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Von Mücken und Menschen


Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 160/2019 vom 30.07.2019

Die Kunstgeschichte steckt voller Picknicks. Von Pieter Bruegels Bauern bei der Brotzeit über Manets skandalöses FKK-Frühstück bis zu Alex Katz’ trunkener Rast am Wald reichen die Ausflüge in die Natur. Wir haben die schönsten Bilder zusammengestellt


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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 160/2019

ICH-MOMENTE

Wer sagt, dass ein Picknick nur mit der Großfamilie lustig wird? Derlonely cowboy auf Alan Fears’ »Some Me Time« von 2018 hat da seine eigene Meinung. Er hat alles, was er für sein kleines Glück braucht: Thermoskanne, Butterbrot, ein Stückchen Obst und vor allem das richtige Outfit für die weite, liebliche Natur. Die eingecremte Nase zeigt ihn ...

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Wer sagt, dass ein Picknick nur mit der Großfamilie lustig wird? Derlonely cowboy auf Alan Fears’ »Some Me Time« von 2018 hat da seine eigene Meinung. Er hat alles, was er für sein kleines Glück braucht: Thermoskanne, Butterbrot, ein Stückchen Obst und vor allem das richtige Outfit für die weite, liebliche Natur. Die eingecremte Nase zeigt ihn als vorausschauenden Großstadtmenschen, der weiß, wo die wirklichen Gefahren lauern. Das alles hat der britische Künstler Fears in so herrlich naiver Pop-Art in Szene gesetzt, dass die Ameisenstraßen aus Kindheitstagen vor dem inneren Auge vorbeiziehen.

TISCHLEIN DECK DICH

Wer Angst hat, sich versehentlich in einen Termitenhügel zu setzen, ist auf einem Picknickstuhl besser aufgehoben – auch wenn dadurch der Körperkontakt zu Mutter Natur verloren geht. Der New Yorker Künstler Andrew Spence vereinfacht Campingobjekte wie den »Picnic Table« (1990, im Whitney Museum zu sehen), einen Schlafsack oder ein Zelt zu so abstrakten Bildern, dass sie den Charakter von Symbolen oder Straßenschildern annehmen, obwohl sie in Öl auf Leinwand gemalt sind.

MAHLZEIT IM KORNFELD

Erntezeit: Im Auftrag eines Antwerpener Kaufmanns malte Pieter Bruegel der Ältere die Jahreszeiten. Auf seiner Darstellung des Sommers hält er 1565 mit humanistischem Feinsinn die Landarbeiter während der Weizenernte fest. Mit Detailfreude zeigt er ihre Tätigkeiten vom Bündeln der Garben über das Heranschleppen von Wasserkrügen bis zum erschöpften Mittagsschlaf im spärlichen Schatten eines Birnbaums und einem einfachen Mahl zur Stärkung. Zugleich lässt der Künstler den Blick in die Ferne einer Küstenlandschaft wandern und scheint damit Mensch und Natur zu versöhnen.

DAS LEBEN AUF EINER DECKE

Ein Familienporträt im Quadrat: Ungezwungen und doch perfekt drapiert lagern die Eltern mit ihren Söhnen auf einer Anhöhe über der Stadt. Das gepunktete Kleid der Mutter fließt über die karierte Decke, in der Hoffnung auf Lesezeit hat der Vater ein Buch aufgeschlagen. Während der jüngere Sohn die Nähe der Mutter sucht, hält der ältere schon Ausschau nach einem Kletterbaum oder anderen Abenteuern. So sah der englische Künstler Bernard Fleetwood-Walker sich und seine Familie im Jahr 1932.

FRÜCHTCHEN

Die Künstlerin Amelie von Wulffen hat eine ganze Reihe von Zeichnungen geschaffen, auf denen sie Karotten, Birnen, Weißwürste und Brezeln animiert und in rätselhafte Erzählungen einbindet: Da kann ein Maiskolben am Lagerfeuer Gitarre spielen oder eine Obstplatte zu einer Orgie werden. Hier brechen zwei Zitronen in mediterraner Landschaft mit einer Flasche Wein zum Picknick auf. Warum hat das Zitronenkind so schlechte Laune? Will es nicht mit? Wir kennen den Grund nicht, aber es ist wirklich sauer.

UNTER FREIEM HIMMEL

Was uns heute duftig und liebreizend vorkommt, war damals ein Tabubruch. Die jungen Damen haben sich mit ihren bauschigen Röcke auf dem Gras niedergelassen, die Männer himmeln sie an und pflücken ihnen Blumen. Als der ungarische Impressionist Pál Szinyei Merse 1873 das »Picknick im Mai« malte, erntete er Unverständnis – erst als er es 25 Jahre später wieder ausstellte, wurde er dafür stürmisch gefeiert.

ALLER LASTER ANFANG

In seinem plakativen Stil hat der New Yorker Künstler Alex Katz, 1927 geboren, einen vertrauten Kreis am Picknicktisch gemalt, wohl in Maine, wo der Künstler meist seine Sommer verbringt. Am schwarzen Pferdeschwanz erkennt man seine Frau Ada, links sitzt sein Sohn, der 1975 noch ein Teenager war – zu jung für die Flasche Whiskey vor seiner Nase. Ob sich Salate oder noch mehr Hochprozentiges in den Tupperware-Behältern befinden, bleibt das Geheimnis der Familie Katz.

