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Von Pille bis Fasten


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Tagesspiegel Gesundheit - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 23.09.2022

SCHMERZTHERAPIE

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Bildquelle: Tagesspiegel Gesundheit, Ausgabe 1/2023

Medikamentöse Therapie

S chmerzmittel zählen zu den meistverkauften Arzneimitteln in Deutschland – eine Packung Paracetamol oder Ibuprofen hat fast jeder zu Hause vorrätig. Bei leichten bis mäßig starken Schmerzen werden am häufigsten Paracetamol und Acetylsalicylsäure (ASS) gekauft. Mit rund 25 Millionen verkauften Packungen allein im Jahr 2020 zählt Paracetamol zu den beliebtesten rezeptfrei erhältlichen Schmerzmitteln in deutschen Apotheken. Bei mittelschweren und starken Schmerzen ist Ibuprofen mit großem Vorsprung auf Platz eins der rezeptfrei erhältlichen Schmerzmittel – mit einem Marktanteil von gut 46 Prozent. Der Marktanteil von Diclofenac beträgt hingegen nur rund drei Prozent.

Die sogenannten Opioide, die zur Bekämpfung von starken Schmerzen eingesetzt werden, sind dagegen immer verschreibungspflichtig, die stärkeren unter ihnen unterliegen sogar der strengeren ...

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... Betäubungsmittelverschreibungsverordnung. Und das aus gutem Grund, haben doch viele von ihnen ein erhebliches Suchtpotenzial. In den USA wird bereits von einer Opioid-Epidemie gesprochen, weil immer mehr Menschen davon abhängig sind. Und auch in Deutschland beobachten Experten eine steigende Zahl von Opioid-Verschreibungen, auch bereits bei starken Kopf- oder Rücken-schmerzen. Thomas Cegla, Chefarzt der Schmerzklinik am Helios Universitätsklinikum Wuppertal und ehemaliger Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin mit Sitz in Berlin , erklärt Nutzen und Risiken verschiedener schmerzlindernder Medikamente.

Leichte bis mäßig starke Schmerzen

Wirkung Paracetamol lindert leichte bis mäßig starke Schmerzen wie Kopf-, Zahn- und Regelschmerzen und wirkt fiebersenkend. „Der genaue Wirkmechanismus ist nicht vollständig verstanden“, sagt Thomas Cegla. Paracetamol wirke wohl im zentralen Nervensystem. Dort verhindere es chemisch die Weiterleitung des Schmerzsignals an das Gehirn. Acetylsalicylsäure (ASS) wirkt schmerzlindernd und in höherer Dosis entzündungshemmend. Im Gegensatz zu Paracetamol unterbricht ASS nicht die Weiterleitung der Schmerzimpulse an das Gehirn, sondern hemmt bereits am Schmerzherd deren Entstehung. Meist kommt ASS in einer Dosierung von zwei- bis dreimal 500 mg pro Tag bei leichten bis mäßigen Schmerzen wie Kopf- und Gliederschmerzen sowie bei Fieber zum Einsatz. Aufgrund seiner blutverdünnenden Eigenschaften wird ASS in niedriger Dosierung (100mg) speziell nach Herzinfarkten oder Schlaganfällen verschrieben, um Rückfällen vorzubeugen.

Nebenwirkung (Auswahl) Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bescheinigt Paracetamol „bei bestimmungsgemäßem Gebrauch keine klinisch relevante Leberschädigung“. Aber weil der Schmerzstiller potenziell die Leberzellen schädigt, darf die tägliche Höchstdosis von 4000 Milligramm nicht überschritten werden. Wer neben den klassischen Schmerztabletten bei einer Erkältung noch Kombipräparate einnimmt, kann schnell den Überblick verlieren, da auch diese Paracetamol enthalten. Eine Überdosierung von Paracetamol kann auch die Nieren schädigen. ASS sollte wegen seiner blutverdünnenden Wirkung nicht in den Tagen vor einer Operation eingenommen werden, da dieser Effekt sonst die Blutung verstärkt.

