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VON LIEBE UND HASS IN ZEITEN DER PEST


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Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 16.03.2022

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VERLOSUNG

ORHAN PAMUK: Die Nächte der Pest Übersetzt von Gerhard Meier Hanser, 696 Seiten, 30 Euro

BÜCHERmagazin und Hanser verlosen dreimal „Die Nächte der Pest“. Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!

Orhan Pamuk, am 7. Juni 1952 in Istanbul geboren, gilt als einer der begabtesten und erfolgreichsten Prosaschriftsteller in der Türkei. Seine Werke sind in über 60 Sprachen übersetzt, erscheinen in über 100 Ländern und erhielten zahlreiche internationale Preise bis hin zum Literaturnobelpreis. Als er in einem Zeitungsinterview den Völkermord an den Armeniern während des Osmanischen Reiches anprangerte, brachte ihm das 2005 einen Prozess wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ ein. Das Verfahren wurde 2006 eingestellt. Doch in Istanbul kann er nicht ohne Leibwächter aus dem Haus, er erhält immer wieder Morddrohungen von türkischen Nationalisten. Pamuks neuer Roman „Nächte der Pest“ spielt auf einer ...

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... imaginären Insel namens Minger in der letzten Phase des Osmanischen Reichs. Als die Seuche auf der Insel 1901 ausbricht und wütet, entfaltet sich ein politisches Drama, ein Zusammenprall verschiedener Kulturen, in dessen Mittelpunkt die Angst vor dem Tod, die Epidemie, der Staat, nationale Identitäten und die Revolte stehen. Verschwörungstheorien gedeihen, es breitet sich ein Gefühl der Rebellion gegen den nationalistischen Staat aus, der sich am Ende in der Revolution entläd. Alle Themen, die dem türkischen Schriftsteller am Herzen liegen, tauchen in der epischen Erzählung auf: die Konfrontation zwischen den sozialen Klassen, die Moderne, der politische Islam, religiöse und nationale Identitäten und schließlich Gefühle: Liebe, Wut, Eifersucht. Wir führen das Interview per Video. Orhan Pamuk sitzt gut gelaunt vor seinem Schreibtisch, im Hintergrund ist ein Bücherschrank zu sehen. Er richtet die Kamera seines Laptops kurz auf das Fenster, ein atemberaubender Blick, der auf den Bosporus fällt.

Herr Pamuk, wie sieht Ihr Leben zur Zeit in Istanbul aus?

Ich wohne auf der westlichen Seite, im Zentrum von Istanbul, das war schon immer touristisch, auch im Winter. Doch zur Zeit haben wir überhaupt keine Touristen. Aber nicht nur deshalb sind die Straßen leer, seit vier Wochen gibt es wenig Verkehr. Der Grund dafür ist, dass der türkische Lira abstürzt und die Ölpreise gestiegen sind. Viele Menschen, die in Istanbul mit dem eigenen Auto pendeln, benutzen es nicht mehr, weil sie sich das Benzin nicht leisten können. Das Versagen der Regierung hat nicht nur die Wirtschaft gebremst, die galoppierende Inflation hat auch die Mittelschicht getroffen und natürlich besonders arme Leute, sie sind in echten Schwierigkeiten. Die Menschen gehen nicht mehr aus, um sich zu amüsieren. Das liegt nicht an Corona, sondern an der wirtschaftlichen Situation.

Als die Pandemie Anfang 2020 global ausbrach, haben Sie in New York gelebt und an Ihrem Roman „Nächte der Pest“ geschrieben, die 1901 Asien und Europa überrollte. Wie empfanden Sie die Überschneidung der fiktiven Realität mit dem Ausbruch der heutigen Pandemie?

Meine erste Reaktion war ein Schock. Ich dachte: Mein Gott, jetzt werden alle sagen, er hat diesen Pestroman geschrieben, weil das jetzt ein Trendthema ist. Dabei schrieb ich schon seit vier Jahren an dem Buch.

Wie haben Sie persönlich den Ausbruch von Corona erlebt?

Es war im März 2020. Ich hielt Vorlesungen an der Columbia Universität, als die Pandemie näher rückte. Die Nachrichten über das Covid 19 Virus häuften sich und waren sehr beunruhigend. Ich erinnere mich daran, wie ich den Streit zweier Männer in einer Pizzeria miterlebte. Der eine öffnete das Fenster, um zu lüften, damit sich das Virus nicht ausbreiten konnte. Der andere hat die Gefahr nicht verstanden, er lamentierte, hey, mach das Fenster zu, es wird viel zu kalt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich begriffen, dass die pandemische Lage viel schlimmer werden würde. Noch bevor die Zahl der Infizierten dramatisch anstieg, bin ich zum Flughafen geeilt und in die Türkei zurückgekehrt.

