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Von New York nach Rio


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tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 121/2022 vom 14.11.2022

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NICHT NUR DABEI SEIN: Mit fünf Zweisatzsiegen spielte sich Kerber bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro ins Finale vor und erfüllte sich ihren Medaillentraum.

Die magischste Reise in diesem ohnehin schon magischen Jahr war dann die nach Rio zu den Olympischen Spielen. In der Woche zuvor war ich beim WTA-Turnier in Montreal an den Start gegangen und weil es dort nicht wie erhofft lief, wollte ich so schnell wie möglich nach Brasilien, um mich auf das olympische Turnier vorzubereiten. Doch ein Unwetter in Kanada, das über Tage andauerte, verhinderte, dass ich fliegen konnte. Schließlich eröffnete sich eine Möglichkeit, nach New York zu kommen. „Wollen wir die Maschine nehmen?“, fragte ich meinen Trainer Torben. „Vielleicht wird es von dort leichter sein, nach Rio zu gelangen?“ „Warum nicht!“, war seine Antwort. Doch auch in New York blieben wir hängen, da wegen des anhaltenden Unwetters kaum Maschinen starteten oder landeten. Stundenlang hockten wir auf dem New Yorker JFK Airport, um ja nicht die neuesten Entwicklungen und unsere ...

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... Weiterflüge zu verpassen. Zwischendurch suchten wir ein Hotel auf, um zu schlafen, aber immer nur einer von uns. Schließlich warteten wir Standby bei vier oder fünf Fluggesellschaften, die Rio als Ziel anboten. Aber es tat sich rein gar nichts. Und hob doch mal eine Maschine nach Brasilien ab, trat kein Passagier von seinem Platz zurück, alles war ausgebucht. „Jetzt sind es nur noch zwei Tage bis zur Eröffnung der Spiele, wie sollen wir denn noch pünktlich ankommen?“ Aufgelöst schaute ich Torben an. Der zuckte mit den Schultern, verständlich, wenn keine Lösung in Sicht war. „Vielleicht hätten wir doch in Montreal bleiben sollen …“, überlegte ich laut weiter, auch nicht sehr konstruktiv. Wir hörten dann, dass einige Spielerinnen, die ebenfalls bei dem Turnier in Kanada teilgenommen hatten, nach Europa zurückflogen, um von London aus nach Rio zu kommen. „Wäre das nicht auch für uns eine Möglichkeit?“, fragte mich mein Coach. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das ist ein Wahnsinnsumweg, das schaffe ich nicht mehr. Das ist zu anstrengend.“ Wie es der Zufall dann wollte, stand auf einmal wie aus dem Nichts aufgetaucht ein Mann vor mir und fragte: „Was ist denn euer Problem?“ In meiner Verzweiflung erzählte ich ihm unsere Geschichte, dass wir seit Tagen keinen Flug nach Rio bekämen. „Ich bin Teil des deutschen Teams bei den Olympischen Spielen, aber es klappt einfach nicht.“ Der Mann hörte sich alles an und sagte schließlich: „Könnt ihr hier kurz warten?“ „Das ist das Geringste“, entgegnete ich, „das tun wir schon seit Tagen.“ Innerlich war ich aber kurz davor, mir einen Flug nach Hause zu buchen und meine Rio-Teilnahme abzusagen. Ich hatte sogar schon eine Textnachricht an meinen Manager geschrieben und angedroht: „Wenn wir heute wieder nicht wegkommen und über Europa nach Brasilien fliegen müssen, werde ich bei Olympia nicht dabei sein.“ Kurz darauf kehrte der Mann zurück: „Ich habe zwei Flüge nach Rio mit einem Stopp, in zwei Stunden geht es los.“ „Wie haben Sie das denn hingekriegt?“, wollte Torben wissen. Es stellte sich heraus, dass der freundliche Mann einer der Manager des Flughafens war und sich bei einigen Fluggesellschaften für unser Problem eingesetzt hatte. Als Gegenleistung besorgte ich ihm dann zwei Tickets für die US Open in New York zwei Wochen später. Ohne ihn hätten wir nicht gewusst, wie wir sonst nach Rio hätten kommen sollen. Obwohl ich fix und fertig war, müde von der ewigen Warterei, war alles verflo-gen, als ich schließlich an der Eröffnungsfeier am 5. August teilnahm. Was war das für eine Energie, die mich beseelte, als ich das Maracanã-Stadion betrat, zusammen mit allen anderen deutschen Athleten, in meiner Teamkleidung, die ebenfalls noch rechtzeitig eingetroffen war. Geführt wurden wir von dem Tischtennisspieler Timo Boll, der die Deutschlandfahne trug. Meine Zimmerpartnerin Petko war leider nicht dabei, sie verzichtete auf den Einmarsch, da sie bereits am nächsten Tag gegen die Ukrainerin Elina Svitolina antreten musste. Auf der Runde durch das Stadion, die mir viel länger vorkam, als sie in Wirklichkeit war, spürte ich die brasilianische Lebensfreude auf den Rängen. Sie schwappte von den rund fünfzigtausend Zuschauern zu den Olympioniken hinunter, wurde von uns, den „vereinten Nationen“, noch ein wenig angereichert und in umgekehrter Richtung wieder auf die Reise geschickt. Ein elektrisierendes Spiel auf großer Bühne, das nur Gewinner kannte – das sind sowieso die besten Partien. So ergreifend und stimmungsgewaltig hatte ich mir das immer vorgestellt, wenn ich an den Karneval in Rio dachte. Die allgemeine Fröhlichkeit kannte keine Grenzen. Hatte ich schon einmal so viele strahlende Menschen auf einmal gesehen? Höchstens bei meiner ersten Olympia-Teilnahme in London 2012. Beide Male Gänsehaut pur. Und alle Strapazen der Anreise waren mit einem Schlag vergessen. Ich ahnte, wie sich die Tischtennisspieler oder die Schwimmer neben mir, ja all die anderen Athleten just in diesem Moment, diesem speziellen Glücksmoment, den man am liebsten einfrieren möchte, fühlten. So etwas verbindet ungemein. Der olympische Zauber, da ist wirklich etwas dran. Da wir bereits als fünfte Nation („Alemanha“) eingelaufen waren, verbrachten wir nach unserer Stadionrunde noch einige Zeit im Innenraum und genossen dieses Fest, das von drei Milliarden Zuschauern an den TV-Geräten verfolgt wurde. Ich filmte, fotografierte und hatte für meine Begriffe „the best seat in the house“, wie die Amerikaner sagen würden. Den besten Platz, um alles festzuhalten. Nachdem die olympische Flamme vom ehemaligen brasilianischen Marathonläufer Vanderlei de Lima entzündet wurde, klebte mein Blick förmlich an dem Feuer, das eine enorme Anziehungskraft ausübte. Auf meinem Smartphone habe ich die besten Sequenzen dieses denkwürdigen Abends immer bei mir. Und manchmal sitze ich irgendwo auf dieser Erde und „beame“ mich mithilfe dieser Bilder kurz nach Rio, ins Jahr 2016. Und ich habe fünfzigtausend Fotos und Videos auf meinem Smartphone über die Jahre gesammelt. Mein digitaler Schatz.