Mäßig starke bis starke Schmerzen

Wirkung Ibuprofen und Diclofenac sind Schmerzmittel, die aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften bis ins entzündete Gewebe vordringen können und dadurch anders als Paracetamol neben Schmerzen und Fieber auch Entzündungen entgegenwirken. Ähnlich wie Paracetamol unterbinden Ibuprofen und Diclofenac die Weiterleitung der Schmerzsignale an das Gehirn, indem sie die Bildung der sogenannten Prostaglandine beeinflussen. In einer Dosierung von bis zu dreimal 400 mg täglich findet Ibuprofen Anwendung in der Behandlung von leichten bis mäßig starken Gelenk- und Rückenschmerzen. Die Tageshöchstdosis für Diclofenac, das bei den gleichen Beschwerden verabreicht wird und vor allem in Salben enthalten ist, liegt bei 100 bis 150mg.

Rund 25 Millionen Packungen Paracetamol wurden 2020 rezeptfrei in Deutschlands Apotheken verkauft

Nebenwirkung (Auswahl) „Kurzfristig kann man als gesunder Mensch entzündungshemmende Medikamente nutzen“, sagt Experte Cegla. Ibuprofen und Co. seien aber eher dann angezeigt, wenn es sich um Schmerzen handelt, die nicht regelmäßig auftreten. Denn: „Die dauerhafte Einnahme zum Beispiel bei Kopfschmerzen kann zu einem medikamenteninduzierten Kopfschmerz führen“, sagt Cegla. Überschreitet die Einnahmedauer einen Zeitraum von drei bis vier Tagen, dann sei eine genauere Diagnose nötig. Denn eine dauerhafte Einnahme dieser Wirkstoffe kann nicht bloß neue Schmerzen verursachen, sondern auch Schäden im Magen- Darm-Trakt und in den Nieren. Der Grund dafür ist die Wirkung auf die Prostaglandine. Diese Botenstoffe sind nämlich wahre Multitalente – im Magen etwa schützen sie die Schleimhaut vor der Magensäure. Wenn ihre Produktion durch die Schmerzmittel zurückgefahren wird, steigt dort die Gefahr von Geschwüren und Blutungen. Außerdem sind sie an der Regulation der Fließeigenschaften des Blutes beteiligt. Aktuelle Forschungsergebnisse aus Dänemark legen den Schluss nahe, dass insbesondere Diclofenac das Risiko für Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, Schlaganfall oder Herzinfarkt erhöht. Auch Patienten, die Ibuprofen einnehmen, weisen dafür eine erhöhte Anfälligkeit auf.

Starke Schmerzen

Wirkung Metamizol, das vor allem unter dem Markennamen Novalgin bekannt ist, ist nicht rezeptfrei erhältlich. „Metamizol ist bei starken Schmerzen wirksam“, sagt Chefarzt Cegla. Auch bei Metamizol ist der Wirkmechanismus noch nicht vollständig geklärt, es wird jedoch eine ähnliche Wirkweise wie bei Paracetamol angenommen, also eine Hemmung der Weiterleitung der Schmerzsignale an das Gehirn. Der Wirkstoff wird genutzt, um akute Schmerzen bei einer Verletzung oder nach einer Operation zu lindern. Weil Metamizol auch eine entkrampfende Wirkung besitzt, setzen Ärzte es auch als Mittel gegen Koliken ein, wenn sich die Muskulatur von Hohlorganen krampfartig zusammenzieht und dadurch starke, wehenartige Schmerzen verursacht.

Nebenwirkung (Auswahl) Der Wirkstoff kann sehr selten zu einer Agranulozytose führen. Dabei verringert sich im Blut die Zahl der Granulozyten, einer Unterart der weißen Blutkörperchen, die für die Immunabwehr zuständig sind. Aufgrund der dadurch erhöhten Infektionsanfälligkeit kann eine Agranulozytose sogar tödlich enden. „Regelmäßige Blutbildkontrollen sind daher wichtig“, sagt Cegla. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte warnten in Anbetracht des Risikos einer Agranulozytose bereits mehrfach davor, Metamizol zu häufig zu verschreiben.