Haben Sie sich Sorgen um Ihre eigene Gesundheit gemacht?

Natürlich, denn in meinem Alter stehe ich ja an vorderster Front. Ich war aber auch aus einem

anderen Grund schockiert. Ich dachte, jetzt schreibe ich seit vier Jahren über eine Seuche und dann wird meine fiktive Wirklichkeit plötzlich real.

„Ich dachte, jetzt schreibe ich seit vier Jahren über eine Seuche unD Dann WIRD MEINE FIKTIVE WIRKLICHKEIT PLÖTzlICH REAL.“

Haben Sie sich wie ein Prophet gefühlt?

(lacht). Vielleicht hätte ich mich schon vor vierzig Jahren so fühlen sollen. Denn da ist mein Roman „Das stille Haus“ erschienen, in dem ein osmanischer Historiker über eine Pestepidemie recherchiert. Auch einem anderen meiner Romane, „Die weiße Festung“, der im Istanbul des 17. Jahrhunderts spielt, gibt es Szenen, in denen die Pest auftritt und die Osmanen sich darum sorgen, sie zu stoppen.

Wie entstand Ihre Idee, sich in einem Roman mit der dritten Pestwelle von 1901 zu beschäftigen?

Mich hat das Thema verfolgt. Ich habe intensiv recherchiert und wenn man alte Texte liest, wird einem klar, wie stark die Pest in Istanbul wütete. Die Menschen starben wie die Fliegen. Zunächst hat mich an den Pandemien der Tod, die Religion und das Mystische interessiert. Später überwogen Überlegungen zu den politischen Aspekten der Quarantäneverhängungen.

Wie wichtig war Ihnen historische Genauigkeit, auch in Bezug auf die beschriebenen Hygienemaßnahmen?

Ich habe sehr viel Zeit darauf verwandt, ein detailliertes und akkurates Bild der Pandemie zu zeichnen, der versagenden, osmanischen Bürokratie, seiner Paschas und Doktoren. Ich habe mich von den Erinnerungsberichten muslimischer Ärzte inspirieren lassen, die versucht hatten, die Epidemie in den letzten Tagen des Osmanischen Reichs zu stoppen, konfrontiert mit den Vorurteilen einer ungebildeten Bevölkerung. Die meisten Menschen, waren nicht sonderlich gebildet, man darf nicht vergessen, dass damals nur jeder Zwanzigste lesen und schreiben konnte. Ich habe Berichte von britischen Ärzten gelesen, die in Indien und China während der dritten Pestpandemie um 1900 gearbeitet haben. Sie wurden in umfangreichen Sammelbänden veröffentlicht und sind sehr nützlich, wenn man menschliche Verhaltensmuster studieren möchte. Ich denke, in meinem Roman – obwohl ich sehr glücklich über meine Figuren und jeden der Handlungsstränge bin – verfolge ich auch die Reaktionen auf tödliche Pandemien. Ob es nun die Cholera, die Pest, oder der Corona-Virus ist. Die Menschheit reagiert immer auf die gleiche Weise.

Inwiefern gibt es Ähnlichkeiten zwischen früheren und gegenwärtigen Reaktionen auf Pandemien?

Die erste Reaktion ist stets das Leugnen gewesen. Nach dem Motto, es ist doch nicht so schlimm, das ist doch alles übertrieben.

Auf der fiktiven Insel Minger, wo Ihr Roman spielt, lässt der Gouverneur die Toten verstecken, um die Seuche zu vertuschen. War die Leugnung der Behörden typisch?

Nationale und lokale Behörden haben immer mit Verzögerung reagiert. Sie haben die Fakten verzerrt und die Zahlen geschönt, um den Ausbruch zu verschleiern. Schon Daniel Defoe erzählt 1722 in „Die Pest zu London“, seinem fiktiven Dokumentarbericht, über die große Pest im Jahr 1665, dass die Behörden in einigen Vierteln Londons versuchten, die Zahl der Pesttoten geringer erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich war, indem sie andere, erfundene Krankheiten als Todesursache registrierten. Und denken Sie heute an die Reaktion der chinesischen Behörden auf die Bloggerin Zhang Zhan, die mit ihrer Handykamera Videos postete, als in Wuhan die Corona-Epidemie ausbrach. Sie ist zu vier Jahren Haft verurteilt worden und sitzt im Gefängnis.