[…]

Immer wieder wurde ich in diesen Tagen von Journalisten gefragt, ob ich als Grand Slam-Siegerin und Nummer zwei des WTA-Rankings nicht mit dem Gedanken spielte, mich in einem Hotel einzuquartieren, um meine Ruhe zu haben. So wie es Maria Sharapova oder Serena Williams schon 2012 in London getan hätten. Ich sagte dann, dass eine andere Unterkunft für mich nicht infrage käme. Ich wollte das olympische Dorf auf keinen Fall vermissen, es war für mich Teil des faszinierenden Gefühls, das Olympia erst ausmachte. Dieser Schmelztiegel, nicht nur der Kulturen und Sportarten, sondern auch der verschiedenen Lebensgeschichten und Schicksale, existierte dort an allen Ecken. Natürlich hielt ich auch Ausschau nach bekannten Gesichtern. Als hilfreich erwiesen sich die Teamanzüge der jeweiligen Länder, die eine bessere Identifizierung möglich machten. Michael Phelps lief mir in der Mensa über den Weg, der USamerikanische Schwimmstar war mit insgesamt achtundzwanzig Medaillen (davon dreiundzwanzig in Gold) der erfolgreichste Olympionike überhaupt. Ein Wahnsinn. Und der Jamaikaner Usain Bolt schlenderte lässig an mir vorbei, in einer Geschwindigkeit, in der man ihm die Schuhe hätte besohlen können. Sehr beruhigend. Beide strahlten die Aura von absoluten Champions aus, das war deutlich zu spüren.Immer wieder wurde ich in diesen Tagen von Journalisten gefragt, ob ich als Grand Slam-Siegerin und Nummer zwei des WTA-Rankings nicht mit dem Gedanken spielte, mich in einem Hotel einzuquartieren, um meine Ruhe zu haben. So wie es Maria Sharapova oder Serena Williams schon 2012 in London getan hätten. Ich sagte dann, dass eine andere

Am Anfang war ich davon ausgegangen, dass man im Dorf selbst als Grand Slam-Gewinnerin in der Anonymität abtauchen konnte. Ein Trugschluss. An der Reaktion der anderen Athleten merkte ich schnell, dass der Sieg bei einem solchen Sportevent eine besondere Strahlkraft besaß. Vier Jahre zuvor war ich in London noch unerkannt mit den anderen Mädels in der Mensa beim Essen gehockt. Da hieß es ab und an nur: „Ach, guckt mal, die Tennis-Clique.“ Nun war ich die Melbourne-Gewinnerin, deren Erfolg offenbar jeder mitbekommen hatte.