Sehr starke Schmerzen

Wirkung Wenn die genannten Medikamente nicht ausreichend wirken, können Ärzte alternativ oder ergänzend Opioide verordnen. Es gibt sie in Form von Tabletten, Kapseln, Tropfen und Zäpfchen. Auch per Spritze oder Schmerzpflaster können sie verabreicht werden. Opioide eignen sich, um mäßig starke bis stärkste sowie chronische Schmerzen zu behandeln. Bei der Schmerzbehandlung von Krebspatienten spielen Opioide oft eine wichtige Rolle. Sie wirken anders als die die Prostaglandinproduktion beeinflussenden Medikamente. Die Wirkstoffe besetzen die Opioidrezeptoren in den Zellen des Zentralen Nervensystems, so wie es auch die körpereigenen Endorphine (Glückshormone) tun, um das Schmerz- oder das Hungerempfinden abzuschwächen. Die Opioid-Rezeptoren an den Synapsen verhindern die Übertragung des Schmerzsignals von der einen zur nächsten Nervenzelle. Opioide können jedoch eine vielfach stärkere Wirkung entfalten als die körpereigenen Endorphine. Zu den schwächer wirkenden Opioiden zählen Tramadol und Tilidin. Stärker wirksam sind zum Beispiel Oxycodon, Methadon, Fentanyl und Buprenorphin. Während die schwächeren über ein normales Rezept erhältlich sind, fallen die stärker wirksamen Opioide unter das Betäubungsmittelgesetz.

Nebenwirkung (Auswahl) Weil die Opioide nicht nur an Rezeptoren im zentralen Nervensystem andocken, haben sie häufig unangenehme Nebenwirkungen, zum Beispiel im Darm, wo sie ebenfalls die Weiterleitung von Signalen behindern, wodurch die Darmbewegung gelähmt wird. Das führt bei vielen Patienten zu Verstopfungen. „Es gibt auch Opioide, die direkt mit einem Gegenspieler verabreicht werden, der die Darmblockade aufhebt“, sagt Schmerzexperte Thomas Cegla. Die Anwendung von Tilidin und Tramadol in nicht-retardierter, also schnell im Körper verfügbarer Form, ist meist auf wenige Tage beschränkt, da durch die „Kick“-Erfahrung für die Patienten ein Abhängigkeitsrisiko bestehe. Zumindest in Tropfenform unterliegt daher auch Tilidin dem Betäubungsmittelgesetz. „Retardierte Formen lösen hingegen keine Euphorie aus, deshalb ist das Risiko dort geringer“, sagt Cegla. Generell muss die Behandlung mit Opioiden ärztlich begleitet werden. „Bei einem Wechsel des Wirkstoffes oder der Dosierung ist die Teilnahme am Straßenverkehr nicht möglich“, sagt Chefarzt Cegla. Neben Verstopfungen und Abhängigkeit können Opioide auch Schwindel und Benommenheit auslösen. Vor allem bei älteren Patienten, die aufgrund chronischer Schmerzen in Folge von Verschleißerkrankungen Schmerzmittel benötigen, kann dies die Sturzneigung erhöhen, weshalb Ärzte Opioide bei dieser Patientengruppe mit Vorsicht einsetzen. Die psychoaktive Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) in Cannabinoiden hat überwiegend eine schmerzlindernde Wirkung. THCbasierte Cannabinoide finden daher zunehmend Anwendung bei chronischen Schmerzzuständen, besonders bei Nervenschmerzen. Nach dem Gesetz „Cannabis als Medizin“ (§ 31 Abs. 6 SGB V), kann eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen nur dann erfolgen, wenn eine „schwerwiegende Erkrankung vorliegt und eine akzeptable alternative Leistung nicht zur Verfügung steht“. Ähnlich wie bei der Opiattherapie wird die Medikamentendosis schrittweise angepasst und die Verträglichkeit sowie die Wirkung der jeweiligen Dosis sorgfältig überprüft. Als nicht verschreibungspflichtiges Rezepturarzneimittel ist Cannabidiol in Apotheken erhältlich.

Physikalische Verfahren

P hysikalische Therapien sind Behandlungen, die durch äußere Reize eine Reaktion des Körpers erreichen sollen. Sie ergänzen und erweitern die therapeutischen Möglichkeiten beispielsweise der Chirurgie oder von Arzneimitteln.