Auf Minger ist die Gesellschaft multikulturell, sie besteht aus Türken und Griechen, die zunächst friedlich miteinander leben. Als die Seuche fortschreitet, entstehen Gerüchte und Verschwörungstheorien. Christen und Muslime verdächtigen und beschuldigen sich gegenseitig.

Es ist ein Phänomen, wie manche Menschen überall und spontan auf den Ausbruch einer Pandemie reagieren: es besteht in der Erfindung und Verbreitung von Gerüchten und haltlosen Behauptungen. Die häufigsten Gerüchte galten der Frage, woher sie kam. Diese wurden beflügelt von Anschuldigungen, die ihrerseits auf religiösen, ethnischen und regionalistischen Überzeugungen verschiedener Gruppen und gegenseitigem Hass begründeten. Im vormodernen tribalistischen, nationalistischen Gruppendenken fand man immer einen Anlass, die bösen Gründe den anderen zuzuschreiben. Zumal die Mehrheit der Bevölkerung auf ihre Vorstellungskraft angewiesen war, um zu erklären, woher die Bedrohung kam, wie ernst sie war und welche Folgen sie nach sich ziehen konnte. In ihrer Welt gab es keine Nachrichtendienste, keinen Rundfunk, kein Fernsehen und kein Internet. In der heutigen Zeit spielen die sozialen Medien bei der Verbreitung von falschen Nachrichten eine Rolle, ebenso wie die Tendenz der rechtspopulistischen Medien, grobe Lügen in die Welt zu setzen. Aber im Unterschied zu früher haben wir Zugang zu verlässlichen Nachrichten.

Es fällt den vom damaligen Herrscher, Sultan Abdülamit II eingesetzten Quarantäneärzten schwer, Maßnahmen durchzusetzen, um die Pandemie einzudämmen. Die Inselbewohner lehnen sich gegen die verhängte Quarantäne auf, insbesondere Muslime verweigern Abstandsgebote und halten weiterhin Begräbnisfeiern ab.

Wahrscheinlich, weil sie fatalistisch waren. Aber es hatte nicht nur religiöse, sondern auch wirtschaftliche Gründe, aus denen sich Händler und Bauern aller Konfessionen gegen die Quarantäne wehrten. Bei Muslimen mischten sich diese Vorbehalte zudem mit Vorstellungen von weiblicher Sittsamkeit und häuslicher Privatsphäre. Auch die christliche Bevölkerung war schwer zu überzeugen, schon zur Zeit der italienischen Renaissance gab es Aufstände, zum Beispiel in Florenz. Und in dem italienischen Roman „Die Brautleute“ aus dem Jahr 1827 beschreibt Alessandro Manzoni, wie die Mailänder Bevölkerung sich im Jahr 1630 gegen die Dekrete zur Eindämmung der Pest auflehnt.

Die Insel Minger ist eine fiktive osmanische Insel. Gibt es einen realen Ort, der Sie inspiriert hat?

Meine Vorbilder für diese Insel sind die griechische Insel Kreta und die kleine griechische Insel Kastelorizo – oder Megisti auf Türkisch. Wenn man sich die Karte anschaut, ist sie der östlichste Punkt des heutigen Griechenlands, sehr nah an der türkischen Küste. Manches Mal fahre ich im Mai in die kleine, türkische Küstenstadt Kas, um zu schreiben. Von dort aus kann ich Kastelorizo sehen. Meine imaginäre Insel ist eine Collage verschiedener Orte, die ich malerisch finde, manche Gebäude und Straßen von Minger gibt es auch in Istanbul. Aber die wichtigste Quelle ist meine Vorstellungskraft. Ich mag die Flora und Fauna der mediterranen griechischen und türkischen Inseln.

Sie mischen geschickt Historie mit Fiktion. Auf Minger werden Rosen gezüchtet und destilliert, um Parfüm herzustellen.

Ja, die Produzenten wollen im Auftrag des Sultan Abdülhamit Rosenwasser produzieren, um dann vielleicht eine Art türkisches Kölnisch Wasser herzustellen. Der türkische Herrscher Abdülhamit II war mit Kaiser Wilhelm befreundet, er war ein Autokrat aber zugleich ein Reformer der Wirtschaft. Er war an der Landwirtschaft interessiert, und wollte die Massenproduktion von Rosenwasser in Fabriken vorantreiben. Aber es war zu spät, er hinkte der Industrialisierung hinterher. Die europäischen Staaten waren dem Osmanischen Reich nicht nur militärisch überlegen, sondern auch an Wirtschaftskraft und Verwaltungseffizienz. Das Osmanische Reich galt um die Jahrhundertwende als der „kranke Mann Europas“, ein Ausdruck, den übrigens der russische Zar geprägt hat.

