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Von Vorlieben, Vorsätzen und Versuchungen


ÖKO-TEST Spezial Essen und Trinken - epaper ⋅ Ausgabe 4/2012 vom 23.04.2012

Die einen können der Mousse au Chocolat nicht widerstehen, die anderen bei Currywurst mit Pommes nicht Nein sagen, und die Dritten essen für ihr Leben gern Nudeln mit Sahnesoßen. Dann aber kommt das schlechte Gewissen: so viel Fett, so viele Kalorien! Hätte es nicht auch ein wenig Obst getan, der Salat oder die Gemüseplatte? Warum wir uns beim Essen so einen Stress machen – und warum wir eigentlich ganz entspannt sein könnten.


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Foto: Edward O´Neil/istockphoto.com

Oui, oui, ça marche“, sagt Pierre Dukan. „Das funktioniert.“ Dukan ist ein gepflegt wirkender, nicht übertrieben gebräunter Herr. Der Anzug ...

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Oui, oui, ça marche“, sagt Pierre Dukan. „Das funktioniert.“ Dukan ist ein gepflegt wirkender, nicht übertrieben gebräunter Herr. Der Anzug sitzt genauso tipptopp wie die Frisur. Und er ist schlank. Das muss er auch sein. Denn der Professor aus Paris will schließlich sein Buch vermarkten, das er an diesem regnerischen Tag im ehemaligen Zollhaus in der Hamburger Hafencity vorstellt: Die Dukan-Diät. Sie sei die einzige Diät, die wirklich funktioniert, lässt er seine Dolmetscherin mitteilen. Er habe sie in den vergangenen 20 Jahren mithilfe seiner Patienten entwickelt und damit schon Tausenden von Menschen geholfen, Gewicht zu verlieren. Das Prinzip sei ganz einfach: Nach einer „Angriffsphase“ von bis zu sieben Tagen, in der vor allem eiweißreiche Lebensmittel wie Geflügel, Fisch und Meeresfrüchte auf den Teller kommen, gibt es zusätzlich Gemüse. Nachdem die ersten Kilos runter sind, darf auch bei Obst, Brot und Käse wieder zugelangt werden. Schließlich, in der letzten Phase – und die dauert lebenslänglich – ist erlaubt, was bekommt, aber bitteschön in Maßen. Und natürlich kein Fast Food, keine Torten und auch nicht zu viel Wein. Um das erreichte Gewicht zu halten, sei wöchentlich ein Diättag notwendig. Auch lebenslang.

Freilich sind die Belege dürftig, die beweisen, dass es nun endlich die ultimative Diät gibt, die tatsächlich jeder Frau und jedem Mann hilft. Es ist wohl wie bei allen Diäten: Wenn man damit klarkommt, stellt sich der Erfolg ein. Wie lange er anhält, ist auch von der eigenen Disziplin abhängig.

Dukan ist nicht der einzige, der gerade ein Diätbuch veröffentlich hat. Solche Ratgeber gibt es wie Sand am Meer. Und jedes Frühjahr kommen neue Vorschläge auf den Büchermarkt, wie man bzw. frau am besten abspeckt. Mal sind es die Kartoffeln, die die Kilos purzeln lassen sollen, mal Sauerkraut oder Reis. Die einen schwören auf viel Eiweiß, die anderen auf die satt machenden Kohlenhydrate. Es gibt Bücher gegen Fressattacken wie Hey Heißhunger, ab jetzt bin ich der Boss. Wer keine Zeit oder Lust hat, aufwendige Diätrezepte nachzukochen, erhofft sich Hilfe von Schlank im Schlaf oder Die Nebenbei-Diät. Vielversprechend klingt auch Die hCG-Diät: Das geheime Wissen der Reichen, Schönen & Prominenten – hier schmilzt das Fett angeblich dank homöopathischer Tropfen nur so dahin. Wem das alles nicht zusagt, der findet vielleicht noch etwas in den über 2.400 anderen Diättiteln, die es hierzulande gibt.