Im Rahmen einer Schmerztherapie sollen die physikalischen Therapien die Beschwerden lindern und Funktionseinschränkungen des Bewegungssystems, beispielsweise Muskelverspannungen und Gelenkblockierungen, beheben. Wie genau funktioniert das? „Wird der Körper elektrisch, thermisch oder mechanisch gereizt, reagiert er darauf mit biologischen Prozessen“, sagt Volker Liefring, Chefarzt der Klinik für orthopädische Rehabilitation der Sana Kliniken Sommerfeld in Kremmen. Die Wirkung der Reize äußere sich zum Beispiel durch eine Hautrötung infolge einer verstärkten Durchblutung der gereizten Region, mit Veränderungen im Blutdruck oder durch Entspannung des Muskels nach vorangegangener Anspannung (Muskelrelaxation). Doch der Organismus solle nicht nur kurzzeitig reagieren, sondern sich auch langfristig verändern, sagt der Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin (PRM). Dazu zählt zum Beispiel eine Kräftigung der Muskulatur. Und schließlich soll eine physikalische Therapie die Wahrnehmung ändern, also zum Beispiel unempfindlicher gegenüber Schmerzen machen. Üblicherweise werden die verschiedenen physikalischen Therapien vom Arzt verordnet und dann von spezialisierten Therapeuten durchgeführt. Diese sind an orthopädische Praxen oder in Physiotherapiepraxen möglich. Auch in der Rehabilitation nach Akutbehandlungen sind die physikalischen Therapien ein wesentlicher Bestandteil der medizinischen Nachsorge.

Kältetherapie

Wirkung Die Kältetherapie dient der Behandlung von Schwellungen und der Linderung von Schmerzen. „Hat sich der Patient beispielsweise den Knöchel verstaucht, packt man einen kalten Umschlag oder auch einen Quarkwickel auf die verletzte Stelle“, sagt Volker Liefring. Der Quarkwickel sei ein guter Kälteträger, denn er habe eine tiefe und feuchte Kühle, die lang anhalte. Der Temperaturunterschied entzieht dem Körper die Wärme, wodurch sich die Gefäße verengen, und der Stoffwechsel des gekühlten Gewebes zurückgefahren wird: Die Schwellung geht zurück. Zudem stellt sich ein schmerzlindernder Effekt ein, weil die Kälte die Nerven lokal betäubt. Auch bei Entzündungen hilft der Kältereiz, weil der reduzierte Stoffwechsel und die Gefäßverengung die Entzündungsprozesse abschwächen. Auch bei einer Muskelverspannung kann eine Kältetherapie erfolgreich sein. Im gekühlten Gewebe ist die Übertragung von Nervenimpulsen gehemmt, was zu einer Entspannung der Muskeln führt. Die Therapie kann durch unterschiedliche Anwendungen verschiedene Effekte erzielen. Dabei kommt es vor allem auf die Zeit an. Wird eine Körperstelle etwa zehn bis 15 Minuten gekühlt, spricht man von einer Kurzzeitanwendung. Hierdurch bewirkt der Therapeut zum Beispiel eine bessere Durchblutung der oberen Muskelschichten, weil der Körper versucht, die Wirkung der Kälte durch eine höhere Durchblutung auszugleichen. Wirkt die Kälte dagegen länger ein, oft sogar ein oder zwei Stunden, wird die Durchblutung an der gekühlten Stelle erheblich gedrosselt und der Stoffwechsel gedämpft. Außerdem erhöhen sich Blutdruck und Herzfrequenz. Während kalte Umschläge, Eispackungen oder der Quarkwickel lokal angewandt werden, betrifft die Kältekammer den gesamten Körper. Die Kammer – eine große Kabine, in der eine Temperatur von minus 110 Grad herrscht – hilft besonders bei chronischen Schmerzen oder bei Rheumaerkrankungen. Denn die Kälte setzt dann im gesamten Organismus schmerz- und entzündungshemmende Mechanismen in Gang.

Physikalische Therapien sollen die Wahrnehmung ändern, also zum Beispiel unempfindlicher gegen Schmerzen machen

Nebenwirkung Bei lokaler Anwendung sollte die Behandlungsstelle nicht zu stark gekühlt werden, da ein zu starker Reiz zu Erfrierungen führen könnte. Aus demselben Grund darf Eis nicht direkt mit der Haut in Kontakt kommen, sondern sollte im Stoffbeutel oder Handtuch aufgelegt werden. Die Kältetherapie in der Kältekammer gilt im Allgemeinen als gut verträglich. Sie ist jedoch für einige Patientengruppen nicht zu empfehlen, zum Beispiel für Menschen mit Durchblutungsstörungen, die durch die Kälte noch verstärkt würden, oder bei akuten Infektionserkrankungen, zu deren Bekämpfung der Körper ja sogar mehr Wärme benötigt.

