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Von Personen


Musik & Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 15.05.2020

Musik – das Tor zur Inneren Welt

Enjott Schneider wird siebzig

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Archetypische Energien: Enjott Schneider (Foto: Manfred Schneider


Als ich Mitte der 90er Jahre den Film Schlafes Bruder sah, an dessen Höhepunkt eine hochvirtuose Orgeltoccata über den Bach-Choral „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“ vom Titelhelden bei einem Wettstreit scheinbar „improvisiert“ wurde, waren nicht nur die Zuhörer im Film sprachlos über diesen Sog der Musik, sondern auch ich war total ergriffen. Noch in der Nacht improvisierte ich an der großen Orgel des Hamburger Michel stundenlang wie in Trance. Jahre später erlebte ich dann ...

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... Enjott Schneiders Oper und einige Zeit danach lernten wir uns auch persönlich kennen. Seitdem verbindet uns eine rege Zusammenarbeit und Künstlerfreundschaft.

Schneider, dessen persönliches Credo ist, „dass Musik entgrenzen und Türen zu einer anderen Welt aufstoßen soll, damit das Unsichtbare, die geistige – also spirituelle – Welt hinter den Dingen sinnlich erfahrbar werden kann“, ist einerseits stets rastlos, jedoch immer hellwach und aufgeschlossen den Dingen des Lebens, der Welt und der Kunst gegenüber. Andererseits ruht er in sich – trotz des unglaublichen Pensums, das er bewältigt.

Was ist sein Geheimnis? Schneider beschäftigt sich zeitlebens mit scheinbar unvereinbaren und gegensätzlichen Dingen – und bleibt somit in seiner Balance. Kreativität entsteht für ihn wie Elektrizität als Spannung zwischen zwei Polen: „Leben entspringt aus dem Wechsel von Licht und Schatten, Tag und Nacht. Je extremer die Polarität, umso größer die Spannung.“

Schon als Kind erlernte er verschiedene Tasten- und Blasinstrumente, arbeitete früh als Kirchenmusiker, spielte aber auch in einer Popgruppe Keyboard. In Freiburg i. Br. studierte er sowohl an der Musikhochschule als auch an der Universität und promovierte 1977 zum Dr. phil. Zwei Jahre später wurde er Professor für Musiktheorie und Komposition an der Münchner Musikhochschule und eröffnete mit Leidenschaft seiner Kompositionsklasse neue und ungewöhnliche Einblicke in die Welt der Musik und der Welt hinter den Tönen.

Als kreativer und für vielfältige Strömungen stets offener Komponist, hat er über die Jahre einen unverwechselbaren Personalstil entwickelt und lebt permanent im Schaffensrausch: In chinesischer Sprache schuf er 2017 die dreistündige Oper Marco Polo für die Opernhäuser Guangzhou und Beijing, deren Aufführungen sowohl dort wie auch später in Italien für Aufsehen und Furore sorgten. Darüber hinaus sind acht weitere abendfüllende Opern, zahlreiche Werke der Orchester- und Kammermusik, Geistliche Musik mit Oratorien, Orgelkonzerten und 16 Orgelsymphonien, die regelmäßig in allen Erdteilen aufgeführt werden, nur ein Teil seines umfangreichen und immer weiterwachsenden OEuvres.

Ebenso schuf er mehr als 600 Musiken für Film und Fernsehen wie u. a. zu den Filmen Herbstmilch, Stalingrad, Schwabenkinder und Stauffenberg. Die internationalen Auszeichnungen dafür sind handverlesen.

Neben seiner Arbeit als Komponist bringt sich Enjott Schneider auch immer wieder im musikpolitischen Leben aktiv ein. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Filmakademie, wirkte aktiv im Aufsichtsrat der GEMA mit – von 2012 bis 2017 auch als Aufsichtsratsvorsitzender – und seit 2013 ist er Präsident des Deutschen Komponistenverbandes.