Doch wir wollen nicht nur abnehmen. Wir wollen auch gesund essen. Darum werfen wir Vitaminpillen ein, entlar-ven Salz- und Zuckerfallen und kaufen spezielle Lebensmittel, die den Cholesterinspiegel senken. Wir löffeln Joghurt, der die Verdauung anregt. Wählen Light produkte, um Fett zu sparen. Trinken Säfte mit einem Extra an Vitaminen. Kauen Cornflakes mit einem Plus an Mineralstoffen. Alles im Namen der Gesundheit.

Ich find’ mich gut so, wie ich bin: Frauen, die nicht dauernd mit ihrer Figur und ihrem Gewicht hadern, fühlen sich wohler in ihrem Körper und haben eine positive Ausstrahlung.


Foto: Serg Zastavkin/Fotolia.com

Sind wir von allen guten Geistern verlassen? Warum essen wir nicht einfach normal? Knackige Brötchen mit frischer Butter statt eines speziellen Eiweißbrots, das uns angeblich von allein schlank werden lässt – und im Mund wie Sägemehl zerbröselt? Warum braten wir uns nicht einen ordentlichen Fisch, sondern lieber Fischstäbchen mit Omega-3-Zusatz? Es gibt so viele köstliche, gesunde Gerichte und Produkte, bei denen wir ganz entspannt zugreifen könnten.

Gegen einen knackigen gemischten Salat ist natürlich überhaupt nichts einzuwenden – aber es gibt auch noch viele andere leckere Dinge.


Foto: Visions-AD/Fotolia.com

Essen soll Leib und Seele zusammenhalten. Nicht nur satt, sondern auch gute Laune machen. Keine mathematische Kalorienzählaufgabe sein, sondern Freude und Genuss. Eigentlich ist das gar nicht so schwer. Doch in Muße kochen, essen und genießen – das fällt manchem nicht mehr leicht. Noch nie gab es so viele Informationen und Ratschläge über gesundes Essen wie heute, sagt Andreas Schnebel. Er ist therapeutischer Leiter von Anad, einer Münchner Beratungseinrichtung für Frauen und Männer mit Essproblemen. Die Vielfalt und auch die Widersprüchlichkeit der Aussagen verunsichere die Leute – die sich folglich mit dem Essen immer mehr auseinandersetzen.

Das ist an sich eine gute Sache. Zu wissen, was einem bekommt und was Nonsens ist, das ist der erste Schritt in Richtung eines eigenverantwortlichen Essstils und hilft auch, Werbegewäsch zu entlarven.

Doch wenig bekömmlich wird das Wissen. Wenn wir uns dadurch verrückt machen, wenn wir selbst das Bio-Hähnchen nicht mehr entspannt genießen können, weil wir an die möglichen Keime darin denken. Oder beim Frühstück mit Freunden das wunderbar duftende, frische Brötchen mit Butter und Honig dankend ablehnen – wegen der fehlenden Ballaststoffe, all des Zuckers, des ungesunden Weißmehls und des Fetts; Oder den Restaurantbesuch absagen, weil die Speisekarte nicht dem eigenen Gesundheitsfahrplan entspricht.

Erfolg und Glück durch eine schlanke Figur?

„Rank und schlank, das ist immer noch das vorherrschende Schönheits ideal“, sagt Andreas Schnebel. Und nennt damit einen weiteren Grund, warum wir so unentspannt beim Essen sind. Noch immer wird Schlanksein mit Erfolg, Schön heit und Ehrgeiz gleich gesetzt. Viele glauben, wenn das Gewicht stimme, sei alles im Lot. Obwohl ganz sicher jeder jemanden kennt, der zwar rank und schlank, aber trotzdem schlecht drauf ist. In Scheidung lebt oder keine Arbeit hat – trotz Superfigur. Zwar keinen Bauch, aber Schulden hat. Nicht wegen der Speckrollen, sondern wegen der schiefen Nase unglücklich ist.