Wärmetherapie

Wirkung Wärme wirkt durchblutungsfördernd, aktiviert den Stoffwechsel und lindert Schmerzen. Das tut sie zum einen, weil sie eine Muskelentspannung bewirkt, zum anderen, weil sie die Dehnfähigkeit des Bindegewebes verbessert, was ebenfalls einen entspannenden Effekt hat. Nacken-, Rücken- oder Kreuzschmerzen sind deshalb Beschwerden, die man mit Wärme gut behandeln kann. Doch sie wirkt auch sehr direkt schmerzstillend, beispielsweise bei Bauchkrämpfen oder Menstruationsbeschwerden. Warum? Forscher fanden heraus, dass Temperaturen von über 40 Grad in der Haut Wärmerezeptoren aktivieren, die wiederum Schmerzrezeptoren blockieren. Allerdings nur so lange, wie die Wärme einwirkt. „Jede Temperatur über 37 Grad gilt grundsätzlich als Wärmetherapie“, sagt Volker Liefring.

Wärme kann man auf vielen Wegen dem Körper zuführen, beispielsweise mit einer warmen Fangopackung – ein heilender Schlamm vulkanischer Herkunft–, mit einer Wärmekompresse, mit einem warmen Bad, über Infrarotlicht, Wärmepflaster und vielem mehr. Die Dosierung hängt immer von der Dauer und Körperstelle ab, und vom allgemeinen Gesundheitszustand des Menschen.

Nebenwirkung Eigentlich könne bei einer gut dosierten Wärmetherapie nicht so viel schieflaufen, sagt der Facharzt. „Manchmal kommt es vor, dass man während der Behandlung einschläft. Dann droht die Gefahr, dass die betroffene Stelle überhitzt wird wie bei einer Verbrühung.“ Aber das sei selten. Bei Patienten mit Durchblutungsstörungen oder bei Älteren sollte man allerdings vorsichtig sein, denn bei ihnen kann zu viel Wärme den Kreislauf überlasten. Auch bei Entzündungen, Fieber oder Infektionen, die alle mit einer erhöhten Körpertemperatur einhergehen, sollte man von außen keine zusätzliche Wärme zuführen.

Elektrotherapie

Wirkung Strom kann gefährlich sein. Doch in der physikalischen Schmerztherapie gilt genau das Gegenteil. Wechselstrom mit einer niedrigen Frequenz hilft gegen Schmerzen und stimuliert die Muskulatur. Elektrotherapie kommt vor allem zum Einsatz bei Schmerzsyndromen am Bewegungsapparat, also beispielsweise bei Rheuma oder Arthrosen. Die elektrischen Impulse blockieren Schmerzsignale, damit sie gar nicht erst im Gehirn ankommen. Gleichzeitig regen sie die Produktion von Endorphinen an, den natürlichen Schmerzmitteln des Organismus. Auch Muskelbeschwerden, wie Fibromyalgie (Faser-Muskel-Schmerz), Verspannungen und Zerrungen lassen sich gut mit Elektrotherapie behandeln. „Muskeln und ihre Nerven brauchen Aktivität, um ihre Kraft zu behalten“, sagt Liefring. Die Elektrotherapie ist damit für Patienten mit einer geschwächten Muskulatur, beispielsweise wegen einer Knochenverletzung, sehr hilfreich. Sie können ihre Muskelkraft mittels Elektrotherapie (EMS oder selektiver Reizstrom) wiederaufbauen. Der Strom kräftigt die Muskeln, indem er in ihnen Kontraktionen auslöst. Um den Strom, den ein spezielles Elektrotherapiegerät erzeugt, auf den Körper zu übertragen, werden auf der Haut Elektroden befestigt. In der Elektrotherapie kommen vier verschiedene Stromformen zum Einsatz. Bei einer Behandlung mit Gleichstrom fließt die Elektrizität durchgängig durch das Gewebe. Dieses Prinzip wird beispielsweise beim Stangerbad genutzt. Der Patient liegt in einer Badewanne, in der zwei Metallplatten platziert sind. Sie dienen als Pole, die den elektrischen Strom übertragen. Eine Gleichstrombehandlung fördert die Durchblutung, die Stoffwechselaktivität der Zellen und wirkt schmerzlindernd. Die Muskeln ziehen sich bei dieser Behandlung nicht zusammen, der Patient spürt lediglich ein leichtes Kribbeln auf der Haut. Im Gegensatz zur Gleichstrombehandlung fließt der Strom bei einer Niederfrequenzbehandlung nicht konstant, sondern impulsartig. Zwischen 10 und 1000 Impulse in der Sekunde sorgen für Muskelkontraktionen und stimulieren die Nerven. Die Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine Niederfrequenzbehandlung. Der Patient braucht dazu nicht die Praxis aufzusuchen, er kann sie mit einem TENS-Gerät auch zu Hause anwenden. Das ist für den Alltag einfach und praktisch umsetzbar.

