsten Busch, was nicht zur guten Laune der Wartenden beitrug. Als Majestät endlich erschien, riss sie die Autotür so schwungvoll auf, dass sie gegen den daneben geparkten Wagen stieß. „Idiot“, brummte darauf ihrer Majestät aus dem Gefährt eine Männerstimme entgegen, leise, aber so laut, dass Majestät sie verstand. Unser Doktor hielt ernüchtert inne, drehte sich erstaunt um und stellte schlicht und sachlich fest: „Entthront!“

PRAKTISCH NEIN – THEORETISCH JA

Mein alter Dorfschullehrer war ein Unikum, passionierter Jäger, aber saumäßiger Schütze. Als er sich auf der Treibjagd wieder ziemlich blamiert hatte, erläuterte er uns folgende Rechnung: „Ein Jäger schießt auf einen Hasen. Dieser schlägt einen Haken, und die Schrotgarbe fliegt zehn Zentimeter links an dem Krummen vorbei. Danach schießt der Jäger noch einmal. Diesmal fliegt die Garbe zehn Zentimeter rechts vorbei. Was schließen wir daraus?“ Nachdem wir lange schweigend auf den Alten gestarrt hatten, präsentierte er stolz die Antwort: „Statistisch gesehen ist der Hase tot.“

ZAUBERFORMEL FÜR DIE FASANENJAGD

Auf einer der ersten Fasanenjagden, zu denen ich in England eingeladen war, saß John, alt gedienter Gamekeeper, neben mir und beobachtete meine Schießkünste. Ich war gewöhnt, schnelle Kaninchen vor dem Frettchen zu treffen, aber mit „high birds“ hatte ich Schwierigkeiten. Nachdem ich wohl zehn Mal auf hoch über unsere Köpfe streichende Vögel gefehlt hatte, erhob sich John gemächlich von seinem Jagdstock und schmunzelte: „Boring, isn’t it?“ (ziemlich langweilig – nicht wahr?) Er nahm meine Flinte, schoss die nächsten beiden, hoch anstreichenden Fasanen und murmelte dabei mehr im Selbstgespräch als zu mir: „Tail – body – head – bäng“. Dann gab er mir die Waffe zurück und bedeutete, es ihm nachzumachen. Die nächsten Vögel ließen sich von meinen Schüssen jedoch nicht beeindrucken. „Du musst den Fasan anschauen, Schwanz – Körper – Kopf sagen, dann schießen“, belehrte mich John. Ich gehorchte. Der nächste Fasan strich heran, der Schaft meiner Flinte glitt vor die Schulter, die Mündung zeigte auf den Stoß, schwang vor, überholte den Vogel und als ich abdrückte, fiel dieser wie ein Stein vom Himmel, der übernächste ebenfalls. Am Ende des Jagdtags hatte ich 38 Fasanen erlegt, darunter 14 Dubletten, und habe über 50 Mal „tail – body – head – bäng“ vor mich hingemurmelt. Wenn ich mit meiner Flinte fehle, denke ich an den alten John und seine Zauberformel für die Fasanenjagd: „tail – body – head – bäng“ – sie hilft.


„HERR BARON, OAN BEIN HABEN’S SCHON, DEN REST MOACH I FÜR EANA.“


„Tail – body – head – bäng“, so könnte es mit dem pfeilschnellen Gockel klappen.


FOTO: OLIVIA V. BÜLOW

Begeistertes Erzählen vom Erlebten: zumeist nur dann, wenn der Schuss – stets ein schwieriger – traf.


FOTO: NATURFOTO SCHILLING

KEIN JÄGERLATEIN: DAS JÄGEREINMALEINS

Eine mir unvergesslich gebliebene Jägerpersönlichkeit war Lord Brookborough aus Fermanagh in Nordirland, die Personifizierung des klassischen Understatements. Auf seinem Besitz Coolebrooke House jagten wir gemeinsam Bekassinen. In lässiger Weise wischte er die höchsten und schnellsten Vögel aus dem Himmel und schien nie zu fehlen. Nach einem Vormittag auf getriebene Bekassinen, die Vögel kommen unvergleichlich schneller als auf der Suchjagd, hatte ich zwar viel geschossen, aber das Ergebnis war eher dürftig. Da stieß der alte Lord zu uns und wurde erwartungsvoll gefragt, wie viele Vögel er denn zur Strecke gebracht habe. Er zählte nach eigenem Jägereinmaleins, schaute nicht auf den Galgen an seiner Jagdtasche, sondern auf seinen Patronengurt mit den 25 Schlaufen. „Twentyfive minus eight, so I got seventeen“, antwortete er bescheiden. (25 minus 8, das macht 17). Er zählte nicht die erlegten Vögel, sondern die in seinem Gürtel fehlenden Patronen, dass er gefehlt haben könnte, zog er überhaupt nicht in Betracht!