Zwar wird dem Magerwahn immer mehr entgegengesetzt. Die Zeitschrift Brigitte arbeitet schon seit einigen Jahren ganz ohne dünne Profimodels, um Mode an normalen Menschen vorzuführen und ein realistischen Körperbild zu vermitteln. Zwar sind auch die Laienmodels in der Regel schlank anzusehen, aber immerhin ohne genormte Körpermaße. Die Kosmetikmarke Dove wirbt mit normal gebauten Menschen jedes Alters. Auch eine Initiative der amerikanischen Elle, die zum Beispiel Gabourey Sidibe auf dem Titel zeigte, geht in diese Richtung: Die US-Schauspielerin wiegt mit knapp 170 Kilogramm gut dreimal so viel wie ein „normales“ Titelmädchen. Schon eine Weile vorher setzte Punksängerin Beth Ditto ihre 110 Kilo Körpergewicht auf dem Cover der Zeitschrift Love in Szene – und zwar nackt.

Starkes Übergewicht sollte zwar kein Schönheitsideal sein; schließlich ist medizinisch bewiesen, dass deutlich zu viele Kilos zu ernsthaften gesundheitlichen Schäden führen – vom gefäßschädigenden Bluthochdruck bis hin zum vorzeitigem Verschleiß der überbeanspruchten Gelenke. Doch ein wenig mehr Gelassenheit gegenüber der eigenen Figur und so manchem vermeintlich überflüssigen Kilogramm ware wünschenswert. Man muss ja nicht gleich den körperlichen Formaten von Sidibe oder Ditto nacheifern, aber von ihrer Selbstachtung kann sich so manche Frau, die unablässig mit ihren Pfunden hadert, eine Scheibe abschneiden.

Kompakt

Lightprodukte

Manche Lightprodukte sind wahre Mogelpackungen, die zwar zum Beispiel weniger Fett enthalten, dafür aber bedeutend mehr Zucker als herkömmliche Produkte. So kann der Kaloriengehalt einer vermeintlich „leichten“ Leckerei sogar besonders hoch sein. Problematisch ist auch der Einsatz von künstlichen Süßstoffen in Lightprodukten, die zu regelrechten Heißhungerattacken führen können, weil sie den Insulinspiegel durcheinanderbringen.

Foto: photodisc

Frühstück ist wichtig

Wer das Frühstück weglässt, neigt im Tagesverlauf eher dazu, zwischendurch zu viel zu essen. Ohne Frühstück ist man außerdem weniger leistungsfähig. Unterschiedliche Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Menschen, die frühstücken, im Durchschnitt schlanker sind und bleiben. Nur allzu üppig sollte es nicht ausfallen.

Schnell essen macht dick

Wer sein Essen herunterschlingt, wird tatsächlich eher dick als jemand, der langsam isst. Das zeigte eine japanische Studie mit 3.000 Teilnehmern. Bei schnell essenden Männern war die Wahrscheinlichkeit, Übergewicht zu haben, um 84 Prozent erhöht, bei Frauen um mehr als 50 Prozent. Die Forscher vermuten, dass beim schnellen Futtern die Körpersignale nicht richtig funktionieren, die dem Esser signalisieren, wann er genug hat.

Essen kann so schön sein: Wer mit Freunden tafelt, genießt Speisen und nette Gesellschaft.


Gute und schlechte Futterverwerter

Denn schon aus genetischen Gründen ist nicht jedem eine grazile Figur gegeben. Ja, es ist wirklich keine faule Ausrede: Wie viel wir wiegen, darüber entscheiden zu einem Gutteil die Gene. Sie legen fest, ob wir dick oder schlank sind, ob wir oft Hunger haben oder eher appetitlos sind. „Zu etwa 60 Prozent sind die Erbanlagen dafür verantwortlich, dass jemand Übergewicht entwickelt“, sagt Professor Johannes Hebebrandt von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Philipps-Universität Marburg. Wenn also Urgroßmutter, Oma und Mutter füllig waren, ist es recht unwahrscheinlich, dass man selbst mit einer fragilen Gestalt gesegnet ist.

Hebebrandt hat unter anderem das mutierte Gen MC4R als Dickmacher entlarvt. Bei einem Mann von 1,80 Meter Größe, der es in sich hat, kann das zusätzliche Gewicht bis zu 13 Kilo betragen. Bei Frauen von 1,70 Meter Größe können es sogar bis 27 Kilogramm mehr sein.