Ultraschall

Wirkung Ein Ultraschallgerät, das der Schmerzbehandlung dient, erzeugt mechanische Schwingungen. Die Behandlung ähnelt zwar der bildgebenden Ultraschalldiagnostik, mit der im Körper verborgene Strukturen und Prozesse sichtbar gemacht werden, erzeugt aber andere mechanische Schwingungen. „Diese sorgen für eine Tiefenerwärmung und Durchblutungsreiz“, sagt Liefring. „Die Schwingungen fühlen sich an, als ob jemand mit seinen Fingern beispielsweise auf dem Oberschenkel klopft.“ Die Schallwellen werden wie bei einem herkömmlichen Ultraschallgerät zur Bildgebung mit einem Schallkopf in den Körper übertragen, der auf die Haut gedrückt wird. Des besseren Kontaktes wegen trägt man vorher Gel auf die gewählte Stelle auf. Der für das menschliche Ohr nicht hörbare Schall durchdringt Fett, Muskeln und Gewebe. Trifft er auf undurchdringliche Strukturen, wie etwa Knochen, dann gibt er dort die Energie in Form von Wärme ab. Diese hat eine auflockernde Wirkung auf Muskeln, verbessert die Durchblutung und lindert Schmerzen an den Sehnenansätzen.

Nebenwirkung „Eigentlich bestehen bei dieser Therapie kaum Risiken, weil man die Reize sehr gut dosieren kann“, sagt Volker Liefring. Nur eine übermäßige Anwendung könne im schlimmsten Fall dazu führen, dass Gewebe wegen einer Überhitzung abstirbt.

Alternative Methoden

Schmerz ist ein Warnsignal, das Menschen schützen soll. Doch wenn der Schmerz chronisch wird, hat er seine eigentliche lokale Ursache oft schon verloren – er hat sich ins Gedächtnis eingebrannt. Chronische Schmerzen zu behandeln, ist für die Medizin eine echte Herausforderung. Kortisonspritzen helfen nur kurzfristig und haben wegen möglicher Komplikationen einen schlechten Ruf. Medikamente, die starke Schmerzen lindern sollen, vor allem Opiate, bergen ein erhebliches Abhängigkeitspotenzial.

Stress und ein ruheloser Lebensstil gelten heute als häufigere Ursachen etwa von hartnäckigen Rückenleiden, als ein akutes Problem wie ein Bandscheibenvorfall. „Viele Naturheilverfahren setzen hier wirkungsvoll an“, sagt Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin.

In der Schulmedizin und der Alternativmedizin sieht Michalsen, der auch eine Stiftungsprofessur für klinische Naturheilkunde an der Charité innehat, keine Gegensätze. Im Gegenteil, um chronische Schmerzen wirkungsvoll behandeln zu können, sei eine integrative Versorgung, die beide Lehren kombiniere, notwendig: Konventionelle Schmerztherapie, Rückenschule und Krankengymnastik werden mit Yoga, Heilfasten oder dem Einsatz von Blutegeln ergänzt. Immer mehr Patienten suchen deshalb Hilfe in alternativen Heilverfahren. Aber nicht alle Methoden sind seriös. Was hilft wirklich? Wir sprachen mit Andreas Michalsen über eine Auswahl der wirksamsten Verfahren gegen chronische Schmerzen, gegen Arthrosen und Rheuma.

Akupunktur

Wirkung Wie die Akupunktur genau wirkt, konnte die Schulmedizin bisher nicht enträtseln. Aber sie wirkt – das belegen Studien und selbst Krankenkassen übernehmen häufig anfallende Kosten. Im Verständnis der Traditionellen Chinesischen Medizin entstehen Krankheiten aus energetischen

Ungleichgewichten. In die richtigen Akupunkturpunkte gestochen, lösen die sehr feinen Nadeln die Blockaden und lassen das Chi – die Körperenergie – wieder fließen.