Links vorbei! Würde der zweite Schuss etwa 50 Zentimeter rechts vorbeigehen, wäre der Hase statistisch gesehen tot!


FOTO: HORST JEGEN

Beschossener Frischling: der zweite? Offenbar war dieser nach oben zu klein. Passieren kann das jedem! Und passiert auch. Nur geraten solche Schüsse vielfach ganz schnell in Vergessenheit.


FOTO: OLIVIA V. BÜLOW

EINEN GAMSBOCK AUF RATEN

In meiner Jugend musste man sich den ersten Jagdschein noch hart erdienen. Man begann bescheiden als Treiber, jagte mit dem Luftgewehr Spatzen und Ratten, steigerte sich allmählich über den Abschuss von Elstern und Eichelhähern bis zum Kaninchen oder Hasen. Sämtliche Abschüsse wurden gewissenhaft im Schussbuch festgehalten. Nach eifrigen Schießübungen mit Büchse und Flinte unter strenger Aufsicht bekam der angehende Jäger, sofern er sich keine jagdlichen Verfehlungen geleistet hatte, den Abschuss einer Ricke frei. Wenn er fit im Ansprechen war, durfte er einen Bock schießen, der selbstverständlich vorher selbst bestätigt werden musste. Ein entfernter Onkel von mir, in der Stadt aufgewachsen und erfolgreicher Unternehmer, hatte seine Jagdpassion erst in fortgeschrittenem Alter entdeckt und ging einen anderen Weg als mein Bruder und ich. Drei Wochen besuchte er eine Jagdschule und bestand das „grüne Abitur.“ Nachdem er den ersten Jagdschein gelöst hatte, schoss er innerhalb von drei Wochen vier Rehböcke. Anschließend fuhr er nach Namibia. Mit einigen guten Trophäen wieder zurückgekehrt, strotzte er nur so vor Selbstsicherheit, blieb aber in unseren Augen ein Anfänger. Als er seinen zweiten Jagdschein gelöst hatte, wurde er von einem Vetter in dessen Revier zur Gamsbrunft eingeladen. Vor seiner Abfahrt in die Berge befolgte er zwar unseren Rat, sich durch sportliche Aktivitäten körperlich fit zu machen, nahm sich aber keine Zeit, auf dem Schießstand ein paar Probeschüsse abzugeben, schließlich hätte in Namibia ja alles Wild mit dem ersten Schuss gelegen, behauptete er. Auch sich mit der Wildart „Gams“ vertraut zu machen, hielt er nicht für notwendig. Im Gebirge zog er schließlich mit einem Berufsjäger los, und schon bald merkte der, dass mein Onkel nicht der erfahrene Nimrod war, als den er sich ausgab. Nach anstrengender Pirsch im Berg stießen die beiden Jäger auf ein Rudel Scharwild, in dem ein schlecht gehakelter Bock stand. Sie duckten sich hinter einen Felsbrocken, der Jagdführer bereitete mit Lodenkotze und Rucksack eine kommode Unterlage für die Büchse vor, mein Onkel legte sich dahinter und machte einige Zielübungen. Sein Begleiter bestätigte den Bock noch einmal durchs Spektiv und erklärte seinem Gast, welches Stück zu schießen sei. „Rumms!“, fiel der Schuss. Einen halben Meter unter der beschossenen Gams spritzte der Dreck. Das Rudel verhoffte unschlüssig. „Repetieren’s und halten’s a Stückerl höher“, flüsterte der Berufsjäger und starrte durch sein Spektiv. Der zweite Schuss lag ebenfalls zu tief. „Halten’s grad über den Rücken“, raunte der Mann neben ihm, und der dritte Schuss an diesem sonnigen Vormittag warf sein Echo von den Felswänden zurück und ließ es durch das weite Tal rollen. Der Bock knickte mit dem linken Vorderlauf ein, folgte schwerfällig dem abspringenden Rudel und verschwand hinter dem nächsten Latschenfeld, ehe mein Onkel repetieren und noch einmal schießen konnte. Guter Rat war teuer. Der Onkel, vom Jagdfieber ergriffen, meinte ziemlich kleinlaut und von seinen Schießkünsten nicht mehr so überzeugt: „Wir werden den Bock doch bekommen, oder?“ Nun konnte sein Begleiter sich nicht mehr zurückhalten: „Herr Baron, oan Bein haben’s schon, den Rest moach I für eana.“


„ES WIRD NIEMALS SO VIEL GELOGEN WIE VOR DER WAHL, WÄHREND DES KRIEGS UND NACH DER JAGD.“
OTTO VON BISMARCK


Beschossener Fuchs: offenbar hinten zu schnell. Dank freier Fläche gelingt es, den Fehler mit …


… dem zweiten Schuss zu korrigieren. Von welchem wird man am Streckenplatz wohl hören?