Für Menschen, die so ein Übergewichtsgen tragen, ist es besonders schwierig, dauerhaft abzunehmen. Nur mit eiserner Disziplin wird es ihnen gelingen. „Wir sollten keine Hoffnungen wecken, die sich nicht erfüllen lassen“, sagt Hebebrandt. Wichtiger sei es zu vermitteln, dass Übergewichtige lernen, sich selbst zu akzeptieren. Durch Diäten würden Ziele gesteckt, die viele Betroffene gar nicht erreichen können – und die nur zu neuem Frust führen.

Zugleich gibt es auch Gene, die dafür sorgen, dass Menschen besonders schlank sind – das sind die schlechten Futterverwerter. Wer die Mutation I103 trägt, wiegt weniger als Personen vergleichbarer Größe. Wer also 1,80 Meter misst und die Mutation I103 mitbringt, kann 1,6 Kilogramm weniger als seine Mitmenschen auf die Waage bringen. Das Risiko, übergewichtig zu werden, sei um 30 bis 40 Prozent reduziert, weiß Johannes Hebebrandt.

Angeborene Vorliebe für Süßes

Bei der Auswahl der Nahrung spielt neben den Genen aber auch die Evolution eine Rolle. Die Vorliebe für Süßes ist so ein Erbe der Evolution. Als die Menschen ihre Nahrung noch sammelten und erbeuteten, half der süße Geschmack von Früchten und Wurzeln dabei, das Richtige auszuwählen. Reife, süße Früchte liefern nicht nur Kohlenhydrate und damit Energie, sondern auch Vitamine, die lebensnotwendig sind. Der süße Geschmack brachte die Menschen also auf die richtige Fährte.

Versuche mit Neugeborenen zeigen, dass die Kleinen ihr Näschen und auch den Mund verziehen, wenn sie eine bittere oder saure Lösung zu trinken bekommen. Erhalten sie hingegen einen gesüßten Drink, entspannt sich das kleine Gesicht und blickt zufrieden drein. Schon im Mutterleib gibt es diese Süßpräferenz. Wird ins Fruchtwasser eine Zuckerlösung gespritzt, zeigen die Kleinen Schluckbewegungen. Sie goutieren das Süße also. Gibt man ihnen auf diesem Weg eine Salzlösung, dann schlucken sie diese nicht herunter.

Erst später wissen Säuglinge, auch Salziges zu schätzen. Zwar können Babys anfangs Salziges noch nicht schmecken. Doch mit etwa vier Monaten ist dies möglich, und sie ziehen Lösungen, die gesalzen sind, reinem Wasser vor. Instinktiv scheinen sie zu wissen, dass der Mineralstoff lebenswichtig für die Aufrechterhaltung verschiedener Körperfunktionen ist.

Ebenfalls angeboren ist die Vorliebe für Milch, Joghurt und Co. Praktisch jedes Baby, ob in Europa, Asien oder Afrika geboren, akzeptiert die Milch, die unmittelbar nach der Geburt angeboten wird. Denn das darin enthaltene Eiweiß ist überaus wichtig für den kleinen Körper.

Was wir essen, hat demnach viel mit unseren Wurzeln zu tun. Auch wenn wir uns die süße Schokotorte einverleiben, ist das ganz im Sinne der Evolution. Unser Körper bunkert dann die überflüssigen Kalorien als Fett, um sich für Mangelzeiten zu wappnen. Diäten sind solche Notzeiten: Während sich die Abnehmwilligen oft mühsam das Essen vom Munde absparen, gewöhnt sich der Körper recht schnell an die kleineren Portionen und drosselt vorübergehend seinen Grundumsatz. Ist die Diät beendet und sind die Teller wieder reichlicher gefüllt, schnellt das Gewicht dann oft in ungeahnte Höhen – der gefürchtete Jo-Jo-Effekt. Auch wenn dies Abnehmwillige natürlich frustriert, aus dem Blickwinkel der Evolution ergibt das einen Sinn. Der Körper handelt quasi nach dem Motto „Sparst du in der Zeit, so hast du in der Not“ und legt wieder Reserven an.