Diese Akupunkturpunkte liegen auf sogenannten Meridianen, eine Art Energie-Leitbahnen, die verschiedene Organsysteme beeinflussen können. Es gibt die Vermutung, dass eine Scheinakupunktur – also das Stechen ohne Rücksicht auf die Meridiane an willkürlichen Körperstellen – genauso wirksam sei wie eine vom traditionellen Wissen geleitete Nadelbehandlung. Doch diese Annahme sei nicht haltbar, sagt Michalsen. „Neuere Studien zeigen, dass die Wirksamkeit einer traditionellen Akupunkturbehandlung größer ist als die einer Akupunktur ohne Berücksichtigung der Meridiansysteme.“ Schulmedizinisch lässt sich die schmerzlindernde Wirkung der kleinen Nadeln zum Teil aber auch mit dem Gegenreizverfahren erklären: Der leichte Schmerz der Akupunkturnadeln blockiert die Schmerzbahnen zum Gehirn, der chronische Schmerz kommt nicht mehr durch. „Wenn eine Straße voll ist, ist sie voll“, sagt Michalsen. Er vermutet aber noch einen weiteren überraschenden Helfer: den Placeboeffekt. „Jede medizinische Behandlung hat auch einen Placeboanteil“, sagt der Naturheilkundler.

Wie die Akupunktur genau wirkt, konnte die Schulmedizin bisher nicht enträtseln. Aber sie wirkt – das belegen Studien

Nebenwirkungen sind bei der Akupunktur selten und dann schwach. Rötungen, leichte Blutungen oder Blutergüsse an den Einstichstellen sind möglich.

Blutegel-Therapie

Wirkung Ein kleiner Biss mit großer Wirkung. Die antiken Kulturen des Orients und Okzidents – schon Griechen, Römer, Inder und Chinesen – wussten schon, sich die Blutegel zunutze zu machen. Wissenschaftliche Studien am Immanuel Krankenhaus Berlin bestätigten das jahrhundertealte Wissen um die Wirksamkeit der kleinen Blutsauger bei chronischen Schmerzen. Zwar sei der genaue Wirkmechanismus der Therapie noch nicht entschlüsselt, sagt Michalsen. „Wir wissen aber, dass im Speichel der Blutegel 20 bis 30 entzündungshemmende und schmerzlindernde Substanzen enthalten sind.“ Beißt ein Egel zu, sondert er dabei das heilende Sekret in die Wunde und die tiefer liegenden Gewebe ab. Der Biss ist nicht schmerzhafter als ein Insektenstich.

Zur therapeutischen Anwendung schlagen sich Hirudo medicinalis – so der wissenschaftliche Name – 45 bis 90 Minuten lang den Wanst voll. „Die schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung setzt bereits nach einer Anwendung ein und hält mehrere Monate an“, sagt Michalsen. Arthrose-Schmerzen und Rückenleiden könnten so natürlich und schonend gelindert werden, ohne ständig Schmerzmittel schlucken zu müssen. „Selbst bei stark fortgeschrittenem Verschleiß der Rückenwirbel können wir so oftmals chronische Rückenschmerzen therapieren.“

Nebenwirkungen Rund um die Bissstelle kann es zu Blutergüssen, leichten Schwellungen, Juckreiz und in seltenen Fällen zu kleinen Narben kommen. Juckt die Bissstelle, sollte man dennoch nicht kratzen, um eine Wundinfektion zu vermeiden.

Heilfasten

Wirkung In vielen Kulturen und Religionen ist das Fasten, also der Verzicht auf Nahrung für eine gewisse Zeit, fest verankert. „Unsere klinischen Erfahrungen aber auch wissenschaftliche Studien belegen die Wirksamkeit des Heilfastens bei rheumatischen Erkrankungen und chronischen Schmerzen“, sagt Michalsen. Es gibt tausende Wege der Enthaltsamkeit – einige schwören auf Saftkuren, andere auf Wasser. Dabei scheint die Art des Fastens nur einen geringen Einfluss auf die Wirksamkeit zu haben. Günstig seien jedoch Fastenkuren von mindestens fünf bis sieben Tagen, an denen der Fastende nicht mehr als 500 Kilokalorien pro Tag zu sich nimmt.