FOTOS: OLIVIA V. BÜLOW

EIN BRAVOURÖSER FEHLSCHUSS

Der Jagd- und Forschungsreisende Hans Schomburgk erzählt in seinem Buch „Zelte in Afrika“, dass er im Zululand den besten Schuss seines Lebens getan habe. „Ich lag“, so berichtet er „an einem Sonntagmorgen auf meinem Feldbett und las. Da kam ein eingeborener Polizist und überbrachte mir den Befehl, zum Bezirksamtmann zu kommen und meine Büchse mitzubringen. Ich dachte, er wollte zum Zeitvertreib mit mir nach der Scheibe schießen. Aber der Bezirksamtmann stellte mich dem Gouverneur vom Zululand, Sir Charlie Thunder, vor und zeigte auf den gegenüberliegenden Hügel, wo zwei Antilopen ästen, in gerader Linie, aber die eine etwa fünf Meter hinter der anderen. Man sah sie nur wie zwei kleine Punkte. „Ich habe gewettet, dass Sie von hier aus eine Antilope erlegen können“, sagte der Bezirksamtmann, „glauben Sie, dass Sie es schaffen?“ Ich glaubte es nicht, aber ich wollte mir keine Blöße geben, und wenigstens das Vertrauen zu rechtfertigen versuchen, das er in mich setzte. Die Entfernung kannte ich ja genau, denn wir hatten sie schon abgemessen. Also legte ich mich hin, zielte bedächtig und setzte mehrere Male ab. Endlich schoss ich. Eine Antilope sprang hoch auf und brach verendet zusammen. Alle beglückwünschten mich zu meinem Meisterschuss, besonders stolz war ich über die Komplimente des Gouverneurs. Aber ich habe niemandem gesagt, dass die Antilope, die ich traf, gar nicht die war, auf die ich gezielt hatte!“

AM STAMMTISCH UND DEN ANDEREN TISCHEN

Je später der Abend, desto lauter und ausgelassener werden unsere Unterhaltungen am Stammtisch. Jeder erzählt Geschichten von sich und anderen, wahre Geschichten, erfundene, die wahr sein könnten, und wahre, die niemand für wahr haben will. Dabei bleibt nicht aus, dass hin und wieder auch andere Gasthausbesucher an den Nebentischen ungewollt zuhören, was wir uns zu berichten haben. Heiner ist dann mit seiner kräftigen Stimme kaum zu überhören, besonders wenn er zu fortgeschrittener Stunde sein ohnehin lautes Organ mit Schluck und Bier geölt hat. Einmal erzählt er von einem bewaffneten Spaziergang. „Als ich über die Felder ziehe, steht mein Hund vor. Ich trete heran, da steht ein Hase auf und fällt im ersten Schuss. Drei Minuten später steht der Hund erneut, wieder steht ein Hase auf und rolliert in meiner Schrotgarbe. Ihr werdet es kaum glauben, aber fünf Minuten danach steht die Gesa schon wieder fest vor, ich trete heran, ein Hase steht auf, ich ziele, ich schieße und auch er geht koppheister. Kaum habe ich innerhalb von knapp einer Viertelstunde drei Hasen erlegt, da steht die Gesa wieder bombenfest, ich gehe drauf zu, ein Hase steht auf, ich schlage an, ich schieße und …“ In diesem Augenblick flüstert ein Gast am Nebentisch so, dass es jeder im Gastzimmer vernimmt: „Wenn er den auch noch schießt, nehme ich ihn am Kragen und gebe ihm einen Tritt in die Kehrseite.“ Ohne mit der Wimper zu zucken, fährt Heiner fort: „Ich schieße – und schieße vorbei.“

BESCHEIDENHEIT IST EINE ZIER …

„Vorgestern habe ich sieben Fasanen, fünf Kaninchen und zwei Hasen geschossen, wetten, dass ich wieder Jagdkönig werde?“ Ältere Jäger ignorierten die großspurigen Äußerungen des Neuankömmlings vor der Begrüßung, einige Jüngere aber hingen förmlich an seinen Lippen und bewunderten ihn. Wir verbrachten anschließend harmonische Stunden im Revier. Die Stimmung war großartig, interessante Gespräche wurden geführt, die Hunde hatten vorbildlich gearbeitet, alle waren zufrieden, obwohl die Strecke überschaubar war. Da polterte der verhinderte Jagdkönig los: „Hätte ich gewusst, dass hier so wenig los ist, wäre ich zu Hause geblieben.“ Schweigen in der Korona, die gute Stimmung hatte einen Dämpfer bekommen. Ich dachte an einen Jagdfreund, passionierter Jäger, Gentleman alter Schule und exzellenter Schütze. Tolerant und bescheiden drängt er sich nie in den Vordergrund. Neulich kamen ihm bei einer Jagd im Westfälischen auf einem Stand 14 Fasanenhähne, und er hatte mit 15 Schüssen zwölf davon erlegt. Als man ihm gratulierte, wehrte er bescheiden ab: „Meine Herren, ich habe doch, bis auf die Zwölf, alle vorbeigeschossen.