„Mein Roman ist SOWohl REalISTISCH ALS AUCH ALLEGORISCH.“

Ihr Buch spielt zu einer Zeit, in dem sich das riesige osmanische Reich in einem Schrumpfungsprozess befindet.

In meinem Roman geht es zwar um eine Pandemie, aber auch um den Niedergang und das Ende des osmanischen Reichs, aus dem dann eine unabhängige staatliche Republik wurde. Ich habe Minger zum Teil deshalb erfunden, weil ich sie als eine Miniatur, als ein Modell der Türkei verwenden wollte. Mein Roman ist sowohl realistisch als auch allegorisch. Ich habe viel Zeit und Mühe darauf verwendet, die Allegorie mit dem Realismus in Einklang zu bringen, weil sich beide Genres eigentlich widersprechen.

Historisches und Fiktives wechseln sich übergangslos ab. Eine ihrer Hauptfiguren ist die osmanische Prinzessin Pakize, die Nichte von Sultan Abdülhamit II, die als Berichterstatterin aus Minger an ihre Schwester schreibt. Inwieweit entspricht ihr fiktiver Charakter der historischen Figur?

Pakize hatte zwei Schwestern, die sehr viel berühmter waren als sie. Aus Biographien habe ich Details für die Romanfigur übernommen. Sie ist eine Art Kombination aus diesen beiden Schwestern. Ihr Vater Murat, älterer Bruder des religiösen Autokraten Abdülhamit war pro-westlich und kultiviert, er las französische Romane. Alle Details am Hof des Sultans sind genau, ich habe viele Memoiren gelesen, die von königlichen Angestellten, Prinzen und Prinzessinnen geschrieben wurden. Allerdings lebten Frauen aus der aristokratischen Klasse im Harem und gingen nicht auf die Straße, während Frauen aus der Unterschicht einkaufen gingen, kochten oder arbeiteten. Meine Romanfigur Prinzessin Pakize hingegen heiratet einen Arzt, verlässt Istanbul und begibt sich mit ihm auf Reisen nach Minger, nach Alexandria und später nach China. Es hat mir Spaß gemacht, diese Frau zu erschaffen, die das Leben genießt und die wir nicht zu sehr bemitleiden sollten.

Als Ihr Roman im letzten Jahr in der Türkei erschien, hat es eine Klage wegen angeblicher „Beleidigung Atatürks“ gegeben, sie ist in erster Instanz gescheitert, jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft aufgrund einer erneuten Klage. Abgesehen von dem kafkaesken Aspekt, dass aufgrund einer fiktiven Figur, dem jungen Offizier Kâmil, ermittelt wird, konnte ich keine Verspottung des Staatsgründers der Türkei entdecken.

Nun, Sie nehmen meine Antwort vorweg. Es existiert keine Verhöhnung Atatürks in meinem Roman und es gibt auch nichts, was man als respektlos auslegen könnte. Selbst, wenn man meine literarische Figur, den Offizier und Revolutionär Kamil, mit Atatürk vergleichen sollte – so ist er ein sympathischer Kerl. Ganz abgesehen davon, sage ich Ihnen ganz offen: Ich mag und respektiere Atatürk. Bei den Ermittlungen wird nichts herauskommen. Die Anklage ist ein Versuch, mich einzuschüchtern. Aber ich bin nicht eingeschüchtert.

Wie bewahren Sie sich Ihre intellektuelle Freiheit, ohne Selbstzensur zu schreiben?

Es ist natürlich schwer, seine Redefreiheit zu bewahren. Wenn man politische Kommentare schreibt, gibt es immer Ärger. Ich bin kein Journalist – das rettet mich einigermaßen. Und ich bin ein bekannter Schriftsteller, es ist also schwieriger, mich anzugreifen. Die Menschen, die jetzt im Zentrum der Gefahr stehen, sind keine Nobelpreisträger, sondern junge Journalisten, die Erdogan oder die Regierung kritisieren. Sie sind in Schwierigkeiten. Ich habe Freunde, die ich bewundere und respektiere – sie gehen ins Gefängnis, sie kommen wieder raus, gehen erneut ins Gefängnis und schreiben weiter. Tausende von Menschen sitzen im Gefängnis, weil sie ihre Meinung gesagt haben. Ich möchte mich also nicht als Opfer darstellen.

Christiane von Korff studierte Philologie und arbeitet als Journalistin und Autorin. Gemeinsam mit Avi Primor schrieb sie das Buch „An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld – Deutsch-jüdische Missverständnisse“