TORERO VERZWEIFELT GESUCHT

Eben war doch alles noch so friedlich – jetzt bedroht ein junger Bulle das zweisame Idyll. Der Zylinder liegt am Boden, der Picknickkorb ist umgefallen, und der Hund zieht den Schwanz ein. Ob es hilft, dass der junge Mann sich ausgerechnet mit einem roten Schirm verteidigt? Kürzlich wurde die köstliche Szene bei Koller in Zürich für rund 10 000 Euro versteigert: Robert Eberle, ein Maler aus Meersburg am Bodensee, malte das »Ehepaar beim Picknick überrascht« Mitte des 19. Jahrhunderts.

SKANDAL!

Zwei (fast) nackte Frauen mit ihren bekleideten Freunden beim Picknick: Es ist eines der berühmtesten Werke des Musée d’Orsay in Paris, ja der gesamten Kunstgeschichte. 1863 malte Édouard Manet »Le Déjeuner sur l’herbe«, das auf Deutsch als »Frühstück im Grünen« bekannt ist. Obwohl historische Vorbilder wie Tizians »Ländliches Konzert« Pate standen, lehnte der offizielle Pariser Salon das Werk als unanständig ab – daraufhin machte es im ersten »Salon des Refusés« Furore.

DAS PRALLE LEBEN VON EINST

Unzählige Male ließ Picasso sich von Manets Komposition inspirieren, auch hundert Jahre nach der Entstehung des »Frühstücks im Grünen«. Seine Zeichnung aus dem Juni 1962, Picasso war Mitte achtzig, konzentriert sich auf die beiden Figuren im Vordergrund. Er interpretiert sie wie einen bärtigen Maler und sein nacktes Modell. Das Element des Picknickkorbs war ihm so egal, dass er ihn ganz weggelassen hat.

ZEIT ZU ZWEIT

»Lauf ruhig«, scheint die Mutter ihrer kleinen Tochter zu sagen, »ich schaue dir von hier oben zu.« Die zarte Berührung der beiden zeigt den Moment zwischen Festhalten und Loslassen. »Picnic on the Grounds« (2017/18) ist ein Pastell der Künstlerin Toyin Ojih Odutola. 1985 im nigerianischen Ife geboren, lebt sie in New York und ist aktuell ein Darling der Kunstszene: Erst vor wenigen Wochen hat eine ihrer großen Arbeiten auf Papier bei Sotheby’s in London mehr als eine halbe Million Euro erzielt.

Wenn es ums Picknicken geht, tun sich in der Kunst Welten auf. Schon auf mittelalterlichen Darstellungen gönnen sich Adam und Eva einen Snack unter dem Baum. Dieses erste Picknick hatte bekanntlich fatale Folgen für die Menschheit, was sie allerdings nicht davon abhielt, weiterhin Nahrungsaufnahme und Frischlufterlebnis zu kombinieren. Als Bildthema durchzieht der Apfeldiebstahl jahrhundertelang die Kunstgeschichte, die Verbindung von Nacktheit, Essen und Sündenfall war für viele Maler wie Lucas Cranach unwiderstehlich. Nichts konnte mehr verlocken als die Ursünde.

Obwohl unser Bildgedächtnis des Essens unter freiem Himmel geprägt ist von bukolischen oder intimen Momenten, war es oft reine Notwendigkeit. Wenn Dürer 1506 in seiner »Rast auf der Flucht nach Ägypten« Maria und Josef mit dem kleinen Jesus im Freien campieren lässt, war das keine freie Entscheidung, sondern aus der Bedrängnis geboren.

Und Bauern, die sich auf dem Feld zur Vesper niederließen, hatten einfach keine andere Wahl. Pieter Bruegel der Ältere zeigt sie in Draufsicht unter einem Baum liegend. Unglücklich scheint niemand, Bruegels Bauern und Dürers heilige Familie sind ganz offenbar mit sich im Reinen. Es war wohl schon immer so: Alle lieben das Picknick. In jeder Kultur suchen die Menschen ihre persönliche Essensfreiheit im Grünen. Sie tauschen den häuslichen Tisch gegen eine karierte Decke, packen Körbe, Kühltaschen oder Plastikschalen aus. Auf Autobahnraststätten ebenso wie in Parks, jede kleinste grüne Ecke in der Großstadt wird erobert. Picknick macht froh, und die Kunst nutzte dieses Sehnsuchtsideal ausgiebig, um die Einheit von Mensch und Natur vorzuführen. Bis in die Moderne hinein ist das Thema unverwüstlich und befriedigt die Sehlust des Publikums.