Was nicht zuletzt mit der Globalität des Tennissports zu tun hatte. Auch Olympioniken anderer Nationen fragten mich nach Selfies, Autogrammen. Ein schönes Gefühl, wenngleich immer noch ungewohnt. […] Auf dem Platz selbst lief es für mich erstaunlich gut, meine Medaillenmission startete vielversprechend. Runde für Runde gewann ich. Nach den Partien freute ich mich jedes Mal darauf, wieder ins Dorf zurückzukehren. Bei normalen Turnieren sitzt man manchmal recht einsam im Hotelzimmer herum, ehe es abends mit dem Team zum Dinner geht. In den Tagen von Rio herrschte dagegen stets eine „willkommene Betriebsamkeit“, die wir als Tennisprofis so nicht gewohnt waren. Die Mensa avancierte zum Hort der Freude, aber auch zum Auffangbecken für Frustrierte. Alle erzählten von Ergebnissen, Erlebnissen, Erfahrungen, von Siegen, Medaillen, aber auch von bitteren Niederlagen und Rückschlägen.

Meist wild durcheinander, eben ein repräsentativer Querschnitt durch die Sportlerseelen dieser Welt. Mir wurde dadurch vor Augen geführt, wie angenehm es beim Tennis ist, fast jede Woche eine neue Chance auf einen Erfolg zu bekommen. Während etliche Athleten jahrelang auf den olympischen Wettkampf, eine WM oder EM hinarbeiten, haben wir Tennisprofis immerhin vier große Grand Slam-Ereignisse pro Saison. Anders als bei den normalen Turnieren, bei denen ich mit zunehmender Dauer immer befreiter aufspiele, verspürte ich vor dem Halbfinale gegen die US-Amerikanerin Madison Keys am 16. August einen besonderen Druck. Unentwegt dachte ich, jetzt muss eine Medaille her, ich möchte bitte nicht Vierte werden.

Doch ausgerechnet in diesem Duell zog ich mir bei einer abrupten Bewegung eine Muskelzerrung im Gesäßbereich zu. Auch das noch, das konnte keiner gebrauchen. Aber ein Zweisatzerfolg reichte dennoch zum Finaleinzug, vor Glück sank ich auf dem Boden des Center Court von Rio nieder. Die Silbermedaille im Einzel war mir sicher. Ich war erleichtert, aber der Fokus lag bereits unmittelbar nach dem Meistern einer Hürde schon wieder auf der nächsten Herausforderung.

Viel Zeit zum Freuen blieb nicht. Schade eigentlich. Der schöne Erfolg wurde zum Sekundenglück. Freude to go mit kurzem Haltbarkeitsdatum! Im Gegensatz dazu hat man das Gefühl, dass manche Negativerlebnisse länger nachwirken und sich unnachgiebiger den Weg in jede Faser des Körpers bahnen, als es mitunter Siege können. Aber die Motivation war groß bei mir, auf der eigens für diese Veranstaltung errichteten Tennisanlage im Olympiapark in Barra 107 da Tijuca, im Südwesten von Rio, Gold zu holen. Für Deutschland, für meine Mannschaft. Zumal ich gegen die ungesetzte Mónica Puig die hohe Favoritin war. Prangt der schwarze Adler auf dem weißen Shirt, ist die Verantwortung gegenwärtiger, als wenn man als Einzelkämpferin agiert. Das Gefühl kannte ich schon aus den Fed Cup-Begegnungen für die deutsche Nationalmannschaft. Immer eine große Ehre und ein Gänsehaut-Moment. Natürlich spiele ich deshalb meine Vorhand nicht plötzlich mit mehr Spin oder schlage anders auf. Es bekommen einfach andere Faktoren Einfluss auf meine Psyche. Und wie entscheidend das Mentale bei Matches ist, kann sich jeder denken.