Liebe geht durch den Magen

Es gilt also, das richtige Maß zu finden. Doch das ist gar nicht so einfach. Essen ist eben nicht nur eine schnöde Nahrungsaufnahme, um leistungsfähig zu bleiben. Es ist viel mehr: Ob beim gemütlichen Familienfrühstück, dem Mittagssnack mit Kollegen, dem Kaffeeklatsch mit der Freundin, dem Grillfest mit den Nachbarn oder der Feier im Restaurant – Essen hat auch eine starke soziale und emotionale Bedeutung.

„Liebe geht durch den Magen“, sagt ein Sprichwort. Und ist es nicht wirklich so? Mit einem gelungenen Menü will man seine Freunde verwöhnen. Ein schönes Abendessen mit dem Partner oder mit der ganzen Familie macht uns zufrieden. Das leckere Stück Kuchen macht nicht nur satt, sondern streichelt auch die Seele.

Wir entspannen, weil wir in netter Gesellschaft gegessen haben, vielleicht ein gutes Gespräch hatten, das uns wieder Kraft gibt. Aber auch das Essen selbst ist ein Tröster. Dass es über Kummer hinweghilft, liegt an bestimmten Nahrungsinhaltsstoffen. Nudeln machen glücklich – und das kann man natürlich auch von Schokolade behaupten. Dabei spielt das Serotonin eine Rolle, das im Gehirn das Gefühl von Wohlbefinden und Zufriedenheit erzeugt. Das funktioniert umso besser, je mehr Kohlenhydrate (Zucker oder Stärke aus Nudeln) und Fett gegessen werden. Darum hilft der Schokoladenriegel oder das Cremetörtchen stets besser über ein seelisches Tief hinweg als vergleichsweise Gummibärchen oder Joghurt.

Gemeinsam kochen und sich mit einem schönen Menü verwöhnen: Essen ist viel mehr als schnöde Nahrungsaufnahme. Wer nur Kalorien, Fett und Kohlenhydrate im Blick hat, vergisst zu genießen.


Foto: Candy Box Images/Fotolia.com

Zu erkennen, was uns wirklich gut tut, wo wir zu Altbewährtem greifen oder uns durch die Werbung verführen lassen, erfordert ein wenig Übung. Als „Überlebensstrategie im Schlaraffenland“ empfiehlt Professor Joachim Westenhöfer von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg die „flexible Kontrolle“. Was ein wenig streng klingt, bedeutet nichts anderes als: sich gönnen, wonach einem die Sinne stehen, aber nicht maßlos über die Stränge schlagen. Sich nicht verrückt zu machen, wenn einen mal die Lust auf Kartoffelchips überkommt oder auf die Salami mit etwas mehr Fett.

Die Kunst liegt darin, sich nicht wahllos verführen zu lassen, sondern sich klar zu entscheiden: Dieses Törtchen werde ich jetzt essen und danach kein schlechtes Gewissen haben. Nur so bereitet die kleine Süßigkeit wirklich Genuss – und bleibt die Ausnahme. Wenn man sich allerdings nach jeder „Sünde“ mit Selbstvorwürfen plagt und als Versager fühlt, kommt es allzu schnell zur Selbstsabotage nach dem Motto: Nun ist sowieso alles egal. Jetzt habe ich den Riegel Schokolade verputzt, was ich mir ja eigentlich verkneifen wollte. Dann kann ich auch gleich noch den Rest der Tafel aufessen. Damit sind der Gewichtszunahme und Unzufriedenheit Tür und Tor geöffnet.

Das richtige Maß zu finden braucht Zeit. Manchmal, so Westenhöfer, sei das sogar ein lebenslanger Lernprozess. Auf jeden Fall kann es immer wieder zu Fehlern und Rückschlägen kommen. Doch schließlich kann man auch aus Ausrutschern lernen.

Das richtige Maß zu finden, heißt jedenfalls nicht, dass man auf den selbstgebackenen Apfelkuchen mit Sahne verzichten muss. Ganz im Gegen teil – das duftende, vielleicht sogar noch lauwarme, süße Stück sollte einfach genuss voll gegessen werden. Schließlich liegt es ja nicht jeden Tag auf dem Teller.