Woher das Wort stammt, ist ungeklärt. Vielleicht kommt es vom französischenpiquer (aufpicken), verbunden mitnique (Kleinigkeit), möglicherweise aber auch aus dem Englischen, wopicnic eine kleine Versammlung charakterisiert. Doch schon lange bevor der Begriff Picknick zum Synonym für das Essen im Freien werden sollte, gab es Outdoor-Essvergnügungen. Giovanni Boccaccio, der Florentiner Renaissanceautor, beschrieb Mitte des 14. Jahrhunderts in seinem »Decamerone«, wie seine vor der Pest geflüchteten Protagonistenal fresco (im Freien) zum Essen zusammenkommen.

Eine erste Blütezeit des Picknicks ist mit der höfischen Kultur in Frankreich verbunden, wo sich im 18. Jahrhundert der Adel ausgiebig in den Gartenanlagen seiner Schlösser auf dem Rasen einfindet, um der Etikette der strengen Hofhaltung zu entkommen. Ihrefêtes galantes inmitten idyllischer Landschaften feierten das Leben, und die Gemälde von Watteau, Boucher, Fragonard oder Lancret veranschaulichten die Sehnsucht nach Freiheit und einem Mahl in der Natur.

Nicht immer ging es dabei harmlos zu. Bei den französischen Picknick-Bildern des Ancien Régime schwingt ein erotischer Ton mit, der Freiheit und Lust evoziert, um endlich vereint zu sein mit Bäumen, Vogelgezwitscher, Bachrauschen und dem weiten blauen Himmel. Bei Watteau sitzt und liegt man vor allem in der Hoffnung, nun vor üppigen Baumgruppen und verwunschenem Buschwerk zueinanderzufinden. Essen und (angedeuteter) Sex gehören in den Bildwelten des 18. Jahrhunderts untrennbar zusammen.

In der Malerei erscheint das 19. Jahrhundert als die Picknick-Epoche schlechthin. Die Industrialisierung ließ die Städte unwirtlich werden und befeuerte zugleich die Sehnsucht nach der Natur. Die Impressionisten gingen nicht nur zum Malen nach draußen, sondern auch zum Essen. Auf Tüchern versammelten sich Familien und Freunde, um inmitten der schönen Natur ein Gegenbild zur brodelnden Stadt zu feiern. Bürger und Kleinbürger, Adelige und Arbeiter fuhren raus ins Grüne, aßen mitgebrachte Stullen mit Bier oder genossen den Champagner mit Früchten – je nach gesellschaftlicher Stellung. Picknicken konnte und durfte jeder, die improvisierte Freiheit stand nun allen offen. Und dennoch: Das Picknick muss nicht nur schön sein.

Wie eine symbolische Bombe schlug Édouard Manets »Frühstück im Grünen« von 1863 ein. Eine Unverschämtheit, denn hier gibt es keine karierte Decke mehr, sondern nur ein Tuch, das nichts verdeckt, sondern das Reizvolle provokant freilegt. Zwei nackte oder nahezu nackte Frauen und zwei vollständig bekleidete Männer bilden eine verschworene und rätselhafte Vierergruppe. Der Proviant liegt scheinbar achtlos am Rande. »Hässlich und unanständig« fand Napoleon III. das Bild und benannte mit seinem Unbehagen einen zentralen Punkt des Werks. Hell erleuchtet, zieht uns die sitzende Frau mit ihrem weißen Körper in die Bilderzählung; vorbei ist die Zeit Tizians, der uns den voyeuristischen Blick aus sicherer Entfernung in sein »Ländliches Konzert« erlaubt hatte. Bei Manet gehören wir dazu, wir sind Mit-Picknicker – ob wir wollen oder nicht.

Manets Skandalpicknick hat auch heute nichts von seinem Reiz verloren und wird immer wieder von Künstlern aufgegriffen. Picasso fantasiert sich in die erotische Welt des Kollegen und vereinnahmte sie als Variation eines anderen alten Bildthemas: Maler und Modell. Die Kolumbianerin Beatriz González befreite Manets Meisterwerk von seinem kunsthistorischen Ballast und translozierte es 1978 auf einen Vorhang – das Riesenbild war 2017 auf der Documenta zu sehen. In González’ Aneignung wirkt das berühmte Gemälde wie ein Alltagsprodukt, das mit seinen leuchtenden Farben zu uns allen gehört. Wie eben das Picknick selbst, das jedem offen steht. Seit Adam und Eva.


Bilder: S. 18/19: „Some Me Time“, painting by Alan Fears, 2018; S. 20: Andrew Spence; S. 21: The Metropolitan Museum, NY/creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/; S. 22: The estate of the late Peggy Fleetwood-Walker/The Potteries Museum & Art Gallery/Bridgeman Images

Bilder: S. 23: Courtesy of the artist and Galerie Barbara Weiss, Berlin; A. Dagli Orti/DeA Picture Library/bpk; S. 24/25: Alex Katz, „Summer Picnic“, 1975/Christie’s Images Limited, oil on canvas, 198.2x365.8cm/© 2019, Christie‘s Images, London/Scala, Florence/VG Bild-Kunst, Bonn 2019; S. 26: Koller Auktionen; S. 27: Benoît Touchard/Mathieu Rabeau/RMN - Grand Palais/bpk; RMN - Grand Palais/Musée national Picasso, Paris/bpk/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Bild S. 28: © Toyin Ojih Odutola/Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery, New York