Weniger essen heißt auch weniger verdauen, das entlastet den Körper und gibt ihm Zeit und Energie, sich selbst zu heilen. Mit der Nahrung werde der Körper auch von entzündungsfördernden Stoffen entlastet, die besonders in tierischen Lebensmitteln enthalten sind. „Das Fasten wirkt wie ein Neustart für den Körper“, sagt Michalsen. Um einen langfristigen Erfolg zu erzielen, sei es aber auch wichtig, nach dem Fasten die Essgewohnheiten umzustellen: „Fleischund Milchprodukte sollten auf ein Minimum reduziert werden.“ Hochwertige pflanzliche Fette, Vollkorngetreide, Obst und Gemüse gehörten auf den Teller.

Nebenwirkungen Heilfastenkuren sollten medizinisch begleitet werden. Menschen mit Untergewicht, einer Essstörung, einem BMI über 45 oder bestimmten Erkrankungen der Schilddrüse, Leber oder der Niere sollten nicht fasten. Generell empfiehlt sich vorab ein Check-up beim Arzt.

Schröpfen

Wirkung Schröpfen ist ein fester Bestandteil naturheilkundlicher Therapien. Mit Schröpfgläsern wird ein Unterdruck an der Haut erzeugt, wodurch die Hautpartie einige Zentimeter in das Glas hineingesaugt wird. „Durch den Unterdruck wird die Durchblutung angeregt, Lymphbahnen werden aktiviert und verhärtete Muskeln gelockert“, sagt Michalsen. Zudem würden durch den leichten Schmerzreiz der geschröpften Haut chronische Schmerzen blockiert. Studien hätten ergeben, dass das Schröpfen bei Rücken- und Nackenschmerzen gut wirke.

Das sogenannte blutige Schröpfen ist eine Art kleiner Aderlass, bei dem über fünf bis zehn kleine Hautschnitte entzündetes und geschwollenes Gewebe entlastet werden soll. Gegen Arthroseschmerzen werden statt der traditionellen Gläser Schröpfauflagen aus Kunststoff an das erkrankte Gelenk angelegt. Luft, die abwechselnd in die Matte gepumpt und wieder abgelassen wird, sorgt für einen wiederkehrenden Unterdruck, der das Gelenk pulsierend schröpft, massiert und Lymphflüssigkeit abfließen lässt.

Nebenwirkungen Mitunter können sich bei starkem Unterdruck Bläschen an der Behandlungsstelle bilden. Auch in der Schwangerschaft und bei Hautverletzungen wird vom Schröpfen abgeraten. Zudem sollte das blutige Schröpfen nicht bei Blutgerinnungsstörungen oder einer Blutarmut angewandt werden.

Yoga

Wirkung Für die einen ist es ein Sport, für die anderen eine Weltanschauung. Richtig ausgeführt kann Yoga aber vor allem eines sein: „Ein hochwirksames Mittel gegen Stress und chronische Rückenschmerzen“, sagt Michalsen. Ein Drittel bis die Hälfte der deutschen Bevölkerung sei von Rückenschmerzen betroffen. Die Ursache: Beschleunigung, Stress und wenig Bewegung im Job. Abhilfe kommt aus einer ruhigeren Zeit: Yoga ist eine 2000 Jahre alte indische Lehre, die auch Atemfluss und Wahrnehmung schult.

Heute gibt es viele Yoga-Formen, vom Power-Yoga bis zum Sauna-Yoga. „Für ein therapeutisches Yoga ist es wichtig, die Übungen sehr genau und dennoch entspannt auszuführen“, sagt Michalsen. Statt Leistung sei Präzision gefragt. Im Immanuel Klinikum wird Iyengar-Yoga und therapeutisches Hatha Yoga gelehrt. In den drei bis vier Sitzungen während einer stationären Behandlung bleibt Michalsens Team allerdings nur die Zeit, um einen ersten Anstoß zu geben – danach muss eine gute private Schule gefunden und selbst bezahlt werden. Viele Krankenkassen fördern Yoga-Kurse oder bieten selbst welche an.

Nebenwirkungen Werden Yoga-Übungen falsch ausgeführt, drohen Verletzungen etwa des Rückens, der Schulter oder der Knie. Fachkundige Anleitung ist ratsam – zumindest für Anfänger.

Heilpflanzen

Hagebutte, Zitterpappel, Esche, Brennnessel oder Weidenrinde sind heimische Pflanzen, die als Extrakte geschluckt entzündungshemmend wirken und bei Arthrosen angewandt werden. Michalsen schätzt die Wirksamkeit pflanzlicher Extrakte als eher schwach ein, sie können aber eine sinnvolle Ergänzung zu anderen Heilverfahren sein.