Druck und Wille: eine Mixtur, die alle Ketten sprengt

Es ist wirklich so, dass einem anfeuernde Teammitglieder in der Box Flügel verleihen können. Im Fed Cup habe ich das oft genug erlebt. Dieses Zusammenspiel der unterschiedlichsten Kräfte wie Druck und Wille kann, gepaart mit der entsprechenden Unterstützung, eine durchschlagskräftige Mixtur entstehen lassen, die alle Ketten sprengt. Ich hoffte im olympischen Endspiel auch darauf, vertraute in erster Linie aber meinen Stärken. Mein Selbstvertrauen war groß, als ich den nach der dreimaligen brasilianischen Wimbledonsiegerin Maria Esther Bueno benannten Center Court betrat. Trotz der enormen Nervosität, die ich in mir spürte. Die Exklusivität dieses Spiels war mir bewusst. Ein Finale bei Olympischen Spielen erlebt man wahrscheinlich – wenn überhaupt – nur einmal im Leben. Ich wollte jede Sekunde genießen, alles positiv sehen. Der Auftakt in der zehntausend Zuschauer fassenden Arena verlief nach Plan, ich nahm Puig gleich den Aufschlag ab. Doch im weiteren Verlauf der Partie wurde mir immer klarer: Die Puerto Ricanerin spielte das Match ihres Lebens. Und zwar locker bis zum Ende. Jeder Schlag saß, und was sie auch tat – es funktionierte. Erwischt man eine solche Kontrahentin, dann bleibt einem nur eins: zu kämpfen und sein Herz auf dem Platz zu lassen. Alles andere kann man nicht beeinflussen. Zunächst hatte ich jedoch Probleme damit, diese unerschütterliche Gesetzmäßigkeit in dem Duell mit Mónica zu akzeptieren. Lange Zeit wehrte ich mich gegen die Niederlage – vergeblich. Als meine Vorhand beim Matchball für Puig ins Seitenaus segelte, brach sich die Enttäuschung Bahn. Der Handshake am Netz fiel von meiner Seite ein wenig unterkühlt aus, was ich später bereute. Zu groß war die Enttäuschung. Im Nachhinein kann ich nur betonen: Ich gönnte Mónica Puig diesen Erfolg, diesen größten Triumph ihrer Karriere, aus vollem Herzen. Meine anfängliche Wut über die verpasste Chance war nicht zu leugnen. Unmittelbar nach dem Finale zog ich mich in die Kabine zurück, um die Enttäuschung zu verarbeiten. Viel Zeit für Trübsal blieb aber nicht, was auch gut war. Schnell hatte ich mich wieder gefangen. Wenige Minuten später fand schon die Siegerehrung statt, direkt auf dem Court. Und es mutet schon seltsam an, was einen bei der Medaillenzeremonie alles so beschäftigen kann. Auf dem Treppchen hatte ich als Zweitplatzierte zwar Silber um den Hals hängen, allerdings hatte die Drittplatzierte wenigstens ihre letzte Partie gewonnen. Ich nicht. Kein Witz, genau das ging mir durch den Kopf, als ich in meiner silbernen Deutschland-Jacke – wie passend – auf die Übergabe meiner ersten Olympiamedaille wartete. Sie wog um ein Vielfaches mehr als gedacht. Ein richtiger Brocken, der an dem hellgrünen Band mit Rio-Logo baumelte. Doch je länger ich das gute Stück betrachtete, umso stolzer wurde ich. Ich stellte mir vor, wie viele tausend Kilometer entfernt zu Hause in Deutschland meine Familie, Freunde und Fans vor dem Fernseher saßen und diese Emotionen mit mir durchlebten. Manchmal ist es erstaunlich, wie sich die Perspektive innerhalb kurzer Zeit verändern kann, wie sich binnen weniger Momente etwas relativiert, wenn man seinen Ruhepuls wieder erreicht hat, Dinge klarer sieht und besser einzuordnen weiß. Als ich nach dem Finale in einer Presserunde gefragt wurde, was das Schönste an dieser Medaille sei, antwortete ich: „Dass ich sie nie wieder hergeben muss.“ Und danach hieß es: „Jetzt wird gefeiert“ – und zwar im Deutschen Haus. In der Atmosphäre dieses Beach Clubs, nur einen Steinwurf entfernt vom Meer, wollte ich bei einem Glas Rotwein nichts weiter als relaxen und nette Gespräche führen. Die von Palmen umsäumte Tischtennisplatte gleich hinter dem streng bewachten Eingang übte zwar eine gewisse Anziehungskraft aus, aber ich bevorzugte die ruhigere Variante. Und auf einen Sprung in den kleinen Swimmingpool neben den Getränkeständen und dem weißen Ledermobiliar verzichtete ich auch lieber. Im Gegensatz zu manch einem Handballer. ?

INFO

ANGELIQUE KERBER

„Eine Frage des Willens: Mein Weg nach oben“ 224 Seiten, mit Bildstrecke Klappenbroschur, Format 13,5 × 21 cm

Auch als E-Book erhältlich ISBN 978-3-98588-057-7 19,95 € (Deutschland) 20,60 € (Österreich) Erscheinungstermin: 5. November 2022