Sein Kompositionsstil: Mit einer schier unendlichen Erfindungsgabe beherrscht er höchst virtuos das klangliche Malen und Orchestrieren umfangreicher Partituren und versteht es, sofort Emotionen zu entfachen. Es ist ein Wechselspiel aus erstklassiger Satztechnik sowie Textvertonung und -ausdeutung bei Werken für Solostimmen oder Chor (mit Rückgriff auf die alte Motettenkunst des 16./17. Jahrhunderts), Collagentechnik, Verwendung von Elementen der Minimal Music sowie von Anleihen aus Werken früherer Komponisten und exzellente Verarbeitung all dieser Ideen. Wie z. B. Korngold, Schostakowitsch oder Schnittke, für die das Arbeiten an ihrer Musik etwas Fließendes und sich gegenseitig Inspirierendes darstellte, zehrt auch Schneider von dieser Einstellung. Musik für Spielfilme zu komponieren, die sofort Wirkung erzielen muss, wirkt sich auch kreativ auf seine sonstige Musik aus. Ständig beschäftigt er sich mit der Wirkungsweise und den Ausdrucksmöglichkeiten einzelner Instrumente wie der chinesischen Cheng oder Erhu. Bei seinen Orgelsymphonien, die jeweils ein „Programm“ ausdeuten, geht er vom symphonischen Klang der Cavaillé-Coll-Orgeln in Frankreich aus – ohne jedoch Stilkopien von französischer Orgelsinfonik zu schreiben. In seinen Oratorien widmet er sich mit raffinierter Orchesterbegleitung und in praktikablen Orchesterbesetzungen z. B. Themen wie dem Kirchenvater Augustinus oder dem Element Wasser.

Scheinbar widersprüchlich zu seinen rastlosen Aktivitäten ist sein Sich-Versenken-Können in den kreativen Schaffensprozess, denn Musik – egal ob Filmmusik, ein Lied oder geistliche Musik – ist für ihn „Traumarbeit, Poesie, eine Reise in die immaterielle Welt des Unmöglichen, in die Unendlichkeit der Zeiten von Vor-Geburt und Nach-Tod“. Für ihn sind Stille und Schweigen des Intellekts wichtige Voraussetzung, um diese Immaterialität intuitiv erfahren zu können (eine oft geäußerte biblische Weisheit sagt übrigens: „Das Sichtbare währet auf Zeit, das Unsichtbare auf Ewigkeit“).

Schneider zitiert gern einen Satz des Kulturphilosophen Max Picard: „Nichts hat so sehr das Wesen des Menschen verändert wie der Verlust des Schweigens.“ Das Innehalten und die schweigsame Zurückgezogenheit ist ihm darum enorm wichtig: Um in Ruhe und – im mahlerschen Sinne – „abgeschieden von der Welt“ arbeiten zu können, zieht er sich daher gern in möglichst langen Phasen in die Stille seines mehrfach schallisolierten Münchner Komponierhäusls zurück.

Dem gänzlich entgegengesetzt ist seine Lust am Kommunizieren, sein Einsatz für Kolleginnen, Kollegen und Freunde, seine kulturpolitische Stellungnahme sowie die ehrenamtliche Tätigkeit in Gremien aller Couleurs. Hier zeigt er sich als diskussionserfahren, eloquent, scharfsinnig in Analyse und Ausdruck und weiß in wenigen Worten eine Sache auf den Punkt zu bringen. Statt zu schweigen, erhebt er dann für die ihm wichtigen Dinge kompromisslos seine Stimme.

Zum Thema Kirchenmusik hat Schneider übrigens auch eine sehr dezidierte eigene Meinung: Dass die „Geistliche Musik“ biblisches Wort verkünden und liturgische Funktionen erfüllen soll sowie musikalisch dem Kirchenlied oder dem gregorianischen Choral nahezustehen hat, sind für ihn ganz selbstverständliche Aspekte. Sie greifen für ihn jedoch zu kurz. Sein Anforderungsprofil ist viel weiter gefasst als solch nützlicher Pragmatismus: Musik in der Kirche, oder weitaus innerlicher als „Musik als Gebet“ formuliert, sollte für ihn „jene archetypischen Energien unterhalb von Sprache und Ratio aufweisen, die schon in jeglicher Musik „religio“ waren. Es ist die Rückanbindung des Menschen an die Ganzheit der Welt, an die Natur und Schöpfung, an vergessene Schichten als einer Führung nach innen – weg vom fassadenhaft leeren Außen. Wo das Wort oft Menschen nicht mehr erreicht, kann der Musiker mit seinen nonverbalen Energien einspringen, die unsichtbar im tiefsten Wesen der Musik (jenseits jeder Differenzierung von katholisch oder evangelisch) wirken. Musik führt dann den Menschen „nach Hause, zu seinem Selbst als innerem Kern, zur Ganzheit, unmittelbar zu Gott“.


Enjott Schneider, Toccata „Schlafes Bruder“, Schluss, Schott Music 1995